Kritische Diskurse
und supervisorische Kultur - Teil I


SUPERVISION: Konzeptionen, Begriffe, Qualität.
Probleme in der supervisorischen "Feldentwicklung" -
transdisziplinäre, parrhesiastische und integrative Perspektiven

Hilarion G. Petzold unter Mitarbeit von Wolfgang Ebert und Johanna Sieper, Düsseldorf 2000

Web-Bearbeitung und Autor: Markus Frauchiger, lic.phil. Fachpsychologe für Psychotherapie FSP, CH-3012 Bern

exklusive Fassung für das Internet, bitte zitieren mit der korrekten Internet-Adresse als Quelle: http://www.integrative-therapie.ch/supervisionskritik.htm

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    WICHTIG: da dieser Text zur Diskussion anregen soll, wurde ein interaktives Forum dazu eingerichtet:
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    hier geht's weiter zum zweiten Teil




  • "Quis custodiet custodes ipsos? - Wer bewacht die Wächter?"

    Wahrsprechen, d.h. "Parrhesia, erfordert den Mut, trotz einer gewissen Gefahr

    die Wahrheit zu sprechen."

    Foucault (1996, 15)

    "Offene Sprache (parrhsia ) ist das Kennzeichen der Freiheit; über das Risiko dabei entscheidet die Bestimmung des richtigen Zeitpunkts."

    Demokrit(Fragment 226)

    1. Die Konzeption der "Supervision" im Kontext der Entwicklung des Feldes - Orientierungen und Qualitätsbehauptungen in "supervisorischer Parrhesie" kritisch betrachtet

    Dies ist ein sozialwissenschaftlicher Text über Feldentwicklung im Bereich der Supervision, ein politischer Text über "supervisorische Kultur" und die Richtung und Legitimation solcher Feldentwicklung, ein Fachtext über die Art und Weise, wie dies alles aus einer "supervisorischen Metaperspektive" betrachtet werden kann. Es ist auch eine Sicht aus der Position des Verfahrens, das wir vertreten, der "Integrativen Supervision", und es ist ein persönlicher Text über unser Verständnis von Supervision. Aus diesem heraus affirmiren wir: Die Wahrheit hat mehrere Stimmen und es ist wichtig, daß sie zu Gehör gebracht werden - wichtiger letztlich als die Frage, wer Recht hat. Deshalb ist dieser Blick auf das "supervisorische Feld" eine Einladung zu kritischer Beobachtung und Bestandsaufnahme, zu Analyse und Reflexion, zur diskursiven Koreflexion und Ko-respondenz, um Konsens deutlich werden zu lassen, aber auch Dissens, denn Dissens ist der ultimative Ort der Wahrheit.

    Der Text ist auch zugänglich im Internet:

    http://gestalttherapie.ch/supervisionskritik

    Darin wird es in absehbarer Zeit auch ein offenes Diskussions-Forum geben.

    Wir, Johanna Sieper und Hilarion G. Petzold, haben die "Integrative Supervision" - wie auch die "Integrative Therapie" - Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre begründet. Viele haben zu ihrer Entwicklung beigetragen: Jürgen Hille, Jürgen Lemke, Ilse Orth, Astrid Schreyögg, um einige zu benennen (Jamnig, Deutscher 1997, 161). Dreißig Jahre haben wir das strömungsreiche Meer gesellschaftlicher Wirklichkeit zu erkunden gesucht - in Bereichen der Wissenschaft, der Psycho- und Soziotherapie, der Bildungs- und Kulturarbeit, der Supervision und Organisationsentwicklung. Es war auf diesen, zuweilen recht unruhigen Fahrten das Navigieren nicht immer einfach! - Wir haben immer wieder die Felder, in denen wir arbeiteten, kritisch und methodisch-systematisch betrachtet und reflektiert, und uns offen und klar - d.h. parrhesiastisch - geäußert, auch in der Kritik an der eigenen Profession, wie unlängst noch in dem Buch "Die Mythen der Psychotherapie - Ideologien, Machtstrukturen und Wege kritischer Praxis" (Petzold, Orth 1999, vgl. darin Petzold, Orth, Sieper 1999), wo wir mit der gleichen konnektivierenden und dekonstruktivistischen Methodik, die wir in diesem Text verwenden, uns mit Problemen von Psychotherapie und von Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen befassen und z.T. höchst Fragwürdiges auffinden und aufzeigen.

    Wir sind auf unserem Berufsweg in Begegnungen und Auseinandersetzungen mit vielen Menschen zusammengekommen, haben von ihnen gelernt, sind zu einigen in Therapie, Kontrollanalyse, Supervision, mit anderen in Intervision gegangen - immer wieder, bis heute. Wir haben Hilfe und Ermutigung, aber auch Anfeindungen erhalten. Wir haben mit sehr vielen Menschen gearbeitet, haben ihnen in Notlagen geholfen, versucht sie zu fördern, haben sie ausgebildet, supervidiert, waren beständig mit ihnen in Diskursen, Ko-respondenzprozessen: über das Leben, über die Angst, über Glück, Erfolge und Scheitern, über wissenschaftliche Fragen und praktische Probleme, über Berufspolitik und Konkurrenz, Fragen globaler Entwicklungen und über Tagespolitik. Immer wieder haben wir unseren Standort diskursiv reflektiert (Petzold, Sieper 1970, 1977, 1993, 1998), oft in Gruppen: mit Patienten, Klienten (Petzold, Gröbelbauer, Gschwend 1999), mit Kolleginnen und Kollegen (Petzold, Orth, Sieper 1995, 1999), mit Studenten und Studentinnen (Petzold 1973e; Petzold, Goffin, Oudhof 1993), mit AusbildungskandidatInnen (Petzold, Leuenberger, Steffan 1998), mit Forschern im Team (Petzold, Hass, Märtens 1998). Wir haben die Supervision in verschiedene Bereiche eingeführt, waren mit unserern KollegInnen in den verschiedenen Feldern in Diskursen, in strittigen zuweilen (Petzold, Orth 1999; idem 1998f; Sieper 1987). Die Praxis einer diskursiven, ko-respondierenden Kultur, in der man frei und offen (parrhsiastikoV ) seine Meinung kundtut, ist uns ein Anliegen. Wir sehen hier auch den Kern einer "supervisorischen Kultur" als einer "Kultur des Engagements und der Einmischung". Jetzt haben wir mit Wolfgang Ebert, einem ehemaligen Ausbildungskandidaten und Diplomanden in der Supervision, jetzigem Kollegen "aus der dritten Generation" unserer Supervisorenausbildung im Kontext gemeinsamer OE-Projekte (z.B. bei Skoda), in Diskussionen zu seiner Dissertation (Ebert 1999), zu Petzolds (1998a) letztem Buch, die derzeitige Situation des "supervisorischenFeldes" und der "supervisorischen Theorienentwicklung" gesichtet, betrachtet, analysiert und diskutiert und zwar im Bereich der psychosozialen bzw. sozialinterventiven Supervision - für diese Termini haben wir uns zur Kennzeichnung der an dieser Stelle bearbeiteten Supervisionskonzepte entschieden. Die Perspektiven unterschiedlicher "Supervisorengenerationen" kamen in diesem Diskurs zusammen.

    Was wir bei unserer Sichtung vorgefunden haben, hat uns oft nicht gefallen, Dissens hervorgerufen. Dies war - zusammen mit hörbar werdenden kritischen Stimmen zu Entwicklungen in der "DGSv" (Kaufmann-Ohl 1999, 16f, Sp. 3; Fuhrmann 1999, 11, Sp. 1) - Anlaß zur Entscheidung, uns hier in die Diskurse im Feld einzumischen, zu gemeinsamer "bricolage" (Lévi-Strauss 1973), einer explorierenden Suchbewegung, zu einem Konnektivieren vielfältiger Materialien und zur kokreativen Gestaltung dieses Textes,einer - so meinen wir - durch und durch supervisorischen Arbeit : sie will Übersichten schaffen.

    Folgende Zitate haben wir als Ausgangspunkte genommen:

    "Der Begriff ‚Supervision‘ ist so gebräuchlich wie unklar, so häufig verwendet und gefordert wie selten durchdacht und definiert, so oft mit hohen Erwartungen verbunden wie auch mit erlebten Enttäuschungen und praktischen Schwierigkeiten" (Jahnke 1986, 100).

    "Es ist unerläßlich, daß jeder Vertreter einer wissenschaftlichen Disziplin oder fachlichen Praxeologie sich von Zeit zu Zeit aufrichtig über den Stand seiner persönlichen Kompetenzen und Performanzen und über den ‘state of the arts’ seines Faches bzw. seiner Profession und über ihre ‘Legitimierungslage’, d.h. ihre ethischen und politischen Fundierungen Rechenschaft gibt unter Konsultation und diskursiven Beiziehung der Sicht und des Wissens anderer Disziplinen und Professionen und des Erfahrungspotentials von Klienten. Eine solche interdisziplinäre, ja disziplinüberschreitende kritische Beobachtung und Bestandsaufnahme, Reflexion und Metareflexion der eigenen Disziplin anhand der eigenen Praxis - nicht zuletzt ihrer Geschichte, Axiomatik und ihrer Kontextbedingen, ihrer Diskurstraditionen (Foucault) und Diskurspraktiken (Habermas) - ist Voraussetzung für die Vermeidung von Irrtümern, das Ausbilden von disziplinspezifischen Skotomen und dysfunktionaler Ideologien. Sie ist indes der Garant für fachliche Qualität, wissenschaftlichen Fortschritt und Überschreitungen traditioneller Paradigmen (Kuhn 1970). Praxiswissenschaften wie Psychotherapie, Soziotherapie, Supervision stehen und fallen deshalb mit der Qualität ihrer reflexiven, diskursiven und interdisziplinären Kultur" (Petzold 1974).

    " ...durch die Freisetzung der Marktkräfte und durch die Globalisierung hat das Kapital eine außerordentliche Bewegungsfreiheit erlangt. Rechtliche Grenzen, die es gab, sind immer weiter zurückgenommen worden, weil man den weltweiten freien Austausch von Leistungen befördern wollte. In dem Maß, in dem man diese Kräfte von rechtlichen Grenzen befreit hat, machte man das Kapital und sein Interesse, gewollt oder ungewollt, zum Subjekt, zum bestimmenden Faktor. Entsprechend ordnet das Kapital die Arbeit und die Menschen seiner Funktionalität unter, die natürlich auf Ertrag und Profit angelegt ist. Alles andere wird eine Variante davon" (Böckenförde 1999)

     

    Die Supervision und das "supervisorische Feld" ist in akzelerierter Entwicklung und Veränderung - was entwickelt sich heute nicht "mit hoher Veränderungsgeschwindigkeit" (Zbinden 1998,2)? Uns ist dabei dreierlei wichtig:

    - 1. daß diese Prozesse nicht unreflektiert und ohne Problematisierung ablaufen und sich keine "Feldskotome" ausbilden,

    - 2. daß in der Supervision emanzipatorische "Freiheitsdiskurse" gegenüber kontrollierenden "Machtdiskursen" die Oberhand behalten und

    - 3. daß Supervision dabei nicht nur als eine "Variante" des "Marktes" - ein unproblematisierter Lieblingsbegriff der gegenwärtigen Supervisionsszene - funktionalisiert wird, als ein weiteres Instrument des Kapitals, denn dessen "Interessen können sich heute nahezu ungehemmt entfalten", wie der fühere Bundesverfassungsrichter Ernst-WolfgangBöckenförde (1999) mit Verweis auf die Gemeinwohlverantwortung des Staates herausstellt.

    Wolfgang Weigand scheint mit seiner Kennzeichnung von Supervision als "funktionalisierter Dienstleistung" (idem 1999b, 259), die sich "am Beratungsmarkt orientieren" muß (idem 1999c, 4), aber genau in diese Gefahr zu laufen, wenn er offensichtlich der Marktorientierung von Supervision unproblematisiert gegenüber der Bildungsorientierung und Hilfeorientierung von Supervision den Vorrang gibt - letztere taucht in seinem Bericht und seinen progammatischen Ausführungen zum zehnjährigen Bestehen der DGSv (idem1999c) nicht einmal mehr auf und die Bildungsorientierung ist nur schwach präsentiert (durch die Begriffe Aus- und Fortbildung) ohne inhaltliche Substantiierung. Er scheint überdies eine Menge Kolleginnen und Kollegen aus dem Feld der Supervision hinter sich zu haben, denn er vertritt diese Doktrin "professioneller" Marktorientierung mit ungebrochenem Elan als Verbandsvorsitzender der DGSv seit etlichen Jahren (idem 1995a, b) und kann es sich sogar leisten, diesen KolleInnen das Fehlen "an individuellen Voraussetzungen" zur professionellen Erschließung des Beratungsmarktes (idem 1999c, 4. 1) vorzuwerfen. Denjenigen, die diese Positionen so unhinterfragt annehmen und mit ihm eine offenbar unbegrenzte Expansion des Supervisonsmarktes durch "Gütesiegelqualität" verfolgen - wir möchten sie die "progressiven Supervisoren" nennen -, seien die zitierten kritischen Reflexionen des renommierten Verfassungsrechtlers anempfohlen.

    Nun gibt es auch kritische Stimmen unter den Mitgliedern. Aus den Eindrücken zur Mitgliederversammlung in Dresden von Gotthardt Fuhrmann (1999, 10f) sei zitiert und aus Eindrücken der Regional-SprecherInnen Versammlung (Kaufmann-Ohl 1999):

    "Die Berichte des Vorstandsvorsitzenden Prof. Weigand und des Geschäftsführers Jörg Fellermann waren interessant, im wesentlichen aber eine Lobeshymne auf alle stolzen Errungenschaften. Bedauerlich, daß sie keine kritischen Auseinandersetzungen mit schwierigen Fragestellungen beinhalteten, z.B. Zusammenarbeit mit Ausbildungsinstituten, Einbeziehung der Mitglieder aller Couleur in wichtige Entscheidungsprozesse des Vereins (Verbandsfragen scheinen vorrangig auf der Ebene des Vorstandes und der Geschäftsführung entschieden zu werden)." Von einer Gegenseitigkeit der Bedeutung zwischen Mitgliedern und Verein und der sich daraus "ableitenden Achtung war nur wenig zu spüren. Das Gewicht lag nach meiner Wahrnehmung einseitig bei Vorstand und Geschäftsführung" (ibid.)

    "Die DGSv hat sich in ihrer Struktur in kürzester Zeit in weit höherem Maße professionalisiert, als der größte Teil ihrer Mitglieder ... Die Verbandsführung hat einen großen Teil ihrer Energie auf die äußere Entwicklung und die Außenwirkung des Verbandes verwendet, die Binnenstruktur wurde dabei möglicherweise vernachlässigt" (Kaufmann-Ohl 1999, 17, Sp.1).

    Hier entsteht offensichtlich ein Hiatus zwischen Anspruch und Wirklichkeit, den Anforderungen des "Marktes" und den Möglichkeiten, ihn seriös "zu bedienen", aber auch zwischen den Anforderungen der Mitglieder an den Verband, Tendenzen zu ihrer "Irritation" und "bemerkenswerten Ambivalenz" (ibid. 16, Sp.2) und den Zielen, die sich Vorstand und Geschäftsführung gesteckt haben.

    Wir finden diese Phänomene auf der verbandsstrukturellen Ebene aus theoretischen Gründen mit Blick auf Fragen der Feldentwickung und Organisationsentwicklung, unter sozialpsychologischer Optik auf das Interplay von Majorität und Minoritäten (vgl. Anhang II) und damit aus supervisionstheoretischen und -methodischen Gründen hochinterssant und vielschichtig, und so wird die Auseinandersetzung mit ihnen vielschichtig. Wir wollen

    - 1. derartige "Feldphänomene" in dieser Arbeit aus sozialwissenschaftlicher Perspektive und mit einem sozialwissenschaftlich-supervisorischen Forschungsinteresse, dem der Exploration von Entwicklungen in unserem eigenen Feld untersuchen; wir werden

    - 2. damit - weil wir in unabänderlicher Weise, wie Supervisoren stets, in das Feld eingebunden sind und nur "teilexzentrisch" - auch eine verbands- und berufspolitische Position artikulieren, bei der wir aber den Anspruch haben, sie "supervisorisch", d.h. auf dem Boden eines fundierten Supervisionsverständnisses, vorzutragen und zu explizieren, weil wir meinen, daß gerade diese "Disziplin" und "professionelle Funktion" sich einen hemdsärmeligen Pragmatismus nicht leisten kann und sollte; wir wollen

    - 3. zu der im gesamten supervisorischen Feld, besonders aber in der DGSv vorfindlichen Tendenz primärer Marktausrichtung der Supervision als Dienstleistung Stellung nehmen, deren Diktion uns an die neoliberalen Qualitäten des Schröder-Blair-Papiers erinnert, und hier affirmativ eine politische Gegenposition beziehen, indem wir die Akzente anders setzen (auch in dem politischen Papier geht es ja im wesentlichen um Differenzen in der Akzentsetzung) und das keineswegs aus der Position von "Altlinken" und Kritikern des Profitbereiches - wir haben stets auch in Industrie und Wirtschaft mit hochkarätigen Aufträgen gearbeitet (Petzold 1972; idem 1998a, 215ff, 232) - sondern aus der Position kritisch-bewußter "Beobachter der Moderne" (Luhmann 1992).

    In der Diskussion im supervisorischen Feld insgesamt und in der DGSv im Besonderen sind noch zu wenig Akzente prägnant geworden. Aber genau darum geht es, um ein Spektrum von Meinungen, das sichzu substantiellen Positionen klärt: in prismatischen Diskursen - die Dinge werden wie durch ein Prisma betrachtet - und durch konnektivierende Ko-respondenzen, die das Betrachtete in einem wechselseitigen Respondieren vernetzen (und das ist mehr als disputierender Schlagabtausch). Nur solche, hinlänglich geklärte und prägnante Positionen können in ihrer Differenz und ihrem Dissens Gegenstand demokratischer Prozesse (z.B. in der DGSv) werden und Gegenstand von Erkenntnisprozessen über Grundlagen unterschiedlicher substantieller Verständnisse von Supervision im supervisorischen Feld, denn diese werden und müssen - und das ist eine dezidierte theoretische und politische Position - plural bleiben, weil in der Polymorphie der Wirklichkeit und der Kontingenz der Weltverhältnisse Erkenntnis, Wissen, Wissenschaft transversal ist (Welsch 1997; Rorty 1989; Derrida 1998). Das alles sind ja keineswegs Fragen, die durch Mehrheitsentscheidungen geklärt werden können, denn in Entscheidungen über substantielle Positionen, insbesondere dissente, verschwinden diese nicht (außer zuweilen in den Liquidationen totalitärer Kontexte), sondern werden in ihrer Differenz noch prägnanter.

    Derartige prägnante Positionen fehlen aber derzeit u.E. im supervisorischen Feld, zumindest werden sie noch nicht sichtbar, und die virulente Veränderungsdynamik dieses Feldes wird kaum problematisiert bzw. systematisch metareflektiert (zur Methodik vgl. Petzold 1994 a).

    Es scheint uns derzeit die Dynamik einer Machtergreifung in diesem Feld zu wirken und eine beträchtliche Energie freizusetzen. Einer der Günde für diesen offensichtlichen Modernisierungsschub, diese massive Progressivität ist die Chance, die sich aus den aufgebrochenen gesellschaftlichen Räumen ergibt: "Die Einheit von Staatsraum, geregeltem Wirtschaftsraum und Sozialraum .... wird aufgesprengt" (Böckenförde 1999, 11). Die seit ihren Anfängen in dieser durchaus befragbaren Einheit spezifisch placierte "ohnmächtige Sozialarbeit mit Ohnmächtigen", mit Stigmatisierten, die die Selbststigmatisierung der SozialarbeiterInnen als Ohn-mächtige zur Folge hatte (Hilflose Helfer, die Müllmänner und Putzfrauen der spätkapitalistischen Gesellschaften) erfährt nun eine Apotheose im Bild des "progressiven Super-visors" als zu schaffender institutionalisierter "Profession des Überblicks", die beansprucht, Pilot- bzw. Lotsenfunktionen übernehmen zu können, Beratung für Schwieriges - und was gibt es problemreicheres als das Zwischenmenschliche in (profitmaximierenden) Organisationen. Die SozialberuflerInnen wollen offenbar die Niederungen des Elends in Gestalt von "progressiven Supervisoren" verlassen, zumindest diejenigen, die dies über die "Profession Supervisor" anstreben. Supervisoren werden allerdings schon weniger, denn die Strategien der Selektion, Elitisierung, Privilegiensicherung, z.B. durch Standarderhöhung, sind schon voll am Werk. Wenn die "Nachrücker" in diese Richtung sehen, so müssen sie - die Analysen von Bourdieu (1980) machen das deutlich - in hohem Maße systemkonform werden. Sie müssen auch Berater für die Mächtigen und Reichen und deren Geschäfte und Strategien werden, denn diese geben den Ton an, und auch sie haben es ja nicht leicht in der globalen Konkurrenz. In einem solchen Umbruchskontext müssen Supervisoren offenbar omnipräsent sein. In einer progredierend chaotischen Moderne müssen "progressive Supervisoren" sich ihre Position im "Markt" der "Spezialisten für chaotische Situationen" sichern - und da haben sie mit hundert Jahren Erfahrung in der Sozialarbeit ja eine erhebliche Expertise -, allerdings in Feldern der Ohnmacht (in denen man indes die Qualitäten, Mechanismen, Dispositve der Macht, der privatkapitalistischen wie die der gouvernementalité[Foucault 1978a, 1980, 1988, 1989] in besonderer Weise zu spüren bekommt, erkennen und studieren könnte, wäre man nicht zu sehr mitbetroffen). Natürlich muß man sehen, daß die chaotischen Modernisierungsprozesse auch die Supervision ergreifen, und dies umso mehr, je intensiver sie sich in diese auch aktiv hineinbegibt. Kein Wunder wenn sie die "supervisio" auf der Ebene des Feldes, der Verbände, der Ausbildungsinstitute, der einzelnen SupervisorInnen verliert.

    Aus der DGSv wird berichtet: "Die Anforderungen, Aufgaben und Tätigkeiten des Verbandes haben einen Grad an Komplexität erreicht, der es selbst Vorstandsmitgliedern nicht möglich macht, über alles informiert, geschweige denn an allem beteiligt zu sein" (Kaufmann-Ohl 1999, 17, Sp. 1).

    Diese Aussage illustriert das nachfolgende Statement von Buchinger zur Situation der Supervision:

    "Ihre Anwendungsgebiete dehnen sich aus, ihre Methoden erweitern sich, so daß man sich gelegentlich fragen möchte, ob es nicht eine modische Tendenz gibt, alles was nur möglich ist, im Rahmen beraterischer Tätigkeit der Supervision zuzuordnen" (Buchinger 1997, 69).

    Supervision als die angelegentlich empfohlene "Auszeit zur Reflexion des Handelns und Entscheidens" (vgl. Intro DGSv 1999) wird von den Supervisoren und Supervisorinnen mit Blick auf die Konzeptionen von Supervision und die Orientierungen in ihrer "Feldentwicklung" offenbar selbst nicht in Anspruch genommen, obgleich viele Zeichen dafür sprechen, eine solche Zeit des Moratoriums zwischenzuschalten, wie Berichte aus der DGSv zeigen:

    "Aus einigen Regionalgruppen wurde von einer tendenziellen ‘Entfernung’ der Mitglieder von der DGSv als Verband berichtet, einer Entfremdung zwischen Mitgliedern und Vorstand. Fachliche Fragen der Supervision, veränderte Anforderungen an SupervisorInnen stehen im Mittelpunkt des Interesses." Und: "Für den institutionalisierten Austausch zwischen Vorstand und Mitgliedern auf künftigen Mitgliederversammlungen werden dringend kommunikativere Gestaltungen gebraucht!" (Kaufmann-Ohl 1999, 16, Sp.3; 17, Sp.1)

    Zeit für Gespräch, für Diskurse (sensu Habermas 1971), für Ko-respondenzen (sensu Petzold 1978c) im supervisorischen Feld wäre gerade bei den jetzigen akzelerierten Entwicklungen besonders wichtig, da es in diesem "Feld" noch "Grabungen" zu tätigen gäbe, bevor man es zubaut, um eine Metaphorik von Will (1997, 47) aufzugreifen, denn es gilt, "Wühlarbeit unter den eigenen Füßen" (Nietzsche) zu betreiben, wenn man auf sicherem Boden stehen will. Wenn man die Materialien des eigenen Feldes der Supervision parrhesiastisch, d. h. mit selbstkritischer Offenheit betrachtet, muß man feststellen: Es herrscht weder hinlängliche Klarheit über ein konsensfähiges Konzept von Supervision oder auch über mehrere klar konturierte Konzepte und ihre Metaziele und Ziele, über ihre Geltungsansprüche und deren Legitimierung, über Grundlagen supervisorischer Ethik und politischer Verortung supervisorischen Handelns, die von der "community of supervisors" insgesamt diskutiert und in breiter Weise akzeptiert und legitimiert worden wären, noch finden sich metareflexive Betrachtungen und Positionen zu der z.T. höchst einseitigen und dennoch fiebrigen Entwicklungsdynamik, die Supervison zu einer "Grundbranche" machen will, wobei doch noch vieles als Streben einer "Wunschbranche" (Leppers 1998) zu sehen ist. Dieses zeigt sich z.B. in Verbandsgründungen, Institutsgründungen, Agenturgründungen, Bereichsausweitungen, Marktaktivitäten, Publikationsflut, Professionalisierungswut etc. in bestimmten Bereichen des "Feldes", wo Supervision

    "sich immer kecker als eigener Beruf ausgibt, den man in eigenständiger Praxis als hauptberuflicher Supervisor anbietet und ausübt. Dementsprechend entstehen Berufsverbände, die es sich zur Aufgabe machen, professionelle Standards für die Ausübung von Supervision festzulegen und zu kontrollieren, und die darüber hinaus bemüht sind, der Supervision neue Tätigkeitsfelder zu erschließen. Das alles geschieht in einer aggressiven Rührigkeit, die mehr an wirtschaftlichen Wettbewerb in einem heiß umkämpften Beratungsmarkt gemahnt, als an die von professioneller Sorgfalt getragene Bemühung um die Fundierung, methodische und wissenschaftliche Absicherung bzw. Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung einer Methode" (Buchinger 1997, 69).

    Wir stimmen dieser Einschätzung vollauf zu und fragen uns, warum solche und andere kritische Stimmen (Buer 1997) oder die zitierten Bedenken aus den Reihen des "Souveräns", der Vereinsmitglieder, an den Verbandsvorständen und ihren Protagonisten offenbar wirkungslos vorbeiziehen, als nähme man sie in all der Geschäftigkeit gar nicht zur Kenntnis. Oder will man sie nicht zur Kenntnis nehmen?

    Die im Vorstandsbericht vom 28.10.1995 in Köln durch Weigand (1995b) aufgeworfenen Fragen sind jedenfalls bis heute alles andere als geklärt:

    "Wenn wir in die Leitbilddiskussion eintreten, stellt sich zunächst einmal die Frage nach den Essentials der Supervision: Wie sieht der inhaltliche Konsens über Supervision aus, der die Mitglieder dieses Verbandes trotz aller konzeptionellen Unterschiede einigt?" (ibid. 2, Sp.1)

    Das würden wir ca. fünf Jahre später gerne auch wissen!

    "Was verstehen wir unter Professionalisierung und wie muß sich die Ausbildung weiterentwickeln, wenn sie den Ansprüchen der Felder und des Marktesgenügen will?" (ibid., unsere Hervorhebungen).

    Auch das würden wir (die Autoren) gerne heute wissen, wobei wir auch gerne erfahren würden, wer denn mit dem "wir" seinerzeit gemeint war, denn das Professionalisierungskonzept von Weigand (z.B. 1999b) kennen wir inzwischen, einen fundierten und vielfältigen Diskurs in der DGSv oder gar im Feld zu dieser Frage kennen wir nicht, allerdings etliche dissente Positionen zu Weigands Auffassung. Die "Felder"sind inzwischen im Bericht des Vorsitzenden vom 16. 4. 1999 in Dresden (Weigand 1999c) entfallen. Der Begriff taucht einfach nicht mehr auf, dafür aber Markt bzw. Märkte in allen Variationen. Und dann haben wir schon damals vermißt, daß nur Felder und Markt, neuestens nur noch die verschiedenen Märkte (ibid. 4, Sp. 2, 3, Sp.1) Ansprüche haben, denen man genügen muß. Ist diese "Profession" ausschließlich fremdbestimmt? Hat sie keine eigenen inhaltlichen, aus ihrer Professionalität und Eigenschaft als wissenschaftlicher bzw. fachlicher Disziplin entspringenden Ansprüche, kein supervisorisches Selbstverständnis, dem sie "Genüge" tun müßte? Das ist in der Tat gerade heute eine offene Frage!

    "Wo grenzt sich Supervision methodisch gegenüber anderen Beratungsformen wie Organisationsentwicklung oder Therapiekonzepten ab?" (ibid.)

    Wo, das glauben wir aufgrund der Beobachtung der Entwicklungen der vergangenen Jahre einigermaßen zu wissen: von allem, was nicht DGSv-Supervision ist, grenzt man sich ab! Aber wie aufgrund welcher inhaltlichen Kriterien, welchen elaborierten Theorien und aufgrund welcher Forschungen ist uns nicht erfindlich. Mehr als nicht substantiierte globale Unterschiedsbehauptungen gibt es nicht. Eine Auseinandersetzung z. B. mit den Positionen der Counseling Psychology (Nestmann 1998) und den Ergebnissen der Beratungsforschung gibt es nicht. Man hat, blickt man in die von der DGSv publizierte Literatur (s.u.), offenbar nicht zur Kenntnis genommen, daß es soetwas gibt. Wir haben jedenfalls nichts gefunden und so blieb für uns auch diese Frage unbeantwortet.

    Obgleich dieses alles (wir gehen auf die weiteren Fragen nicht ein) also offen ist, inhaltliche Diskussionen in verschriftlichter Form auf einem fachwissenschaftlichen Niveau mit entsprechenden theoretischen Begründungen und Argumentationen nicht stattgefunden haben, differente, prägnante Positionen nicht vorliegen, geht man weiter in der "Entwicklung", indem 1999 ein in den Papers des Vorsitzenden vorgetragenes und seit 1995 auch konsequent entwickeltes Professionalisierungs- und Institutionalisierungskonzept gepushed wird, dessen Annahmen und Positionen nirgendwo theoretisch begündet und diskursiv befragt wurden.

    In all diesen Aktivitäten und Entwicklungen gibt es starke Strömungen zu "zentrierten Systemen" mit "hierarchischer Kommunikation und von vornherein festgelegten Verbindungen" (Deleuze, Guattari 1977, 35) - ein mächtiger Verband und eine machtbewußte Vorstandsarbeit kann eine solche hegemoniale Funktion des "Zentralautomaten" (ibid.) haben. Und warum auch nicht - das wäre eine mögliche Position -wenn sie 1.durch inhaltlich-theoretische Legitimationen überzeugend begründet, 2. in ideologiekritischen und fachwissenschaftlichen Diskursen im Feld verhandelt und 3. in demokratischer Auseinandersetzung auf breiter Ebene entschieden worden wären - allen drei Kriterien müßte in einem supervisorischen Selbstverständnis, so meinen wir, "Genüge getan" werden. Der Verweis auf den "Markt" genügt als Legitimationsdiskurs nicht. Die fachwissenschaftliche Diskussion läßt auf sich warten. Die demokratischen Auseinandersetzungen über "Inhalte" - z.B. die inhaltliche Auseinandersetzung über die "Ausbildungsstandards" - beschränkte sich weitgehend auf Abstimmungen erschienener Mitglieder über Vorlagen, deren diskursive Erstellung anhand der Verbandspublikationen nicht nachvollziehbar war - für uns jedenfalls nicht, und wir suchen schon gründlich. Offenbar blieb viel in der "Mündlichkeit" und in internen Papieren, im Vorentscheidungen treffenden Konsens von In-Groups und informellen Koalitionen. So entsteht kein breit getragener demokratisch bestätigter Konsens, vielmehr eine Transparenz verhindernde horizontale "floating gap" (Vansina 1985, 23f; A. Assmann 1999; J. Assmann 1999, 48f), eine Informationslücke zwischen Feldsektoren und eine vertikale zwischen unterschiedlichen Anciennitätsgruppen im Verein (s. u.). Die festzustellenden zentralistischen Strömungen haben offensichtlich das Ziel - um in der Feld-Metaphorik zu bleiben -, das "ganze Feld zu kolonialisieren" mit einem Konzept der "Professionalisierung und Institutionalisierung", mit einem standardisierten "beruflichen Identitätsprofil" durch Festlegung eines Ausbildungsstandards, mit einer "Präsentation am Beschäftigungsmarkt", wie es der programmatische Bericht zum zehnjährigen Bestehen der DGSv vorträgt (DGSv aktuell 2/1999, 4f) - und es werden die nur dürftig verdeckten agressiven Territorialstrategien nach "außen", auf die Buchinger (1997 loc.cit.) hinwies und repressiven Loyalitätszwänge nach "innen" erkennbar. Und hier ist es gut, den Tenor der Originaltexte zu goutieren:

    "Wir brauchen ein Leitbild, um die Zielsetzung, die Ausrichtung und die Wege zu kennen, die beschritten werden müssen. Wir benötigen aber auch Instrumente, um das, was wir erarbeitet und erreicht haben, zu sichern. Konkret, wir müssen uns um die Qualitätssicherung der Supervision bemühen. Wie kann das geschehen? 1. Die Standards für die Ausbildung und für die Lehrsupervisoren und demnächst vielleicht auch für die Ausbildungsleiter sind Wertmarken, die sich die Mitglieder dieser Gesellschaft auf dem Boden der geschichtlichen Entwicklungen aufbauend mühsam erarbeitet und in Gemeinsamkeit definiert haben. Durch überzeugende Mehrheiten der Mitgliederversammlungen besitzen diese Standards Gültigkeit und was gilt, muß auch eingehalten werden." (Weigand 1995b, 2, Sp. 1f)

    Soweit so gut. Es befremdet, daß nach Punkt 1 kein weiterer Punkt kommt, aber vielleicht ist das auch aufschlußreich, denn danach zentriert alles in den Standards. Wir stellen folgende These in den Raum:

    Die Standards habe als wesentlichstes Ziel, Herrschaft, Kontrolle, Privilegien zu sichern.

    Ob sie Qualität sichern, ist unbewiesen, es wurde nie empirisch überprüft. Ob sie die beste Qualität liefern, ist zweifelhaft, denn es wurden nie Vergleiche mit anderen Modellen durchgeführt und evaluiert. Ob sie theoretisch und methodisch konsistent sind ist offen, denn es gibt bis jetzt keine begründende Didaktiktheorie für die Ausbildung, keine curriculumstheoretische Ausarbeitung und auch die erforderliche dahinterstehende "supervisorische Rahmentheorie" (mehr ist ohnehin nicht zu leisten), die konsensfähig ausgearbeitet und angenommen wäre, ist nicht vorhanden.

    Wieder ist die Frage nach dem "Wir" zu stellen, um den Machtdiskurs im obigen Text offenzulegen. Wir könnten dies mit Blick auf unsere eigene Geschichte mit diesem Feld anhand von Dokumenten und Korrespondenzen in unserem Archiv tun, denn wir stehen ja in derartigen Machtdiskursen, werden mit ihnen konfrontiert oder tragen zu ihnen bei.Wir werden in dieser Arbeit immer wieder auch auf Erfahrungen und Unterlagen aus diesem Feld und insbesonders auf Erfahrungen mit der DGSv als einen führenden Verband, in dem wir als Ausbildungsinstitut Mitglied sind, zurückgreifen, denn das sind Informationen aus "erster Hand" - auch über informelle Praxen. Wir verzichten bewußt auf andere "Informationen aus zweiter Hand", Korrespondenzen, Berichte, etc. (es sei denn, sie sind publiziert). Bei den Materialien aus unserer Feldbeobachtung, wo sie Erfahrungen im Bezug auf unsere eigene Einrichtung betreffen, ist natürlich ein "subjektiver Faktor" in Rechnung zu stellen, und wir möchten unsere Leser für diese Passagen um kritische Aufmerksamkeit bitten, denn der "subjektive Faktor" (Horn 1969) ist unter inhaltlichen Gesichtspunkten nicht zu purgieren, herauszufiltern, zu eliminieren, sondern er ist - besonders für Supervision - ein zentrales Element, das da sein muß und kenntlich werden muß. Ohne "subjektiven Faktor" sind engagierte Positionen nicht möglich. Wir haben uns unter "methodischen Gesichtspunkten indes bemüht, so "objektiv" wie möglich vorzugehen und haben deshalb nur auf offen zugängliche, d.h. publizierte Materialien abgestellt. Wenn wir immer wieder auf Machtdiskurse hinweisen, auf Ausgrenzungsbestrebungen, so sind dies keineswegs die "Klagen der Marginalisierten", wir sind ja im Feld gut repräsentiert, und selbst wenn wir in der DGSv eine Minoritätenposition haben, so wissen wir um die Einflußmöglichkeiten flexibler, aktiver und konsistenter Minoritäten (vgl. Anhang II, 2,3). Insofern sind unsere Ausführungen ein als "exemplarisch" zu verstehendes Aufzeigen von Strukturen, die unserem Verständnis von "supervisorischer Kultur" nicht entsprechen und von Vorgehensweisen, gegen die man, wo sie etwa auf Verbandsebene Ausdruck von "dysfunktionalen Ideologien" (Petzold, Orth 1999, ....??) zu sein scheinen, polemisch werden und Beschwerde führen muß. (Satzbau??) Weil dies ein für Supervision als Disziplin und Praxis engagierter Text ist, werden wir immer wieder die "andere Sicht" hervorheben, "Dissens" artikulieren und eine "andere Stimme" zu Gehör bringen. Weigands Text kann u.E. nicht ohne eine andere Perspektive so stehen bleben:

    denn der "Boden der geschichtlichen Entwicklung" (.........?Weigand)erweist sich bei genauer Betrachtung nur als die Entwicklung eines ganz bestimmten Sektors des supervisorischen Feldes (zur "subjektiv" gesehenen Geschichte dieses Sektors vgl. Kersting 1997).

    Im Bereich der Jugendsozialarbeit, später dann der Sozialarbeit insgesamt hatten sich Traditionen von Supervision herausgebildet und aus diesen Ausbildungen entwickelt, die sich wechselseitig anerkannten, eine In-Group im Feld bildeten, und die schon damals eine große Tendenz zur Hermetik hatten und andere Entwicklungen und Ausbildungen auszugrenzen bestrebt waren - wir könnten dies anhand des Umgangs mit der von uns seit 1974 auf fachlich hohem Niveau am "Fritz Perls Institut" durchgeführten sozialwissenschaftlich und systemtheoretisch fundierten Supervisorenausbildung (zum "Systemsupervisor", nicht etwa zum Therapiesupervisor, Petzold 1974) exemplarisch dokumentieren, aber darum geht es hier nicht, sondern nur um ein kursorisches Aufweisen der im obigen Text deutlich werdenden "Begründungslegende" (E. Jolles). Zur Gründung der DGSv wurden keineswegs alle bestehenden Initiativen, Gruppierungen und Ausbildungen im Feld eingeladen, sondern es traf sich die "In-Group", die Ausbildungsinstitute, die Gruppierungen, die im Besitz der "Wertmarken" (Weigands

    Wortgebrauch ist wirklich doppelbödig!) waren. Der Konsens dieser Gruppierungen, ihre Erfahrungen mit Supervisorenausbildungen, ihre Modelle wurden auf diese Weise zum "Standard" und in Mitgliederversammlungen der nach diesen Standards ausgebildeten Supervisoren von diesen abgestimmt. Damit war und ist in diesen Standards keineswegs der Erfahrungsstand und das Wissen des supervisorischen Feldes präsentiert. Die Standards der nicht Eingeladenen konnten so noch nicht einmal diskutiert werden.

    Die vorliegenden Standards der DGSv wurden so zum machtvollen Screening und Homogenisierungsinstrument dieser Ursprungsgruppierung, die ihre Vision und Praxis von Supervision - anderes hatte sie ja nicht gelernt und mit anderem war sie nicht bereit, sich auseinanderzusetzen - monopolistisch und privilegiensicherndinstallierte, wobei sie einen hohen "sozialen Einfluß" und damit einen hohen "Konformitätsdruck", Asch-Effekte (Asch 1951) und praktische Konformität erzeugte.

    Alle später in die Gesellschaft um Aufnahme ansuchenden Ausbildungen mußten als Eintrittskarte diese Standards zu erfüllen suchen. So wurde und wird "kalibrierte Konformität" erzeugt. Man stelle sich vor, alle heutigen, über Jahre hinzugekommenen Ausbildungen von fünf auf bald zwanzig angewachsenen Ausbildungsinstitutionen mußten sich diesen Standards unterordnen, obwohl mit gänzlich anderen Standards in den Niederlanden oder in den USA ausgezeichnete Supervisoren ausgebildet werden. Eigenheiten, eigenständige Entwicklungen und Erfahrungen, selbst bei empirischen Wirksamkeits- und Bonitätsnachweisen konnten kaum als "Abweichungen im Kleinen" bestehen bleiben, denn "was gilt, muß auch eingehalten werden". Ob es sinnvoll ist oder nicht, kann nicht diskutiert werden, ob empirische Untersuchungen anderes ausweisen oder nicht, ob es bessere Begründungen gibt oder nicht, wird unerheblich. Da die Standards so ziemlich das einzige sind, was die Heterogenität des Verbandes zusammenhält, bekommen sie auch ein so großes Gewicht und müssen Infragestellungen abgeblockt werden. Bourdieu (1980) hat soche Feldmechanismen treffend analysiert (s.u.). Sie haben immer eine repressive, kreative Entwicklungen und Freiräume beschneidende Qualität, weil in ihnen "arbiträres symbolisches Kapital" von Eliten regiert, die mit ihrem "sozialen Einfluß" Differenzen ein.......?? (vgl. Anhang 1.1). Die kurz aufgezeigte DGSv-Geschichte und Gegenwart wurde offenbar nie sozialpsychologisch anhand der Forschungen zu Konformität und Majoritätseinflußreflektiert. Diesbezügliche Forschungsergebnisse finden sich in Veröffentlichungen von Supewrvisoren nicht. Sie werden demnach - das ist zu schließen - auch in Supervisionsausbildungen nicht gelehrt (siehe etwa? Anhang II).Der Majoritätseinfluß in der DGSv führt zu "Konventionen" (Allen 1963). Da sogar offensichtlich falsche Positionen einer Majorität übernommen werden (Asch 1956; Vlander, van Rovijen 1985; Perrin, Spencer 1980), muß man äußerst kritich auf die von Weigand zitierten "überzeugenden Mehrheiten" schauen. Uns überzeugen solche Argumente zunächst einmal nicht. Wir fragen nach "Asch-Effekten". Wir bezweifeln hier öffentlich die Richtigkeit der von Weigand offensichtlich formulierten Majoritätsposition und setzen ihr eine "konsistente" Minoritätenposition (Nemeth et al. 1974) entgegen, die allerdings durch das offene Diskursangebot "flexibel" ist, und damit denken wir, können wir als Minorität durchaus konstruktiven Einfluß haben (vgl. Anhang II, 2.1), auch wenn die Eliten oder die Protagonisten der Majorität sozialen Druck und normative Kontrolle erhöhen, wie es die nachfolgenden "Edikte" illustrieren, daß nämlich

    "in Zukunft Standardverletzungen nicht mehr ohne weiteres geduldet werden können, sondern, wenn es nicht anders möglich ist, auch sanktioniert werden. Sanktionen sind als letztes Mittel notwendig, wenn wir das Erreichte sichern wollen, uns selbst ernst nehmen und nicht in Gefahr laufen wollen, unsere Qualität und unser Profil zu verspielen" (Weigand 1995b, 2). "Die Qualitätssicherung der Supervision kann sich nicht nur auf restriktive Maßnahmen beschränken, sondern muß in konzeptionellem Diskurs durch professionelles Handeln und durch berufspolitische Steuerung erfolgen" (ibid., 3).

    Das sind starke Worte, ob sie allerdings wahr sind und Substanz haben, muß tunlichst bezweifelt werden. Die Reihenfolge besticht: Befolge die Standards, bei Dissens Strafe, erst die Sanktionen, dann Diskurs! Der aber wieder wird berufspolitisch gesteuert. Von wem, mit welcher Legitimation? Was ist das Erreichte? Etwa die Machtposition Feld? Oder unüberprüfte Standards? Sie mögen ja effektiv sein, aber das muß man in Standardvergleichen herausfinden, nicht nur behaupten. Wir werden uns mit diesen Fragen noch ausführlich beschäftigen, denn Standardeinhaltung ist das schwächste Kriterium von Qualitätssicherung im Bereich von "Human Resources" und fachwissenschaftlicher und methodischer Entwicklung. Dokumentierte, überprüfbare Wirksamkeit, innovatives Potential, kreative Leistungen und Weiterentwicklungen, das sind Qualitätsmaßstäbe, um die es geht! Eine völlig veraltete innovationsfeindliche Qualitätskonzeption wird da festgeschrieben. Das ist für uns als qualitätsbewußte Supervisoren schwer ertragbar, aber wir wissen auch, daß die stimulierenden und innovationsstarken Einflüsse von Minoritäten hier etwas bewegen können (Nemeth et al. 1990, vgl. auch Anhang 3.2.). Man muß nur dem normativen Druck Druck standhalten können und wollen, und der hat sich erhöht, denn der repressive Diskurs geht noch weiter:

    "Was für juristische Mitglieder gilt, muß auch für natürliche Mitglieder gelten. Es kann nicht sein, daß Standardverletzungen von Seiten der Ausbildungsinstitute mit Sanktionen bedroht werden und Kolleginnen und Kollegen auf direkte oder indirekte Art unsere Standards unterlaufen, indem sie beispielsweise an Ausbildungen mitwirken, die von unserem Verband nicht anerkannt sind und sich auch nicht im Stadium der Anerkennung befinden. Wir können nicht ein Ausbildungsinstitut mit dem Ausschluß bedrohen, und in der gleichen Sache verdienen Kolleginnen und Kollegen heimlich still und leise ihr Geld an der gleichen Standardverletzung" (ibid.).

    Es ist ja schön, hier den Gleichheitsgrundsatz zu bemühen, aber juristisch steht diese ganze Argumentation der Einschränkung freier Berufsausübung auf tönernen Füßen. Solcherart Leitbildverständnis, es wurde seinerzeit schon von einem der Autoren moniert (Petzold 1996n), schafft keine Qualität und sichert keinen Standard. KollegInnen in der DGSv - PsychologInnen, die keineswegs "heimlich still und leise" an der Supervisorenausbildung der "Deutschen Psychologen Akademie" mitwirken, hochkarätige Leute (Astrid Schreyögg, HeidiMöller, Sabine Scheffler etc.) sind von dieser Doktrin betroffen - einige wurden um Stellungnahme angegangen. Die angedrohten Sanktionen wurden bislang nicht verhängt (das war´s dann mit dem Gleichheitsgrundsatz). Der Seniorautor leitet einen universitären Diplomstudiengang an der FU Amsterdam, der von der DGSv nicht anerkannt ist (sie erklärte sich seinerzeit für nicht zuständig ... Ausland usw.). Petzold und Ebert wirken bei der tschechischen, slovenischen, Südtiroler Ausbildung mit. Wie weit reicht die Jurisdiktion eines Verbandes? Wie weit - muß man fragen - reicht seine juristische und supervisionsethische Legitimierungsverpflichtung für derartige fragwürdige Positionen? Kann Qualität durch solche Zwangsdiskurse gesichert werden? Ist die DGSv-Anerkennung die einzige Gewährleistung von Qualität, einer Gütegarantie im Feld der Supervision? Kann ein Verband z.B. einem Psychologen, Lehrsupervisor bei verbandsanerkannten Instituten untersagen, mit anderen anerkannten LehrsupervisorInnen ein Ausbildungsinstitut bei einem renommierten Fachverband, dem Bund Deutscher Psychologen, aufzubauen, der vielleicht nicht Mitglied in der DGSv werden will und von den DGSv-Standards leicht abweichende, berufsfeldpolitishe Regularien hat?

    Der reglementierende Tenor einer der neuesten Manifestationen der Kontrollmacht, in dem sich der schon im Text von 1995 aufscheinende "Diskurs subtilerIntimidierung" fortschreibt, sei abschließend zitiert:

    1. "Innerverbandliche Streitkultur"

    Kritik und Ärger gegenüber der DGSv und ihren Entscheidungsträgern sollen offen artikuliert werden und gehören in den innerverbandlichen Diskurs. Allerdings dürfen negative Emotionen die Loyalität der Mitglieder zu ihrem Verband nicht in Frage stellen oder das Ansehen der DGSv beschädigen" (Weigand 1999c, 5 Sp.1).

    Weil wir diesem Verband gegenüber loyal sind, thematisieren wir solche Absurditäten, um "das Ansehen der DGSv nicht zu beschädigen", denn wenn man derartigen Positionen nicht entgegentritt, schadet man dem Ansehen des Verbandes. Aber wer befindet über die Maßstäbe? Und wann verläßt man den innerverbandlichen Rahmen? Und wer hat da Angst vor negativen Emotionen der Mitglieder? Wann wird Parrhesie, offene Rede, zum Risiko für die Parrhesiasten und wann ist im Sinne des einbildenden?? Demokritzitates der "richtige Zeitpunkt"? Die Alltagserhebung und die sozialpsychologische Forschung zeigt, daß das?? Minoritäten auch scheitern können (Anhang II 3.1,3.2). Es ist hier die Frage, wieviel Dissens die Majorität und ihre Protagonisten ertragen können.

    Demokratie ist oft streitbar und muß es sein. Und da gibt es auch heftige und auch negative Emotionen. Zu welchem Sektor des Verbandes, zu welcher In-Group, welcher Seilschaft gar soll denn die Loyalität gehen? Was ist für wen "mein Verband"? Dieser Text zeigt in aller Schärfe das Machtproblem. Wieviel kann man riskieren und wie weit kann die Kritik gehen? Das muß sich nach solchen Auslassungen doch jeder fragen. Wir haben hier heftigen Dissens, durchaus im Sinne eines verbandsdemokratischen Votums - und sei es das einer Minderheitenposition: In "meinem Verband", das meint jeder der Autoren und die Autorin dieses Textes, würden solche Statements nicht publiziert, denn für einen Verband, dessen Mitglieder alle der "Profession" der "Übersicht" angehören, sind sie kein gutes Zeugnis und für die Mitglieder selbst - langjährig erfahrene Professionals, langwierig als Supervisoren ausgebildet - sind sie entmündigend und beschämend. Verbandliche Spielregeln sind notwendig, sie gehören in jede Vereinskultur. Die Regeln des Vereinsrechts und die Usancen des kollegialen Umgangs, einer fundierten Kollegialität gar (Petzold, Orth 1998), sollten genügen.

    So ein Text, wie auch der folgende (2. Gütesiegel mit Garantie, s.u.) gehören u. E. nicht G in einen Vorstandsbericht - zum "Zehnjährigen" gar L . Was sollen "die Leute", die psychologischen Supervisoren etwa, denken J ?

    Die ganze Situation hat für uns ein übergeordnetes Interesse, das Verbandsquerelen übersteigt. In derartigen Phänomenen zeigen sich anonyme Diskurse (Foucault) der Kontrolle und Machtausübung, die thematisiert und untersucht werden müssen, besonders, da sie bislang offenbar nicht ausreichend gesehen oder nicht offen thematisiert worden sind. Die Kontrollzentriertheit und die Marktzentrierung, wie sie in beiden Vorstandsberichten von W. Weigand als Vorstandspositionen geäußert werden - man darf seine als Funktionsträger publizierten Texte nicht personalisiert sehen, obgleich er diese Positionen auch in anderen Fachtexten veröffentlicht - sind in unserer Sicht Ausdruck einer (zumindest beginnenden) Skotomisierung in einem "Sektor" des Feldes (vgl. 1.2.1) und in Sektoren der DGSv und können als Manifestationen problematischer Tendenzen zu Fehlentwicklungen betrachtet werden.

    Unser Text aus einem anderen "Sektor" ist u.a. als eine Gegenposition zu diesen "Berichten", ihren Kontexten, ihren Hintergründen und den in ihnen aufgewiesenen Entwicklungstendenzen zu sehen, einem Kurs, zu dem wir einen Diskurs eröffnen wollen, um im Feld durch eine Weitung des Blickfeldes bzw. der supervisio über Kurskorrekturen ins Gespräch zu kommen, die strittigen Themen zu diskursivieren.

    Diese Entwicklungen zu einer wachsend dominierend bzw. hegemonial auftretenden verbandlichen Organisation im Feld, einem uniformierenden "Standardformat" - eben nicht im Sinne des Format-Konzeptes, wie es von Buer (1997) für den supervisorischen Kontext dargetellt wurde - mit einer zentralen Agentur, mit einem Angebot von "Beratung über Beratung" und einem von dieser Agentur vorbereiteten "Präsentationsfilm über Supervision" (Fellermann 1999) wirft viele Fragen auf. Ein solcher Film mag ein banales Moment sein, könnte man meinen, aber es ist nützlich für kritische Reflexionen, denn es repräsentiert "symptomatisch" die Situation, ist Ausdruck des Demokratieverständnisses des Verbandes und seiner Praxis "supervisorischer Kultur", weil offene Probleme dabei im Raum stehen: Welches Supervisionsverständnis wird in dem Film vertreten? Er muß im Außenfeld ja als Dokument einer "Corporate Identity" (ohne CI-Prozess im Verband!) gesehen werden: DGSv goes public? Wo wurde dieses Verständnis verhandelt und wer hat es entschieden? Dies ist eine so zentrale Sache - geht es doch bei einer solchen Präsentation in der Öffentlichkeit um die Darstellung (vermutlich) einer Identität von Supervision -, daß sie vom "Souverän des Verbandes", den Mitgliedern, - vorbereitet durch Arbeitsgruppen und repräsentative Befragungen - entschieden und legitimiert werden sollte. Denn was "präsentiert" dieser Film und wer macht ihn, wer sind die Protagonisten eines solchen Filmes, wen repräsentieren sie tatsächlich und was stellen sie dar? Denn es geht bei einer solchen "offiziellen" Präsentation darum, den Souverän des Verbandes und sein Verständnis von Supervision und "supervisorischer Kultur" (und ohne dieses wird es nicht gehen) in der Öffentlichkeit vorzustellen. Über das Konzept der "supervisorischen Kultur" (Petzold 1998a, 39ff) prinzipiell und über seine Ausfaltung in der DGSv sind - aller modischen Rede der Supervisoren von "Kultur" (Organisations-, Unternehmens-, Feldkultur etc.) zum Trotz - die Diskussionen gerade einmal in ein präliminares Stadium gekommen (z.B. beim Thema Berufsordnung), so daß jede Voreiligkeit deplaziert ist. Man muß sich hier Zeit lassen. Auf ein oder zwei Jahre kommt es nicht an. Und wenn es derzeit keinen Konsens über dieses Verständnis und diese Kultur geben sollte, ist das die Realität des Faktischen, und es müßten dann Aussagen über eine "Pluralität von Konzepten" gemacht und begründet werden, wenn man dem Verband "trustworthiness" zubilligen will.

    Unseres Erachtens sind folgende unverzichtbare Elemente einer supervisorischen Kultur zu entwickeln und zu pflegen:

    Diskursivität, Integrität, Besonnenheit, Ausgewogenheit, trustworthiness, in politischer Bewußtheit und ethischen Entscheidungen fundierte Positionen supervisorischen Handelns, wissenschaftlich und praxeologisch begründete Fachlichkeit, empirische Qualitätskontrolle, kollegiale Qualitätsdiskurse, die das Klientensystem einbeziehen (member checking, peer debriefing), soziales Engagement und differentielle Gleichbehandlung, systematische Problematisierung (d.h. die Ko-respondenz, der Diskurs über Schwierigkeiten, Aufgaben, Entwicklungen, Nachhaltigkeit und Chancen, gerichtet auf ein kontextualisiertes Optimum) durch institutionalisierte Reflexionsforen,...

    Diese durchaus noch zu ergänzenden Elemente müssen systematisch reflektiert, immer wieder kontextualisiert in "institutionalisiertenDiskursen" (ibid. 38) zugepaßt und konsequent umgesetzt werden, wobei der Prozess der Umsetzung und ihre Ergebnisse wiederum evaluiert und reflektiert werden müßten - eine spiralige Entwicklung (Petzold, Sieper 1988), die Innovationen hervorbringt oder Entscheidungen zur Nachhaltigkeit, denn es kann ja nicht um "Fortschritt um jeden Preis", nicht nur um Maximierung gehen, sondern um Optimierung in kontextualisierter Betrachtung. Dann würde Supervision die reklamierte "Reflexivität" nicht nur als deklamatorisches Proprium eignen, sondern als glaubwürdiggelebte Praxis einer vollzogenen, reflexiven supervisorischen Methodologie, bis hin in ein "reflexives Management" (ibid. 215ff) fachverbandlicher Organisation. Dazu braucht es als Grundvoraussetzung Differenzen, Pluralität, Dissens, Polylog, Heterologie (Lyotard, Derrida), und das verlangt eine "differentielle Gleichbehandlung" und eine "Wertschätzung von Andersartigkeit und Vielfalt" (ibid.117, 278). Minderheitenvoten und -meinungen sind wichtig, wie gerade auch die Ideen- und Wissenschaftsgeschichte zeigt (von der politischen ganz zu schweigen), denn keineswegs hatten die Mehrheiten immer Recht oder waren die "main streams" immer die Wiege der Innovation. Positionen von Minderheiten müssen zu Gehör gebracht, zur Kenntnis genommen und diskursiv und parrhesiastisch - in aller Aufrichtigkeit - geprüft werden, damit gegebenenfalls Kurskorrekturen bei den schwierigen Prozessen des N a v i g i e r e n s in der kaum noch zu leistenden Überschau (supervisio) über die postmoderne Weltkomplexität vorgenommen werden können. Die Gleichbehandlung aller Diskursbeiträge ist ein Weg, Differenz zur Geltung zu bringen, vorhandene Probleme anzugehen (in der Teamsupervision wie in den innerverbandlichen Diskursen gleichermaßen). Die Diskursivierung dieser Gleichheitsposition wiederum unter Bedingungen vollständiger Transparenz (der Diskurs darf nicht im Vorstandszimmer bleiben!) zeigt aber auch, daß man um Gewichtungen und Entscheidungen nicht herumkommt. Mehrheitsentscheidungen - geringe Beteiligungen an demokratischen Prozessen sind in ihrer Qualität als Mehrheitsentscheidungen der Unbeteiligten zu sehen - sind oft der Weg nicht, besonders wenn sie ohne problematisierende Diskurse (Foucault 1996,176) von hinreichender "Tiefe" und "Breite" (s.u.) getroffen wurden. Für hinlängliche Problematisierung als "Auseinandersetzung mit Schwierigkeiten, Aufgaben und Chancen" in relevanten Feldbereichen (z.B. in einem Verband) in möglichst breiter Weise zu sorgen, um differenzierte Gleichheit zu ermöglichen, das ist zentrale Aufgabe von Supervision und eines supervisorischen Fachverbandes allzumal. Diese Fragen - für die Praxis von Supervision in Gruppen oder Organisationen von grund-legender Bedeutung - sind weder in der Supervisionsliteratur noch in den verbandlichen Diskussionen angegangen worden. Und hier handelt es sich keineswegs um ein "akademisches" Problem, sondern um eines des konkreten Umgangs von Menschen miteinander, von Institutionen mit Menschen, von Menschen mit ihrer Gesellschaft. Es begegnet uns in der supervisorischen Praxis jeden Tag. In allen Kontexten, in denen es um Macht und Wissen, Information und Kontrolle, Wahrheit und Gerechtigkeit, Regeln und Freiheit geht, reproduziert es sich, wird es produziert. Wir produzieren es mit diesem Text in vielfältiger Weise und werden die Formen des Umgangs mit diesem Text, mit unseren Gedanken, mit unseren Voten als "kritischen Stimmen", mit uns erfahren (wir haben da auch schon unsere Erfahrungen, vgl. Petzold, Orth 1999).

    Seit Kant und der Utiliarismusdiskussion wird in der Moralphilosophie, aber auch der Rechtsphilosophie auf den Grundsatz der Gleichbehandlung zentriert, eine ideengeschichtliche Tradition, die auch im supervisorischen Prinzip der "Allparteilichkeit" ihren Niederschlag gefunden hat. Aber so einfach liegen die Dinge ja nicht. Wie Lévinas (1983) in seiner Phänomenologie des Blickes gezeigt hat, sind Ungleichbehandlungen, Bevorzugungen (etwa meiner Kinder, meiner Frau) durchaus moralisch zu rechtfertigen. Weiterhin: "Rechtsgleichheit, Erwerbsfreiheit und Garantie des Eigentums setzen immer wieder soziale Ungleichheit aus sich heraus. Diese Ungleichheit darf aber ein gewisses Maß nicht überschreiten", wie der vormalige Verfassungsrichter Böckenförde (1999, 11) ausführt. Es geht aber nicht nur um das schwierige Verhältnis von Liebe und Gerechtigkeit, Besitzstreben und Gemeinwohl, sondern auch um das der Fürsorgeverplichtung und der Gleichbehandlung. Alte, Schwache und Kranke genießen das moralische Recht der Bevorzugung in riskanten Situationen: "Frauen und Kinder zuerst!" Minderheitenrechte gründen nicht nur im Konzept der Gleichheit, sondern ebenfalls in einem Konzept der "Schutzbedürftigkeit" von Minderheiten.Supervisionsteht oftmals in der Situation, in der sie nicht in der Sicherheit der Exzentrizität und der Allparteilichkeit verbleiben darf, sich nicht "raushalten" kann, sondern engagiert Stellung beziehen muß (Petzold 1989i) - und sei es im Blick auf die eigene "Profession". Deshalb sprechen wir von differenzierender oder differentiellerGleichbehandlung, in der ko-respondierend zwischen allen Beteiligten (idem 1991e), aber auch durch die Ko-respondenz von generalisierten Werten und Gütern, die füreinander Korrektiv werden (ibid. 36ff), immer wieder geprüft und abgewogen werden muß, wo "Gleichheit" ungerecht wird und korrigierend etwa die "Brüderlichkeit" eine Bevorzugung von Benachteiligten und Bedrohten (z.B. Alte, Kranke, Verfolgte, ethnische Minderheiten) erforderlich macht oder wo "Freiheit" zum "korrektiven Wert" werden muß, der gleichmacherischer Egalität entgegentritt und der "Wichtigkeit des Besonderen" (z.B. außergewöhnlicher Begabungen und Leistungen in altruistischem Tun, in Wissenschaft, Kunst und Kultur) Recht verschafft. Diesen und ähnlichen Problemen ist man in der supervisorischen Ethik und Kultur bislang noch kaum nachgegangen, so daß man sich die Frage stellt, wie diese Themen "qualitätsvoll" in der konkreten supervisorischen Praxis - und zu dieser gehört die praktizierte Verbandskultur von supervisorischen Fachverbänden - gehandhabt werden. Diese Praxis, zu der wir auch den Umgang mit dieser unserer Kritik von Entwicklungen im supervisorischen Feld und in der DGSv rechnen, wird ein Bild von der "trustworthiness" der Supervision bzw. supervisorischer Gruppierungen und Szenen zeichnen.

    Wie wird mit dem Faktum der Pluralität der Supervisionsauffassung in einem Verband wie der DGSv umgegangen? Wir haben z.B. bei einer alleinigen oder auch nur überwiegenden Darstellung der marktorientierten Position bei Hintanstellung der hilfeleistungsorientierten Position der Supervision erheblichen Dissens. Wir äußern ihn! Haben Dissens schon verschiedentlich geäußert - z.B. zur "Ausbildungsreform" (Petzold 1999i). Es bleibt abzuwarten, wie man solche Kritik aufgreift, nutzt oder übergeht.

    Am Beispiel des "Zehnjahresberichtes" (Weigand 1999c) des Filmprojektes, der Professionalisierungspolitik, der Institutionalisierungskonzeption, der Wertung oder Überbewertung von Standards wollen wir mit dekonstruktiven Fragen ansetzen: Sind dies Indikatoren dafür, daß hier eine neue "Metaerzählung" von Supervision faktisch etabliert wird? Wird hier eine "Zentralität und Ganzheitlichkeit der Organisation, Konzeption und Präsentation" angestrebt, deren Machtdiskurse bislang unhinterfagt sind - nicht zuletzt auf die Quellen ihres Herkommens aber auch auf die Faktizität ihrer Inszenierungen? Wir haben seit vielen Jahren immer wieder auf die "Probleme des Anspruchs auf Ganzheitlichkeit" (Petzold 1989a, 1988n, 179ff) hingewiesen, u.a. mit Bezug auf Lyotard, Foucault, Deleuze, Baudrillard (ibid. 180; jetzt ausführlich Petzold, Orth 1999), auf "voreilige und oft fagwürdige Synthesen", auf übergreifende Qualitätsbehauptungen und Geltungsansprüche, auf hegemoniale Organisationsstrukturen, die "Produkte" wie Therapie oder Supervision "immer oberflächlicher, dürftiger und riskanter vermarkten und umsetzen" (idem 1988n, 179). Wir können Will, der unsere Texte offenbar nicht rezipiert hatte, vollauf zustimmen, wenn er die Nützlichkeit des Instrumentariums poststrukturalistischer Philsophie für diese Zusammenhänge hervorhebt. Sie wird "für eine Supervisionstheorie besonders interessant - eine Chance der Neuorientierung. Befreit von Ganzheitsmodellen mit ihren totalitären Ansprüchen kann Platz für die Vielfalt gewonnen werden: die Gleichzeitigkeit des Nicht-Vereinbaren ..., "die kleinen Subsysteme bleiben, befreit von Harmoniezwängen, im Dissens nebeneinander bestehen" (Will 1997, 46), befreit auch von Synchronisierungszwängen uniformisierender Professionalisierung und Standardisierung, zumal wenn sie inhaltsarm ist und überwiegend formalen bzw. formalistischen Charakter hat, eine leere "GESTALT", die die faktisch vorhandene Pluralität, ja Chaotik nur camouffliert (der belliziöse Unterton sollte mitgehört werden). Man kann und sollte hierzu durchaus einen Kontrapunkt setzen: Er besteht "in der Absage an eine ‘Übertheorie’, an theoretische Hegemonie"(Petzold 1989a, 409), an "hegemonialen Zentralismus von Organisationen in komplexen Feldern, die eher ihre Netzwerkqualität pflegen sollten, das macht sie fruchtbarer, produktiver, innovativer" (idem 1990g, 34). In multipel vernetzten, d.h. rhizomatisch organisierten Feldern haben wir "ein nicht-zentriertes, nicht-hierarchisches und nicht-signifikantes System ohne General, organisierendes Gedächtnis und Zentralautomat; es ist einzig und allein durch die Zirkulation der Zustände definiert. Im Rhizom geht es um ‘Werden’ aller Art" (Deleuze, Guattari 1977, 35). - Es gibt natürlich auch noch eine dritte Möglichkeit "zwischen" Zentralität und Partikularität, Ganzheit und Vielfalt, GESTALT und Rhizom: Wenn es nämlich durch mehrere Zentren mit "weichen" zentralen Strukturen ohne Hegemonialqualität zu Netzwerkknotenpunkten, die sich durch Emergenzen aus der Komplexität gebildet haben und eine Dialektisierung der Antinomien erfolgt (Petzold 1967IIe), ein "Zusammen-denken dieser beiden Perspektiven", ... die "das EINE und das Viele mit all seinen Zwischenschritten, Brüchigkeiten, Übergängen, Verbindungen umfaßt" (idem 1989a, 409f), eine Sicht differenzierenden und integrierenden Denkens (vgl. Merleau-Ponty 1960, 150; Welsch 1988, 296). Für die Feldentwicklung in der Supervision und für die Politik der großen und kleineren Verbände und Institute könnte dies eine wirklich weiterführende Perspektive werden, wenn sie "in der Differenz", die in einer "fundierten Kollegialität" (Petzold, Orth 1998) gründet, gut vernetzt, aber mit deutlichem "Souveränitätsraum" miteinander kooperieren, im Vertrauen auf das Bemühen um die Entwicklung und Pflege von exzellenter Qualität durch jede Gruppierung, über die dann die "Kunden" entscheiden werden. (Man braucht dann kein "zentrales Gütesiegel"; wer von denen, die wirkliche Qualität zu schätzen wissen, kauft "Qualitätsprodukte im Supermarkt"?)

    Wir werden in dieser Arbeit (wieder einmal) ein Stück der "mühseligen Kleinarbeit, die den Dissens bestehen läßt ... im Grabungsgelände" (Will 1997, 47), zu leisten versuchen, die uns Will empfiehlt. Das Konzept des "Dissenses" (Petzold 1991e, 55) besagt nun keineswegs die passive oder kritiklose Hinnahme gegebener Positionen, sondern verlangt Diskurs (Habermas 1971), "Ko-respondenz als Begegnung und Auseinandersetzung auf der Sach- und Affektebene unter Einbeziehung des Kontextes" (vgl. Petzold 1978c, 35), um durch prismatische Diskursivität und permanente Konnektivierung zu versuchen, tragfähigen Konsens über Konzepte zu erreichen, die Kooperation begründen können - oder zumindest doch den Konsens, daß man Dissens hat, "respektvollen Dissens" (idem 1991e, 55ff), denn an der Schnittstelle im Diskurs artikuliert sich Wahrheit.

    Weil das supervisorische Feld hierzulande, ja im europäischen Raum, in Prozessen sehr grundsätzlicher Veränderungen steht, eingebunden in sich verändernde Kontextprozesse des Makrorahmens, sind u.E. reflexive Auszeiten erforderlich. Die Europäisierung ist ein einflußstarkes Moment, die qualitativ neuen Ökonomisierungsprozesse im Zeichen der Globalisierung oder eines "ungebremsten Kapitalismus" oder der "neuen Verantwortlichkeit" (Schröder-Blair-Papier) sind andere makrosoziale Einflußgrößen, die eine Disziplin und Praxeologie wie die Supervision, die an strukturell und thematisch relevanten gesellschaftlichen Schnittstellen arbeitet (von Individuum und Institution, Verelendung und Hilfeleistung, Humanisierung und Leistungsoptimierung, Dependenz und Verantwortung, Tradition und Innovation etc.), nicht unberührt lassen. Es ist vielmehr anzunehmen, daß so manche der Dynamiken, die wir im gesellschaftlichen Makrofeld finden, sich im professionellen Feld der Supervision, seinen Verbänden und Ausbildungsstrukturen reproduzieren, nicht zu reden von Einwirkungen aus den vielfältigen Bereichen, in denen Supervisoren heute arbeiten oder gerne arbeiten möchten: einerseits im "Markt", d.h. in der freien Wirtschaft, in Industrie, Dienstleistungsbetrieben, Handel und Gewerbe, im Beratungs- und Ausbildungsmarkt, andererseits in "Feldern" wie dem Bildungswesen (Schule, Hochschule, Erwachsenenbildung), dem Gesundheitswesen (Krankenaus, Reha-Einrichtungen), selbstverständlich auch in den Feldern traditioneller Sozialarbeit. Es sind hier Entwicklungen im Gange, die in sehr komplexer Weise und auf mehreren Ebenen reflektiert werden müssen - eine wahrhaft supervisorische Aufgabe, die temporalisiert erfolgen muß: im Blick zurück, in der retrospektiven Auswertung vergangener Entwicklungsprozesse mit der Frage "nach den Ursachen hinter den Ursachen" (Petzold 1994c), in der aspektiven Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation mit der Frage "nach den Zusammenhängen in den Zusammenhängen", im prospektiven Ausgriff auf Künftiges, das man antizipiert oder aktiv gestalten will mit der Frage "nach den Folgen nach den Folgen". Die Konditionen postmoderner Lebensvielfalt, "Unüberschaubarkeit" gar, machen eindimensionale Erklärungen nicht mehr möglich. Der postmoderne und poststrukturalistische Diskurs hat diese Opazität, Polymorphie, dieses Dickicht, diese rhizomatische, chaotische Vernetztheit - oft in unzulässiger Analogisierung mit oder gar in z.T. fehlerhafter Beiziehung von Wissensbeständen aus den Naturwissenschaften (Sokal, Bricmont 1999), wie es auch für viele "Systemiker" in Supervision und Therapie charakteristisch ist (Ebert 1999) - vielfach beschrieben. Darin liegt sein Verdienst und auch in der destruierenden Entzauberung ideologischer Metaerzählungen. Daß er z.T. selbst Metaerzählungen begründet hat (es sei nur auf Jaques Lacan, Luce Irigaray, Julia Kristeva oder Bruno Latour verwiesen), und sei es die Metaerzählung völliger Relativierung oder einer radikalen Subjektivierung, darin liegen Probleme. Die gegenwärtige Komplexität s o- z i a l e r Weltverhältnisse läßt sich nicht mit p h y s i k a l i s c h e n Referenztheorien - Chaostheorie, Quantenmechanik, Gödelscher Satz - explizieren. Mehr als befristet einsetzbare "Modellmetaphern" (Petzold 1994a) sind hier nicht zu holen. Deshalb sprechen wir an Stelle von postmoderner Vielfalt lieber von der Pluralität einer "transversalen Moderne", die sich in allen Bereichen gegenwärtigen Lebens findet (idem 1998a,f, 1999f), und die allerdings eine Reflexion komplexer Weltverhältnisse im Zeichen der Globalität nicht mehr allein in Mustern linearer Konzeptualisierungen sinnvoll erscheinen läßt. Lineare und non-lineare, prismatische konnektivierende Prozesse werden erforderlich, in denen sich verschiedene Sinnareale vernetzen können und Emergenzen (idem 1998a, 41, 238ff; Krohn, Küppers 1990) möglich werden. Je intensiver die Konnektivierungen sind, je effektiver sie gefördert werden, desto größer wird das Emergenzpotential (Petzold 1998a, 312) des Systems bzw. des Feldes "Supervision" sein. Da in der Reflexion eines "Feldes" wie dem der Supervision so viele Themen, Probleme, Diskurse, Interessen, Machtstrukturen, Alltagstheorien (Janich 1996; Stich 1996), professionelle und wissenschaftliche Theorien, Sprach- und Wahrheitsspiele zusammenwirken, sich überschneiden, unterlaufen, durchfiltern, überspielen, von Gruppen und Verbänden, mächtigen Protagonisten (mit Einfluß und Anhängerschaft), profilierten Einzelkämpfern (mit Autoren- und/oder Expertenruhm), weil so viel Ökonomie und damit Konkurrenz im Spiel ist, die Hochschulen, Ausbildungsinstitute, die Verbände, Agenturen, Sozietäten, Praxen ihre "claims" geltend machen oder zu machen bemüht sind, entsteht eine Komplexität [wie in diesem Satz...], die nur bedingt reduziert werden kann und auch werden sollte. Es ist inzwischen ein Meer von Informations- und Interessenströmen, Angeboten, Möglichkeiten, Entwicklungen vorhanden, das nicht mehr (wie dies derzeit die großen Supervisionsverbände noch versuchen) durch immer neue Standards, Normen, Vorschriften, Reformen, durch Institutionalisierung etc. gebändigt werden kann. Ein Meer kann man eben letztendlich nicht bändigen, es ist kein Teich, man muß lernen, auf ihm zu n a v i g i e r e n!

    1.1 Methodische Vorbemerkungen - Metahermeneutik als transdisziplinäre Diskursivität, multitheoretische Konnektivierung, transtheoretische Emergenz

    Im "Integrativen Ansatz" der Supervision, Psycho- und Soziotherapie und Agogik, die aufgrund anthropologischer und ethischer Erwägungen in unserem Verständnis auf eine engagierte Sorge für Menschen und Lebensräume gerichtet sind, gilt, daß "die Methode durch die Methode gelehrt und gelernt wird" (Petzold, Steffan 1999b). Für unsere theoretische Arbeit gilt ähnliches. "Die methodische Erarbeitung und Bearbeitung eines Themas bzw. Problems sollte ein Beispiel der Methode sein". Wir vertreten in der Theorieentwicklung und in der Praxeologie, der Theorie über Praxis, die Position einer "Metahermeneutik", die sich der methodischen Ansätze transdisziplinärer Diskursivität und multitheoretischen Konnektivierens bedient, wie man sie z.B. bei M.Merleau-Ponty, M. Foucault, H.Plessner, H. Schmitz, R. N.Luhmann findet, und damit die Chance zu transtheoretischer Emergenz gewinnt.:

    "Die Möglichkeit, unbestrittene Sachverhalte mit variierenden Theoriekonzepten, mit anderen Unterscheidungen anders zu beschreiben, ... gerade diese Methode, die allerdings ein erhebliches Maß theorietechnischen Wissens voraussetzen würde, könnte aber für unser Thema die ergiebigere sein" (Luhmann 1992, 19).

    Das ist ein Ansatz und eine Maxime, der wir zu folgen versuchen, und hier liegt der "Universalanspruch der Hermeneutik" (Habermas 1980) als Hermeneutik, die sich selbst übersteigt, begründet; das gilt auch in epistemologischer Hinsicht, wenn wir mit einem systematischen, d.h. metahermeneutisch reflektierten (Petzold 1994a) "epistemologischen Pluralismus" (Turkle, Papert 1992) arbeiten, wobei die Metahermeneutik (Petzold 1991a, 153 ff, 1994a) die "Leitepistemologie" ist, die sich mehrerer "Referenzepistemologien" bedienen kann. Dabei wird zugleich die Frage der Legitimierung in der Metahermeneutik mit bedacht, die ja in besonderem Maße Erkenntnisarbeit als "Kulturarbeit" (Petzold, Orth, Sieper 1999, 39ff) betreibt und zur "gesamtgesellschaftlichen Arbeit der Moderne, sich selbst zu verstehen, sich zu interpretieren und sich damit vernunftgeleitet zu gestalten" (ibid. 34) beitragen muß. Ihre erkenntnisschaffende Arbeit muß in "engagierte Praxis" führen, eine essentielle Bedeutung für das "gute Leben" von Menschen und den Erhalt und die Pflege von Lebensräumen gewinnen, "s u p e r v i s i o als sorgetragende Übersicht" - so in der spätlateinischen Bedeutung des Wortes (s.u. 2.2) - praktizieren. In devolutionären Zeiten, wo gesellschaftliche Kälte und Inhumanität zunimmt, wir als "Art gefährdet" sind (z.B. durch die Zerstörung der Biosphäre) und niemanden haben, der uns "unter Artenschutz stellt" (Petzold 1986h), ist Erkenntnisgewinn, der nicht übergeordneten Zielen globalen menschenwürdigenden Lebens und mundaner Ökologie dient, eine nicht legitimierbare Verschwendung.

    "Eine Hermeneutik, die sich und ihre neurophysiologischen, bewußtseins- und sprachtheoretischen Voraussetzungen rekonstruiert, ihre kulturellen Bedingungen, Legitimationsprobleme und ihre Determinierungen - etwa durch verborgene Diskurse und Wahrheitsspiele (M.Foucault), ökonomische, kultur- und sozialgeschichtliche Entwicklungen (I.Berlin) - rekursiv in kritischer Ko-respondenz an sich selbst arbeitend durchdenkt, erfühlt, interpretiert, ist Metahermeneutik. Sie geht methodisch dekonstruierend, aber auch konstruktiv-entwerfend, multitheoretisch und mehrperspektivisch, plurivalent wertend auf mehreren Ebenen vor in Ausrichtung auf ko-respondierende Erkenntnissuche, auf die Überwindung kollektiver Skotome ("Feldskotome") und auf kooperative, engagierte Praxis zur Sicherung der Integrität von Menschen, Gruppen und Lebensräumen. Sie reflektiert mit einem möglichst hohen Grad an Konnektierung zwischen verschiedenen Disziplinen und Kulturen (z.B. der Wissenschaftler, Praktiker,Klienten), in inter- und transdiszipliärer/kultureller Ausrichtung also, und zielt auf polyloge Diskursivierung, auf das Gespräch mit vielen Anderen (Lévinas 1983), Einzelpersonen, Gruppen, Communities." (Petzold 1999)

    Das Theorie-Praxis-Problem und das Problem der Legitimierung werden hier, wie in unseren ersten metahermeneutischen Überlegungen und Texten (Petzold, Sieper 1977, 14f, 30ff, Petzold 1978c) über die Konzepte "Ko-respondenz und Kooperation" zur "Wahrung von Integrität" verbunden. Übergeordnete und bereichsübergreifende gedankliche Arbeit muß bei den heutigen Weltverhältnissen dem globalen Gemeinwohl dienen, und erhält damit Legitimation. Die Plurivalenz, die Vielfalt möglicher, z.B. kulturspezifischer, Ethiken (vgl. hierzu UNESCO Courier 7-8/ 1992) ist zu berücksichtigen und die Möglichkeiten "vielstimmiger Vernunft" (Derrida), die aus der radikalen "Andersheit des Anderen" (Lévinas) erwächst. Das sollte auch in einer Verbreiterung der dialogischen Basis im Polylog zum Tragen kommen, in der Bereitstellung und Pflege der Diskursivität zwischen Menschen, Gruppen, wissenschaftlichen und fachlichen Disziplien und Communities, der "Community of Scientists, of Practitioners, and Clients".

    Das von uns erarbeitete und verschiedentlich vorgestellte (Petzold 1994a, 157; Petzold, Orth 1999, 112) Instrument der "metahermeneutischen Mehrebenenreflexion" (z.B. in Form von "Triplexreflexionen", das den Ansatz der "Beobachtung zweiter Ordnung" (Luhmann 1992) mit diskursanalytischen, genealogischen und dekonstruktiven Ansätzen zum Aufweis von Macht- und Wahrheitsspielen (Foucault, Derrida) übersteigt (Petzold, Orth, Sieper 1999, 37f) und das auch in dieser Arbeit zum Tragen kommt und einen "anderen Blick", eine "andere supervisio" aufweist, sei an dieser Stelle kurz mit einem introduzierenden Referenztext von Foucault vorgestellt:.

    "Denn das Auge, die kleine weiße ihre Nacht umschließende Kugel, bezeichnet den Kreis einer Grenze, die nur vom Einbruch des Blicks übertreten wird. Und seine innere Dunkelheit, sein schwarzer Kern, ergießt sich auf die Welt in einer Quelle, die sieht, das heißt erhellt [...].Es ist das Bild des Seins, welches nur die Überschreitung seiner eigenen Grenze ist. In einer philosophischen Reflexion verdankt das Auge seiner Fähigkeit zum Sehen die Macht, sich selber immer noch innerlicher zu werden. Hinter jedem Auge, das sieht, gibt es noch ein feineres, diskreteres Auge, das so beweglich ist, daß sein allmächtiger Blick an der weißen Kugel seines Fleisches nagt; und dahinter gibt es wieder ein Auge, und immer noch andere Augen, die immer noch subtiler werden und bald nur mehr aus der reinen Transparenz eines Blicks entstehen und sich verbinden: dieses Herz der Dinge ist ihr souveränes Subjekt"... Wenn aber der "Blick die Grenze des Augapfels überschreitet, konstituiert er das Auge in seinem augenblicklichen Sein [...], er wirft es aus im selber heraus und läßt es an seine Grenze gelangen, wo es für einen Augenblick aufblitzt und dann nur mehr die kleine weiße blutunterlaufene Kugel eines Auges in Händen hält, das aus der Augenöhle gefallen ist und dessen Kugelmasse jeden Blick ausgelöscht hat [...]. In dieser Distanz des gewaltsamen Herausgerissenseins ist das Auge absolut gesehen, aber außerhalb eines jeden Blicks: das philosophische Subjekt ist aus sich herausgeworfen und an seine Grenze fortgetrieben, und die Souveränität der philosophischen Sprache spricht aus dem Abgrund jener Distanz, in der unermeßlichen Leere, die von dem aus seiner Höhle gefallenen Subjekt hinterlassen wird" (Foucault 1963/1978, 43f).

    In einer solchen Vision, konnektiviert mit multitheoretischen bzw. komplexitätstheoretischen Modellen (Mingers, Gill 1997; Roetzheimer 1994; Turkle, Papert 1992; Waldrop 1992) liegt die mehrperspektivische, metahermeneutische Betrachtung und Reflexion sowie die Möglichkeit einer philosophischen Kontemplation komplexer Wirklichkeit bzw. Realität (Wallner 1990) begründet, wie wir sie in der "Integrativen Therapie" als Instrument differentiellen und integrativen Erkenntnisgewinns entwickelt haben - nicht in der Beobachtung "zweiter Ordnung" (von Foerster 1981) eines philosophisch schwachbrüstigen (cf. Bischof 1996; Schulte 1993) "radikalen Konstruktivismus", welcher derzeit als Modeströmung in der "systemischen" Therapie- und Supervisionsszene grassiert (vonSchlippe, Schweitzer 1996; Neumann-Wirsig, Kersting 1998) und die Subtilität der multitheoretischen "Beobachtungen der Moderne" nie erreicht, wie sie Niklas Luhmann (1992) entwickelt hat, den wir mit Gewinn als Referenztheoretiker beiziehen. Im Unterschied zu ihm und ihn in dieser Perspektive überschreitend, gehen wir aus von einem "Willen zum Wissen", der sowohl den Erkenntnisweg des souveränen Subjekts (Petzold 1998a, 275) zu beschreiten und zu nutzen weiß, als auch - solche Souveränität dekonstruierend - in die abgründigen Reiche der Kultur und Unkultur vorzudringen bereit ist (idem 1986h, 1996k), um die von Foucault aufgezeigten "drei großen Problemtypen" auszuloten: "das Problem der Wahrheit, das der Macht und das der individuellen Lebensführung". Wir fügen ein viertes hinzu: das des kollektiven Zusammenlebens, welches aus der Wahrheits- und Machtfrage allein nicht erklärbar ist und die Fragen nach der Gerechtigkeit, der Liebe und exzessiver Gewalt (Sofsky 1996; Petzold 1986b,1996j) - dem "Bösen" wenn man so will - einbeziehen muß. Diese vier Erfahrungsbereiche können nur in ihrer wechselseitigen Beziehung und nicht unabhängig voneinander verstanden werden" (so Foucault am 29. Mai 1984 in seinem letzten Interview, in: Mazumdar 1998, 485, unsere Hervorhebung).

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    aus Petzold 1998a, 157 einfügen

    Abb. 1: Metahermeneutische Mehrebenen-Reflexion ("Triplexreflexion") multiperspektivisch wahrgenommener, ko-respondierend analysierter und philosophisch interpretierter Wirklichkeit bzw. Realität (aus Petzold 1998a, 157)

     

    (Legende):

    Die Rekursivität in mehrperspektivischen Beobachtungen führt in der Resonanz auf diese Beobachtungen (Abb. 1, Ebene I) zu Prozessen intrasubjektiv ko-respondierender Analyse, d.h. das korrelative Abgleichen mit vorgängigem Erleben und konnektivierend zur Vernetzung mit vorhandenen Erfahrungen, weiterhin zur Bewertung durch Alltagstheorien, professionelle Kenntnisse und andere Wissensbestände (Theoriekenntnisse). Das alles kann auf unterschiedlichen Ebenen des Bewußtseins (vgl. unser Modell "komplexen Bewußtseins", Petzold 1988b/1991a, 266f), in der Regel im Bereich des Wachbewußten (wbw) stattfinden. In der Ebene II der "Beobachtung des Beobachtens" wird ich-bewußt und vollreflexiv in Prozessen der "Analyse" die intrasubektive Ko-respondenz ausgedehnt und ggf. in die intersubjektive Ko-respondenz getragen. Die intrasubjektiven, ggf. intersubjektiven Reflexioinen auf die Bedingungen dieses Doppelvorgangs - und diese müssen wieder und wieder in intrasubjektive und intersubjektive Ko-respondenzprozesse gestellt werden, um solipsistische Blindheiten zu vermeiden - führen in einen sehr komplexen Erkenntnisprozeß und in eine sehr komplexe Wissensstruktur: die dritte Ebene (III) der "metahermeneutischen Triplexstruktur" - wir haben sie als die der "Hyperexzentrizität" bezeichnet -, führtzu einem Querdenken des Gewohnten, zu transversalen Reflexionen von Diskursen (Foucault 1969, 1974) unter erkenntnistheoretischen und wissenschaftsgeschichtlichen Perspektiven. Foucault hatte herausgearbeitet, daß sich in der Organisation von Wirklichkeit Regeln fortschreiben, die sich dem Zugriff des Subjekts entziehen und sowohl die diskursiven Auseinandersetzungen des Alltags als auch die der wissenschaftlichen Debatten durchfiltern - auch in den kontrafaktische angenommenen "herrschaftsfreien Diskursen", denen Habermas (1971) in seiner Theorie eine so zentrale Stellung gegeben hatte, artikulieren sich die "anonymen Diskurse". So sah Habermas im Diskurs, dieser Möglichkeit der freien Rede, die dem besseren Argument vepflichtet ist, eine Chance, sich dem Ideal eines "guten Lebens" anzunähern, Verdinglichung zu reduzieren, aber er empfiehlt als Remedium gegen entfremdende Herrschaft die schärfste Waffe privilegierter Schichten: die geschliffene, hochsprachliche Rede, die Kraft des besseren Arguments im Diskurs für die Durchsetzung von Geltungsansprüchen. Wenn man bedenkt, daß Habermas sein Diskurskonzept im Kontext seiner Theoriebildung der späten sechziger Jahre, d.h. im Rahmen "kritischer Theorie" ausarbeitete, muß man unter FoucaultscherPerspektive fragen: Welcher Diskurs artikuliert sich hier im Diskurs von Habermas? Sicher nicht der der Benachteiligten und Unterdrückten, sondern der privilegierter Besitzer kultureller und materieller Güter. Üben sich Supervisoren in dieser Form des transversalen Reflektierens und der diskursiven Auseinandersetzung, so hat dies Folgen für die Komplexität ihres Wahrnehmens, Denkens, Handelns und natürlich auch ihres Intuierens und Idealisierens: es wird klarsichtiger.

    Rekursive Reflexivität, die Prozesse in der "hermeneutischen Spirale" des Erkenntnisgewinns, das Streben nach Hyperreflexivität kommen an ihre Grenzen, und diese zu sehen, zu spüren, zu achten, sie zuweilen auch - wenn es gelingt - zu übersteigen ist wesentlich. In unserem Modell (Abb. 1) nehmen wir deshalb noch eine vierte Ebene (IV) an, in der immer größere Komplexität erschlossen und in Schritten der Komplexitätsreduktion und -transformation integriert wird (wo immer dies möglich ist). Komplexitätsreduktionen indes ermöglichen, ja schaffen immer weitere Vielfalt, und dies auf Ebene III manchmal in einem Maße, daß die diskursiven Iterationen des Bewußtseins an Grenzen kommen und das reflexive Subjekt sich in der "Chaotischen Mannigfaltigkeit" der Wirklichkeit zu verlieren droht. So verschiedene Denker wie Merleau-Ponty (1964) und Bertrand Russell (1967) haben hier Wege gewiesen, die an mediative Traditionen anknüpfen, durch die Philosophie wieder praktisch wird (Kühn, Petzold 1992; Petzold 1983d), weil sie über die Reflexion hinausgeht, ohne sie zu verlieren, gleichsam in das Zentrum des spiraligen Erkenntnisprozesses tritt. Sie führt damit in eine andere Art des Integrierens (Orth 1993) und zugleich an die "Grenzen des Integrierens" (Petzold 1993o). Russell (1967, 130ff.) hat hier von der "philosophischen Kontemplation" gesprochen, die nach Erkenntnis strebt.

    (aus: Petzold 1998a, 155f)

    Eine solche Position, wie die hier in aller Knappheit vorgestellte, ist nicht nur als eine epistemologische Standortbestimmung zu verstehen, sie ist auch als der Standort von "integrativen SupervisorInnen" (und natürlich nicht nur von diesen) aufzufassen, als Schnittstelle von theoretischen und persönlichen Legitimationsprozessen. Man ist eben nicht nur Supervisor als Angehöriger einer "Profession" (Leppers 1998), eines Berufsverbandes gar, wie man offenbar myop oder skotomisiert in manchen Kreisen der DGSv meint (Beumer, Möller 1998, 6 Spalte 3, unten). Man ist als "Supervisor mit sozialwissenschaftlicher Fundierung" (wir reden hier nicht von Kontrolern/Supervisoren in der Fertigung einer Autofabrik sondern von psychosozialer bzw. sozialinterventiver Supervision) Angehöriger einer Disziplin des Denkens, die sich inzwischen etabliert hat (Buer 1998; Buchinger 1996; Ebert 1999; Giesecke, Rappe-Giesecke 1994; Holloway 1997; Petzold 1998a; Schreyögg 1991 usw.). Wenn man sich so nicht verstehen will, das sagen wir wieder einmal ganz offen (vgl. Petzold 1998a, 6), möge man doch Praxisberater bleiben, gute Arbeit leisten mit einem geringeren Anspruch als der, den der Begriff "Supervision" suggeriert oder den der neue Anspruch der Gütesiegelqualität (Weigand 1999c, 5) reklamiert. Eine fachverbandliche Politik, die dieses nicht sieht, sehen will oder hintanstellt, ist u.E. auf falschen Wegen, Holzwegen in aller Hintergründigkeit des Begriffes. Man braucht als Supervisor sicher nicht der "große Philosoph" zu sein, muß aber - bei der beanspruchten Hochkarätigkeit der Profession (Weigand 1999b, c) -, über eine "philosophy" (Petzold 1998a, 215 ff), einen persönlichen u n d übergeordnet-fachlichen Standort, ein erkenntnisleitendes Interesse, über handlungsleitende Werte, d.h. über eine reflektierte Legitimationsbasis für sein Tun verfügen, und all das verlangt reflexive Suchbewegungen, die in die Richtung metahermeneutischer Arbeit verweisen. MichelFoucault hat hierzu eine sehr persönliche, überzeugende Aussage gemacht, die für unser Verständnis von Metahermeneutik als " radikalisiert reflexiver durch Auseinandersetzung mit anderen Positionen und vielfältigen Hinterfragungen gewonnener persönlicher Standpunkt", aus dem sich auch "persönliche Souveränität" (Petzold, Orth 1998) begründet, und für unser Verständnis von Supervison als "engagierter Überschau und einmischender Sorge" (Petzold 1989i) belangreich ist:

    "Das Motiv, das mich [M.Foucault, s.c.] getrieben hat [...], war Neugier - die einzige Art Neugier, die die Mühe lohnt, mit einiger Hartnäckigkeit betrieben zu werden: nicht diejenige, die sich anzueignen sucht, was zu erkennen ist, sondern die, die es gestattet, sich von sich selbst zu lösen. Was sollte die Hartnäckigkeit des Wissens taugen, wenn sie nur den Erwerb von Kenntnissen brächte und nicht in gewisser Weise soweit wie möglich das Irregehen dessen, der erkennt? Es gibt im Leben Augenblicke, da die Frage, ob man anders denken kann, als man denkt, und anders wahrnehmen kann, als man sieht, zum Weiterschauen und Weiterdenken unentbehrlich ist. [....]. Aber was ist die Philosophie heute - ich meine die philosophische Aktivität -, wenn nicht die kritische Arbeit des Denkens an sich selber? Und wenn sie nicht, statt zu rechtfertigen, was man schon weiß, in der Anstrengung liegt, zu wissen, wie und wieweit es möglich wäre, anders zu denken?[...] Der ‘Versuch’ - zu verstehen als eine verändernde Erprobung seiner selber und nicht als eine vereinfachende Aneignung des anderen zu Zwecken der Kommunikation - ist der lebende Körper der Philosophie ..."(Foucault 1986b, zit. aus Mazumdar 1998, 463). Eine "verändernde Praxis" ist die Konsequenz, wie die engagierte politische Arbeit und der Einsatz für Psychiatriepatienten und Gefängnisinsassen von Foucault zeigt (Eribon 1993; Miller 1995; Petzold, Sieper, Orth 1999)

    Auf solcher Grundlage einer engagierten "Sorge um sich", die nicht minder engagierte "Sorge um den Anderen" und "Sorge um die Lebenswelt" als Welt des Lebendigen ist, hat Supervision als metahermeneutisch gegründete Disziplin und engagierte professionelle Funktion bzw. "Profession" einen soliden, Boden.

    Wenn wir in diesem Text Reflexionen zur Situation des "Feldes der Supervision" vornehmen, die multitheoretisch und transdisziplinär ausgerichtet sind, streben wir eine hohe Konnektivierung von Wissens- und Erfahrungsbeständen an. Damit ist die Chance gegeben, daß es zu Emergenzprozessen mit neuen Lösungen als Emergenzien und zu einer Steigerung der Kokreativität und des Emergenzpotentials selbst kommt (Petzold 1998a, 41, 240, 312), und dieser Text ein metahermeneutischer und als solcher ein engagierter Text wird.

    Bei unserer Durchsicht der aktuellen Supervisionsliteratur mußten wir feststellen, daß in den meisten Supervisionsansätzen, wie sie sich in Publikationen artikulieren, die epistemologischen Positionen gänzlich ungeklärt sind, die Art und Weise also, wie man an das Material von Supervision, die betrachtete Realität bzw. Wirklichkeit (so in der Unterscheidung von Wallner 1990), ja an die Supervision selbst herangeht. Die radikalkonstruktivistischen "systemischen" Varianten von Supervision (Neumann-Wirsig,Kersting 1998) können von dieser Aussage ausgenommen werden, obwohl das völlige Fehlen einer metakritischen Reflexion der gravierenden philosophischen Probleme des "radikalen Konstruktivismus" schwer wiegt. Auch der "Integrative Ansatz" hat seine erkenntnistheoretischen Grundlagen expliziert (Schreyögg 1991 und vertiefend Petzold 1991a, 1994a, 1998a), so daß auf diese Veröffentlichungen verwiesen werden kann.

    Jede Methodik gründet in epistemologischen Vorentscheidungen, denn es ist schon ein Unterschied, ob man sich dem "kritischen Realismus" (ibid. 48),

    einer der "Referenzepistemologien" des Integrativen Ansatzes, mit seiner Unterscheidung von phänomenaler und transphänomenaler Wirklichkeit verpflichtet fühlt (Bischof 1966, 1996, 92) oder den radikalkonstruktivistischen Positionen von v. Foerster (1985, 1993) oder v. Glasersfeld (1996) folgt.

    Die Methodik selbst kann und sollte als Praxis des Erkenntnisgewinns verstanden werden, und auch das muß explizit gemacht werden. Deshalb seien in Ergänzung unserer früheren Ausführungen (Petzold 1991a, 1998a) einige Bemerkungen zur Methodik in diesem Text vorausgeschickt: Der Text verfährt immer wieder collagierend, spannt Netze von Wissensbeständen aus - den multipel konnektierten Netzteppichen oder Baldachinnetzen der Dictyna uncinata (Kräuselspinne) oder Nesticus cellulanus (Höhlenspinne) gleich (Bristowe 1971; Bellmann 1992), um diese als "Modellmetapher" (Petzold 1994a) für nichtlinerare Netzwerke zu verwenden - man könnte auch auf die Charakteristik neuronaler Netzwerke verweisen (Allman 1989; Lasar 1996) oder auf die Verküpfungen von Hypertexten (Landow 1992). So entsteht ein Sinngewebe mit dahinterstehenden Wissens-, Erfahrungs- und Praxisbeständen (Datenbanken), ein Netz, in dem sich auch Sektoren (vgl. 1.2) mit transitorischen, sektoriellen Zentren bilden, mit unterschiedlichen Knotenpunkten für die unterschiedliche Bestände, wo sich die Leser einloggen können (Müller, Petzold 1998) und Verbindungen zu ihren eigenen Wissens- und Erfahrungsbeständen herstellen, das eine oder andere aus unseren Materialien aufgreifen und herausnehmen, wenn sie es eines "downloads" für Wert erachten. Der Text interpretiert weiterhin das Gesagte, bewertet und wertet Wertungen, in transversalen, iterativen, dekonstruktiven, aber auch konstruierenden Diskursen, die immer wieder Sinnaspekte freisetzen. Sie bilden für den Leser "affordances" (Gibson), besitzen "Aufforderungscharakter" (Lewin), indem sie ihm zur Durchdringung, Konnektivierung mit eigenen Sinnfolien, zu Wertungen, inneren Diskursen und Interpretationen angeboten werden, zu Ergänzungen, Einfügungen in eigene Hypertexte, Einbringung von Absentem (es ist mit Derrida genauso wesentlich wie das Präsente), zu Weiterführungen, Überschreitungen (transgression); denn - und hier stimmen wir wiederum Derrida (1974, 1995) zu - der Sinn eines Textes, auch diesesTextes, wird vom Autor und dem Leser gemeinsam konstituiert, und wenn man diesen Text "ins Netz" stellt, wie wir es mit den vorliegenden tun, kann er aus den Wissensbeständen der Leser ergänzt und erweitert, kommentiert und kritisiert werden.

    Supervisoren können deshalb die "dritte Ordnung" (Merleau-Ponty 1968, 48), die Geschichte, die sich zwischen Subjekt und Objekt und zwischen den Menschen inszeniert, nicht ausblenden, denn sie treten immer wieder in diese Geschichte mit ein (Petzold 1999k). Immer geht es um diese "Zwischenwelt, die wir Geschichte, Symbolik und herzustellende Wahrheit nennen" (Merleau-Ponty 1966, 278f). Wir sind also nicht passiv an Geschichte ausgeliefert, sondern vermögen sie zu gestalten. Der Supervisor ist nicht nur in Überschau Betrachtender, er ist auch - unhintersteigbar - Involvierter, der auch in der Mehrebenenreflexion (Petzold 1994a) der Eingebundenheit in übergeordnete, ihn determinierende Ebenen nicht entkommen kann. Deshalb muß er in besonderer Weise auch praktisch "Sorge tragen", "nach dem Rechten schauen", wie eine der Bedeutungen des lateinischen supervidere nahelegt. Er ist Handelnder, in den Prozessen der Sinnkonstitution und Wirklichkeitsgestaltung sich selbst, sein Tun, seine Kontexte reflektierend - auch mit der Hilfe und Super- oder Intervision anderer. Dabei gilt: "Es gibt weniger einen Sinn der Geschichte als eine Beseitigung des Unsinns". Dieser Satz von Merleau-Ponty (1968, 55) - von dem wir (Petzold\Sieper) seit unseren Pariser Studienjahren neben den Vorlesungen von Marcel, Sartre, Ricoeur, Lévi-Strauss,Foucault und Deleuze stark beinflußt wurden - ist für unsere supervisorische Haltung eine maßgebliche Maxime geworden. Seine Konzepte der "Ambiguität", der "Pluralität" und "Differenz" erschließen eine "potenzierte Vieldeutigkeit" (Waldenfels 1985, 17), nicht nur einen polyvalenten Raum der Betrachtung, sondern auch der politischen Bewußtheit und Praxis. Für Merleau-Ponty galt - wie auch für Sartre oder Foucault:

    "Alle Tagesäußerungen sind getragen von der Suche nach Gesichtspunkten, unter denen das Politische denkbar wird ... Diese Gesichtspunkte werden nicht von außen her an die politische Praxis herangetragen, sondern aus ihr entwickelt und an ihr erprobt; ähnlich wie in den Wissenschaften sieht Merleau-Ponty auch hier eine implizite Philosophie am Werk, die es kritisch zu durchleuchten gilt" (ibid. 178f).

    In der Supervision muß neben Betrachtungsorientierung und der Reflexionsorientierung deshalb immer auch eine Handlungsorientierung zentral stehen, denn wir müssen Wirklichkeit/Realität nicht nur Wahrnehmen und Verstehen, sondern auch "entsprechend handeln" (Berlin 1998, 325) aus einer "Hermeneutik des Subjekts u n d seiner Gesellschaft" (vgl. Foucault 1989, 123ff) mit dem Ziel der "Transgression", der Überschreitung des Gegebenen in der professionellen Praxis wie im politischen Handeln (zum Ganzen vgl. unseren zentralen Text "Psychotherapie: MYTHEN und Diskurse der MACHT und der FREIHEIT", Petzold, Orth, Sieper 1999).

    Eine Reflexion, wie sie in diesem Text unternommen wird, ist auf Praxis in einem umfassenden Sinn gerichtet (vgl. die Praxistheorien von Castoriadis 1975, 1983 oder Bourdieu 1976). Sie kann nur als ein Konnektivieren von Aspekten unter mehrperspektivischem Blick - oder genauer: Wahrnehmen als Prozeß der "Integration und Differenzierung" (Merleau-Ponty 1964, 287) - aus und auf mehreren Ebenen geschehen, ein Ansatz, den wir als "metahermeneutische Mehrebenenreflexion" (Petzold 1994a) beschrieben haben und in unserer Arbeit der Supervision und des Metaconsulting (Petzold 1998a) praktizieren. Supervision erfolgt damit in einem transdisziplinären Blick und - darauf folgend - einem transdisziplinären Diskurs, im Polylog, der philosophische Perspektiven und GesprächspartnerInnen, der soziologische, psychologische Betrachtungsweisen mit sozialwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen FachkollegInnen, ggf. auch Vertreter anderer Disziplinen, in die Ko-respondenz einbezieht und einbeziehen muß (in unserem Text geschieht das durch die Autoren, die Autorin und die kritische Lektüre durch Ilse Orth, vgl. Anmerk. 1). Es ist auch ein prismatischer Blick, der beleuchtete Wirklichkeits- bzw. Realitätsausschnitte (Wallner 1990) wie durch ein Prisma in Richtungsänderungen des Abgebildeten, in Bilddrehungen und spektralen Analysen des beleuchtenden Lichtes betrachtet (d.h., um die Metapher zu konkretisieren, der iterativ eingesetzten theoretischen Optiken, vgl. Petzold 1998a, 135, Abb. 5.8). So wird die Zentralperspektive aufgelöst, werden Defokussierungen und Dezentrierungen ermöglicht (Merleau-Ponty 1964/1984). Der transversale und der prismatische Blick enthüllen die Polymorphie und Polychromie des Realen. Betrachtet man als SupervisorIn die Supervision durch ein Prisma, steht bei jeder Drehung der betrachtete Ausschnitt in einem "anderen Licht" da. Und selbst dieser Griff zum Prisma, der Gebrauch solcher Metaphorik wird befragt: unter diskursanalytischer Perspektive (Foucault) nach dem Herkommen und den Untergründen solcher Betrachtung und dekonstruktiv nach der D i f f e r e n z (Derrida 1967, 1998a), dem Abwesenden im Anwesenden, nach den Implikaten (Petzold 1991a, 195, 281ff), nach dem Nichtidentischen im Betrachteten. Der das Prisma gebrauchende Supervisor als Teil des supervisorischen Feldes muß dabei natürlich auch in den Blick kommen als Person und als Mitglied von "communities" (of scientists, researchers, professionals, practitioners, clients - was auch immer zutrifft). Und selbst wenn er sich durchs Prisma im Spiegel, in Spiegeln gar, betrachtet, in unzähligen Widerspiegelungen, bleibt ein punctum caecum, ein blinder Fleck, der den Blick und Diskurs des Anderen (Lévinas 1983), seine "Zeugenschaft" (Ricoeur 1969) erforderlich macht. Wir müssen heute diese "blinde Stelle" (Merleau-Ponty 1964, 278, 300ff) indes radikal sehen: unsere biologische perzeptuelle und cerebrale Ausstattung ermöglicht uns - selbst in avancierter wissenschaftlicher Forschung - nur, die Welt auf "Menschenweise" zu sehen (Edelman 1993). Unsere Welt- und Selbsterkenntnis ist strukturell begrenzt durch unsere Evolution im "Mesokosmos" (Vollmer 1975), eine letztlich banale, aber grundsätzliche Erkenntnis, die uns - eingedenk unserer durchaus destruktiven Seiten (Lorenz 1973, 1983; Petzold 1986h, 1996j) - Mahnung sein sollte, für vor-sichtiges Handeln, ein auf vielperspektivischer Wahrnehmung gegründetes, aber sie reflektierendes und metareflektiertes Handeln in allen Bereichen - das gilt natürlich besonders für jede super-vision.

    Merleau-Ponty ist mit seiner "Phänomenologie der Wahrnehmung" und seiner strukturtheoretischen Arbeit - besonders durch die Überschreitungen in seinem Spätwerk - für uns der fruchtbare Denker, der durch Einbeziehen der Psychologie, Soziologie, Ethnologie, Psychoanalyse, der Kultur- und Sozialwissenschaften in seinem Denken einen Blick mit pluraler Perspektivität ermöglicht hat - eben auch den Blick dieser anderen Wissenschaften und Praxen -, eine Zirkularität und Reversibilität der Betrachtung in ständiger "différenciation" (idem 1964, 155, 165, 322) bei gleichzeitigem Herstellen von Verknüpfungen (jointures), verbindenden Scharnieren (charnières). Aus dieser seiner Denkbewegung, die in der Philosophie und in den Sozialwissenschaften so vieles angestoßen hat (Grathoff, Sprondel 1976; Grathoff, Waldenfels 1983; Métraux, Waldenfels 1986) gingen Impulse zu Lévi-Strauss (1973, 9), zu Lyotard, Foucault, Derrida und zu vielen anderen - bis etwa zu Varelas (et al. 1992) biologischer Kognitionstheorie oder neueren Entwicklungen in der ökologischen Theorie Gibsons (Vedeler 1993; Petzold, van Beek, van der Hoek 1994, 518). Wir stehen in dieser Tradition interdisziplinären, transversalen Denkens, transtheoretischer Bemühungen,

    "die durch Näherungen, Konnektivierungen übergreifende theoretische Arbeitsmodelle bereitstellen wollen, die mit ‘umschreibbaren Unschärfen’ oder ‘calculable overlappings’ arbeiten ... Auf diese Weise wird es möglich .... Theorieansätze als sich ergänzende Perspektiven von ‘hinlänglicher Approximation’ für sozialpschologische und klinische Fragestellungen [auch für supervisorische natürlich, s.c.] besser umsetzbar zu machen" (ibid. 525, vgl. zu diesem grundsätzlichen Text die supervisionsspezifischen Adaptierungen in Petzold 1994a).

    Das "umkreisende Denken" von Merleau- Ponty, ermöglicht Spurensuche in unwegsamem Gelände, im "Dickicht der Lebenswelt" und den dort vorfindlichen rhizomatischen Verflechtungen der Sinnbezüge, ermöglicht Kurshalten auf dem Ozean der Weltkomplexität mit seinen Unterstömungen von anonymen Diskursen,Stömungen des Zeigeistes (idem 1989f), des Denkens, Wetterverhältnissen mit multikausalen Wirkungen (butterfly effect, E. Lorenz), die wir in betrachteten, durchlebten, erfahrenen, bearbeiteten Kontexten auffinden können, wo die Antwort auf eine Frage nicht nur vielfältige neue Fragen aufwirft, sondern der Kontext der Frage und des Fragenden in die dekonstruktive Arbeit mit einbezogen werden muß. Derridas (1998a) Methodik in "Auslassungspunkte" zeigt dies exemplarisch, wenn er in seinen Antworten die gestellten Fragen systematisch dekonstruiert. Auch Derrida hält Betrachtung und Diskurs "in der Bewegung des Umkreisens" (ibid.). So kommt man an "Ur-Ursprünge", die nicht "causa prima" sind, nicht als solche wichtig werden, sondern wichtig mit ihren Überlagerungen, Überschüssen (vgl. auch Merleau-Pontys [1960, 104] excès), Überbietungen, in denen Spuren erkennbar werden, die im Unauflösbaren bleiben. Da ist kein Ursprung, wie dies der Diskurs der Psychoanalyse suggeriert und daran scheitert (Derrida 1998b). Die Mehrdimensionalität kommt bei solcher Methodik beständig in den Blick. Sinnfolien ziehen sich durch vieldimensionale Räume, "Super-Strings" gleich, die sich ein- und ausrollend in elf oder zwölf Dimensionen bewegen, statt in den uns erlebnishaft zugänglichen vier von Raum und Zeit - um die Stringtheorie der modernen Physik als "Modellmetapher" zu gebrauchen (Petzold 1994a/1998a, 108). Linearkausale Sinnsysteme werden in komplexitätstheoretischen Überlegungen (Waldrop 1992; Roetzheimer 1994; Holland 1995) zu Sonderfällen in den Strömungen nichtlinearer Systeme - hier wird Derrida mit der "dynamic systems theory" (Kelso 1995), mit der longitudinalen Entwicklungsforschung (Rutter 1988) konnektiviert: vernetzendes Denken in verschiedenen Wissenssytemen und Referenztheorien (Petzold 1998a, 50 ff).

    Dieses für den Integrativen Ansatz typische Vorgehen (Ebert 1999) kommt auch in diesem Text zum Tragen. Er versucht nicht, letzte Anworten zu geben, eine Wahrheit, einen Sinn herauszustellen - mehr als Merleau-Pontys (1966, 344) "es gibt Sinn" ist nicht auszusagen - sondern Themen, Fragen, Wirklichkeitsausschnitte zu betrachten, in die "Ko-respondenz" (Petzold 1991e) zu bringen mit den Verweis darauf, was vor ihnen lag und nach ihnen kommen könnte, was unter ihnen liegt mag oder über ihnen - in welcher der vielen möglichen Schichten, wird natürlich gefragt -, was neben ihnen, rechts oder links in welchem Abstand situiert ist, was quer hindurch geht usw. Nicht-lineare, multikausale Sinnsysteme, wie sie sich in der Wirklichkeit von Menschen in "komplexen Feldern" bzw. "komplexen sozioökologischen Systemen" finden bzw. von ihnen generiert werden, sind mit den habituellen, linearkausal auf frühkindliche Familienkonstellationen rekurrierenden Deutungsschemata psychoanalytisch orientierter Supervision nicht zu durchdringen oder gar zu erschließen, genauswenig wie mit den einfachen Konfliktmustern traditioneller Gruppendynamik (bei magerem Rekurs auf Lewins Konflikttheorie, viel mehr ist in gruppendynamisch orientierten Supervisionsmodellen leider nicht zu holen). Vielmehr sind multitheoretische Deutungsfolien erforderlich (Mingers, Brocklesby 1996; Mingers, Gill 1997; Petzold, Rodriguez-Petzold, Sieper 1997), welche die Funktion von Navigationskarten für angemessene Kursbestimmungen im Meer der Weltkomplexität bieten.

    Der vorliegende, Entwicklungen der Supervison, des supervisorischen Feldes komplexitätstheoretisch reflektierende Text ist natürlich nicht ohne Vorlauf (idem 1991a, o,1994a), nicht ohne Seitenflächen (z.B. zum Feld der Therapie [vgl. Petzold, Orth 1999] oder zum Feld der Agogik hin [Petzold, Orth, Sieper 1995b; Sieper, Petzold 1993; Prengel 1993] und noch zu weiteren angrenzenden Feldern). Er muß also wiederum im Kontext unserer fortwährenden navigierenden, diskursiven und reflexiven Arbeit in diesem Feld und in angrenzenden Feldern gesehen werden, im Kontext unserer professionellen Beiträge zu diesem Feld in Theorie, Praxis, Ausbildung.

    Die Idee der Navigation ist für uns mit den Metaphern des "Lebensschiffes" und des "Bootsführers" dieses Schiffes von Vladimir N. Iljine (1909) in der Arbeit des "Therapeutischen Theaters" (Petzold 1979j, 1982, 319f) verbunden (vgl. Anmerk. 10 und 2.4; idem 1998a, 377). Im epistemologischen Kontext ist er uns vor vielen Jahren aufgekommen als wir uns mit den verschiedenen ideengeschichtlichen, therapeutischen und agogischen Quellen und Strömungen befaßt haben, die unseren eigenen "Integrativen Ansatz" beeinflußt haben (Petzold, Sieper 1977, 1988a) sowie mit dem Fluß des Herakleitos (dieselben 1988b), in den "man nicht zweimal hineinsteigt" (Fragment 91) und der uns "immer anderes und wieder anderes Wasser zufließen" läßt (Fragment 12). All diese Quellen, Flüsse, Ströme des Wissens bilden ein unendliches Meer von Information, Wissen, Erkenntnismöglichkeiten, die ineinanderfließen, in sich immer wieder kreuzenden Strömungen: das "Weltmeer mundaner Komplexität", dessen thalassale, Räumliches und Zeitliches verschränkende Bewegtheit immer neue Strömungskonfigurationen und ozeanische Klimata hervorbringt, eine Komplexität, die von keiner Karte und keiner Vorhersage erfaßt werden kann. Kartographie und Meteorologie bieten nur Navigationshilfen. Es genügt nicht, Wetterbericht und Seekarten zur Kenntnis zu nehmen, um sicher zu steuern. Die "Kunst des Navigierens" ist vielmehr eine immens kreative, synergetische Leistung der Auswertung und Umsetzung einer als Einzelfakten nicht mehr zu überschauenden Fülle von Informationen, von aspektiv, retrospektiv und prospektiv erschlossenen, d.h. temporalisierten Daten durch den Navigierenden. Sie ist ein intuitiver Akt, d.h. die Konnektivierung von zahllosen Wahrnehmungs-, Gedächtnis- und Antizipationsdaten, die in der Emergenzleistung eines ultrakomplexen Systems kulminiert, der Leistung des menschlichen Gehirns (und der dadurch ermöglichten kollektiven Geistesarbeit der Menschheit).

    In ihm liegen alle Möglichkeiten des generativen Milieus der Welt (= Chaosmos, idem 1992a, 491), aus der dieses Wunderwerk hervorgegangen ist, wie wir auf dem Boden "evolutionärer Erkenntnistheorie" (Lorenz, Wuketis 1983; Vollmer 1975; Riedl 1981; Riedl, Wuketis 1987; Petzold 1990b) aussagen können.

    Die Rede vom Navigieren ist für uns mehr als eine ansprechende Metaphorik. Navigieren ist für uns eine erlebte Erfahrung von dreißig Jahren wissenschaftlicher und praktisch-interventiver Arbeit in den verschiedensten realen und virtuellen Räumen, ein Steuern durch unterschiedliche Kulturen, Länder, Sprachgebiete, durch vielfältige Bereiche des Wissens und Tuns über eine lange Zeitstrecke. Jeder, der solche Meere befahren hat, wird den Begriff des Navigierens nachvollziehen können. Das "global network", der "cyberspace" (W.Gibson 1996) hat eine neue Dimension entstehen lassen, einen "irreduziblen Internet-Ozean" (Turkle 1998, 63). Gibsons Roman "Neuromancer" [1984] "veranschaulicht die Freuden des Navigierens durch den Simulationsraum. Der futuristische Held, ein Hacker, bewegt sich durch eine Matrix, die Verknüpfungen zwischen gesellschaftlichen. wirtschaftlichen und politischen Institutionen darstellt" (Turkle 1998, 62, unsere Hervorhebung). Der Cyberspace und der Computer bieten eine neue Möglichkeit für unsere "cerebrale Virtualität", unser Reisen durch Gedankenwelten, und auch neue Formen der praktischen Intervention in Therapie und Supervision (vgl. Müller, Petzold 1998), natürlich neue Formen der bricolage. "Für Planer sind Fehler Schritte in die falsche Richtung. Bastler dagegen navigieren durch Korrekturen auf halber Strecke. Bastler lösen ihre Probleme dadurch, daß sie in eine Art dialogische Beziehung zu ihren Arbeitsmaterialien eintreten" (ibid.) "Die Neubewertung des Bastelns in einer Kultur der Simulation führt auch dazu, daß die Visualisierung und die Entwicklung intuitiver Fähigkeiten durch Manipulation virtueller Objekte einen höheren Stellenwert erhalten. Statt eine im voraus festgelegte Reihe von Regeln zu befolgen, werden die User dazu angeregt, in simulierten Mikrowelten herumzubasteln. Dort lernen sie, wie die Dinge funktionieren, indem sie mit ihnen interagieren" (ibid. 79). Sherry Turkle, die wie wir in den sechziger Jahren in Paris studierte, in dem gleichen psychoanalytischen und "postmodernen Milieu", spricht geradezu von einem "Triumpf des Bastelns" (ibid. 76). Der deutsche Begriff "basteln", der für "bricolage" in der Regel als Übersetzung gewählt wurde, ist u.E. nicht glücklich, da er mit "Herumbasteln", mit einer nicht sehr qualifizierten Tätigkeit konnotiert wird. Die ingeniöse, höchst kreative, intuitive Seite des Begriffes geht dabei verloren, das "Erfinden", die "Simulation". Bricolage erfordert eine "intuitive", in Wissens- und Erfahrungsfülle gründende Intelligenz, die anders geartet ist als eine linear-konstruktive, klar strukturierte kognitive Architektonik. Derartige fluide, opalisierende Intelligenz muß zu dieser strukturierten hinzukommen, istalso nicht als eine Alternative zu verstehen, genauso wie wahrhafte Kreativität divergentes u n d konvergentes Denken erfordert (Petzold, in: Katz-Bernstein 1990, 912), die Inspiration des Einzelnen wie die Kokreativität des Kollektivs (zur integrativen Kreativitätstheorie vgl. idem 1990b; Iljine, Petzold, Sieper 1990). Bricolage fordert nicht-lineare Vernetzungen, wie sie der kognitive Konnektionismus (Rummelhart, McClelland 1986; Rummelhart 1989; Smolensky 1988) zum Zentrum seines Ansatzes gemacht hat, der für komplexe humanwissenschaftliche Fragestellungen und Praxen etwa in Psychotherapie, Entwicklungspsychologie und -beratung interessante Möglichkeiten der Konzeptualisierung und multimethodischen Praxis eröffnet hat (Caspar et al. 1992; Stintson, Palmer 1991; Petzold et al. 1995). Wir haben ihn für die Supervision adaptiert (idem 1994a. 1998a).

    Der bricoleur versteht es, seine fungierende und bewußte Wahrnehmung (Perzeptionsaspekt)über das Feld, dem er selbst angehört, und die übrigen Gegenstände des Feldes schweifen zu lassen: aktiv (ich sehe) und rezeptiv (die Dinge fallen mir ins Auge), subliminal "offen", sie exterozeptiv u n d propriozeptiv als Phänomene aufnehmend, Wahrnehmung und Handlung verschränkend, wie uns die ökologische perception-action-theory gezeigt hat (ibid. 145; Warren 1990).

    In subjektiv-persönlicher Resonanz auf das Wahrgenommene werden dabei "Qualia", d.h. ein "phänomenaler Innenaspekt" (Metzinger 1995, 323) generiert (phänomenologischer Prozess), den der Bricoleur zugleich in seinen Gedanken (Kognitionsaspekt) mit anderer, diskursiv vermittelter und kognitiv repräsentierter Erfahrung weiterer Subjekte abzugleichen, emotional zu werten (Emotionsaspekt) und zu interpretieren vermag (hermeneutischerProzess). Er läßt seinen Geist (Bewußtseinsaspekt) in "unzensierten Umkreisungen" die Gegenstände, Aufgaben, Probleme in ihrer ganzen Vielfalt kontemplieren, offen für die bewußten und subliminalen Resonanzen aus den Archiven des Gedächtnissen, dem Leib, dem polyvalenten Unbewußten (vgl. zur integrativen Bewußtseinstheorie Petzold 1988a,b).Er durchdringt sie in transversalen Quergängen unter Beiziehung vielfältiger Referenzen (metahermeneutischer Prozess, vgl. Petzold 1994a, 1998a), der ganzen Fülle zuhandener kultureller Wissens- und Erfahrungsbestände (Assmann, Hölscher 1988; A. Assmann 1999;, J. Assmann 1999) szientistischer und alltagspragmatischer Art (Stich 1996; Rogoff, Lave 1984), iterativ, wieder und wieder, diskursiv, genderbewußt (Fox Keller 1986; Petzold 1998h), in innerer, virtueller Zwiesprache mit AutorInnen oder in direkter Ko-respondenz mit GesprächspartnerInnen in "Echtzeit" oder auch in "chats" mit "buddies" im Net, bis die Mannigfaltigkeit in parallel distribuierten Prozessen hinlänglich als ein "Gesamt" deutlich und "erfaßt" wird. So entsteht ein "Spiel mit komplexen Mengen", dezentriert (Resnick 1994), wie gleichzeitige Aufführungen von unterschiedlichen Spielen (Kay 1985, 122) auf mehreren Bühnen oder den verschiedenen Böden einer Drehbühne, denn im Gehirn laufen unendlich viele Prozesse parallel. Aus der unermeßlichen Vielfalt dieses konnektivierenden Spiels, des Konflux (Petzold, Orth 1997) bewußter, "deklarativer" Wissens-/Erfahrungsbestände und fungierender, nichtbewußter "prozeduraler" Wissens-/Erfahrungsbestände (Gadenne 1996; Perrig et al. 1993) e m e r g i e r t Neues ( Krohn, Küppers 1992; Petzold 1998a, 41, 240), entstehen neue Lösungen für Probleme oder, wichtiger noch, neue Instrumente der Problembearbeitung.

    Wir haben soeben in unserer Navigation eine kurze Kursänderung vorgenommen und sind in den Randzonen der Kognitions- und Bewußtseinswissenschaften gesegelt (vgl. Metzinger 1995; Stich 1996; Pöppel 1985; Gadenne, Oswald 1991) - für Grundlagenfragen von Supervision unerläßliche und von Supervisoren noch kaum befahrene Bereiche. Wir haben auch ein Beispiel für Konnektivierung, für vernetzendes Denken gegeben: ökologische Wahrnehmungstheorie, Gedächtnistheorie, Kognitionswissenschaft, Bewußtseinsforschung, Metahermeneutik - Wissensbestände und Forschungen, die wir in unsere Theorieentwicklung und Praxis einbezogen haben (vgl. die entsprechenden Literaturverweise), werden konnektiviert. Und solches Vernetzen ist erforderlich, um einseitige, Wirklichkeitsareale ausblendende Strategien zu vermeiden, nicht nur immer in einem Gewässer zu fahren, vor einer Küste zu segeln, in einer Bucht zu tauchen, sich auf einer Strömung treiben zu lassen. Multitheoretische Zugänge (Mingers, Gill 1997), epistemologischer Pluralismus (Turkle, Papert 1992), d.h. der differenzierte Gebrauch von Metatheorien, Theorien und Methodologien sind für kompetentes Navigieren angesagt. In der Supervision, die doch Überschau beansprucht, gibt es viele Gruppierungen, die sind solchen Navigierens offenbar wenig kundig, Leute, die immer nur in der Strömung der systemischen (whatever that may be) oder psychoanalytischen bzw. der tiefenpsychologischen Epistemologie schippern mit Explikations- und Handlungsstrategien, die nur im Vorgriff "lösungsorientiert" operieren oder nur im Rückgriff mit Deutungsfolien zu - in der Regel dyadischen bzw familiären - biographischen Konstellationen, Konflikten und Traumata arbeiten. Hier wäre es erforderlich, einmal andere Karten beizuziehen und Sextant und Magnetkompaß durch Kreisel- und Radiokompass und anderes modernes Navigationsgerät (i.e. moderne Theorien, Forschungsergebnisse, Assessment- und Evaluationsinstrumente) zu ergänzen, ohne die bewährten Instrumente auszumustern, nur, ihre Bedeutung wird anders gewichtet!

    Denn die "traditionellen Tiefenepistemologien ... sind Erkenntnistheorien, in denen das Manifeste auf das Latente, der Signifikant auf das Signifikat zurückverweist. Die Postmoderne dagegen ist eine Welt ohne Tiefe, eine Oberflächenwelt", so "gibt es keine substantielle Bedeutung oder entzieht sich die Bedeutung für immer unserem Zugriff, so daß die Erkundung von Oberflächen die einzige angemessene Erkenntnisweise darstellt. Dadurch wird das gesellschaftliche Wissen zu etwas, durch das wir navigieren können, so wie wir den Macintosh-Bildschirm und dessen zahlreiche Ebenen aus Dateien und Anwendungen erkunden können" (Turkle 1998, 71) ..."ein Signifikant verweist nicht mehr eindeutig auf einen bezeichneten Gegenstand, und das Verstehen basiert weniger auf Analyse als auf dem Navigieren durch virtuelle Räume" (ibid. 75, unsere Hervorhebung). Dies ist eine, in postmoderner Psychoanalysekritik (Baudrillard 1994; Jameson 1984) wurzelnde Sicht, die für eine zukunftsgerichtete supervisorische Praxis - aber auch für Diagnostik und Therapie (Müller, Petzold 1998) gewichtige Innovationsimpulse gibt, was nicht heißt, daß man die Tiefenhermeneutik einmotten sollte. Nur ihre Bedeutung wird anders klassiert und sie verliert ihren Status als universales Erklärungsparadigma. Die "Tiefenperspektive" hat - nicht nur mit Blick auf die Metapher des "Meeres" mit seinen Tiefen, dem Philipinengraben, und Untiefen, dem Schelfmeer, der Flachsee - weiterhin eine Berechtigung, nur muß sie weiter gefaßt werden: es sind keine monolithen Erstursachen für Nachfolgendes mehr ins Feld zu führen. Monokausalität - ob im Bezug auf S. Freud, M. Klein, O. Kernberg, D. Stern oder wen auch immer - hat abgewirtschaftet. Das zeigt die longitudinale und die klinische Entwicklungspsychologie (Rutter 1993; Petzold 1993c, 1994j; Oerter et al. 1999). Die Berücksichtigung multipler Kausalitäten mit unterschiedlicher Gewichtung ist angesagt. Der latente Sinn in der "Tiefe", auf den sich eine Tiefenhermeneutik richtet, muß durch den "offensichtlichen" Sinnbezug in der "Breite" ergänzt werden, durch eine "Breitenperspektive", eine Breitenhermeneutik (Petzold 1991a, 196, 264, 559), die mit Merleau-Ponty (1964; Dreyfus 1986) ein "laterales Universum" ausfaltet, von dem auch - aus dezentriertem Blick (Merleau-Ponty 1969, 63) - die Phänomene, die "am Rande des Gesichtsfeldes" (ibid.180, 192) auftauchen, betrachtet werden müssen. Die Tiefe muß weiterhin - etwa mit Diskursanalysen und Genealogien im Sinne Foucaults und durch eine geschichtliche, kollektive Perspektive im Sinne Berlins -vertieft werden. Die Breite wiederum muß mit einem globalisierenden soziologischen Blick (Giddens 1991; Beck, Giddens, Lash 1995; Beck 1998) und einer engagierten ökologischen Sicht (E.U.v. Weizäcker 1992; Altvater, Mahnkopf 1997) verbreitert werden.

    Die Probleme (= Schwierigkeiten, Aufgaben, Chancen) eines Feldes können in transversalen Zeiten nicht mehr alleinig aus dem Feld selbst expliziert oder gelöst oder innovativ vorangetrieben werden (Petzold 1998f, 1999e), denn die Fragen der Tiefe und Breite sind so transgressiv, bereichsüberschreitend zu stellen, daß die Konsultation von Lotsen, von feldexternalen Experten unerläßlich wird, um in intensiven, möglichst in breite Bereiche hineingetragenen Diskursen und Arbeitsprozessen zwischen feldinternalen Experten und externalen Fachleuten - und um solche Polyloge wird es gehen - hinlänglich konsistente, sichere, aber auch wagemutige Kurse ausarbeiten zu können. Supervisoren gerieren sich ex professione als solche Experten. Sie sollten deshalb auch nach Experten für ihre eigene Feldentwicklung Ausschau halten. (Der kommende Supervisionstag der DGSv in Neu-Ulm 1.-2. Okt. 1999 läßt durch die Wahl der Referenten [Christa Müller, Daniel Goedevert, DGSv aktuell 2/1999, 3] auf eine Öffnung der Perspektiven in die Breite hoffen. Ob man allerdings damit sagen kann "Der Verband stellt sich gesellschaftpolitischen Fragen" [ibid.] wird man aus der Qualität von Beiträgen mit profilierten, zukunftsweisenden Positionen aus dem Verband selbst, aus der Arbeit auf diesem "Deutschen Supervisionstag", aus der Resonanz von diesem Treffen und aus den weiterführenden Entwicklungen und praktischen Konsequenzen für die Feldentwicklung ersehen).

    Das Konzept der Konnektivierung von Wissens- und Erfahrungsbeständen, von Positionen und Auffassungen ist ein Grundkonzept des Integrativen Ansatzes in Supervision, Therapie, Agogik und Kulturarbeit (Petzold 1993a; Petzold, Orth 1990; Petzold, Sieper 1970, 1976; 1993), welches ein Moment der Problematisierung, der dekonstruktivistischen und diskursanalytischen Hinterfragung (Deleuze, Derrida, Foucault) und ein Moment der Kreativierung, der Gestaltung (Rorty, Welsch, Haraway) in ko-respondierenden Auseinandersetzungen und kokreativen Begegnungen umfaßt (Petzold, Orth 1997). Wir werden in dieser Arbeit versuchen, in diesem Diskurs Probleme der aktuellen Situation des Feldes anhand aktueller Materialien zu thematisieren - anhand von "patches" (Flicken) bzw. "brics" (Brocken) oder "bricoles" (Stückchen) könnte man sagen - und vielleicht ist die Identität des Feldes der Supervison als "patchwork identity" (Keupp 1988) zu sehen und die Arbeit in diesem Feld und an diesem Feld als "bricolage", d.h. als systematisch-unsystematische "Bastelarbeit" oder "ausprobierende Erfindungsarbeit", um dieses Konzept von Lévi-Strauss (1973) aufzugreifen. Das ist eine höchst anspruchsvolle Tätigkeit an einem "Projekt in Entwicklung" ( vgl. ibid. 30), und als solches sehen wir die Supervision sowohl als Disziplin und auch als Methodologie (als "Profession" ohnenhin). Bricolage ist kenntnisreiche, ingeniöse Arbeit, in der kreative Explorationen, "nicht vorgezeichnete Bewegungen" (Lévi-Strauss 1973, 29ff), möglich sind, Unfertiges Raum hat, unterschiedlichste Elemente zunächst einmal gesammelt werden: Mythen und Forschungsdaten, Theoriekonzepte, Ideologien, Ideologeme und Praxisformen, Meinungen und Prinzipien - allerdings wird nichts totalisiert, nichts erhält den Status einer "ewigen Wahrheit." Jedes Element stellt eine Gesamtheit von konkreten und zugleich möglichen Beziehungen dar" (ibid. 31). Es kann im gegebenen K o n t e x t dann Problem, Ressource oderPotential (zu den PRP vgl. Petzold 1997p) werden. Was ein Element dann letztlich ist oder wird, bestimmt sich aus ko-respondierenden Diskursen (Habermas) zwischen den Menschen in ihren Kontexten und den von ihnen vertretenen Positionen in ihrer jeweiligen Sinnhaftigkeit und Legitimierung.

    "Weil Supervision ein Projekt in kreativer Entwicklung ist und bleiben muß, darf nichts vorschnell, voreilig gar, standardisiert und festgeklopft werden, wie dies derzeit zunehmend durch die Berufsverbände geschieht. Wenn man Supervision in ihrer Theorieentwicklung und in ihrer vollzogenen Praxis selbst als bricolage in diesem Sinne sieht, als "de bric et de broc", ein "Von-überall-her-Zusammentragen" - und vieles spricht für eine solche Sicht - sind unserer Auffassung nach die derzeitigen Institutionalisierungsstrategien der DGSv (Weigand 1999c) ein tiefgreifendes Mißverständnis von Supervision und ein verhängnisvolles Selbstmißverständnis der Supervisoren, die eine solche u.E. kreativitätstötende, innovationsfeindliche, Mittelmäßigkeit produzierende Verfestigung betreiben". Definition XI S

    Wir verwenden in unserem Text Materialien aus dem Feld, die vor uns liegen. "Der Bastler legt, ohne sein Projekt jemals auszufüllen, immer etwas vor sich hin" (Lévi-Strauss 1972, 35), und die Materialien aus den Entwicklungen eines großen supervisorischen Fachverbandes, der DGSv, liegen vor uns. Zwei der Autoren sind in ihm bewußt Mitglied, die Autorin ist bewußt und entschieden nicht Mitglied. Das von uns geleitete Ausbildungsinstitut, die "Europäische Akademie für psychosoziale Gesundheit" gehört der DGSv, wie schon erwähnt, als anerkanntes Körperschaftsmitglied an. Wir werden "patches", "brics" aufzufinden, aufzuzeigen bemüht sein, sie zusammenfügen (bricoler), sie dann aber auch aus der Exzentrizität, aus einer Metaebene mit einer theoretischen Systematik betrachten, um sie mit prinzipiellen Fragen supervisorischer Theorie zu verbinden, mit Fragen nach der Wissenschaftlichkeit und Qualität von Supervision, Fragen nach dem Wissensstand, dem Wissensgebrauch (oder Nicht-Gebrauch), der Wissensentwicklung, den Usancen des Nicht-Wissen (Ivanier/Lenglet 1996) in der Supervision. Natürlich suchen wir auch nach Verbindungen zu geschichtlichen Momenten, die uns für das Verstehen von gegenwärtigen Entwicklungen und von Zukunftsperspektiven in einer konzeptpluralen Supervision - und das muß die "Supervision der Zukunft" bleiben - wichtig erscheinen.

    "Eine Supervisionstheorie muß also Alltagstheorien und berufliche Theorien der Praktiker mit den wissenschaftlichen Theorien der Wissenschaftler verbinden, ohne dabei eine monolithische Supertheorie anzuzielen. Diese Theorie wird eher verschiedene Theorien locker vernetzen, wird auch Theoriefragmenten Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie wird eine unterschiedliche Praxis stützen, nicht gleichschalten; sie wird verschiedene Supervisionsmodelle absichern (Petzold 1995).Vor allem wird sie die belebende Dialektik von Format und Verfahren inganghalten. Eine solche Theorie kann nur pluralistisch sein" (Buer 1997, 391).

    Wir stimmen dieser Position von Buer vollauf zu.

    Diese unsere Arbeit ist ein "transversaler Text" (Welsch 1996; Petzold 1998a, 34, 65) voller Quergänge. Man muß ihn durchqueren, seinen Linienführungen zuweilen durchaus entgegenlaufend, immer wieder sie auch mitvollziehend. Man muß aus den eigenen Konnektivierungen persönliche Bedeutsamkeiten und Erhellungen gewinnen, eigene Sichtweisen, um bisherige Lesarten der eigenen Theorie und Praxis bestätigen, umschreiben oder überschreiben zu können. Es geht uns in Arbeiten dieser Art, mit dieser "bricolage" einerseits und mit der "metahermeneutischen" Methode der mehrperspektivischen Betrachtung und der Mehrebenenanalyse (vgl. andere Arbeiten wie Petzold 1996j, h; Petzold, Orth 1999; Petzold, Sieper, Orth 1999) andererseits darum, nicht zu e i n e r Wahrheit zu führen, sondern in verschiedene Ereignisse, die man erleben kann, zu verschiedenen Orten, von denen her man blicken kann, erkennt, daß Räume, Bereiche, Felder aneinandergrenzen: das ermöglicht Perspektivengewinn, Erleben von Angrenzungen, von Abgrenzungen auch, von Konsens und Dissens, von Chancen, Inspiration, Kokreativität, Neuheit von Ereignissen, Konflux. Das Berühren, Aneinanderstoßen, Aufeinandertreffen von Räumen der Andersartigkeit (Lévinas 1983), Heterotopien (Foucault 1998), schafft Innovation, Entwicklung, Vielfalt der Qualität, der Lebens- und Arbeitsformen, einen Reichtum an Existenzstilen (ibid. 496), an Supervisionsstilen auch.

    "Die Heterotopien signalisieren das Unmögliche eines Denkens und die Möglichkeit des Ereignisses. Sie gebären die Blitze des Werdens. ... Schrecken, Staunen, Lachen, Tanzen, Sprechen, Denken, Schreiben - das alles sin Intensitäten und Witterungsverhältnisse der Existenz", wie Mazumdar (1998, 26) die Ereigniskonzeption von Foucault zusammenfaßt.

    Supervisorische Realität ist die Realität von Ereignissen. Die Erarbeitung eines Textes wie des vorliegenden an der Grenze zu anderen Auffassungen von Supervision ist - in diesem Sinne - E r e i g n i s, seine Lektüre, die Diskurse über ihn sind Ereignisse, aus denen, wir hoffen es, neue Entwicklungen werden ...

    1.2 Überlegungen zum Supervisionsverständnis im "Feld" der Supervision

    Wenn in einem Text der Begriff "Feld" so häufig gebraucht wird wie in dem vorliegenden, sollte die zugrundeliegende Konzeption von "Feld" expliziert werden. Es geht natürlich nicht um einen Acker, einen Fußballplatz oder um eine Walstatt - unbegreiflicher Weise auch "Feld der Ehre" (nicht etwa des Grauens, der Verzweiflung und Vernichtung genannt). Es geht auch nicht um den "physikalischen Feldbegriff": Feld als Ergebnis von Kräften, die eine dynamische Beschaffenheit in dem sie umgebenden Raum konstituieren, sondern um einen psychologischen, sozialwissenschaftlichen, sozialökologischen Feldbegriff. Die größte Nähe besteht noch zum biologischen bzw. öklogischen und agronomischen Feldbegriff, denn hier geht es um Lebendiges, Wachstum, Anbau und Kultivierung, ökologische Nachhaltigkeit, Überwachung und Pflege von Feldern, Ökologien, Biotopen. Der deutsche Begriff " der Kamp" (vgl. lt. campus, frz. champ, span. campo, - engl. camp nur noch militär.) für ein umfriedetes Feldstück, einen umgrenzten Pflanzgarten mit Untergrund, spezifischer Bodenbeschaffenheit, bebaut mit verschiedenen Feldkulturen, umsäumt vom Feldrain mit seiner reichen Ökologie und Pflanzensoziologie - das Interessante ist oft an den Rändern -, eingebettet in andere Gewanne, Felder, Fluren, Gemarkungen, eingewoben in die von vielfältigem Leben erfüllte, in vielfältiger Wechselwirkung stehenden Gefilde einer Landschaft (das alte Kampanien war wohl solche), dieser Begriff "Kamp" also bietet eine Metapher für einen nicht-physikalischen, multipel konnektieren "Raum des Lebendigen", für einen "kampanalen Feldbegriff", der für eine sozialwissenschaftliche Feldkonzeption nützlichere Aspekte offeriert als die Feldtheorien der Physik und ihr "physikalischer Feldbegriff".

    1.2.1 Materialien zu einem sozialwissenschaftlich fundierten, "integrativen" Feldkonzept

    Der psychologische Feldbegriff bzw. die feldtheoretische Argumentation in der Psychologie, die von Wertheimer [1912] inauguriert und von Lewin (1963) in seiner topologischen bzw. Vektor-Psychologie entfaltet wurde, schloß sich eng an ein physikalisches Feldverständnis an, überschritt es aber durch das Einführen phänomenologischer Perspektiven zum Konzept des Lebensraums (Lewin), der die gesamte psychische und soziale Welt eines Individuums mit allen Personen, die von diesem wahrgenommen werden, einschließlich seiner eigenen, umfaßt. Die sozialpsychologische Ausgestaltung dieser Theorie blieb aber sehr stark von physikalistischen Analogien und Metaphern geprägt, so daß die "Modellmetapher" (Petzold 1994a/1998a, 108) zu physikalistischen Effekten in der Theorienbildung zu führen droht, es zu Kategorienfehlern und "Modellkontaminationen" (ibid. 107f) kommen kann, ähnlich wie es durch den physikalistischen Energiebegriff in der Psychoanalyse geschehen ist (vgl. Petzold, Orth 1999), der "unter der Hand" reifizierend wirkte und nicht mehr als Modellmetapher fungierte (Petzold 1994a). Zwar haben bei Lewin die wahrgenommenen Elemente/Gegenstände einen durchaus subjektiv zu sehenden "Aufforderungscharakter", und die Bedürfnisse oder "Quasibedürfnisse" des Individuums als aktivierende oder hemmende Kräfte können nicht-phykalistisch interpretiert werden (Walter 1985), so daß in Lewins Theorie der Feldbegriff nicht nur als "Modellmetapher" gelten kann. In dem Moment, wo in der Vektorpsychologie die von einem Individuum oder einer Gruppe ausgehenden "Kräfte" als Vektorkräfte interpretiert und mathematisiert dargestellt werden, findet allerdings eine Gleichsetzung von physikalischem Kraftbegriff (quantifizierbar, Produkt von Masse x Beschleunigung, 1 N= m kg/s²) und nicht quantifizierbarer Kraft als qualitativer psychologischer Größe statt, also keine Analogisierung, sondern ein Kategorienfehler. Deshalb muß in einer sozialwissenschaftlichen Konzeption des Feldes, der Lewinsche Feldbegriff von Physikalismen gereinigt, kampanal, d.h. sozialökologisch umformuliert und - auch dieses überschreitend - sozialphänomenologisch und sozialhermeneutisch reinterpretiert werden, wie dies z.B. in vielen soziologischen und sozialpsychologischen Theorien erfolgte: Theorien über "social environments" (Levine, Moreland 1995, 425ffe), über Situationen (Zimbardo 1975), soziale Konflikte (Moscovici 1975; Kempf 1997), Sozialisationsfelder (Hurrelmann 1995; Dubar 1998), "kollektive, kognitive und emotionale Areale" (social worlds, Petzold, Petzold 1991b; Hass, Petzold 1999, représentations sociales, Moscovici 1984).

    >>Ein soziales Feld ist demnach als ein von Individuen und Kollektiven erlebter Bereich sich wechselseitig beeinflussender "sozialer Tatsachen" zu sehen, ein durch kollektive Kognitionen, Emotionen, Volitionen (auch Gruppen, ja Völker können wollen) und Symbolsysteme bestimmter "sozialer Raum" mit sich verstärkenden oder begrenzenden, zuweilen konflikthaften "sozialen Kräfte" (Bourdieu 1980) - z.B. zwischen Gruppen, Schichten, Werte- und Glaubensgemeinschaften, Minoritäten (Moscovici 1979), Berufsgruppen, Therapie- oder Supervisionsschulen, Fachverbänden etc.<< (Petzold 1999).

    Es ist leicht einsichtig, daß diese Kräfte mit physikalischen Feldkräften (Elektromagnetismus, Gravitation) wenig zu tun haben, sondern daß diese Kräfte "sozial" als Macht-, Kontroll-, Interessen- und Einflußsphären und "ökonomisch" als die Macht des Kapitals, schließlich als "totalitär", als Verfügungsmöglichkeiten über physische Gewalt (etwa in faschistischen bzw. diktatorischen Regimen) verstanden werden muß. Bourdieu hat sich in seiner Feldtheorie als Theorie des Kräftefeldes (champ) besonders mit diesen Aspekten von Macht, Ökonomie und Konflikt befaßt:

    "Dans un champ, des agents et des institutions sont en lutte, avec des forces differentes et selon les règles constituées de cet espace de jeu, pour s’approprier les profits spécifiques qui sont en jeu dans ce champ. Ceux qui dominent le champ ont les moyens de le faire fonctioner à leur profit; mais ils doivent compter avec la résistance des dominés" (Bourdieu 1980, 136).

    Bourdieu fokussiert auf die Geteiltheit sozialer Räume und die dadurch entstehenden Interessenkonflikte und er differenziert "Felder", herausstellend, daß das ökonomische, schulische, familiäre, politische Feld keineswegs gleichgeartet funktionieren und ökonomisches und kulturelles Kapital in sehr unterschiedlicher Weise investiert wird . Auf jeden Fall müssen die dominierenden Gruppen, um ihren Einfluß auf das "ensemble de la société", die Gesamtgesellschaft, aufrecht zu erhalten, einen Teil ihres ökonomischen und kulturellen Kapitals rekonvertieren (Bourdieu, Boltanski, Saint-Martin 1973, 62f, vgl. Bourdieu 1989, 386), der Gesellschaft wieder zur Verfügung stellen, wobei natürlich in der Regel nach dem Prinzip der "gerade noch vertretbaren Minimalinvestition" in das Gemeinwohl und des maximalen Eigennutzes vorgegangen wird. Eine optimale Kombination ökonomischen, kulturellen und symbolischen Kapitals gewährleistet die Herrschaft der Herrschenden, wie Bourdieu (1980) am Schluß von "Le sens pratique" ausführt, wo er über die neue Variante des Kapitals als Feldkraft, das "symbolische Kapital", schreibt, dessen hauptsächliche Funktion in der "légitimation de l’arbitraire", der Rechtfertigung des Arbiträren bestehe und ihm erlaubt, "willkürliche Beziehungen der Herrschaft in legitime Beziehungen zu verwandeln" (ibid. 120f). Die im Feld wirkenden Gruppen mit der Macht ihrer Kapitalien in ihrem Gegen- und Miteinander verleihen dem Feld seine jeweilige besondere Struktur. Hier liegt eine, über die Lewinsche Konzeption hinausgehende, aber durchaus mit ihr zu vereinbarende "Theorie des Feldes" vor, die für supervisorische Kontexte sehr brauchbar ist. Im Integrativen Ansatz sind wir in eine ähnliche Richtung gegangen, haben dabei aber noch Aspekte der ökologischen Wahrnehmungstheorie von J.J.Gibson aufgenommen und zu einer sozialökologischen, d.h. "dynamisch-systemischen" Wahrnehmungs-Verarbeitungs-Handlungs-Theorie (Petzold et al. 1994a; Petzold 1994a) in einem in sich gestaffelten raum-zeitlichen Gefüge (Petzold 1974j, 316) ausgearbeitet (Abb. 2):

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    Abb. 2.: Die Person und ihr Umfeld als räumlich und zeitlich gestaffelte) Figur/Hintergrundrelation (= Kontext/Kontinuum). Aus: Petzold (1974j, 316)

    Abbildung aus 1996a S. 85 nehmen, event. einscannen

     

    Untertext:

    Der Klient trägt in jedem Moment seiner Gegenwart die Ereignisse seiner Vergangenheit und die Möglichkeiten seiner Zukunft in sich. Er ist als Person nur in diesem zeitlichen Kontinuum zu begreifen. In gleicher Weise steht er in einem sozio-kulturellen (Volks- u. Schichtzugehörigkeit) und einem sozio-physikalischen bzw. ökologischen (Land, geographische Region) Kontext, der sich als gestaffelte Figur / Grund-Relation erweist und als Bezugsrahmen in eine Mikro-, Meso-, Makro- und Megaebene differenziert werden kann: die aktuale "Hier-und-Jetzt-Situation", die Familie (Mikroebene), die allgemeine Lebenssituation mit Beruf, Freundeskreis, Nachbarschaft etc. bis zur sozialen Schicht (Mesoebene), die den Kulturkreis (Makroebene) und mundanen sozialen Zusammenhang (Megaebene) umfaßt. Die gleiche Differenzierung läßt sich für den ökologischen Standort machen: Wohnung, Haus (Mikroebene), Quartier, Dorf, Stadt (Mesoebene), Region, Land (Makroebene), mundander ökologischer Zusammenhang (Megaebene). Für jeden dieser Bezugsrahmen findet sich wiederum ein Zeit-Kontinuum; denn das aktuale Geschehen, jede Familie, jede Lebenssituation, jede Kultur hat Geschichte, Gegenwart und Zukunftsperspektiven. Ohne dieses Zeitkontinuum ist ein Verständnis von Struktur und Verhalten der genannten Systeme (Person, Familie, Schicht usw.) nicht möglich. Insgesamt ist also ein mehrperspektivischer Zugang erforderlich.

    Dieses in Abb. 2 dargestellte Modell liegt im Integrativen Ansatz jeder Kontext- bzw. Situationsbetrachtung zugrunde: als Aufsicht (supervisio) auf ein Feld und Überschau (supervisio) über sein Kontinuum, über seine aspektive Gegenwart, retrospektiv über seine Vergangenheit und prospektiv über seine antizipierbare Zukunft zugrunde. Es wurde 1972 als "integrativer sozialökologischer" Ansatz entwickelt und zwar unabhängig von und zeitlich vor dem Lewinschüler Bronfenbrenner (1975, 1979, 1993, 1994), der eine ähnliche Staffelung einführte. Auch wir haben eine theoretische Referenz zum Lewinschen "Lebensraum" und zugleich aber auch einen Blick auf Bourdieu, G.H. Mead und I.S. Vygotsky.

    Die Kontinuumsdimension, die in der Integrativen Supervision und Therapie ein besonderes Gewicht hat, erfordert differenzierte zeittheoretische Überlegungen und referenztheoretische Konnektierungen zum individuellen Gedächtnis (Endgelkamp 1990; Petzold 1992a, 700 - 723) und zum kollektiven Gedächtnis (Assmann, Hölscher 1988; A. Assamann 1999; J. Assmann 1999; Petzold 1992a, 882-897), zu narrativer Kultur, Erinnerungs- und Identitätsarbeit (ibid. 357 - 394; idem 1999k). Wir haben uns in einer Reihe von Arbeiten mit diesen Themen beschäftigt (idem 1981a, f, h, 1991o). Mit Rückgriff auf das Zeitverständnis von Merleau-Ponty (Petzold 1991o) und mit Meads pragmatistischer Zeittheorie wird das bei Lewin von K.L. Frank übernommene Konzept der "Zeitperspektive" - d.i. das bewußte Bezogensein auf einen mehr oder weniger langen Zeitraum des Vergangenen und Zukünftigen (Petzold 1992a, 607ff, idem1981e) - ergänzt. Wir betrachten das Feld konsequent temporalisiert und unterstreichen, daß Feldprozesse nicht geschichtslos, aber gegenwartszentriert sind, im Fluß extendierter Dauer verlaufen:

    "Dauer ist ein kontinuierliches Übergleiten einer Gegenwart in die andere. Die Gegenwart ist ein Übergang, der aus Prozessen besteht, dessen frühere Phasen in bestimmter Hinsicht ihre späteren Phasen bestimmen. Wirklichkeit liegt also immer in einer Gegenwart. Wenn die Gegenwart vorbei ist, ist sie keine Wirklichkeit mehr. Es erhebt sich die Frage, ob die Vergangenheit, die in unserer Erinnerung und in unseren noch weiter rückwärts gerichteten Projektionen auftritt, sich auf Ereignisse bezieht, die in solchen beständig ineinander übergehenden Gegenwarten existieren, oder auf jene Phase, welche Bedingung für die gerade vorbeiziehende Gegenwart war, die uns erlaubt, unser Verhalten in Richtung auf die Zukunft, die auch in der Gegnwart entsteht, zu bestimmen. Ich würde das letztere behaupten. Meine Position besagt, daß die Vergangenheit so konstruiert ist, daß sie sich nicht auf Ereignisse bezieht, die unabhängig von der Gegenwart Realität haben, die der Sitz von Wirklichkeit ist. Die Vergangenheit bezieht sich vielmehr auf die vorübergehenden Bedingungen der Gegenwart, die Voraussetzung für intelligentes Verhalten sind. Es ist dabei klar, daß das Material, aus dem diese Vergangenheit konstruiert wird, in der Gegenwart liegt.." (Mead, 1969, 411).

    Die Gegenwart als "Sitz der Wirklichkeit" bzw. "Realität", wenn man der Distinktion Wallners (1990) folgt, ist der Ort der Feldprozesse, in denen Monumente der Vergangenheit, kollektives Gedächtnis (A. Assmann 1999; J. Assmann 1999) als bewußt interpretierte Vergangenheitsrelikte gegenwärtig anwesend sind oder sich unbewußt als aktuale individuelle und kollektive Verhaltensinszenierungen anonymer Diskurse (Foucault 1978a,b) fortschreiben. Da die Gegenwart aber der Wirkraum ist, besteht auch die Möglichkeit, Gegenwart und Zukunft - aller Vergangenheiten zum Trotz - zu bestimmen und zu gestalten, es sei denn, die Lebensbasis, die mundane oder sektoriale Ökologie wurde gravierend beschädigt, weshalb auf die ökosophische Sorge (Petzold 1992,a 493f) um diese Lebensgrundlage besonders zu achten ist. Mit Mead (1934, 1983) können wir das Feld auch als von "symbolischen Interaktionen" (vgl. Steinert 1973) und "bedeutungsvollen Narrationen" (Petzold 1991a, 374 - 394, 729f, 900ff) erfüllterRaum des Sozialisationsgeschehens, Ort der Identitätsarbeit in "praktischer Intersubjektivität" (Joas 1982, 1985) betrachten.

    Mit Vigotsky wiederum, seinem Proximitätskonzept (Vigotsky 1938/1978, vgl. Oerter 1992), lassen sich die Prozesse sozialer Interaktion im Feld sowohl entwicklungspsychologisch als auch sozialkonstruktivistisch gut begründen, die bei Lewin zu sehr abstrakte Feldkräfte bleiben. Die koordinierten, reziproken Interaktions- und Kommunikationsprozesse zwischen Menschen sind ja in dem recht groben Raster der Kommunikationstheorien der Transaktionsanalyse oder des NLP oder auch des Modells von Watzlawick et al. (1969) sehr ungenau expliziert (vgl. hingegen das integrative Modell in Petzold, van Beek, van der Hoek 1994, 508ff). In Vygotskys "Zone nächster Entwicklung" (ZNE) vollzieht sich Entwicklung durch Ko-Konstruktion, wie auch wir in unserer Ko-respondenz-Theorie als allgemeiner Theorie intersubjektiver Sinnkonstitution und Handlungskoordination, die zu Konsensbildungen, Konzepten und - daraus folgend - Kooperation führt (Petzold 1978c), herausgearbeitet haben. Die Temporalisierung durch das Kontinuum ermöglicht - das ist für den Integrativen Ansatz kennzeichnend - eine Verschränkung von Entwicklungs- und Interaktionstheorie "im gegebenen Kontext/Kontinuum" (Feld), und das kommt unter einer "life-span-developmental perspective" (Petzold 1981f, 1999i), wie wir in zahlreichen Arbeiten gezeigt haben, für alle Lebensaltergruppen: Kinder (Petzold, Ramin 1987; Petzold 1995a), Jugendliche (Müller, Petzold 1998), Erwachsene und alte Menschen zum Tragen (idem 1993a; Petzold, Müller 1997; Petzold, Petzold 1991), nicht nur für Alltagsinteraktion, sondern auch für professionelle Interaktion, Beratung, Therapie, für Supervision als gemeinsame Sinnkonstruktion (vgl. auch Berger, Luckmann 1970).

    "Besonders interessant wird das Konzept der ZNE für Beratung und Therapie. Sie präsentieren sich nun als Ko-Konstruktionsleistungen von Klient(in) und kompetenten Partnern. Beide Seiten bemühen sich um Ko-Konstruktion, die von Schritt zu Schritt neue Entwicklungsergebnisse bringen kann, sofern man sich auf der ZNE befindet. Nun wird eine Definition von Beratung und Therapie möglich. Entwicklungsorientierte Beratung ist Ko-Konstruktion von Alternativen für zukünftiges Handeln auf der Basis des gegenwärtigen Entwicklungsstandes" (Oerter, Noam 1999, 70; vgl. Brandstädter 1985, 7: Beratung ist "argumentative Vorbereitung entwicklungsbezogenen Handelns" - unter den Konditionen der jeweiligen Feldbedingungen, möchten wir hinzufügen.)

    Die Ko-konstruktionen führen zu "Arealen kollektiver Kognitionen und Emotionen" im Feld und seinen Sektoren, was wir als "social worlds" bezeichnen (Petzold, Petzold 1991; Hass, Petzold 1999). Mit der "symbolisch-interaktionalen Perspektive" in der Tradition Meads, mit Berger und Luckmanns Konzept sozial konstruierter Wirklichkeit (vgl. auch Schreyögg 1991, 93ff, 260ff) und mit Ko-Konstruktionen in der Folge Vygotskys wird das Feldkonzept kognitiviert undbetont, daß Feldsektoren immer mit "sozialen Repräsentationen" als kollektiven Kognitionen (Moscovici 1984) - wir fügen hinzu Emotionen und Volitionen - verbunden sind.

    Das sozialökologische Modell in der Linie Lewin (1963), Bronfenbrenner (1979, vgl. Saup 1993), aber auch in der Linie von Gibson (1979; Valenti,Good 1991, Petzold et al. 1994j) wird damit überschritten. Durch die Temporalisierung auf der kollektiven Dimension suchen wir mit dem retrospektiven Blick in die "Tiefe", auf die Geschichtlichkeit und ihr Weiterwirken - etwa in Form von offenen Traditionen, kulturellem Gedächtnis (A. Assmann 1999; J. Assmann 1999) und Metaerzählungen (Lyotard) oder anonymen Diskursen (sensu Foucault als kollektiv nicht bewußte Unterströmungen) - Tiefenstrukturen bzw. Untergrundskräfte des Feldes oder einzelner Feldsektoren mit einer Tiefenperspektive zu erfassen, und zwar in der und für die gegenwärtige Wirklichlichkeit durch kulturgeschichtlich-kritische Analysen (Berlin 1998) oder genealogische Arbeiten (Foucault 1971, 1972, 1977). Durch den aspektiven Blick in die "Breite" der Gegenwart und prospektiv in die "Weite" der Zukunft wird in einer die temporalisierten sektoren- und feldübergreifenden Sicht eine t r a n s v e r s a l e "Breitenperspektive" und "Weitenperspektive" bzw. Horizonthaftigkeit (Merleau-Ponty 1964,1966; Petzold 1988a,b, 1991a, 126, 264) mit lateralen und attraktorialen Feldkräften erfaßbar. Scherenkräfte von den Seiten oder Attraktoren aus Künftigem, können mächtige Einwirkungen sein (idem 1998a, 376f). In Konnektivierung all dieser Perspektiven in einer Hyperdialektik, um auf diesen Begriff Merleau-Pontys zu verweisen (Richir 1986; Taminiaux 1986), in einer Hyperexzentrizität der Mehrebenenbetrachtung und -analyse (Petzold 1998a, 155f) des Feldes, seiner Sektoren und der Feldbedingungen können Tiefenstrukturen sichtbar werden - wie die wenig bewußten Macht- und Kontrollaspekte von Supervision (vgl. 2.2, 2.4) - und Suprastrukturen erkennbar werden, wie Pluralisierungs-, Flexibilisierungs-, Maximalisierungs-, Globalisierungstendenzen der Moderne und ihrer Manifestationen z.B. in den Markt-, Expansions- und Qualitätsideologien innnerhalb vieler Sektoren des supervisorischen Feldes (vgl. 1.2). Interdisziplinäre Konnektivierungsdichte und Hyperexzentrizität zu Kontext/Kontinuum (welche gänzlich nie überschritten werden können) in transsektorieller Überschau (supervisio), transkampanalen Übersichtenzur "Emergenz" von äußerst umfassenden "holographischen" Perspektiven führen, Sichtweisen mit "Trans-Qualität" (ibid. 238f), wie sie z.B im Oeuvre Meads, Merleau-Pontys, Berlins, Ricouers oder Foucaults vorgelegt wurden oder wie sie im interdisziplinären Diskurs in komplexen Supervisions- und OE-Projekten zuweilen entstehen (Senge 1996). Trans-Qualitäten entstehen seltener als dies möglich wäre, würde man eine Methodologie metareflexiver Arbeit wirklich systematisch anwenden und die Methodik des Metaconsulting gezielter und häufiger einsetzen.

    Es wurden mit diesen Überlegungen das Konzept einer "integrativen Feldtheorie" vorbereitet, das wie folgt definitorisch umrissen werden kann:

    Feld - wir sprechen auch von einem in sich in Mikro-, Meso-, Makrobereiche gestaffelten Kontext/-Kontinuum - ist aus sozioökologischer, sozioökonomischer und sozialkonstruktiver Perspektive ein von gesellschaftlichen Gruppen/Gruppierungen wahrgenommener, in ihren Interaktionen definierter, interpretierter, bewerteter, mit kollektiven Kognitionen, Emotionen und Handlungen erfüllter Raum (sozial, ökologisch, ökonomisch, physikalisch und metaphorisch auffaßbar, dabei immer temporal). Gruppen, die sich wechselseitig beeinflussen, miteinander koalieren, wettstreiten oder kämpfen, konstituieren ihn im historischen Prozess (Berlin 1998). Dieser Raum stellt ein dynamisches Ganzes dar, seine zumeist unscharfen, gelegentlich scharfen Grenzen und Macht- und Einflußsphären als zentralen oder peripheren Sektoren im Feld wurden ko-respondierend ausgehandelt oder durch Kampf bestimmt. Ein Feld mit den in ihm befindlichen Menschen, Gruppen, Organisationen und Institutionen ist damit als ein umgrenzter Lebens-, Aufgaben- und Sinnbereich innerhalb umliegender oder übergeordneter Felder im Gesamtkontext der Gesellschaft zu sehen, ein kampanales Areal, daß durch unspezifische und spezifische, in multiplen Kausalbeziehungen stehende "Feldkräfte" gekennzeichnet ist: affordances und constraints (vgl. Gibson 1979), ökonomisches, symbolisches, kulturelles Kapital (vgl. Bourdieu 1980), Diskurse und Dispositive der Macht (vgl. Foucault 1978 a,b), Netzwerkdynamiken mit ihren kollektive Kognitionen, Emotionen, Volitionen (social worlds, vgl. Hass, Petzold 1999; Moscovici 1984), im kollektiven Gedächtnis aufgehobene Vergangenheitsbelastungen, Gegenwartskrisen, Zukunftschancen. Feldbedingungen und Feldprozesse konstituieren in Form intentionaler und fungierender sozialisatorischer Interaktionen und Narrationen sowie durch Wirkungen von formellen und informellen Sozialisationsagenturen das Sozialisationsklima und prägen die Sozialisationsprozesse von Individuen und Gruppen als "produktiv realitätsverarbeitenden Subjekten" (Hurrelmann 1995, 69).

    Ein Feld wird e x t e r n a l bestimmt durch die Attribution von spezifischen und unspezifischen Identitätsmerkmalen (von "harten" oder "weichen" Territorialgrenzen und Sektorenmarkierungen, von Werten und Normen, von Problemen, Ressourcen und Potentialen, von Informationen und Diskursen) aus angrenzenden oder übergeordneten Feldern. Es wird weiterhin i n t e r n a l bestimmt durch Territorialorientierung, Segregations-, Hermetisierungs-, aber auch durch Expansions- und Konkurrenztendenzen, durch fachliche Konzepte, Werte und Normen, durch Probleme, Ressourcen [u.a. Kapital] und Potentiale, durch Informationen und Wissensbestände, Diskurse und Kapitalströme, die im Feld und seinen zentralen und peripheren Sektoren [vgl. 2.3.6] selbst vorhanden und wirksam sind und mit dem Ziel seiner Stabilisierung und seines Wachstums genutzt werden oder zum Tragen kommen (durch Kommunikations- und Aufgabenspezifität, Ressourcenvorrat, Produktangebot, Handel und Austausch nach innen und außen). Im Feld können Untergrundskräfte aus seiner Tiefenstruktur, laterale Kräfte von seinen Rändern und attraktoriale Kräfte aus seinem Zukunftsraum wirksam werden. Die Synergie der vielfältigen externalen und internalen Einflüsse und Austauschprozesse, ihre differentielle und integrierende Konnektivierung in der kollektivenIdentitätsarbeit des Feldes im Kontinuum durch Dekonstruktionen, Bricolage, Navigation, durch Diskurse, Narrationen, Reflexionen, Metareflexionen, durch Macht- und Wahrheitsspiele (Foucault 1998) konstituieren in fortwährenden Emergenzen Feldidentität im Prozess. Gelingende Feldprozesse - überlegt und legitimiert gesteuerte u n d spontane, selbstorganisierende - bestimmen in ihrer kokreativen Interaktion mit den Einwirkungen aus umliegenden und übergeordneten Feldern transversale, sich beständig überschreitende Feldentwicklungen" (Petzold 1999).

    Die in dieser komplexen Definition komprimierte "integrative Feldtheorie" bzw. "Theorie des Kontext/Kontinuums" kann an dieser Stelle natürlich nicht ausgefaltet werden, z.B. nicht in Richtung der erforderlichen chronosophischen, sozialisations- und identitätstheoretischen Vertiefungen (Petzold 1981e, 1991o; 1998a), ihre Netzwerkkonzeption und Theorie kollektiver Sinnprovinzen, d. h. der "social worlds" (Petzold 1998a, 114; Petzold, Petzold 1991b; Hass, Petzold 1999). Da aber Supervision im Rahmen der Erwachsenensozialisation und den in dieser stattfindenden Prozesse professioneller Sozialisation ein sozialisatorischer Einfluß ist, über dessen Wirkung und Wirkungsintensität aufgrund der derzeitgen Forschungslage noch wenig ausgesagt werden kann (allenfalls von der Wirkung spezifischer Supervisionsausbildungen, vgl. Schigl, Petzold 1997), soll auf das integrative Sozialisationskonzept kurz eingegangen werden, zumal Feldtheorie bzw. die Theorie von Kontext/Kontinuum von Sozialisationstheorie (damit auch von Entwicklungstheorie und Identitätstheorie) nicht losgelöst betrachtet werden können. Finden hier keine konsistenten Konnektivierungen statt, fehlen jointures, bleiben solche Theorien unverbundene membra disjecta. Aussagen, die Supervision als "die wohl interessanteste in diesem Jahrundert neu entwickelte Sozialisationsinstitution" (neben der Psychotherapie) sehen (Giesecke, Rappe-Giesecke 1994), werden sich dann noch weniger substantiieren lassen als dies ohnehin der Fall sein dürfte. Ein expliziertes Sozialisationsverständnis ist in jedem Fall für Theorie und Praxis von Supervision unerläßlich, weil sie beständig mit mißlingenden und mißlungenen Sozialisations- und Identitätsprozessen zu tun hat, wo sie in Hilfeorientierung tätig wird oder mit zu fördernden und gelingenden Prozessen dieser Art, wenn sie mit Persönlichkeitsentwicklung und Ressourcenförderung (Petzold 1997p) befaßt ist. Eine kompakte Zusammenfassung soll unsere sozialisationstheoretische Position verdeutlichen:

    "Sozialisation wird im Integrativen Ansatz als die wechselseitige Beeinflussung von Systemen in multiplen Kontexten entlang des Zeitkontinuums (Petzold, Bubolz 1976) aufgefaßt, als der - gelingende oder mißlingende - Prozeß der Entstehung und Entwicklung des Leibsubjekts und seiner Persönlichkeit in komplexen Feldern bzw. Feldsektoren, sozialen Netzwerken und Konvoys (Hass, Petzold 1999) über die Lebensspanne hin, in denen die gesellschaftlich generierten und vermittelten sozialen, ökonomischen und dinglich-materiellen Einflüsse und Feldkräfte unmittelbar und mittelbar den Menschen in seiner Leiblichkeit mit seinen kognitiven, emotionalen, volitiven und sozial-kommunikativen Kompetenzen und Performanzen prägen und formen: durch positive und negativ-stigmatisierende Attributionen, emotionale Wertschätzung, Ressourcenzufuhr oder -entzug, Informationen aus dem kommunikativen und kulturellen Gedächtnis (A. Assmann 1999; J. Assmann 1999), Förderung oder Mißhandlung. Dabei wird der Mensch als ‘produktiver Realitätsverarbeiter’ (Hurrelmann 1995, 66) gesehen, der in den Kontext zurückwirkt, als ‘Mitgestalter seiner eigenen Identitätsprozesse’ (vgl. Bandstädter 1985, 1992) durch Meistern von Entwicklungsaufgaben (Havighurst 1948), durch Identitätsentwürfe, Ausbildung von "Identitätsstilen", Wahl von life styles und social worlds. In Prozessen multipler Reziprozität, der Ko-respondenz und Kooperation, der Ko-Konstruktion und Kokreation interpretiert und gestaltet er die materielle, ökologische und soziale Wirklichkeit gemeinschaftlich (Vygotsky 1978) in einer Weise, daß sich die Persönlichkeit, die relevante ökologische und soziale Mikrowelt und gesellschaftliche Meso- und Makrofelder beständig verändern und er sie und sich mit allen Ressourcen, Kompetenzen und Performanzen entwickelt. Dies geschieht in einer Dialektik von Vergesellschaftung (Generierung von ‘social worlds’, kollektiver Kognitionen, Klimata und Praxen) und Individuation (Generierung subjektiver Theorien, Atmosphären und Praxen). Ihr Ergebnis ist eine je spezifische, in beständigen konnektivierenden und balancierendenKonstitutionsprozessen stehende und flexible transversale Identität des in Weltkomplexität navigierenden Subjekts und seiner sich beständig emanzipierenden Persönlichkeit in einer wachsend globalen, transkulturellen Gesellschaft mit ihren Makro-, Meso-, Mikrokontexten und deren Strukturen und Zukunftshorizonten" (vgl. Petzold, Ebert, Sieper 1999; Petzold, Orth 1999, 202f).

    Mit diesem Sozialisationsverständnis wird vor dem Hintergrund der integrativen Feldtheorie auf verschiedene für die Integrative Therapie und Supervision charakteristische Traditionslinien abgestellt. Zwei seien hervorgehoben:

    - In der Folge von G.H.Mead (1968, vgl. Joas 1982; Petzold, Mathias 1982), einem Verständnis von "symbolischer Interaktion" und sozialer Konstruktion" (Berger,Luckmann 1970; Strauss 1978) wird das Konzept der "social world", kollektiver Kognitionen, Emotionen und Volitionen betont (Petzold, Petzold 1991b). Es hat für das Verständnis professioneller Sozialisation in Mikro-, Meso- und Makrosektoren Bedeutung, z.B. in Supervisionsausbildungen und Lehrsupervisionen:

    Lehrsupervision, curricular gefaßte Supervisorenausbildungen, die Ausbildungsinstitutionen, das supervisorische "Feld" (Petzold, Lemke, Rodriguez-Petzold 1994) haben in zentraler Weise die Funktion, derartige "social worlds" herzustellen, in die die Ausbildungskanditaten durch den Ausbildungsprozeß und durch ihre beginnende eigene supervisorische Tätigkeit eingegliedert werden, indem sie Perspektiven, die Art und Weise, Zusammenhänge zu sehen, an Probleme heranzugehen, die der Supervisor bzw. Lehrsupervisor faktisch demonstriert, übernehmen. In diesen Prozessen geschieht "professionelle Sozialisation" (van der Linden K1987; Heinz 1982,1991; Keupp 1982). Besteht eine ausreichende Konvergenz zwischen den "mikro-social-worlds" einzelner Schulen, d.h. ihren kollektiven kognitiven Interpretationsfolien, so können die "professional community" der Suzpervisoren und das "Feld der Supervision" eine gewisse Kohärenz erlangen. Es kann sich eine "meso-social-world" (übergeordnete, gemeinsame Perspektiven) konstituieren, die einen gewissen ausgehandelten und konsensuell etablierten "Toleranzspielraum" für Differenzen, ja Divergenzen der einzelnen "mikro-social-worlds" ermöglicht und damit Mehrperspektivität im Feld zu gewährleisten vermag.(Petzold 1998a, 114f)

    - Die zweite herausgestellte Traditionslinie ist - wiederum mit Bezug auf Mead und auf entwicklungspsychologische Konzepte (Havighurst I946; Wallon 1921, 1949; Piaget 1974, 1976; Vygotsky 1978; Baltes 1979, 1987) - eine balancierende und konnektivierende identitätstheoretische Folie (Petzold 1993d, 1998h; Krappmann 1969, 1997), die wiederum mit einer sozioökologischen Folie (idem, Beek, van der Hoeck 1994; Fend 1987) konnektiviert ist sowie mit einer Kompetenz- und Performanztheorie, d.h. Kognitions- und Handlungstheorie verbindenden Folie (idem 1994a). Die Ausrichtung am "life span developmental approach" (Petzold, Bubolz 1976; idem 1979k 1999b; Baltes, Reese, Lippsit 1980; Baltes 1990), eine Lebenslaufperspektive der Sozialisation (Kohli 1991; Dittmann-Kohli 1998) führt dabei zu einem dynamischen Identitätsbegriff, der keine starre Selbigkeit vertritt und auch keine unbestimmbare "patchwork identity" (Keupp 1988, 189), sondern einen Prozeß permanenter, "konnektivierender, transversaler Identitätskonstitution" betont als ein Aushandeln von Identitätsformen und -qualitäten mit wechselnden life styles (Müller, Petzold 1998; Assheuer 1999) in komplexen Lebens- und Sozialwelten navigierend mit dem Ziel einer emanzipierten bzw. sich ständig emanzipierenden Identität (idem 1992a, 530ff). Dabei wird das Moment der Wirkungsmöglichkeiten zum Anderen (Lévinas) hin und auf den gesellschaftlichen Kontext hin, d.h. die veränderungswirksame Kraft des Subjektes zum Kontext hin (Berlin 1998) unterstrichen, denn auch ein Individuum ist ja eine "Feldkraft". Außerdem werden die Rückwirkungen von Attributionen auf die Attribuierenden, die Reziprozitätseffekte (idem 1996j, 427, 1998a, 267, 285) in Identitätsprozessen betrachtet. Stigmatisierungen (Goffman 1963; Haeberlin, Niklaus 1978; Hohmeier, Pohl 1987) haben nicht nur Negativwirkungen auf die Stigmatisierten, sondern auch auf die Stigmatisierenden (die z.B. durch ihre Härte gegen Andere selbst progredierend verhärten!).

    Wenn man Sozialisationstheorie und moderne Identitätstheorie mit den dahinterstehenden entwicklungs-, persönlichkeits- und sozialpsychologischen Theorien im feldtheoretischen Kontext "zusammendenkt", hat man einen sehr brauchbaren Rahmen für professionelle Sozialisationsprozesse begleitende Supervisionsarbeit, für die theoretische Fundierung des bislang mageren und inkonsistenten Konzepts "supervisorischer Identität", für Probleme professioneller Stimatisierung (Belardi 1991) etc., weil man auf sehr gut ausgearbeitete sozialwissenschaftliche Referenztheorien und Forschungen rekurrieren kann. Das alles steht bei einem systemtheoretischen Referenzrahmen nicht zur Verfügung - da ist einfach nichts oder nur wenig! Und man kann die genanntenTheorien nicht einfach mit dem "systemischen" Ansatz kombinieren. Da sind schon erhebliche theoretische Anstrengungen erforderlich und ein Training, mit "mehreren Brillen" sehen zu lernen (Petzold 1989d; Schreyögg 1994), unterschiedliche theoretische Sprachen zu benutzen und zu verbinden. Deshalb, weil wir den Fundus der sozialwissenschaftlichen Theorien ohne große Komplikationen konnektivieren wollen, haben wir uns in unserer Ausarbeitung für eine sozialwissenschaftliche Konzeption der Feldtheorie entschieden. Der durchaus möglichen Frage, ob es sich bei unsererm Feldkonzept nicht eher um eine sozialwissenschaftliche Systemtheorie handele, kann hier nicht weiter nachgegangen werden. Man kann dies durchaus so sehen, besonders, wenn man dem üblichen inflationären Usus folgt, alles, was vielfältig verbunden ist und "ganzheitlich" betrachtet wird, als "systemisch" zu bezeichnen. Das nun ist unsere Position nicht.

    Das feldtheoretische und das systemtheoretische Paradigma haben viele Berührungspunkte, sind aber nicht nur als unterschiedliche Sprachspiele für ein und dieselbe Sache zu sehen. Versuche, die Feldtheorie der Systemtheorie überzuordnen (Metzger 1975) oder die Feldtheorie als Systemtheorie zu explizieren, führen letztlich nicht weiter, weil beide Theoriemodelle "in eigenem Recht" dastehen und unterschiedliches leisten. Der hohe Abstraktionsgrad systemtheoretischer Argumentation, eine oftmals sehr nütztliche Qualität, kann durch sozialpsychologische Feld- oder Situationstheorien eine konkretisierende Ergänzung erfahren (vgl. Petzold 1998a, 88ff). Es ist durchaus auch möglich, beide Konzepte zu verschränken, eben weil sie "konzeptsynton" sind, also in der Bearbeitung einer Sache - etwa der Betrachtung des supervisorischen Feldes - beide Perspektiven zu verflechten, was allerdings beim Leser voraussetzt, daß er in einem solchen Text den feldtheoretischen und den systemtheoretischen Argumentationsstrang differenzieren kann. Dann kann eine solche Kon-textualisierung fruchtbar werden, und es können sich, wie in einem Hypertext (Landow, Delany 1991), übergeordnete, transkonzeptuelle Qualitäten (Transqualitäten, Petzold 1998a, 238, 242ff) eröffnen. Die vorgestellte Definition des "Feldes" schließt in diesem Sinne "systemische Perspektiven" ein und natürlich viele Referenz- und Partialtheorien des Integrativen Ansatzes: seine Identitätstheorie (Petzold, Sieper 1998), seine Ressourcentheorie (idem 1991o, 1997p), Machttheorie (Orth, Petzold, Sieper 1995), seinen metahermeneutischen Ansatz (idem 1991a), seine Adaptierung der dynamic systems theory und des Konnektionismus mit dem Emergenzkonzept (idem 1994a) usw. sowie zahlreiche sozialpsychologische Referenztheorien: Attributionstheorie (Gilbert 1995), Netzwerktheorie (Röhrle 1994), Theorie sozialer Kognitionen und Emotionen (Moscovici 1984; Fiske 1995; Stroebe et al. 1996) usw. So ist dieser Ansatz in vielfältiger Hinsicht "anschlußfähig" (Luhmann 1992).

    Es soll im Folgenden versucht werden, den dargestellten feldtheoretischen Ansatz von Kontext/Kontinuum mit seinen verschiedenen Komponentenauf das supervisorische Feld selbst anzuwenden. Unter der Dimension einer konsequenten Temporalisierung in diesem Modell müßte man in der jetzigen Gegenwart, von ihr aus blickend, die Geschichte der Supervision (Belardi 1992), der Supervision in Deutschland (Kersting 1997), die Vorgeschichte von Supervision (s.u. 2.) und die in ihr gründenden, die jeweilige aktuale Gegenwart durchfilternden Diskurse (Foucault) als "Feldgeschichte", als Produkt von stattgehabten Prozessen der Feldentwicklung auf ihre Gegenwartsrelevanz hin betrachten, denn nur die gegenwärtig wirkenden, "manifesten und diskreten Fortwirkungen" sind von Interesse, denn sie haben Wiklichkeits- oder besser Realitätscharakter (Wallner 1990). Die Gründung der DGSv war darin ein wichtiger Markierungspunkt.

    Das "Feld der Supervision" ist von sozialen Gruppen/Gruppierungen erfüllt (dem Supervisorensystem, Supervisanden-, Auftraggebersystem, von Verbänden, Schulen, Institutionen), die in symbolischen und materiellen bzw. ökonomischen Interaktionen, d.h. koalierend, rivalisierend oder kämpfend, diesen Raum bewerten und in Macht und Einflußsphären aufzuteilen suchen, in Diskursen, Narrationen, Publikationen Sinnsysteme, kollektiv-kognitive Areale aufbauen (Gniech 1983): die tiefenpsychologischen Supervisoren, die Systemiker, die Integrativen, die Aachener, die Münsteraner, die Kasselaner usw.. Dabei spielen komplexe Prozesse der Informationsdistribution, der mündlichen Traditionsweitergabe, der Publikationsstrategien und des Rezeptionsverhaltens auf diachronen Zeitstrecken zwischen der Sektoren und "communities" eine große Rolle. Das "kommunikative Gedächtnis" (Assmann 1988) arbeitet nicht durchgängig transsektoriell. Von der Verteilung und Weitergabe rezenter Informationen - insbesondere mündlicher - werden Sektoren akzidentell, aber auch intentional, z.B. durch verdeckte Konkurrenzen, ausgeschlossen, so daß sich so etwas wie "floating gaps" (Vansina 1985, 23f) "in die Horizontale" des Feldes ergeben, Wissenslücken zum anderen Sektor hin, nicht nur Wissenslücken in der Vertikale der Überlieferungszeit zwischen unterschiedlichen Generationen und Kohorten von Sektoren oder des Gesamtfeldes. Das wird durch schriftliche Dokumente nicht aufgefangen, denn was kommt schon von den zahllosen mündlichen Austauschprozessen in die offiziellen Dokumente, die Verbandszeitschriften, Rundbriefe etc.? Die komplizierten Verhältnisse zwischen schriftlicher und mündlicher Informationsweitergabe - immer schon und in allen Bereichen ein spannendes Thema (Niethammer 1985; Petzold 1969 IIa; Assmann 1999, 52 f) - führen zu "kollektiven Gedächtnissen"(Halbwachs 1965) in sektoriellen Kulturen des Feldes, die kaum übergreifende Kanäle haben, sondern nur das Wissen aus den eigenen Territorien und Koalitionen rezipieren und weitergeben und kaum über transsektorielles Detailwissen verfügen bzw. dieses offenbar verstärkt dissoziieren. Der Einfluß von Gruppen und "Seilschaften", der offenen und verdeckten Koalitionen, der blanden Konkurrenzen um "Märkte", aber auch um Einflußsphären, um fachliche Geltung in den Mikrosektoren und zwischen ihnen - z.B. Regionalgruppen oder Ausbildungsinstituten - innerhalb der DGSv und zwischen DGSv und diesen Mikrostukturen oder zwischen ihr als Mesosektor und anderen Mesosektoren des Feldes (z.B. der Ausbildung der Psychologenakademie) ist ein intravisorisch und intervisorisch (vgl. Definition II) und natürlich auch supervisorisch äußert interessantes Thema, das in der Regel nicht aufgegriffen wird oder marginal erscheint, etwa in einem Bericht über die Regionalsprecherinnen-Versammlung (Kaufmann-Ohl 1999). So wird den Territorialitäts- und Hermetisierungstendenzen in sektorialisierten Feldern nicht begegnet. Wäre man sich dieser in der Sozialpsychologie gut bekannten und untersuchten Phänomene der Segregation und Minderheitenbildung (siehe Anhang II) bewußt und hätte man einen politischen Willen, Partizipation und Konnektivierung zu praktizieren, so wäre eine systematische Konnektivierungsarbeit, ein aktives Bemühen um Abbau von Hermetik erforderlich.

    Denn mit begrenzten Koalitionsbildungen ist es nicht getan, obgleich sie sich allenthalben zeigen: z.B. im offiziellen Zusammenschluß der "systemischen Ausbildungsinstitute". Dennoch finden sie - trotz ihres gemeinsamen Labels - offenbar bei ihrer großen konzeptuellen Heterogenität nicht die Kraft, den systemischen Diskurs in der DGSv stärker zur Geltung zu bringen, weil das "kulturelle Kapital" (Bourdieu) der tiefenpsychologisch orientierten supervisorischen Leitfiguren im Verband größer zu sein scheint, wie das völlige Fehlen systemischer Perspektiven bei Dominanz tiefenpsychologischer Konzeptualisierungen in den Papieren der sogenannten "Ausbildungsreform" (Beumer, Möller 1998, vgl. dazu den Protest von Petzold 1999i) zeigt. Das psychoanalytische Paradigma hat immer noch den höheren Status und damit Einfluß, was sozialpsychologisch (Berger, Zelditch 1985) im Feld reflektiert werden sollte. Der Kampf gegen das dominierende Paradigma beginnt schon vereinzelt, wie die Kontroverse Thomas/Schmidtbauer in DGSvaktuell (1997) zeigt. Insgesamt sind die sektorialisierten Einflußspären aber noch sehr informell, zeigen sich aber beinhart in Standardüberprüfungen, wo "arbiträre" Standards als "symbolisches Kapital" benutzt werden, die Supervisionsauffassung der "Gründer" durchzusetzen, die - das zeigt die Geschichte der Vorstandbesetzungen in der DGSv - auch noch das "kulturelle Kapital" (und in diesem Falle auch noch das ökonomische) dominieren. Bourdieus Konzept der Feldkräfte in unserer Definition erweist sich hier als ein sehr scharfes Instrument der Analyse. Es wird noch etliche Zeit dauern, bis Vertreter anderer streams oder main-streams, neu aufgenommener Institute wirklich an veränderungswirksamem "influence" im Verband gewinnen und nicht nur die Mittel des Minoritätseinflusses einsetzen (Mugny, Perez 1991; Nemeth 1986). Diese Feldprozesse sind im Gange und sind im Lichte des sozialpsychologischen "influence research" und der Einflußtheorien (Moscovici 1976; Paulus 1989; Turner 1991; Cialdini 1995) höchst aufschlußreich. Es werden Koalitionen mit den Psychologen, der Supervisionsausbildung des BDP gesucht oder mit dem Therapiefeld, wie das gemeinsame Ausbildungsprojekt von DGSv und GwG zeigt. Das alles verläuft nicht einfach, scheitert auch zuweilen, nicht zuletzt im Kampf um ökonomische Einflußsphären und um soziale Geltung und "Gewicht" im Gesamtkontext der Gesellschaft ("Psychologen sind qualifizierter als Sozialarbeiter, bei der Supervision schlägt eben doch der Grundberuf zu Buche", so oder ähnlich wird argumentiert - oder: "Psychologen sind abgehoben akademisch, was verstehen die schon von Praxis in Institutionen wie wir Sozialarbeiter"). Natürlich führt so etwas nicht weiter. Statt "weichen", "durchlässigen", "offenen" Grenzen, die wachstums-, entwicklungs- und innovationsfördernde Austauschprozesse zwischen den Feldern oder in den Binnensektoren des Feldes ermöglichen, kommt es nur zu "harten", d.h. "undurchlässigen", "hermetisierten" Sektorialisierungen, Territorialgrenzen gar (Gniech 1983) mit all den Problemen, die die Forschungen zum Territorial- und Revierverhalten, zur sozialen Dichte und Dichtetoleranz aufgewiesen haben. Schon nach E. Durkheim, G. Simmel und L.. Wirth nehmen mit steigender sozialer Dichte soziale Differenzierung, Segregation und formale Kontrolle zu, was nicht nur durch die ethologische Forschung zur Dichtetoleranz (P.Leyhausen) oder zur Großstadtsoziologe (Moore et al. 1983) bestätigt wird, sondern sich in der Feldentwicklung sowohl der Psychotherapie (Ausgrenzung der Erstattungspsychotherapeuten und der Nicht-Richtlinienverfahren, Hochschrauben der Ausbildungsstandards, Eingrenzung und Kontrolle der Niederlassungsmöglichkeiten) als auch der Supervision deutlich zeigt. Schmidtbauer (1996) schrieb schon besorgt über die Entwicklung der Profession und ein absehbares Überangebot. Die z.T. "agressive Markt- und Territorialpolitik" (vgl. Buchinger 1997) der Supervisorenverbände zu anderen Professionen und Gruppierungen hin zeigt diese Tendez nach "draußen". Das Hochschrauben der Standards, ihre (bloß) "formale Kontrolle" und die geplante "Ausbildungsreform" der DGSv zeigt diese Tendenz nach "innen". Das alles kann auch als Maßnahmen zur Begrenzung der Konkurrenz der Nachwachsenden, der Privilegiensicherung der "Approbierten" gesehen werden, der Erschließung von "Märkten nach innen" (für die Nachwachsenden) ggf. durch die verbandseigene Agentur oder zumindest durch die "elder supervisors", die aufgrund des Anciennitätsvorteils über genügend "kulturelles Kapital" verfügen, neue Ausbildungen ohne Kompetenz- und Qualitätshinterfragung anbieten zu können, etwa in Organisationsentwicklung (vgl. DGSv aktuell 2/1999, 5.3 "Die Mitglieder") So kommt es zur Stabilisierung bestimmter "Sektoren" im Feld, nicht aber im Gesamtfeld. Damit werden aber auch Ressourcen, Entwicklungs- und Wachstumsmöglichkeiten vergeben. Die Abgrenzung des DGSv-Sektors, der sozialarbeiterischen Supervisoren, zum allmählich wachsenden Sektor der psychologischen Supervisoren verhindert, daß für die sozialarbeiterischen Supervisoren der psychologische Theorie- und Praxeologiefundus erschlossen wird. Sie sind, was besonders schwer wiegt, nach unseren Literaturanalysen der deutschsprachigen und niederländischen supervisorischen Fachzeitschriften und der gängigen Buchpublikationen zur Supervision - man muß das in aller Härte sagen - sozialpsychologisch in einer kaum für möglich zu haltenden Weise ignorant (sozialpsychologische Theorien und Forschungen werden nicht rezipiert, wichtige Autoren oder Journals tauchen in den Zitationen nicht auf, von dem ganzen Reichtum zur sozialpsychologischen Motivations-, Hilfesuch- und Hilfeleistungs-, Einfluß-, Kognitions-, Kleingruppen-, Vorurteilsforschung, um nur einiges zu nennen, ganz zu schweigen). Andererseits verschließt die Hermetik der psychologischen Supervisoren zum Feld der Sozialrbeit, Soziotherapie und psychosozialen Hilfeleistung hin mit seinem ganzen Reichtum an Praxisstrategien und Erfahrungen z.B. in der Jugendarbeit, Familienhilfe, Drogenarbeit, in der Sozialverwaltung und im Sozialmanagement ihnen den Zugang zu Praxeologien, die durch die Kenntnis therapeutischer Methoden nicht ausgeglichen wird, so daß es hier bei gleichfalls beträchtlichen Rezeptionslücken zur sozialarbeiterischen Literatur hin (die allerdings auch weniger reichhaltig, elaboriert und in der Regel nicht forschungsfundiert ist) durchaus ein Gewinn wäre, wenn eine Öffnung zum Sektor sozialarbeiterischer Supervision erfolgen würde.

    Beide Gruppierungen und ihre Protagonisten verkennen offenbar - feldtheoretische Reflexionen unberücksichtigt lassend - daß sie ja nur zwei Sektoren - wenn auch zentrale - des "supervisorischen Feldes" repräsentieren und daß das "Feld" e i n "dynamisches Ganzes" ist und nicht nur durch die Innendynamik einzelner Sektoren bestimmt wird (es gibt ja noch die pastorale, psychotherapeutische, ärztliche, künftig die schulische Supervision, nicht zu reden von den angrenzenden Feldern in Industrie, Wirtschaft, Verwaltung und den dort stattfindenden z.T. noch präsektoriellen [vgl. 2.3.6] Entwicklungen).

    Man wird in der Segregation verbleiben oder sich arrangieren müssen. Man könnte, weil Vereinnahmungen nicht möglich sein werden - dafür sind beide Sektoren zu stark - Koalitionen und Allianzen eingehen, bei denen sektorielle Souveränität gewährleistet werden müßte, aber Kooperation in gemeinsamen Interessensbereichen möglich wäre. Aber bislang haben sich die Supervisoren beider Sektoren mit der "Sozialpsychologie der Koalition" offenbar wenig befaßt, weil sie den Nutzen guter koalierender Strategien nicht zu schätzen scheinen (wieder keinerlei Literaturverweise in den supervisorischen Standardtexten und Zeitschriften). Man fragt sich dann, wie man in der Praxis fundiert mit solchen Konstellationen umgeht, denn dem Erkennen, Verstehen und Bilden von Koalitionen (Kahan, Rapoport 1984; Komorita 1984; Miller, Komorita 1986; Wilke 1985) kommt in supervisorischen und OE-Kontexten immense Bedeutung zu.

    In Feldern kommen natürlich vielfältige andere Feldkräfte zum Tragen: Handlungsmöglichkeiten (social affordances) in Organisationen ("In diesem Heim wäre Supervision eine gute Hilfe!"), aber auch Handlungsbegrenzungen (constraints) in gewissen Institutionen (z.B. in forensischen: "Ob hier in der Gefängnispsychiatrie Supervision gemacht werden kann, muß der Gefängnisdirektor entscheiden, wahrscheinlich das Justizministerium!"). Auch rechtliche Grenzen sind da (Kann ein Supervisor in einer Behörde Supervion ohne Erlaubnis des obersten Dienstherrn machen? Kann ein nicht zum Krankenhauspersonal gehörender Supervisor, der an der Patientenbehandlung nicht beteiligt ist, "Fallsupervision" auf einer Station machen? Rechtlich nicht, weil ihm dabei Patientendaten zugänglich werden. Der Patient müßte, wie prinzipiell für Supervision, seine Zustimmung geben, vgl. Petzold, Petzold-Rodriguez 1997 usw.). Kräfte wie anonyme Diskurse (Foucault), gesellschaftliche Kontrollmacht kommen immer wieder zur Wirkung: Supervision als Qualitätssicherung heißt dann indirekte Qualitätskontrolle ("Das Team vom Jugendzentrum scheint nicht ordentlich zu arbeiten. Da muß unbedingt Supervision her!"). Und natürlich kommt Kapital als Feldkraft zum Tragen: monetäres Kapital als Finanzkraft (die eines großen Verbandes wie der DGSv), symbolisches Kapital als argumentative Potenz (die eines renommierten Wissenschaftlers oder Ausbildungsinstituts) oder kulturelles Kapital (als Bildungskapital, einverleibte Machtpotenz und institutionalisierte Formen etwa der "alten" Supervisionseliten mit Status und Zertifikaten), so daß ggf. Sektoren mit "harten Grenzen", Nebenfelder gar, entstehen (s.o). Eine bestimmende Kraft sind e x t e r n a l e Attributionen. Sie weisen dem Feld oder Sektoren Identität zu: für die Supervision wird ein Eintrag in die "gelben Seiten" nicht als Notwendigkeit gesehen (Dete Medien, vgl. Leppers 1998, 24), Supervision ist das Gebot der Stunde (Rosenmayr 1987) und i n t e r n a l e Attributionen, die Identität reklamieren: DGSv Supervisoren gewährleisten gütesiegelgarantierte Qualität (Weigand 1999c), "neben der Psychotherapie ist die wohl interessanteste in diesem Jahrhundert neu entwickelte Sozialisationsinstitution die Supervision" (Giesecke, Rappe-Giesecke 1994). Über externale und internale Attributionen kann man sich auseinandersetzen, denn sie werden ja nicht unüberprüft hingenommen, sondern - wie in persönlichen Identitätsprozessen - von den Sektoren oder in den Gruppierungen kognitiv (appraisal) und emotional (valuation) bewertet (Petzold, Sieper 1998, 270), z.T. in kritischen Diskursen. Dieser Text setzt sich mit der Gütesiegelgarantie und den Qualitätsbehauptungen auseinander (vgl.1.3), ist also als ein solcher bewertender Diskurs zu sehen, also eine Feldkraft, im Sinne Lewins eine "resultierende Feldkraft", die sich aus dem Zusammentreffen der unterschiedlichen Konzeptionen konstelliert. Auch die Aussage von Giesecke/Rappe-Giecke als Binnenattribution aus einem Sektor der Supervision bewerten wir natürlich, und zwar als eine heftige These, über die man sich diskursiv auseinandersetzen müßte, wenn man an die in diesem Jahrhundert entwickelte Erwachsenenbildung denkt (Tietgens 1986; Dietrichs-Kunstmann et al. 1995; Arnold 1996; Knoll 1996; Siebert 1996), an die politische Bildung (Brähler, Dudek 1992; Sander 1993) und interkulturelle Bildung (Vogel 1993; Dietrichs-Kunstmann 1993; Muth 1998; Arnold 1992; Boteram 1993; Schmidt 1987; Alix 1990) als Sozialisationsagenturen denkt - nicht zu reden von den neuen Medien vom TV bis zum Internet (Turkle 1998). Man überschätzt mit einer solchen Aussage die Supervision hier wohl kräftig, womit wir thematisch insgesamt bei den wertenden, normativen Aspekten im Felde wären, die sich in permanenten Klärungsprozessen finden, aber auch bei differenten Konzepten und Wissensbeständen, über die man sich auseinander- und zusammensetzen müßte: Ist Supervision "Sozalisationsinstitution", fragen wir. Welches Sozialisationsverständnis bzw. welche Sozialisationstheorie dient hier als Referenz? Wir stimmen mit dieser Identitätsattribution aus dem Feld ohne Differenzierung nicht überein. Wir würden gerne von außerhalb des Feldes Meinungen dazu hören, von Soziologen wie Willke, Hurrelmann und Schütze oder von Sozialpsychologen wie Ulich und Irle (s.u.) Vielleicht kommt man ja überein nach solchen Ko-respondenzen - für eine Zeit lang. Die Feldidentität ist niemals monolith. Sie ist vielfacettig, in Bewegung in permanenten Prozessen der kollektiven Indentitätsarbeit, die immer wieder Identitätsprägnanzen hervorbringt, um sie aufgrund induzierender Feldkräfte (Lewin), wie z.B. gesetzliche Bestimmungen, oder resultierender, wie unterschiedliche Strebungen im Binnenraum oder an den Grenzen des Feldes, wieder zu verändern. Die Geschichte der DGSv und die derzeitig laufenden Klärungsprozesse sind ein gutes Beispiel für die Identitätsarbeit des Feldes und eine transversale Feldentwicklung.

    Wir hoffen, daß anhand dieser Beispiele zum "supervisorischen Feld" unsere "integrative Feldkonzeption" deutlicher geworden ist, vor deren Hintergrund auch der vorliegende Text und viele seiner Argumentationslinien, insbesondere zu Fragen des Supervisionsverständnisses, gesehen werden müssen.

    1.2.2 Supervisionsverständnisse

    Wir brauchen mehrere Verständnisse von Supervision, denn in den Prozessen der Modernisierung (man nenne sie aufklärerisch, postmodern, transversal, wie auch immer), in den Prozessen der "reflektierten Entwicklung" u n d der "kritischen Nachhaltigkeit" (s.u.), in diesen Ketten von Ereignissen - und das trifft zu für die individuelle wie die kollektive Ebene, für "chains of adversive and protective events" in der persönlichen Biographie (Petzold et al. 1993a) wie für katastrophische und gute Ereignisse und Zeiten im Schicksal von Völkern - gilt es immer mehrere Sichtweisen zu betrachten. Es gibt immer mehrere Wahrheiten. Deshalb sind im "Meer der Pluralität" weiche Formen mit vielen Anschlußmöglichkeiten angesagt. Standardisierung - ein Lieblingskonzept einer gewissen Supervisionsszene -, Institutionalisierung - eine derzeit modische, aber offenbar wenig reflektierte Zielsetzung für die "Entwicklung" der Supervision (DGSv aktuell 2/1999,5) - verweisen nicht auf fruchtbare Vielfalt sondern auf den kolonisierenden Aufbau von "Monokulturen" und sie retten vor Unsicherheit nicht. Sie haben, werden sie "hart" durchgezogen, Öde, Erosion, Langeweile, Bürokratismus, Qualitäts- und Innovationsverlust zur Folge und münden oft genug in hegemoniale Machtausübung und strukturelle Gewalt. Man kann mit guten Gründen auch eine reflektierte Destandardisierung und Deinstitutionalisierung vertreten und sollte das in der supervisorischen Verbands- und Professionalisierungsdebatte ernsthaft in Betracht ziehen, denn dahin gehen wichtige und innovative Trends der Moderne. Das bedeutet nicht, daß wir der Beliebigkeit und "arbiträren Positionen", einem "epistemologischen Anarchismus" das Wort reden, Beliebigkeit der Positionen und Regelungen, Willkür gar im Wissensgebrauch und in den Performanzen. Sie führen oft genug zu einer Zerstörung von fruchtbarer Vielfalt (man ertrinkt im Chaos), von Chancen (man kann keine mehr richtig wahrnehmen), von Freiheit (sie braucht Grenz-erfahrungen).

    Nun gibt es zwischen Institutionalisierung und Deinstitutionalisierung ja Zwischentöne, Abstufungen, Möglichkeiten des Wechsels. Extreme sind nur punktuelle Realitäten, als temporäre Einseitigkeiten kurzfristig ertragbar oder zu genießen. Das Leben liegt z w i s c h e n den Extrempolen. Deshalb gilt es, für Pluralitäten und Differenzierungen einzutreten, denn nur sie ermöglichen Strukturbildungen, für das Erhalten von Differenzen einzutreten, und nur diese lassen sich "konnektivieren", machen Integrationen möglich, die sich wiederum differenzieren lassen. Diese Dialektik des herakliteischen Flusses, d.h. das kokreative Zusammenfließen und das aus dem "Konflux" wieder in verschiedene Richtungen Auseinanderströmen, wie es für moderne Kulturprozesse charakteristisch ist, gewährleistet Innovation (Petzold, Orth 1997) und ist Garant für Qualität. In dieser Sicht sind - wir sagen es parrhesiastisch, in aller Offenheit - die im Feld der Supervision, insbesondere im Bereich der DGSv vorfindlichen Tendenzen zu weiterer Insitutionalisierung, Professionalisierung, weiteren Standards und Kontrollen u.E. innovations- und qualitätsfeindlich. Sie stehen in Gefahr, Engagement zu wirklicher Hilfeleistung, Emanzipation, Mündigkeit, Souveränität, Initiativen, kreativem Elan, Visionen einzuschränken oder - schlimmer noch - zu kalibrieren und standardisieren und damit letztlich Transgressionen, Überschreitungen zu verhindern (Foucault 1963; Petzold, Orth, Sieper 1999). Sie schreiben dabei Diskurse der Macht und Kontrolle der surveyers und overseers fort, die schon je im Untergrund des supervisorischen Feldes wirken - weitgehend unerkannt - und die mit den Tendenzen der gesellschaftlichen Reglementierung gut einhergehen, die sich derzeit überall sehr stark zeigen (neue Steuerungsmodelle, Qualitätskontrollen, Eurobürokratie etc.), vielleicht weil die Unüberschaubarkeit andererseits so exponential zunimmt. Einer ähnlichen Spannung, wie wir sie zwischen den Tendenzen zu chaotischer Komplexität und dirigistischer Regelung im gegenwärtigen gesellschaftlichen Raum finden, begegnet man im supervisorischen Feld mit den aufgezeigten Regulierungsbestrebungen bei einer gleichzeitigen überbordenden Vielfalt von Strömungen, von Konzepten, ungeklärten und auch unklaren Positionen, einer chaotischen Mannigfaltigkeit (Schmitz 1990) von Theorien und Praxen, das allein spricht Standardisierungsversuchen Hohn, Standards wurden vielleicht deshalb auf die inhaltsleeren Formalstrukturen reduziert wie man sie in Verbänden wie DGSv und EAS findet, "Standards", die vielleicht gerade aufgrund ihrer inhaltlichen Ärmlichkeit umso akribischer verfolgt werden. Das alles muß aufgezeigt, gesehen, betrachtet, reflektiert, metareflektiert werden - gemeinsam in der "community of supervisors" - um zu hinlänglichen Balancen zwischen den antagonistischen Strömungen zu finden, um Visionen zu entwickeln, die wirklich zukunftsweisend sind und die nicht noch zu einer weiteren "Profession" führen, deren Kreativität, Menschlichkeit und Handlungsspielräume durch Fesseln von Richtlinien (verbandlichen oder gesetzlichen) beeinträchtigt und vielleicht zerstört wird - die gerade stattgehabten Prozesse der Etablierung von zwei "Richtlinienverfahren" in der Psychotherapie sollten da ein warnendes Beispiel sein (vgl. Petzold 1998k; Petzold, Orth 1999).

    Unser Text ist, das sei wiederholt, auch wenn er zuweilen "hart in der Sache" wird, eine Einladung zur Ko-respondenz (Petzold 1991e) im Feld - nicht zum Disput - über Positionen, über Entwicklungen unseres Feldes der Supervision, über Möglichkeiten, die Dinge anders zusehen und anders zu denken (Foucault 1998). Wir stellen diesen Text deshalb ins Netz: http://gestalttherapie.ch/supervisionskritik

    - aus Gründen des Diskurses, der Diskursivität supervisorischer "Feldkultur", im Sinne demokratischer Meinungsbildung im Verband der DGSv und auch aus methodischen Gründen, die von uns vertretene "intersubjektive Hermeneutik" (Petzold 1991a, 187ff) auch im Bereich der von uns entwickelten "Meahermeneutik" (idem 1998a, 40, 70, 150f, 157) zu diskursivieren.

    Es sind hier noch einige Bemerkungen zu Hintergründen zu machen, um Feldkräfte und Felddynamiken aufzuzeigen: Unsere Ausbildungsinstitution, die "Europäische Akademie für psychosoziale Gesundheit", staatlich anerkannte Einrichtung der beruflichen Weiterbildung, ist Mitglied der DGSv, und damit auch die von uns begründete Richtung der "Integrativen Supervision". Unserem Eintritt ging ein mühsamer Weg gegen vorhandene Ausgrenzungsbestrebungen voraus. Als die Akademien für Jugendfragen als Träger von Supervisorenausbildungen noch "unter sich" waren - also vor Gründung der DGSv - hatten wir für unsere seit 1974 laufende Supervisorenausbildung einen Aufnahme- und Anerkennungsantrag gestellt. Er wurde nicht bearbeitet mit der (Pseudo)Begründung, wir seien nicht im Sektor Jugendarbeit tätig usw. Zur Gründung der DGSv wurden wir (wie viele andere langjährig im Feld arbeitenden Institutionen) nicht eingeladen. Das monopolistische In-group-Spiel ging weiter.Über Jahre hat man unser Aufnahmeverfahren hingezogen - Argumente: wir seien zu therapeutisch, zu wenig organisationsorientiert usw., Zuschreibungen ohne Boden, mit denen u.a. das organisationstheoretisch sehr fundierte Buch unserer damaligen Fachbereichsleiterin, Astrid Schreyögg (1991), aufräumte. Dann folgte ein mühsamer Weg der Annäherung, weil hier offenbar sehr unterschiedliche Kulturen von Supervision aufeinandertreffen. Der Weg ist schwierig geblieben, aber es ist - u.a. aufgrund der kollegialen und fairen Vermittlung von Wolfgang Weigand - eine Zusammenarbeit und ein diskursiver Raum möglich geworden. Er muß strittig bleiben, weil es große Unterschiede gibt und das ist u.E. für den Verband gut so. Wir sind oft gefragt worden: "Warum seid Ihr denn in den Verein reingegangen, warum bleibt ihr drin?" Oder man sagt: "Wenn euch so vieles nicht paßt, dann geht doch raus!" - Uns paßt aber vieles! Wir haben uns seinerzeit für den Beitritt zur DGSv entschieden (und standen nach vierjährigem Dahinschleppen der Prozeduren davor, uns hineinzuklagen, als dann eine Öffnung kam), weil wir nicht zulassen wollten, daß eine bestimmte Orientierung von Supervision (u.a. in der sozialarbeiterischen Jugendarbeit gründend, vgl. Kersting 1997) das Verständnis von Supervision hierzulande hegemonialisiert, weil wir der Überzeugung sind, daß Supervision als Disziplin, Methode und professionelle Funktion eine hinlängliche Vielfalt supervisorischer Kulturen braucht, und daß Supervision gerade in interagierenden Prozessen solcher Kulturen ein hohes - wenngleich nicht konfliktfreies - Potential für Innovation hat. Es wäre fatal, wenn sich die einzelnen Szenen, Sektoren, wie das in der Psychotherapie geschah, im Felde der Supervision voneinander isolieren würden, Es geschieht leider derzeit zwischen DGSv und den psychologischen Supervisoren (den ärztlichen ohnehin) - ohne daß wir derzeit schon Verantwortlichkeiten für diese Entwicklungen ausmachen können. Es ist u.a. auch bedenklich, wenn eine "strukturelle Pression" entsteht, in einem Verband Mitglied zu werden, weil er eine "marktbeherrschende Position" gewinnt. Für die DGSv ist diese Situation derzeit eingetreten, vorübergehend nehmen wir an, weil die Reaktionen (der Dominierten, Bourdieu 1980, 136) aus dem übrigen Feld, das sich formiert, nicht warten ließen. Das wird auf Dauer die Chance oder auch die Notwendigkeit zu Koalitionen bzw. zu kooperierenden "communities" und Verbänden bieten.

    Verschiedenheiten sind wichtig. Man muß für sie Wertschätzung haben, und das ist mehr als Toleranz. Das heißt aber nicht, daß man vorhandene Unterschiedlichkeiten nicht offen, parrhesiastisch, offensiv wo erforderlich vertritt, und natürlich Konsensuelles gleichermaßen. Man muß sich immer wieder auseinander-setzen, um sich wieder zusammen-setzen zu können, nicht zuletzt weil es eben durchaus viele Möglichkeiten gibt, Supervision als "Ideologie" (Metatheorie), "Konzept" (Theorie) und "Methodologie" (Praxis) zu verstehen und sie in verschiedenen "Orientierungen" - z.B "Marktorientierung" oder "Hilfeorientierung" - sowie in unterschiedlichen theoretischen Mesoparadigmen bzw. Richtungen (systemisch, sozialpsychologisch, integrativ, psychoanalytisch) und Formaten zu entwickeln (vgl. hierzu grundsätzlich Petzold 1993h und Buer 1998). Derzeit findet sich hierzu (1.) eine - bei aller Liebe zur Pluralität - manchmal inflationär anmutende, nur noch schwer zu überschauende Vielzahl von Supervisionsideologien, die häufig nicht metareflektiert und in ethischen Legitimierungsdiskursen (Apel 1990) des supervisorischen Feldes verantwortet und fundiert sind, (2.) eine "chaotische Mannigfaltigkeit" von Supervisionskonzepten - zumeist nur grob skizzierte, die dringend der Ausarbeitung oder der "Ablage" bedürften - und (3.) eine Unzahl von Ansätzender Supervisionsmethodik - in der Regel nicht sonderlich elaborierte oder gar evaluierte, obgleich empirische Effektivitätsuntersuchungen unerläßlich wären. Gleichzeitig geben starke Interessengruppen und gesundheitspolitische Veränderungen sehr einseitige Orientierungen im "Feld" der Supervision vor. Die Ausbildungs- und Prüfungsordnung des Psychotherapeutengesetzes (siehe Anmerk ???) schreibt - anders als es das DGSv-Gutachten darstellt (Schade 1999) - Supervisorenqualifikationen und eine Ortientierung "Psychotherapiesupervision" im System der ärztlichen Versorgung fest: medizinische Supervision. Die Psychologen haben Supervision als Arbeitsbereich ihrer Profession etabliert (sowohl in Forschung und Lehre als auch in verbandlichen Strukturen und in der Weiterbildung): psychologische Supervision (vgl. jetzt Wilker 1995). Die ursprünglich sozialarbeiterische Supervision, die sich vornehmlich in der "Deutschen Gesellschaft für Supervision" (DGSv) gesammelt hat, hat sich durch die derzeitige "berufsständische" Politik des Verbandes, Supervision als Profession und als Dienstleistung "am Markt" zu etablieren, in eine ökonomisierte, wenn nicht monetarisierte (vgl. Weigand 1999b, 261) "Marktorientierung" begeben. Sie läuft damit Gefahr, ihre originären Proprien: soziale Arbeit,soziale Hilfeleistung und Unterstützung sowie, das muß unterstrichen werden, Entwicklung sozial kreativer Lebens- und Arbeitsformen (Petzold, Petzold 1993a, idem 1997c) zu verlieren, ohne daß das Konzept des "Marktes" expliziert und diese Entwicklung kritisch bzw. metakritisch reflektiert wird: Haben die Sozialarbeiter - bislang "Experten/Fronttruppe" für gesellschaftliche Schattenseiten, Problembereiche und Verelendungsphänomene, selbst stigmatisiert durch die Arbeit mit Stigmatisierten (Belardi 1991) - jetzt durch die Supervision Zugang zu den Sonnenseiten der Gesellschaft durch eine neue, besonders qualifizierte "Sekundärprofesssion" - so möchten wir das einmal nennen - gefunden, der "Supervision", deren "Leistung deshalb außerordentlich honoriert wird" (Weigand 1999b, 261)?

    Wir haben uns vor dem Hintergrund unseres sozialpolitischen Engagements und aus einer dezidierten theoretischen Position, unseren feldtheoretischen Überlegungen, dafür entschieden, für den Kontext der Supervision bei dem nicht nur traditionellen, sondern auch sozialwissenschaftlich substantiellen und deshalb angemessenen Begriff "Feld" (Lewin, Bourdieu) in seiner integrativen Ausfaltung (s.o.)zu bleiben, weil sich unter dieser Perspektive Phänomene der "Feldentwicklung" gut reflektieren lassen und bei ihm Differenzierungen in unterschiedliche Sektoren, "Subfelder", Praxisfelder, Institutionen, "Märkte" und Aufgabenbereiche möglich sind. In der herkömmlichen Supervision (wir reden nicht von Organisationsberatung) hatte man es überwiegend mit "psychosozialen Feldern" zu tun, obgleich Supervisoren, so auch die Autoren, auch schon früh in Industrie, Wirtschaft, Bildungsbereich gearbeitet haben (Petzold 1972b; Sieper 1971; Petzold, Sieper 1970). Aber auch heute, bei aller Öffnung zu neuen Bereichen, geht es in der Supervision - realistisch betrachtet - in der Regel um Hilfen für den Umgang mit schwerwiegenden Problemen von Mitbürgern unseres Gemeinwesens in psychosozialen Notlagen und prekären Situationen. Man sieht, wir wählen ein anderes Sprachspiel (Wittgenstein). Es geht also keineswegs um "Markterfordernisse", der Begriff "Markt" ist hier falsch und deplaziert, wenn nicht zynisch. Wir setzen gegenüber einseitiger Marktorientierung nach wie vor einen deutlichen Schwerpunkt bei der Hilfeorientierung von Supervision und ihrer supportiven Funktion.

    "Supervision can be defined as an intensive, interpersonally focused, one-to-one relationship in which one person is designated to facility the development of therapeutic competence in the other person ... The overall purpose is to protect the clients interests ... In this process, the supervisor should reflect the same combination of cognitive and emotional support as the therapist does vis-à-vis the client during therapy. From the cognitive point of view, it is the supervisor’s task to contribute professional knowledge in the form of introduction to theories and concepts that give structure and perspectives."

    So die Definition von Elsass (1997, 142, unsere Hervorhebung), einem renommierten dänischen Supervisor, in Rückgriff auf den amerikanischen Standardtext für "Supervision in the Helping Professions" (Hawkins, Shohet 1989), der von der deutschsprachigen Supervisionsszene nicht zur Kenntnis genommen wurde. Elsass, Psychotherapeut und Professor für klinische Psychologie, wie wir (Josic, Petzold 1995) in der Supervision von Traumaprojekten engagiert, hat natürlich eine spezifische Optik, die wir durchaus teilen: es geht um interventionsorientierte Unterstützung von Hilfeleistungen, bei der die Interessen des Menschen in Not, des Patienten oder Klienten an erster Stelle stehen, bei der auch fundiertes Fachwissen zum Problembereich transportiert wird (nicht nur ein bißchen Unterstützung bei der Selbstreflexion) und Supervision, wo immer möglich, mit Forschung verknüpft ist (Elsass 1997, 144ff). Wenn man sich in konkreter und fachspezifisch fundierter supervisorischer Hilfeleistung in "prekären Feldern" (Josic 1999) mit gerontopsychiatrischen, akutpsychiatrischen, drogenabhängigen Menschen, mit Trauma- und Folteropfern engagiert, wie die Autoren dieses Beitrags, kann man bei dem überhandnehmenden, unreflektierten Marktgeschwätz einer gewissen Supervisorenszene, zuweilen wirklich Nausea verspüren!

    Es geht in der Supervision natürlich nicht nur um Hilfe und "social support" (Röhrle 1994; Hass, Petzold 1999), sondern auch um fachlicheUnterstützung in der Umsetzung grundrechtlich verankerter Aufgaben des öffentlichen Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesens des sozialen Lebens, der Persönlichkeitsentwicklung, der Gesundheit und des Wohlergehens von Menschen. Man sieht, wir wählen andere Argumentationen, denn man sollte Bereiche der Hilfeleistung und der öffentlichen Aufgaben nicht oder doch nur in Aspekten als "Markt" betrachten, gerade bei den derzeitig wieder verstärkt zu beobachtenden Tendenzen des Staates, sich aus derartigen Aufgaben zurückzuziehen. Die Folgen können katastrophal sein (Farsioli 1998). Hier ist Augenmaß, politisches Bewußtsein und "supervisio" angezeigt! Es geht schließlich bei Supervision um die Förderung eines effizienten und verantworteten professionellen Arbeitens in gesellschaftlichen Institutionen und Organisationen "am Markt", warum auch nicht, aber nicht nur. Weiteres wäre aufzuführen. Ein Konsens über die aufgezeigten Konzepte und Bereiche in der Supervision und ihre Strukturierung ist derzeit nicht in Sicht.

    Diese Arbeit ist aus unseren metareflexiven Ko-respondenzen (Petzold 1991e) hervorgegangen und führt vorgängige Studien weiter (Petzold, Rodriguez-Petzold, Sieper 1997; Petzold 1998a; Ebert 1999). Sie zielt auf die Anregung von Diskursen (sensu Habermas) im supervisorischen Feld ab. Drei u.E. bedeutsame Versionen eines Supervisionsverständnisses seien an dieser Stelle für diesen Kontext herausgestellt:

    a) die einer sozialwissenschaftlich begründeten Problemlösungsmethodologie,

    b) die einer funktionalen, marktorientierten, sozialtechnologischen Beratungsdienstleistung,

    c) die einer kulturkritisch-diskursiven Beobachtungsmethode, emanzipatorischen Reflexionsstrategie und daraus folgend, als "Interventionssupervision", die einer ameliorativen Veränderungspraxeologie und Prozesse der Hilfeleistung unterstützende Interventionsmethodik.

    - a) Supervision ist eine sozialwissenschaftliche Disziplin und eine Methodologie mehrperspektivischer Problemanalyse und methodenpluralerproblemlösender Intervention (Petzold 1991o; Schreyögg 1991; Pühl 1998). Als solche hat sie Verbreitung gefunden, ja ist sie in Mode gekommen.

    - b) Supervision ist eine spezifische,ubiquitär anwendbare Beratungsmethode als Dienstleistung für berufliche Kontexte, die die Forderungen des Beratungsmarktes (Weigand 1999c) bedienen kann, und beansprucht, Menschen durch die Unsicherheiten globalisierter Wirtschaft führen und in der "Unerträglichkeit der Freiheit" moderner Arbeitsmärkte begleiten zu können (ibid. 5). Als solche "boomt" sie und der Ausbildungsmarkt (Freitag-Becker 1997, 3), sind ihre Organisationen "gefragt" (Fellermann 1999, 6). Sie ist dabei oft mit einem im Wort suggerierten Nimbus einer "über den Dingen stehenden Expertenschaft, Professionalität und Fachlichkeit" verbunden, Attributionen, die Supervisoren und Supervisorinnen nur allzu selbstverständlich für sich in Anspruch nehmen, wie aus den Äußerungen ihrer Leitfiguren in professionellen Organisationen oder bei berufspolitischen Anlässen ersichtlich wird, z.B. wenn sie ein "Gütesiegel mit Garantie" (DGSv aktuell 2/1999, 5) offerieren.

    - c) "Supervision - in integrativer Perspektive - ist eine kritische, reflexive, diskursive und interventive Disziplin ‘angewandter’ Sozial- und Kulturwissenschaft mit supportiver,emanzipatorischer und ameliorativer Zielsetzung (Coenen 1999; Petzold 1998a). Sie wird als ‘professionelle Funktion’ von besonders geschulten bzw. ausgebildeten berufserfahrenen Fachleuten mit verschiedenen akademischen Grundorientierungen bzw. Professionen durchgeführt, die exzentrisch auf mehreren Ebenen beobachtend, mit interessiertem, fragendem Blick und der Intention zu effektiver Hilfeleistung und Entwicklungsförderung an Notlagen, Problemsituationen, aber auch an Aufgaben, Herausforderungen herangehen, d.h. an komplexe Situationen in zwischenmenschlichen Alltags- und Berufsbeziehungen, in Organisationen und Institutionen und gesellschaftlichen Feldern. Gemeinsam mit den Menschen in diesen Kontexten versuchen sie, Situationen ‘transversal’ (ibid. 65) auf ihre Kontextbedingungen, Hinter- und Untergründe zu reflektieren und zu analysieren. Ziel solcher Supervision ist - nach offenem (parrhesiastischen) Besprechen der Lage - gemeinsam Wege ameliorativer Veränderung im Sinne ‘reflektierter Entwicklungen’ und ‘kritischer Nachhaltigkeit’ in Richtung eines kontextualisierten Optimums zu erarbeiten und verantwortungsbewußt zu seiner Realisierung beizutragen.(Petzold 1999) Definition XIII G, S, a, t

     

    Diesem letztgenannten Supervisionsverständnis, das in den vergangenen dreißig Jahren unter dem Namen "Integrative Supervision" (Petzold 1974, 1998a; Schreyögg 1991) entwickelt wurde und sich im Gesamtfeld der europäischen Supervision verbreitet hat, sind wir verpflichtet. Im Sinne der in Position c) umrissenen Konzepte muß Supervision ihre eigene Situation, z.B. das in Position a) aufscheinende Problematisierungs- und Interventionskonzept und seine Hintergründe, Ziele und Implikationen untersuchen, genauso wie sie die Phänomene ihres eigenen Feldes insgesamt exzentrisch, mehrperspektivisch und transversal zu betrachten hat, z.B. um die in Position b) vertretene Marktorientierung und den Nimbus der Güteklasse, die behauptete Expertenschaft kritisch zu überprüfen. Sie muß aber auch die in c) vorgetragene Konzeption mit ihren hier oder anderen Orts vorgetragenen theoretischen bzw. ideologischen Positionen (wie z.B. in Petzold 1994c,1996j, 1998a; Petzold, Orth 1999; Petzold, Orth, Sieper 1999) auf implizite, nicht offengelegte oder nicht erkannte Ideologien und Diskurse (sensu Foucault, vgl. Dauk 1989; Fink-Eitel 1989) kritisch und dekonstruktiv angehen, den Untergrund ihres eigenen Terrains, ihre eigenen Ansprüche analysieren und parrhesiastisch (vgl. 1.2) diskutieren, um Bewußtsein zu schaffen und Veränderungen, Entwicklungen, kritische Nachhaltigkeit, Innovationen auf den Weg zu bringen, mit dem Ziel, das Vorhandene zu erhalten und - wo nötig und möglich - zu verbessern.

    Supervision erhebt für sich viele Ansprüche. Es werden offensive marktgerichtete Qualitätsbehauptungen aufgestellt (vgl.1.2) - oft unreflektiert im Paradigma "permanenten Wachstums und unbegrenzter Entwicklung", wie es die globalisierten "Wertschöpfungsgesellschaften für die Eliten" vertreten -, die auf maximale professionelle Leistung abstellen und Supervision auf eine Dienstleistung zur Effektivierung festschreiben (und reduzieren). Dies zwigt sich auch in der Organisationsentwicklung der "Deutschen Gesellschaft für Supervision a.V." (DGSv) als repräsentativem Verband (Fellermann 1999), der seine "Aufgaben", seinen "Institutionalisierungsprozess" gänzlich auf die Bedürfnisse eines "boomenden Beratungsmarktes" abstellt: "Entwicklung der Verbandstrukturen, Ökonomisierung, Dienstleistungsagenturen, Organisation der Praxis", "Präsentation am Beschäftigungsmarkt: Spezifische Angebote, Marketing, Akquisition, Evaluation" (Weigand 1999c). In diesem "Bericht an die Mitgliederversammlung" findet sich kein einziger Punkt zur inhaltlichen Diskussion (oder gar kritischen Hinterfragung) dieser Orientierung, begegnet man keinerlei Aufgaben oder Hinweisen auf die inhaltliche Entwicklung der Supervision als fachlicher und wissenschaftlicher Disziplin oder auf eine kritische Betrachtung der Feldentwicklung. Wir haben hier Dissens! Und den bringen wir als Mitglieder der "scientific community" der Supervisionstheoretiker und -forscher in den Diskurs, als Mitglieder der "professional community" praktizierender Supervisoren in die Ko-respondenz und, da zwei der Autoren DGSv-Mitglieder sind, in die Diskussion der Kolleginnen und Kollegen dieses Verbandes sowie in die verbandsübergreifenden Diskussionen, denn die DGSv ist Mitglied der ANSE, einem europäischen Dachverband. Natürlich richten sich unsere dissenten Auffassungen auch gegen die Positionen von Gruppen und ihrer Exponenten, wie könnte es anders sein. Und Protagonisten, die sich besonders artikulieren und engagieren, wie der Kollege Weigand, der als 1. Vorsitzender der DGSv die Anliegen des Verbandes und der Supervision, wie er sie auffaßt, mit immensem und Achtung erforderndem Einsatz betreibt, werden mit ihren Texten Kristallisationspunkte strittiger Auseinandersetzung. Doch bei allem Dissens und konkurrierenden paradigmatischen Positionen (Marktorientierung, Hilfeorientierung) gibt es natürlich auch "common ground". Es braucht in der Tat "einen gemeinsamen Boden, auf dem Konkurrenzen und Auseinandersetzungen stattfinden" (Weigand 1999d, 3): gemeinsame "Spielregeln" (ibid.), wo sie in Wechselseitigkeit ausgehandelt wurden, besser noch, die allen modernen supervisorischen Ansätzen zugrundeliegende "Kultur der Reflexivität und Diskursivität", in der das Prinzip der "freimütigen Rede" (Parrhesie, vgl. 1.2) unserer Meinung nach eine zentrale Stelle haben muß. Wir reflektieren das supervisorische Feld, Phänomene dieses Feldes in diesem Feld, das uns Materialien für unsere reflexive und metareflexive Arbeit bereitstellt und stellen unsere Gedanken und Überlegungen offen in den Diskurs.

    Um unsere Positionen klar zu machen, was Leistungsmöglichkeiten, Metaziele und Einsatzbereiche von Supervision in unserer Sicht anbetrifft:

    - Supervision sollte, auf unserer demokratischen Verfassung basierend, eine grundsätzliche Orientierung auf das Gemeinwohl haben. (Definition XXXVI G)

    So wissen wir aufgrund von Forschungsergebnissen (Frank 1999; Holloway 1995), daß Supervision eine positive Wirkung in der Unterstützung und emotionalen Entlastung von Mitarbeitern helfender Berufe hat. Wir sind der Auffassung (was nicht mit einer wissenschaftlich abgesicherten Qualitätsbehauptung gleichzusetzen ist!), daß bestimmte Formen und Orientierungen von Supervision sich für die Qualität der Arbeit mit Klienten/Patienten, d.h. in der Hilfe bei Problemen, förderlich auswirken können (dies muß noch empirisch nachgewiesen werden). Wir trauen darauf, daß Supervision Beiträge zur qualitativen Optimierung von Arbeitszusammenhängen in demokratischen Gesellschaften leisten kann, deren Rechtsordnung den Hintergrund supervisorischer Arbeit darstellt (Petzold 1998a, 36f), was unserer Meinung nach viel zu selten betont wird (trotz der äußerst supervisionsrelevanten Substanz z.B. des bundesdeutschen Grundgesetzes). Wir sind davon überzeugt, daß man auch vermittels Supervision an der Bewältigung von Krisensituationen in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen (z.B. Migrations- und Flüchtlingsprobleme, Jugendgewalt, Pflegenotstand) und an der Humanisierung von Lebenszusammenhängen mitarbeiten sollte und kann (womit nichts über die Leistungsfähigkeit von Supervision bei diesen Aufgaben behauptet ist. SupervisorInnen sollten einfach und ohne Prätentionen ihre Arbeit und Kenntnisse zur Verfügung stellen und - wo immer möglich - nach Evaluationsmöglichkeiten suchen, ihre Arbeit empirisch evaluieren zu lassen als Feedback für sich und als Beitrag zur Fundierung der Disziplin). Wir meinen, daß Supervision als Disziplin und Praxis - wie bescheiden auch immer - zu gesellschaftlichen Bewußtseinsprozessen im Sinne aktiverDemokratisierung als permanenter Aufgabe (die sich jedem Bürger und jeder Bürgerin eines demokratischen Gemeinwesens stellt) beitragen kann. Das alles sind nicht monetär motivierte "Dienst-leistungen" (leitourgeia , ‘autourgeia - wir verwenden in diesem Text die griechischen Begriffe, um den Anschluß an die frühen abendländischen Diskurse der Demokratisierung und der reflexiven Überschau zu markieren). Diese Leistungen für das Gemeinwohl sind aber heute, im Unterschied zur antiken Polis oder den nationalstaatlichen Demokratien, globalisiert zu sehen (vgl. z.B. E.U. von Weizsäcker 1992; Altvater et al. 1997; Beck 1997a,b), was keineswegs selbstverständlich erscheint, denn in der Globalisierung beginnt sich die grundgesetzlich geregelte "Sozialpflichtigkeit des Eigentums" aufzulösen: " Auf nationaler Ebene wird ihre Realisierung schwieriger. Die Einheit von Staatsraum, geregeltem Wirtschaftsraum und Sozialraum war eine der Voraussetzungen der sozialen Marktwirtschaft und des Sozialstaates. Diese Einheit wird aufgesprengt", deshalb muß man eine Bergrenzung und Steuerung der Globalisierung versuchen", denn sie ist "kein unabwendbares Schicksal ... es geht um das richtige Verhältnis von Entgrenzung, das heißt Freisetzung und Begrenzung, es geht darum, das rechte Maß zu finden" (Böckenförde 1999, 11). Es könnte aber auch, ja muß darum gehen, den Gedanken des Gemeinwohls zu globalisieren. Hier müßte eine engagiert vertretene Aufgabe von Supervision liegen, indem sie immer wieder unter dem Prinzip der Mehrsperspektivität und der sozioökologischen Betrachtung (Petzold 1974j, 316,1998a, 46f) darauf aufmerksam macht, daß hinter jedem Mikrokontext ein übergeordneter Kontext steht, den es zu berücksichtigen gilt.

    - Supervision kann als "transversale Kulturarbeit" Hilfen in "kritisch-nachhaltigen" aber auch "engagiert-offensiven" Modernisierungsprozessen bieten durch Beiträge zu den schwierigen kollektiven Arbeitsprozessen moderner Kulturen, sich selbst besser verstehen und regulieren zu lernen, Beiträge zu einer entstehenden, emergierenden transkulturellen "mundanen Kultur" vielleicht (was nicht mit "global governance" gleichgesetzt werden darf). Definiton XXXVII G,S.

    Supervision kann durchaus - wie jede sozialwissenschaftliche Disziplin und Praxeologie - solche Kulturarbeit fördern und unterstützen, die der Amelioration bestehender Verhältnisse d i e n e n will - man muß dies in der Tat wollen (Leibowitz 1994, 229; Petzold 1996 h, 380ff), und das erfordert die sorgfältige Diskussion von Inhalten, von Zielen, Metazielen und den sich hinter den Zielen verbergenden "Problemen, Ressourcen und Potentialen" (idem 1997p). Es muß gefragt werden, in welche Dienste sich Supervision stellt, wo sie ihre Schwerpunkte setzt, welchen übergeordneten Zielen sie sich verpflichtet sieht. In einem aktuellen Reader über "Qualitätsentwicklung" im Feld der Supervision (Kühl 1999) finden wir in dem konkludierenden und zugleich Leitlinien aufzeigenden Artikel "Professionalität schafft Qualität, wenn Ziel und Inhalt definiert sind" (Weigand 1999b) manches Nützliche zur Sozialtechnologie der Qualitätssicherung, aber nichts zu Problemen der Modernisierungsprozesse, der kulturellen Umbrüche, nichts (wie übrigens im gesamten Buch) zu Fragen nach aktiverDemokratisierung, nach Gerechtigkeit und nach dem Engagement für ein hinlänglich "gutes Leben" für Menschen (Steinfath 1998) unter globaler Perspektive. Wie schwierig diese Themen auch immer sind, eben weil sie schwierig sind, dürfen sie dabei nicht am Rande stehen bleiben. Sie gehören ins Zentrum, müssen immer wieder mit Mut offen angesprochen (parrhsiazesqai ) werden, damit es zu konkretem Handeln kommt!

    Wir sind mit vielen der gegenwärtigen Entwicklungen im supervisorischen Feld und in der Berufs- und Marktpolitik der deutschsprachigen Supervisorenverbände (z.B. DGSv, EAS, ÖVS, BSÖ) - das dürfte bis hierher mehr als deutlich geworden sein - nicht einverstanden. Das kritische Bewußtsein und das soziale Engagement einer einstmals politisch reflektierten und engagierten Profession (Petzold 1989i) droht - im Klartext gesagt(parrhsiastikoV ) - zunehmend vor die Hunde zu gehen. Der ambivalente Zick-Zack-Kurs einer Mixtur von okkasionellen sozialkritischen und progredierend sozialtechnologischen, ökonomisierenden, marktorientierten Verlautbarungen, wie man sie beispielhaft in den Texten von Protagonisten der Supervisionsszene findet (vgl. Weigand 1997, 1998, 1999 a,b), zeigt die Problematik des Diskussionsstandes im Feld:

    "Lassen Sie sich nicht vom Markt, vom Auftrag, von Kollegen, von der DGSv verführen. Bieten Sie das an und qualifizieren Sie sich in den Feldern und Methoden, die der Supervisand und Auftraggeber als die erkennt, die zu Ihnen passen" (Weigand 1998a, 3). Dann aber ließt man:

    "Supervisoren müssen lernen, sich am Markt, also in den Dimensionen von Angebot und Nachfrage zu bewegen und sich über ein entsprechendes Marketing-Konzept eine Position im Markt zu sichern, die es ihnen ermöglicht, für die angebotene Dienstleistung den richtigen Abnehmer zu finden ... Um dies zu erreichen, braucht es ein reflektiertes Akquisitionsverhalten, das sich zunächst durch die Fähigkeit auszeichnet, ein libidinös besetztes Objekt für sich zu gewinnen und gleichermaßen sich selbst für ein Objekt libidinös zu präsentieren" (idem 1999b, 259f).

    "Seriosität, Ehrlichkeit, die Transparenz des beruflichen Könnens und seiner Grenzen, Kollegialität, berufliches Engagement und nicht zuletzt die vorrangige Sorge um das Wohl des Klienten oder Kunden bei allen beruflichen Entscheidungen sind Ausdruck einer Professionalität, die sich ihrer Vepflichtung auf das Humanum bewußt ist und trotz aller potentiell vorhandenen Möglichkeiten und individuellen Interessen wertbezogen handelt (...) Solidarität mit den Berufskollegen, aber auch gesellschaftspolitisches Engagement werden zum Qualitätsmerkmal einer Profession, das nach innen und außen überzeugender wirkt als viele Werbe- und Public-relations-Aktionen" (ibid. 258f). Dann ließt man weiter:

    "Der Professionelle ist in der Regel ökonomisch unabhängig, da seine Leistungen für die Gesellschaft unverzichtbar sind (...) Die Erwartung des Professionellen, daß seine Leistung deshalb ebenfalls außerordentlich honoriert wird, also der individuelle Gewinn in der gesellschaftlichen Verdienstskala überdurchschnittlich ist, zeigt, daß in einer sich immer mehr ökonomisierenden Gesellschaft der Faktor Geld künftig eine immer größere Rolle spielen wird ... Also werden sich auch die Professionsagenturen mit dieser Entwicklung auseinandersetzen und ihre Richtung bestimmen müssen." (ibid. 261f) Zur Richtung wird dann nur wenig gesagt: "Professionalität konkretisiert und institutionalisiert sich an dem Ort, an dem die Dienstleistung angeboten wird (...) Die Institutionalisierung professionellen Handelns setzt sich mit der Weiterentwicklung des Dienstleistungsangebotes innerhalb neuer, sich verändernder Problemlagen und gesellschaftlicher Bedarfe fort und paßt ihre Organisationsstrukturen den neuen Verhältnissen an." (ibid.)

    Das sind schon - genau betrachtet - recht widersprüchliche Argumentationen, zumal nicht konkretisiert wird, wer wie über die Auswahl der Problemlagen und Veränderungen entscheidet und in welcher Art sie bewertet werden. Politische und wertetheoretische Positionen bleiben völlig undiskutiert. Was ist das "Humanum?" Kataloge von durchaus kritisch zu befragenden "professionellen Tugenden", wie in den zitierten Texten aufgelistet, ersetzen keine "Problematisierung" (Foucault). Anpassung an die herrschenden gesellschaftlichen Situationen und an die Bedürfnisse des Marktes (unwichtig offenbar, welcher Art sie auch immer sein mögen, denn spezifizierende Aussagen fehlen), das ist die Botschaft. Supervision wird damit entpolitisiert und funktionalisiert.

    "Supervision ist eine funktionale Dienstleistung in Organisationen" (Weigand 1999b, 259).

    That’s plain talk, even straight! Eine klare Position! Sie ist seit langem bekannt. Weigand hat als Vorsitzender eines großen Verbandes den Raum, sie in den Publikationen zu vertreten und er nutzt diesen Raum. Die Publikationsmöglichkeiten stehen im Prinzip allen offen und wir lesen keine Gegenrede. Hier liegt u.E. das Problem, daß ein solches marktpragmatisches, sozialtechnologisches und funktionalistisches Supervisionsverständnis und die an ihm ausgerichtete Verbandspolitik, Organisationsentwicklung, Professionalisierungsstrategie und - denn es ist ja kein kleiner Verband - die davon erheblich beeinflußte Entwicklung des supervisorischen Feld nicht in breiter Weise p r o b l e m a t i s i e r t wird.

    Es ist schwierig zu sagen, wie dies zu bewerten ist. Handelt es sich um stillschweigende Zustimmung, die "Indifferenz der Praktiker" oder fehlende Überschau (supervisio) oder um eine, zu der unseren sehr andere Übersicht? Dann wollen wir unsere Positionen doch zumindest deutlich geäußert haben. Man kann das natürlich alles auch ganz anders sehen - in einem Lager (Oskar-Gerhard-Konstellationen zeigen das immer wieder). Unterschiedliche politische Hintergrundskonzeptionen können hier durchaus auch zum Tragen kommen, wobei man vorschnelle Zuordnungen (Fundis/Realos, Altlinke/Neoliberale etc.) vermeiden sollte, denn es geht selbstverständlich auch um metatheoretische (erkenntnistheoretische, anthropologische, ethiktheoretische), politiktheoretische und sozialwissenschaftliche Positionen. Weigands Argumentationen werden Pragmatiker ansprechen. Auch wir wissen, daß man sich im Feld, im "Markt" - wenn man so will - "plazieren" muß, aber es ist eine Frage, welche Position man zum Markt und seinen Phänomenen und den dahinterstehenden gesellschaftlichen Entwicklungen einnimmt und wie man sie und sich politisch vertritt, ob man die Binnenpolitik eines Fachverbandes als Reproduktion makrogesellschaftlicher Dynamiken gestaltet oder ob man es dort anders machen will? Wir stimmen der sozialstaatlich ausgerichteten - also nicht dem unbegrenzten Spiel der Kräfte im freien Markt vertrauenden - Argumentation von Böckenförde (1999, 11) zu:

    "Die Freiheit im gesellschaftlichen Zusammenleben bedarf, damit sie nicht zum Recht des Stärkeren verkommt, der Begrenzung und diese Begrenzung darf nicht den in Wirtschaft und Gesellschaft Mächtigen überlassen werden, sie muß in staaatlicher Verantwortung und repräsentativem politischen Handeln wahrgenommmen werden."

    Solches "repräsentative politische Handeln" erhält seine Repräsentanz dadurch, daß sich seine Prinzipien an allen Orten der Gesellschaft zeigen, im Handeln von Einzelnen wie im Handeln von Organisationen. So muß sich auch die DGSv fragen lassen: In den Dienst welcher Interessen und gesellschaftlichen Gruppen will Supervision sich primär stellen? Wohin will sie die Orientierung des Verbandes entwickeln. "Der Vorstand wird in allernächster Zeit die Leitbilddiskussion zum künftigen Profil der DGSv weiterführen" (Weigand 1999c). Auf welche Weise und mit welchem Grad der Beteiligung der Mitglieder soll diskutiert werden? Wie soll Repräsentativität errreicht werden (mit dem "votieren der Erschienenen" auf Verbandsversammlungen kann es doch nicht getan sein, in einem Supervisorenverband zumal), denn es geht um wesentliche Positionen und Entscheidungen. Sollen "berufsständische Interessen" (ibid. 262) im Vordergrund der Entwicklung von Supervision als Disziplin stehen? Genauer: was kommt zuerst, die wissenschaftlicheDisziplin und die mit ihr verbundene fachlicheMethodologie der Intervention oder die marktorientierte und -abhängigeProfession? Der Verbandsvorsitzende hat sich hier klar geäußert:

    "Die Qualitätsentwicklung von Supervision ist untrennbar mit dem Grad und Gelingen ihrer Professionalisierung verbunden ... Die Qualitätsverbesserung der Dienstleistung, die Entwicklung eines beruflichen Identitätsprofils, die Präsentation am Beschäftigungsmarkt und ein fortschreitender Institutionalisierungsprozeß bilden dabei die zentralen Punkte" (ibid.).

    Wir haben hier Dissens! Und wir stehen dafür als Personen und "altmodische" Teilzeitsupervisoren mit kleinen und sehr großen Aufträgen - also ohne vollprofessionalisiertes berufliches Identitätsprofil im oben anvisierten Sinne - mit unseren umfangreichen supervisionstheoretischen Arbeiten (Petzold 1998a; Petzold, Orth Sieper 1995 a,b, 1999; Ebert 1999), Forschungen (Petzold, Schiggl 1996; Oeltze, Petzold, Ebert 1999) und unserer praktischen Supervisionsarbeit im Non-Profit- und Profitbereich sowie in zahlreichen Feldern mit ausgewiesener Feldkompetenz. Wir meinen,

    daß die Qualitätsentwicklung von Supervision abhängt vom Grad ihrer theoretischen Elaboration zur Klärung, wissenschaftlichen Begründung und metatheoretischen Legitimation ihrer Konzepte, von der Intensität ihrer Konnektivierung mit relevanten Referenzdisziplinen und deren Forschung (Psychologie, Soziologie, Philosophie etc.), damit ‘substantielle Positionen’ zur Fundierung supervisorischer Methodik und Interventionstechniken vorhanden sind und eine empirische Überprüfung ihrer Wirkungen in verschiedenen Settings, in unterschiedlichen Systemen (Klientensystemen, Supervisandensystem, Auftraggebersystem) möglich wird, um mit überprüften differentiellen Methoden in gesellschaftlichen Feldern, in Krisensituationen, Problembereichen und Märkten seriöse und empirischnachgewiesene effektive Hilfen für Notlagen anbieten zu können, forschungsgegründete wirksame Unterstützung bei Problemsituationen und positiv evaluierteeffiziente Dienstleistungen für diverse Marktbedürfnisse, z.B. Innovationsaufgaben. Definition XVIII S

    Es muß an der Position von Weigand und an der an ihr ausgerichteten Verbandspolitik etwas falsch sein, denn wir und viele andere (Buer, Hege, Pühl, Schreyögg, Strotzka, Wittenberger, Zbinden - Weigand selbst, wenn wir uns nicht täuschen, usw. usw.) haben "Qualität von Supervision" außerhalb formaler Professionalisierungsprozesse aus der Vielfalt ihrer Kompetenzen und Performanzen und im lebendigen Kontakt mit vielfältigen therapeutischen, agogischen, sozialarbeiterischen und beraterischen Strömungen entwickelt. Wir halten deshalb nicht viel von Verbandsstrategien, die Supervision "in Abgrenzung zu anderen Beratungsformen vertreten" (DGSv-Info Broschüre 1999), dafür gibt es von diesen zu viel zu lernen (z.B. von Counseling psychology and research, Nestmann 1997, s.u.), von Ausgrenzungspolitik etwa gegenüber psychologischen Supervisoren (aus der Ausbildung der Akademie des Bundes Deutscher Psychologen) nur aufgrund geringfügiger "Standarddifferenzen" (Psychologen haben anderes einzubringen [vgl. Wilker 1998] , z.B. neben der schon erwähnten Sozialpsychologie den ganzen Reichtum der Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie, Bereiche, die gleichfalls, wie unsere Literaturanalysen zeigen, recht defizient sind). Wir sind höchst skeptisch gegenüber hegemonialen Macht- und Kontrolldiskursen zum Aufbau oder zur Sicherung von Qualität und sehr beunruhigt über die Tendenz einer unreflektierten oder auch bejahten Eingliederung der Supervision als Instrument der Hilfeleistung, Bildung und Sozialinnovation in die Mechanik der Marktstrukturen (Crouch 1998, Procacci 1998) des wachstumsbesessenen "neuen Kapitalismus" (Sennett 1997, 1998; Afheldt 1994), der die Gesellschaft in Zerreißproben bringt (Heitmeyer 1994, 1997) und solidar- und wohlfahrtsstaatliche Perspektiven (Offe 1984,1998) als obsolet ansieht, des "Turbo-Kapitalismus" voller "Optionen" (Gross 1994, 1999) mit seiner "‘Befreiung’ aus traditionellen Arbeitsstrukturen" (Weigand 1999c, 5), deren Verunsicherungen "top quality supervision" auffangen soll. Natürlich gehört die Supervision in die postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft (Bell 1973, 1976) und natürlich schlagen die Globalisierungsdynamiken (Klein 1998; Albrow 1996, 1998; Beck 1997) auch in die Arbeitsfelder der Supervision durch, die durch "global flows", d.h. übergeordnete externale Feldkräfte (s.o.) rekonfiguriert werden (Berking 1998). Aber hierzu gilt es differenzierte Positionen zu entwickeln, die durchaus vielfältig sein dürfen und als Ausdruck der faktischen Pluralität (Welsch 1988) auch sein müssen (Beck 1993; Dahrendorf 1992; Giddens 1998; Sennett 1998; Willke 1983, 1992, 1997).

    Supervision muß sich in der Tat immer wieder der Frage ihrer gesellschaftspolitischen Verortung stellen. Das gilt für die gesamte Disziplin, die "Profession", für jeden einzelnen Supervisor und jede Supervisorin: "Was ist das ‘gute Leben’ und wie wollen wir es verwirklichen?" (Steinfath 1998) - "In welcher Gesellschaft leben wir?" (Pongs 1999) - "In welcher Gesellschaft wollen wir leben?" - "Was sind wir bereit, dafür zu tun?" ... das sind Fragen, um die man nicht herum kommt, zu denen man Positionen entwickeln muß, die heute wohl zwischen "Staat und Markt" (Somers 1998) liegen wird, aus denen man seine Professionalität interpretiert, seine Disziplin vertritt und legitimieren kann, Positionen, aus denen man dann als Person und Staatsbürger in seinem Privatleben und in seiner Profession handelt.

    Uns liegt in unserer Gesamtarbeit, in welcher Supervision ein wichtiges Element unter weiteren Elementen (Therapie, politische Arbeit, Wissenschaft, Forschung, Organisationsentwicklung, konkrete Projektarbeit in schwierigen Feldern) ist, anderes am Herzen als "Märkte zu bedienen", obgleich es uns durchaus wichtig ist, die Märkte zu kennen, Marktdynamiken zu verstehen, zwischen Märkten navigieren zu können. Vor allen Dingen aber erscheint es uns wesentlich, die Märkte zu beobachten - wir vermeiden die in Supervisorenkreisen beliebte hypostasierende Form "der Markt" (als ob’s der liebe Gott wär!), deren Fetischcharakter (im Sinne der Marxschen Triade Waren-, Geld-, Kapitalfetisch) offenbar nicht gesehen wird. Nur dann kann man in staatsbürgerlicher und weltbürgerlicher Verantwortung politisch wachsam und aktiv handeln, damit die "Märkte" sich nicht in einem globalen Automatismus verselbständigen und die Mehrung des Kapitals die einzige Steuerungröße wird, die Menschen aber, die Kultur und die Ökologie auf der Strecke bleiben. Diese Anliegen stehen insgesamt im Hintergrund unserer Arbeit, wobei es uns in der Supervision spezifisch um folgendes geht:

    - Das Bemühen - u.a. durch Supervision - um ein besseresVerstehen der Modernisierungsprozesse, d.h. der akzelerierenden Weltkomplexität und der pluralisierten und virtualisierten Lebenswirklichkeit (Turkle 1998), um in diesen Prozessen sicherer navigieren und an bzw. in Projekten fundierter mitarbeiten zu können (Schreckender, Rosian 1995) - ein eminent supervisorisches Anliegen:

    "Wenn es uns nicht gelingt, die für das Verstehen notwendigen Bedingungen zu schaffen - um nicht nur zu verstehen, sondern auch entsprechend handeln zu können - dann wird uns die Wirklichkeit weiterhin entzweien und vernichten" (Berlin 1998, 325).

    Die hierfür grundlegenden Arbeiten des großen "Supervisors" neuzeitlicher Kulturprozesse, IsaiahBerlin, wurden in der Supervisionszene bislang praktisch nicht zur Kenntnis genommen.

    - Eine systematische Problematisierung (Foucault 1996, 178ff) von Wirklichkeitskontexten und Wissensbeständen - u.a. durch Supervision (wobei wir Probleme als Aufgaben, Chancen und Schwierigkeiten verstehen). So sind wir an der Auslotung der bereits erwähnten, von Foucault (1998) herausgearbeiteten "drei großen Problemtypen" interessiert:

    "... das Problem der Wahrheit, das der Macht und das der individuellen [wir ergänzen hier "und kollektiven" s.c.] Lebensführung. Diese drei Erfahrungsbereiche können nur in ihrer wechselseitigen Beziehung und nicht unabhängig voneinander verstanden werden" (ibid. 485).

    Das ist u.E. eine zentrale supervisorische Aufgabe, obgleich Foucault mit seinen luziden Genealogien und Übersichten und seiner diskursanalytischen Methodologie in der supervisorischen Literatur weitgehend unbeachtet blieb und nicht genutzt wurde. Es ist aber unverzichtbar, sich als Supervisor mit "Dispositiven der Macht", "Wahrheitsspielen" und den "Techniken der Selbstkonstitution" auseinanderzusetzen, mit Strategien von "Macht- und Freiheitsdiskursen" (Foucault 1998; Petzold, Orth, Sieper 1998), um durch "soziales Sinnverstehen" (Metzmacher, Petzold, Zaepfel 1995; Metzmacher, Zaepfel 1996) zu einem intelligenten Umgang mit "riskanten Chancen" (Keupp 1988; Beck 1986; Beck, Beck-Gernsheim 1994) beizutragen.

    - Die gezielte Mitarbeit - u.a. durch Supervision - an der Reduktion und Beseitigung von "syndromalen Fehlentwicklungen", - z.B. maximalisierend ausgerichteter Effektivierung, nicht-nachhaltigenProzessen (Reusswig 1998) -, wobei wir diese genau wie die Idee der "Nachhaltigkeit" (Litting 1998), der "sustainability" (Agenda 21, UNCED- Weltgipfel, Rio de Janeiro 1992), keineswegs unkritisch und nur als ökologische Konzepte betrachten (Fritz, Huber, Levi 1995). "Die syndromalen Fehlentwicklungen fokussieren die Schnittstelle von Mensch und Natur, sind nicht auf einzelne Bereiche der Gesellschaft (Politik, Wirtschaft, Technik etc.) beschränkt, sondern immer transsektoral und transfunktional verfaßt" (Reusswig 1998, 54, vgl. Luhmann 1997). Damit "Nachhaltigkeit" nicht zu einer Strategie des "verlangsamten Niedergangs", der Resignation vor den Mächtigen, des Verzichts auf gerechtfertigte Veränderungsforderung wird , eine Gefahr, auf die Spehr (1996, 1998) mit seinem Konzept des "progressiven Alienismus" zu Recht hingeweisen hat, muß sie auf die in ihr zum Tragen kommenden Interessen metareflektiert werden, auf den Kontext des Einsatzes nachhaltiger Strategien mit der Frage, ob sie an der vorgesehenen Stelle am Platze sind, oder ob nicht eher Strategien des Kampfes angesagt sind. Ziel muß eine "kontextualisierte Optimierung" (Petzold 1998a, 86) sein, die die vitalen Zusammenhänge berücksichtigt und deshalb vom Maximalprinzip, von den Konzepten der maximalen Wertschöpfung und der Maximalleistung abgeht, weil sie im Bezug auf "lebendige Systeme", Menschen, Tiere und Ökologien dysfunktional sind und zu Erschöpfung von Ressourcen, zu Verödung, in Krankheit und Zerstörung führen, Schäden, die zum Teil irreversibel sind, weil Lebendiges nicht voll restituierbar ist, wie technische Systeme, die repariert, erneuert, ersetzt werden können, um wieder in Maximalauslegung bis zum Verschleiß zu funktionieren. Das Konzept "kritischer Nachhaltigkeit" - wie sind Ressourcen zu sparen, zu erneuern, Schäden zu begrenzen, wo ist auf das Schaffen weiterer Komplexität zu verzichten (von Hentig 1975) - ist auf jeden Fall eine Erweiterung unseres Denk- und Handlungsspektrums. Es ist ein Korrektiv für die Ideologien des "unbegrenzen Wachstums" und der "unendlichen Entwicklungsmöglichkeiten" und ermöglicht ein Konzept "reflektierter Entwicklung", die Entwicklungsdynamiken und -prozesse hinterfragt und ihren fruchtbaren Einsatz möglich macht, weil es die "Folgen nach den Folgen" reflektiert hat. Wachstum/Entwicklung darf also nicht zur einzigen Strategie werden! "Der politische Diskurs um Zivilgesellschaft will Konflikte moderieren [Supervisoren könnten als "Moderatoren" bereitstehen, s.c.], zerstörerische Reibungsverluste vermeiden und kappt jede radikale Infragestellung, was denn bei den moderierten Konflikten herauskommt". Dann gerät "die bessere, die gerechtere Globalisierung ... [zur] unauffälligeren Ordnungspolitik" (idem 1998, 81). Deshalb haben wir uns zu den Konzepten "kritischer Nachhaltigkeit" und "reflektierter Entwicklung" als verschiedenen möglichen Interventionsstrategien entschieden, darum wissend, daß sie im Spannungsfeld von Bewahren und Fortschritt (Esteva 1995), von Verhandlung und Protest, Dialog und Kampf angesiedelt sind, von Ökologie und Autonomie (Schwertfisch 1997), von Verantwortung und Freiheit (Jonas 1984), von Souveränität und Allianzen (Bündnissen für Arbeit, Bildung, Gesundheit, gegen Armut, Umweltzerstörung, Krieg etc., deren Funktionieren ggfls. offensiv-engagiert erkämpft werden muß, wenn es nur bei Absichtserklärungen bleibt). Solche Konstellationen könnten - werden sie in ihren situativen Konkretisierungen unprätentiös und mit Engagement angegangen - ein zentrales Arbeitgebiet moderner, mehrperspektivisch, transdisziplinär und transversal mit ameliorativer Zielsetzung arbeitender Supervisionsansätze sein (Petzold 1994a, 1998a; Coenen 1999; Ebert 1999), wie sie sich allmählich in "systematischen Suchbewegungen" und mit einem immensen Arbeitsaufwand in einigen Bereichen des "supervisorischen Feldes" entwickeln.

    Der Begriff des "Feldes" ruft die Assoziation einer Ackerfläche auf, die kultiviert werden muß, sorgsam, denn sonst kommt es zu Bodenerschöpfung und -vergiftung, zu Erosionen, Versteppung durch exploitierende Kolonisierung. Wir haben das ursprünglich im agronomischen Kontext im Sinne von "Bodenverbesserung" gebrauchte Konzept der "Amelioration" bewußt im Kontext "integrativer und differentieller Intervention" (Petzold 1979c, 156f; Heekerens 1985) in psychosozialen Feldern aufgegriffen als Kennzeichnung "infrastruktureller Interventionen zur Verbesserung sozioökonomischer Bedingungen und materieller und logistischer Ressourcen, z.B. durch Bildungsmaßnahmen, Arbeitsprogramme, kulturelle Maßnahmen" (Petzold, Sieper 1993, 469), weil ohne nachdrückliche Arbeit in und an diesen sozioökologischen Kontexten, ohne konkreten Support von sozialen Netzwerken, Konvois und "social worlds" (Hass, Petzold 1999) wenig verändert und verbessert werden kann (Petzold, Petzold 1991a, 3ff), vor allem ohne den nachhaltigen Umgang mit den "human resources" (und die dürfen nicht nur im Arbeitsbereich situiert werden; was wären die so "erfolgreichen" und "effektiven" Professionellen ohne ihre Familien und Freunde, Bereiche, die aus der pofessionsfixierten Perspektive einer breiten, transsektoral offenbar blinden Supervisionsszene herausgefallen sind?). Das Konzept der "kritischer Nachhaltigkeit" etwa im Bezug auf die Tragfähigkeit und Motivation von Krankenschwestern und Pflegern, Polizeibeamten, SozialarbeiterInnen, von Müttern und Hausmännern, von Teams, von Arbeitnehmern in Verschleißjobs, von Managern in "high performance" Positionen und ein Bezug auf die mit der "sustainability" verbundenen höchst supervisionsrelevanten Diskussionen (Littig 1998; Spehr 1996; Spehr, Stickler 1997; Mies, Schiva 1995) taucht bei den inhaltlichen Debatten im Bereich der Supervision nicht auf. Bewußt und entschieden zu "kritisch-nachhaltigen", reflektiert entwickelnden oder "engagiert-offensiven" Modernisierungsprozessen beizutragen, kommt der neuen, sich als Experten für Veränderung, Problemlösung, Innovation und Entwicklung gerierenden "Profession" von Supervisoren mit ihren exzellenten Dienstleistungen im Beratungsmarkt, die ihre Arbeit nicht mehr als eine Zusatzfunktion zu anderer Fachlichkeit (ihrem Grundberuf oder spezialisierten Tätigkeiten, wir haben unsere benannt, s.o.) betrachten, offenbar immer weniger in den Sinn, denn das hieße, das Konzept des "Marktes", das offenbar das des "Feldes" abgelöst hat, kritisch hinterfragen und auch die Entwicklungen, die dahingeführt haben, daß man nun als progressiver Supervisor "marktkompetent" (vgl. Weigand 1999c, 4) statt "feldkompetent" sein soll.

    Entfremdungstheoretische Analysen, d.h. Auseinandersetzung mit den Problemen von Herrschaft, Macht, Interessen, Privilegien sind im supervisorischen Markt selten geworden. Man will offenbar den Märchen von den "verknappten Ressourcen" glauben, ohne zu fragen, wo der Mehrwert hingeht (Afheldt 1994). Man arbeitet einerseits als "Fachprofession für Beratung" an der Steigerung des "shareholder value" und dient sich andererseits - gegen gutes Geld versteht sich - als Spezialisten für "Qualitätssicherung", "Kundenorientierung", Ökonomisierung sozialer Leistungen - will heißen Leistungsminimalisierung für die Betroffenen - an, denn da ist ein Markt. Die fatale Mechanik der "Kaschierung des Mangels" und der "Übertünchung der Verschlechterung" (mit Konzepten wie Qualitätssicherung, Kundenorientierung, schlanke Strukturen, neue Steuerung etc.) wird nicht oder selten von SupervisorInnen analysiert oder gar offengelegt (wir haben dies exemplarisch für den "undifferenzierten Kundenbegriff" getan, Petzold 1998a, 395ff). Stattdessen wirken sie an der Implementierung unproblematisierter (Foucault 1996, 178ff) und oft recht problematischer Konzepte mit. So werden SupervisorInnen Vollzugsgehilfen struktureller Gewalt, der Einsparung an Bedürftigen und der nicht-nachhaltigen Service-Expansion. "Qualitätssicherungssysteme" werden propagiert zu einem Zeitpunkt, wo durch "Reformen", etwa im Alten- und Pflegebereich, die Gewährleistung von Qualität kaum noch möglich ist, wie jeder weiß, der - wie die Autoren - seit zwei Jahrzehnten im gerontologischen bzw. geriatrischen Bereich profiliert Supervision (oft genug Krisenintervention und Burn-out-Hilfe), Institutionsberatung und Organisationsentwicklung betreibt (Petzold, Petzold 1996b, 1997b).

    Eine "Profession", die beansprucht, "Überblick" zu haben, sollte zu derartigen Problemen den Mund aufmachen. Sie hat u.E. eine "Verpflichtung zur Parrhesie", d.h. in mutigen öffentlichen Stellungnahmen für die Menschen in den von ihr beratenen "Klientensystemen" (Patienten, Migranten, Problemfamilien etc.) und "Supervisandensystemen" (Schwestern, Sozialarbeiter, Sozialmanager etc.) engagiert einzutreten (Petzold 1989i) aus der "Expertise" ihrer beratenden Tätigkeit in vielen belastenden Settings. Uns ist bislang keine derartige spezifische, engagierte und offensive Stellungnahme, die über das abgedroschene (und oft falsche, weil depontenzierende) "Hilfe für die Helfer", die hilflosen, hinausgeht, von den verschiedenen Supervisorenverbänden bekannt geworden: etwa zur Jugendgewalt als Verelendungsphänomen (Petzold 1995e), zu sozialen Mißständen, z.B in der Flüchtlings- und Migrantenarbeit, zum Pflegenotstand, zu den vielfach mit Überlastungssituationen des Personals verbundenen Mißhandlungen, ja Tötungen im Pflegebereich (Petzold 1985d, 1990 r,t, 1994a; Maisch 1996), obgleich Fellermann (1999, 6) unterstreicht (und anhand der Marktresonanz dokumentiert): "Die DGSv ist ein Verband mit Öffentlichkeitswirkung." - Man könnte also Gehör finden!

    Wenn man all dieses metakritisch und entfremdungstheoretisch (Entfremdung franz. aliénation) betrachtet, wird man an die Geschichte von Christoph Spehr (1998) zum "progressiven Alienismus" erinnert. Wie in JohnCarpenters klassischem Alien-Film "Sie leben" (1988), leben die AliensA unerkannt tatsächlich schon lange unter uns - in den besten und lukrativsten Positionen, die Erde und als vermeintliche Mitmenschen ihre Nachbarn und Untergebenen ausbeutend. Dann aber geschieht folgendes:

    "Ungefähr Mitte der siebziger Jahre bekommen die Aliens eine Supervision vom Heimatplaneten [ja, man hat sich nicht verlesen, da steht SUPERVISION, s.c.]. Das Ergebnis ist verheerend. Die Ressourcen der Erde, so der Abschlußbericht, sind - wie nicht anders zu erwarten - endlich. Das System ist zwar sehr bequem für Aliens, aber zu teuer ... Der Bericht endet unmißverständlich: Reformen, sonst - Jupiter. In dieser zugespitzten Situation erfinden einige Aliens einen grundlegenden Neuansatz, den progressiven Alienismus. Der Gedanke ist ebenso einfach wie genial: Man gebe das Problem an die Menschen weiter. Die Erde ist gefährdet - rettet sie! Nach den Spielregeln der Aliens, versteht sich. Mehr Technik, weniger Konsum [mehr Beratung, Supervision, Organisationsentwicklung, Kreativitätstraining kann man hinzufügen, s.c.]; mehr Steuerung und weniger Freiräume; weniger Gemäkel und mehr die Ärmelhochkrempeln und alle müssen mittun. Werdet sparsamer, arbeitet mehr, verbraucht weniger ... Die Lage ist so dringend, daß keine Zeit mehr für grundsätzliche Veränderungen bleibt. Systemkritik vergeudet Zeit [Supervision reicht doch! s.c.], die für die Rettung des Planeten dringend gebraucht wird ... spart dort, wo es am leichtesten möglich ist! Leichter ist es dort, wo wenig Macht ist und die Widerstände am geringsten sind [gegen den Burnout gibt´s ein paar Sitzungen Supervision mehr, s.c.]. Nennt das nicht ungerecht. Nennt es realistisch. Nennt es verantwortlich [die Supervisoren helfen euch bei neuen Leitbildern, s.c.] ... Im Gegensatz zu den traditionellen Aliens haben die progressiven inzwischen die gesamte Menschheitsliteratur gelesen, sie zitieren und dozieren, daß einem der Kopf schwirrt ... man könnte sie fast für Menschen halten" (Spehr 1998,79f). Was, wenn progressive Supervisoren, oder doch ein großer Teil von ihnen ...solche ALIENS wären L, die alles wissen und können, überall kompetent beraten. (Sie machen z.B. den Leuten in der Altenarbeit gegen ihren initialen "Widerstand des gesunden Menschenverstandes" klar, daß auch bei dementen Alterspatienten noch Kundenorientierung sinnvoll sei. (Vgl. z.B. das von Bartsch-Backes [1996] beschriebene Projekt, einem vormaligen Supervisor, der nach der Maßnahme - so seine Darstellung - zum Organisationsentwickler konvertierte; siehe detaillierter Petzold 1998a, 416ff).

    Diese Parabel ist gar nicht so weit hergeholt. Supervisoren werden häufig da "eingekauft", wo "fast nichts mehr geht", wo die Katastrophen passiert sind (wie in Lainz, vgl. Petzold 1994a), wo sich "syndromale Fehlentwicklungen" finden, wo Pseudoreformen die letzten Ressourcen aus dem Menschen und Institutionen herauspressen. Dort helfen sie, mit dem Wenigen noch zurecht zu kommen, entlasten bei unzumutbaren Belastungen, beraten, wo guter Rat nicht mehr fruchtet und Investitionen, substantielle Ameliorationen notwendig wären. Sie tun alles, außer daß sie sich - am besten über ihre potenten (?) Verbände - als Fachleute an die Öffentlichkeit wenden, um an der richtigen Stelle zu beraten, ja einzufordern. Aber damit ginge der Nimbus der "Experten für Schwieriges" verloren, die Aufträge kämen vielleicht nicht mehr so herein vom "Markt", denn man kauft Supervisoren mit verdeckten Absichten ein: u.a. zur (indirekten) Kontrolle, zum "appeasement", als Durchhaltehilfe, zur Burn-out-Prophylaxe, zur Ausschöpfung der Restkapazitäten, zur Weiterbildung für Arbeitssituationen, wo kaum ein Supervisor selbst noch arbeiten würde. Das ist eine Negativliste - sie ließe sich verlängern -, die wir selbst erlebt haben und von unseren Supervisanden und Lehr- bzw. Kontrollsupervisanden leider allzuhäufig vorgestellt bekommen. Natürlich gibt es auch positive, angenehme Aufträge, kein Zweifel, aber wenn man an die herankommt - auch das ist unsere Erfahrung - nehmen viele Supervisoren die eher schlecht oder mäßig bezahlten Supervisionsaufträge nicht mehr, etwa die im Alten- und Pflegebereich (wir übernehmen dort noch kleine Kontingente aus Engagement für dieses Feld und aus Forschungsgründen), in der Familienhilfe, in der Drogen- und Ausländerarbeit. Solche "Kontrakte" bleiben dann für die Anfänger oder die wenig Markt- und Akquisitionsfähigen (denen man dann Aquisitions- und Selfmarketing-Seminare anbietet).

    Bevor man sich also in Schwierigkeiten bringt und an Leitungen, Vorgesetzte, die Öffentlichkeit gar, herantritt, bleibt man in der Rolle des kundigen Experten bei den "wenig Kundigen", sozusagen als "Bergführer" in schwierigem Gelände:

    So wird der Supervisor als "Bergführer" gesehen, der alle "Bergtouren kennt, die Pfade kennt, Gefahren, Beweggründe, Stimmungen und Stimmungsumschläge ... Bedingungen großer und kleiner Gruppen, ... seine eigenen Widerstände und Vorlieben und Abneigungen kennt usw. ... So wie der Erfolg der Bergtour entscheidend von der empathischen Fähigkeit und strategischen und planenden Fähigkeit der Bergführers abhängt, das Richtige im richtigen Moment zu tun, so ist das Handeln des Supervisors entscheidend für eine erfolgreiche Supervision und den erfolgreichen supervisorischen Prozess", so Matthias Sell (1998, 5), langjähriger Vorsitzender, jetzt "Ehrenvorsitzender" der "European Association for Supervision e.V." (EAS) mit einer sehr ansprüchlichen Metaphorik, die die Supervisanden - in der Regel berufserfahrene Fachleute mit Hochschulstudium - auf folgsame Dependenz festschreibt. Supervisoren arbeiten, so Supervisionsaltmeister Werner Zbinden (1998, 3) in seiner Rede bei der Gründung des Konkurrenzverbandes der "Association of National Organizations for Supervision in Europe" (ANSE), in "Suprasystemen", die sich "aus als selbständig zu verstehenden Systemen zusammensetzen", z.B. "internationalen und nationalen Organisationen, Dachverbänden und multinationalen Unternehmen" (ibid.). In diesen hätten Supervisoren vielfältige Aufgaben: Entwicklungshemmungen zu verdeutlichen, tatsächliche Potentialnutzung zu reflektieren, trotz hoher systemischer Veränderungsgeschwindigkeit Bremsversuche rückzuspiegeln - bei Suprasystemen wohlgemerkt! - Zuvor aber sollen "Supervisorinnen [ ... ] darauf hinwirken, daß Supervision als Reduktionsinstrument von Komplexität zugelassen wird. Sie können dazu beitragen, frühzeitiges Altern, Ernstwerden und Erstarren zu verhindern. Letzlich sollten Supervisoren sich selbst dessen bewußt sein, daß auch ihre eigene Arbeit nicht eine ganz so ernste Sache ist" (ibid.). Dem wurde andächtig gelauscht, begeistert applaudiert !(Wir waren anwesend)

    Die tiefgründige Konklusion: "Suprasysteme verändern und bewegen sich auch ohne uns" (ibid.). In der Tat! Bei solchen omnipotenten Bergführungen zu suprasystemischen Einsichten - und bei all den Wundergläubigen, die supervisorische Hilfe versprochen bekommen, "die Unsicherheiten von Netzwerken zu ertragen" (ibid.) - nimmt es nicht Wunder, daß Supervision als Konzept, als Praxis und als "Profession" selten kritisch hinterfragt oder problematisiert wird. Am wenigsten von den Supervisoren selbst. Wir aber haben Zweifel und würden vieles weniger ansprüchlich formulieren.

    Im Programm des Deutschen Supervisorentages in Celle 1997 heißt es: "Supervision hat sich in mehrfacher Hinsicht als wirksame Beratungsform für die sozialen, pädagogischen und psychosozialen Arbeitsfelder bewährt: Sie hilft bei der Lösung schwieriger Klientenprobleme [eben das ist nicht nachgewiesen, Frank 1998, s.c.], wird zur Bearbeitung institutioneller Rollen- und Kooperationsprobleme eingesetzt und trägt zur Qualifizierung der Helfertätigkeit bei. Soziale und pädagogische Arbeit ist ohne qualifizierte Beratung nicht denkbar." - "Wirklich nicht ?", fragen wir, denn wir halten das für eine heftige Behauptung.

    "Die Bedeutung von Supervision als Beitrag zur Qualifizierung (vgl. 8 Jugendbericht) und als Beitrag zur Qualitätssicherung [...] ist inzwischen weithin unbestritten" (Berker 1999, 70).

    Ist das so? Und wenn es so ist - in einigen Feldern läßt sich das vielleicht als Meinungsbild so aussagen (z.B. für Sozialarbeit und Psychotherapie) -, ist es richtig und wahr, d.h. von den theoretischen Grundlagen und der Systematik der Methoden, vor allem aber durch empirisch beforschte Praxis abgesichert sowie metakritisch legitimiert? Sicher nicht! Es sind behauptete Möglichkeiten, und man muß sorgfältig und fachlich seriös daran arbeiten, daß sie verifiziert oder falsifiziert werden. Man muß diese Fragen öffentlich und offen im gesamten Feld diskutieren, nicht nur intern in den einzelnen Fachverbänden - um der Supervision als Disziplin und der Fachlichkeit der Verbände willen.

    Jede Disziplin muß um ihren Status wissen, um ihren "state of the arts". Sie muß sich über ihre Geltungsansprüche und über die Einlösung dieser Ansprüche Rechenschaft ablegen. SupervisorInnen müssen sich über die Wahrheit ihrer Disziplin - und das heißt auch über die Wahrhaftigkeit ihres Tuns - klar sein, zumindest um Klarheit ernsthaft bemüht sein, schaut man auf die Vielfalt der schwierigen, z.T. höchst verantwortlichen Aufgaben, die Komplexität der Situationen, die anzugehen Supervisoren sich anheischig machen: Supervision "trägt wesentlich zur Qualitätssicherung bei" (Luif 1997, 5). Sie ist - so Weigand (1999b, 250), der langjährige erste Vorsitzende der DGSv - "ein Ort, an dem sich Qualität ereignet". Unter solcherart behaupteter Qualität, die allerdings "nicht zum technologischen und inhaltsleeren Begriff verkommen" darf, wie Weigand (1999a, 7) affirmiert, wird Supervision dann zu einem Ansatz, der

    "für die Gesellschaft ein Reflexions- und Orientierungsinstrument zur Verfügung stellt, um die Verunsicherungen, die durch die Befreiung aus traditionellen Normierungen und Institutionen entstehen, ausgleichen zu können" (ibid., 7, unsere Hervorhebungen).

    Ein solcher - u. E. als hypertroph zu bezeichnender - Anspruch, der indes für die Supervisionsszene keineswegs unüblich ist, verwundert uns nun doch, wenn wir ihn an der Flut der Publikationen zur Supervision messen mit ihrer chaotischen Vielfalt an Konzepten, unüberprüften Wirksamkeitsbehauptungen und z.T. recht schwachbrüstigen Theorieelaboraten (vgl. hierzu Ebert 1999). Vor allem verwundert er bei dem weitgehenden Fehlen fundierter kritischer bzw. selbstkritischer Reflexionen und Diskurse im supervisorischen Feld - insbesondere mit Blick auf ihre Axiomatik, ihre Geltungsansprüche, ihre Wahrheit (vgl. aber Aller 1998; Wittenberger 1998; Wöhrle 1999). Und man muß fragen: "Wer hat das Recht, die Pflicht und den Mut, die Wahrheit zu sprechen?" (Foucault 1996, 25). Der Klient, der Auftraggeber, der Kunde, der Evaluator, der Wissenschaftler? Sie alle - zweifelsohne! In erster Linie aber die SupervisorInnen selbst! Und das erfordert die kritische Reflexion des eigenen Standortes, der vertretenen Geltungsbehauptungen und vor allen Dingen der Positionen und Praxen, derer man sich besonders sicher wähnt.

    Supervision ist ein Phänomen des Modernisierungsprozesses, ein Versuch - und es gibt ihrer viele - Hilfen in der akzelerierenden Produktion von Komplexität zu finden und bereitzustellen, welche in den Globalisierungsdynamiken einer transversalen Moderne bzw. Postmoderne mit ihrer überbordenden Undurchschaubarkeit für den Einzelnen, für Gruppen, Organisationen und Gemeinwesen Steuerungsmöglichkeiten schaffen, um auf dem Meer der Weltkomplexität sicher navigieren zu können. (Petzold 1999)Definition VIII G

    Komplexität durchflutet fast alle Lebensbereiche, das Privatleben, die Öffentlichkeit, den Profit- und Non-Profit-Sektor und erzeugt den Wunsch, Überschau, Kontrolle, Strukturierungsstrategien, Leitbilder, Steuerungsmöglichkeiten zu erhalten. Die Probleme sind so groß, die Heilssehnsucht ist so stark, daß der S u p e r v i s i o n (wie weiland der Psychoanalyse) Lösungspotentiale, den SupervisorInnen Lösungskompetenzen zugeschrieben werden, deren performatorische Umsetzung bislang noch kaum überprüft wurde, und wo dies geschah, waren die Ergebnisse - besonders auf der Ebene des Klientensystems, d.h. der Patienten und Hilfesuchenden - nicht sehr überzeugend (Frank 1998, 1999). Dennoch treten - wie aufgezeigt - Supervisoren und unsere Dach- und Fachverbände mit Qualitätsbehauptungen und -versprechen auf (Weigand 1995, 1997, 1998 a,b, 1999 a,b,c; Luif 1997,5), die die Autoren und die Autorin dieses Beitrages - offen gesprochen (parrhsiazomai ) - beim gegenwärtigen Kenntnis- und Forschungsstand im Berereich der Supervision und als Mitglieder von Supervisionsverbänden so nicht vertreten könnten. Denn: "Supervisorische Theorienbildung und Praxeologie sind, überblickt man das Feld, noch weitgehend im Stadium eines ‘wilden Eklektizismus’ oder einer monomethodischen, schulenbestimmten Dogmatik. Elaborierte sophisticated models sind selten" (Petzold 1998a, 99). "Die Investitionen, die die einzelnen Supervisoren..., ja das ganze supervisorische Feld in theoretische Arbeit und in kollegiale, professionelle Diskurse machen müssen, werden erheblich sein, aber sie werden auch der Mühe lohnen" (ibid. 100), wenn man den aktuellen Stand der Disziplin nüchtern, ehrlich und selbstkritisch betrachtet. Das ist unsere Auffassung.

    Der vorliegende Beitrag will sich deshalb nach diesen einleitenden Schlaglichtern zum Kontext und zu Problemen des "Feldes" in parrhesiastischer Absicht, d.h. in offener, kritischer Bestandsaufnahme und Reflexion, mit weiteren Aspekten der vielfältigen Probleme befassen, vornehmlich zweien: der Praxis nicht substantiierter Qualitätsbehauptungen und dem disparaten Verständnis von "Supervision" im Feld anhand von Definitionen, Begriffsbestimmungen und Umschreibungen, dies in der inter- und transdisziplinären Ko-respondenz (idem 1978c) der Autoren und der Autorin, die - alle als SupervisorInnen langjährig tätig - unterschiedliche berufliche Hintergründe, Studien, Weiterbildungen und Wissensbestände einbringen. Sie seien an dieser Stelle aus methodischenGründen erwähnt: Sozialarbeit, Soziotherapie und Sozialwissenschaften (Ebert), Erwachsenenbildung, Psychotherapie, Kulturwissenschaften (Sieper), Körpertherapie, Organisationsentwicklung, Humanwissenschaften (Petzold). Diese verschiedenen Hintergründe prägen die interdisziplinäre Herangehensweise und den konnektierenden Diskurs dieser Arbeit.

    "Es sprach für den geistigen Rang seiner Vorgesetzten, daß diese Anstände und Beschwerden seinem Ansehen bei ihnen keinen Abbruch taten." (Thomas Mann, Der Zauberberg 1999, 611)

    Supervisoren, die Qualität zu sichern beanspruchen und "Gütesigelqualität" versprechen, zu ihren eigenen Qualitätsansprüchen und Qualitätsbehauptungen kritisch zu befragen, ja diese in Frage zu stellen, gar noch diese als fragwürdig zu beanstanden oder zu erweisen, müssen schon einigen "geistigen Rang" zeigen, wenn sie diese "Anstände und Beschwerden" nicht nur abtun, sondern sie als bedenkenswert aufnehmen und daraus kritische Revisionen der eigenen Position ableiten.

     

    1.3 Supervision und Qualitätssicherung

    In der Supervision geht es, seitdem der Megatrend des Qualitätsthemas Anfang der neunziger Jahre von der Wirtschaft in den Sozialbereich und in die öffentlichen Verwaltungen vorgedrungen ist, neuerlich in besonderer Weise um Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung. Da liegt ein Markt, da liegen Aufträge und Supervision hat prima vista auch etwas zu bieten, was der Qualitätssicherung dienen könnte, liegen ihre Wurzeln seit ihren Anfängen und in ihren Vorläuferformen - mit denen sie sich allerdings wenig befaßt hat (siehe unten) - beim Ausüben von Kontrollen (vgl. 2.1). Es wird über die Schiene der Qualitätsicherung, ein Konzept, dessen Funktion und dessen Funktionaliät offenbar in der Supervisionsszene kaum vertieft reflektiert wird, das Kontrollsystem profitmaximierender Produktion, in den Bereich psychosozialer Hilfeleistung importiert. Manche - ganz schlaue - haben das Vokabular schon "voll drauf", sprechen von "quality assessment" und "audits", ohne zu fragen, ob und in welcher Weise diese Begriffe und das, was sie letztlich beinhalten, für den Bereich psychosozialer Hilfeleistung und öffentlicher Fürsorgepflicht angemessen und politisch zu legitimieren sind. Dabei ist natürlich zu fragen, ob Kontrollen, Audits gar, die besten Wege zu Qualität sind. Wir glauben das nicht und setzen auf emanzipatorische, reflexive und selbstverantwortliche Strategien (vgl. Spehr 1998, 85). Genausowenig wie die Supervision die sozioökonomischen Bedingungen analysiert hat, unter denen sie aus den "Kontrollprofessionen" der episkopoi, superviseurs, supervisors, inspectores und revisores und controler in den psychosozialen Bereich gekommen ist, nämlich unter dem Diktat von Ressourcenverknappung und Ökonomisierung (Petzold, Orth in: Petzold 1998a,261ff) als Instrument der Leistungsmaximalisierung, genausowenig hat sie, offenbar skotomisiert und ohne "supervisio" für derartige Fragen, bei einem ihrer wesentlichen Arbeitsbereiche, der Teamsupervision, rekonstruiert, wann und warum der Teambegriff plötzlich aus Industrie, Militär, Leistungssport in das Feld sozialer Dienste kam: unter eben den genannten Konditionen, mehr Leistung aus weniger Personal herauszuwirtschaften. Kritisch ist das nie analysiert worden. Was nimmt es Wunder, wenn man, ohne großes Nachdenken oder gar Bemühen um Überschau auf den Zug des Qualitätsbooms aufspringt und dabei noch eine spezielle Kompetenz in der Qualitätsförderung für sich reklamiert: "Qualitätsentwicklung durch Supervision", so der im Auftrag der DGSv, dem größten deutschsprachigen Supervisorenverband von Wolfgang Kühl (1999) herausgegebene, die gegenwärtige Situation dokumentierende Sammelband. Historisch-kritische Fragestellungen zum "Paradigmenwechsel" in Richtung "Qualitätskultur" und soziologische Überlegungen, politische gar, finden sich nur marginal. Der Qualitätsbegriff bleibt insgesamt flach und ungreifbar - am prägnantesten noch im Beitrag von Wöhrle (ibid. 16ff), den Berker (1999) mit Detailkritik, das Grundanliegen Wöhrles verfehlend, zu entschärfen sucht. Ansonsten viele Begriffshülsen aus dem neuen Jargon der Qualitätssicherer (Aliens ?? A ) und In-Group-Konzeptualisierungen, die z.T. durchaus interessant sind, aber jeglichen Anschluß an die internationale Literatur und Diskussion, spezifisch die angloamerikanische (Cotea 1993; Kennedy 1991)vermissen läßt, wobei man doch neugierig werden könnte, was sich hinter einem Titel wie "Quality Management for Surveyors" (Hobbs 1994) oder "Surveying Quality Management" (Barrett 1992) verbirgt oder was "performance review" im Kontext der Qualitätssicherung in der Sozialarbeit bedeutet, zumal "Performanz" (vom Integrativen Ansatz der Supervision abgesehen, vgl. Petzold 1998a; idem, Lemke, Rodriguez-Petzold 1993) in der deutschsprachigen Supervision ein leider vernachläßigtes Konzept ist, geht es doch meistens um die Verbesserung von Performanz in Supervisionsprozessen, wie die amerikanische Supervisionsliteratur zeigt (Holloway.1995; Petzold 1998c). Aber auch die schon lange mit dem Thema befaßte skandinavische und niederländische Literatur, zumindest die in deutschsprachigen Übersichten zugängliche (Pylkkänen 1989; Reerink 1984), zum Qualitätskonzept und Texte zur Evaluations- und Qualitätsforschung (Gitlow et al. 1994; Lomax 1996; Schwandt, Halpern 1988) fehlen. Die kaum noch überschaubare Literaturfülle zu den Themen "Qualitätsmanagement, Qualitätssicherung, Qualitätsentwicklung" aus Bereichen, die für die Supervision relevant wären (Badura, Strodtholz 1998; Bobzien et al. 1996; Jaschinski, Redemann 1997; Laireiter, Vogel 1998; Rienhoff 1998) und aus denen z.T. jahrzehntelange Erfahrungen vorliegen(Awad et al.1980; Donabedian 1966, 1985) - Krankenhaus- und Gesundheitswesen, Psychiatrie, Psychologie, Psychotherapie aber auch in Management,Dienstleistungswirtschaft und Industrie findet in diesem maßgeblichen Band der DGSv praktisch keinen Niederschlag, so daß man ihm einen defizienten Rezeptionsstand attestieren muß. "Wie der Phoenix aus der Asche" (Heidack, Schwalbe 1997), das ist für supervisorische Qualitätssicherung, sieht man diesen Reader als repräsentativ, noch Zukunft. Die Supervision als professionelles System muß eindeutig noch mehr "Qualitätskompetenz" und "Systemkompetenz" (Lung 1995; Schiepek 1997) für den eigenen Bereich entwickeln, blickt man auf den Diskussionsstand in der Qualitätsdebatte "an der Schwelle zum 21. Jahrhundert" (Boutellier 1998). Es ist ja nicht ehrenrührig, in den Anfängen zu stehen, nur sollten dann unangemessene Qualitätsbehauptungen unterbleiben. Für supervisorische Qualitätssicherung interessante Fragestellungen, etwa zum Benchmarking (Paeger 1996; Brockmann 1997), zu Assessmentmethoden, Reingeneering, zum Einbezug von Kunden und Mitarbeitern (Winward 1997; Collinson 1998), Qualitätszirkeln (Vauth 1995), Zertifizierung (Schubert 1997) etc. findet man nichts. Die Evaluationsfragen, denen man z.B. in der Psychotherapie (Lutz 1997) - auch im Hinblick auf die Psychotherapiesupervision (Frank 1998, 1999; Robiner, Schofield 1990; Ronnestad et al. 1997) - große Aufmerksamkeit gewidmet hat, werden gerade erst andiskutiert (Kühl, Müller-Reimann 1998) und das leider überwiegend feldimmanent, so daß Wissenstransfer aus anderen Feldern (z.B. Gesundheitswesen, Psychologie und Psychotherapie, vgl. Badura, Strodtholz 1998; Kadzin 1994; Laireiter, Vogel 1998) kaum stattfindet.

    Eine historische Perspektive (Fine, Meyer 1983) auf die Qualitätsdebatte hätte auch ihre kritischen Seiten besser beleuchten können. Wahrscheinlich ist tatsächlich vieles an dem Boom der Qualitätssicherung ein "großer Bluff und vor allem ein Riesengeschäft" (Sprenger 1995). Supervision hätte hier u.E. die Aufgabe, solche problematischen Aspekte aufzudecken (statt sich unkritisch an diesem Geschäft zu beteiligen), denn nicht alles was in diesem Sektor glänzt, ist Gold (Fraser 1996). Man kann dem Vorwort des Herausgebers (Weigand 1999a, 7) vollauf zustimmen, wenn er schreibt: "In Anbetracht der gegenwärtigen Diskussion verstärkt sich unsere Überzeugung, daß die qualitätsleitenden Interessen transparent werden müssen, wenn man nicht Relativität und Profillosigkeit zum Programm erheben will." Der in vielen Hinsichten äußerst konflikthaften Geschichte und Gegenwart des quality movement im psychosozialen Bereich(Blank, DeLeon 1996; Braun 1995; Byalin 1992; Miller 1996; Sabatino 1992; Willutzki 1998) hätte man dann allerdings mehr Beachtung schenken sollen. Vor allen Dingen werden immer wieder die im Kontext der Industrie entwickelten Modelle und Konzepte (z.B. Struktur-, Prozess-, Ergebnisqualität, Qualitätsmaximierung) von einigen Autoren einfach als gegeben übernommen, ohne ihre Funktionalität an sich und spezifisch für den sozialen Bereich kritisch zu diskutieren und gegebenenfalls neue, "ökologisch valide", bereichs- und gegenstandsangemessene Qualitätsmodelle zu entwickeln. Wo man anders verfährt (etwa mit dem Modell der "Selbstevaluation", vgl. Heiner 1996) und in feldspezifischen Projekten bleiben die Darstellungen wenig originell und elaboriert. Die einleitenden Ausführungen von Kühl (1999, 11), denen man vollauf zustimmen kann, verweisen auf das Problem:

    "Diese zumTeil unkritisch aus der Wirtschaft übernommenen Verfahren [der Qualitätsentwicklung, s.c.], deren Tauglichkeit für Soziale Arbeit noch zu überprüfen ist, dienen neben dem intrinsisch motivierten Anliegen der Qualitätsverbessserung dem nun eiligen Bemühen des Nachweises des Output und Outcome Sozialer Arbeit. Für Supervision als im Sinne professioneller Selbstkontrolle integraler Bestandteil sozialarbeiterischer Berufskultur wäre nun nichts unangebrachter, als übereilte, kurzlebige Konzeptanpassungen."

    Der Band macht deutlich: man steht noch sehr am Anfang, in Suchbewegungen. Erste Projektberichte ohne empirische Evaluation (quantitative und/oder qualitative, bei letzterer ist allerdings auf die "Quality of Qualitative Research" zu achten, vgl. Seale 1999), das ist die Regel, und darauf läßt sich noch kein Kompetenzanspruch gründen.

    Mit Blick auf diese Sachlage wäre der in anderem, aber ähnlichem Kontext gemachten Aussage von einem engagierten Protagonisten der "supervisorischen Qualitätsbehauptungen", Wofgang Weigand (1999c), zuzustimmen: "Qualität statt Quantität - Die DGSv im zehnten Jahr ihres Bestehens" (Bericht des DGSv-Vorsitzenden), sofern diese Aussage denn Bestand hat, denn bei derartigen "claims" auf Expertise in Sachen "Qualität" wäre es wichtig, Nachweise für einen solchen Anspruch nach "außen", aber auch nach "innen" zu führen, gegebenenfalls die schon einmal zitierte "Wühlarbeit unter den eigenen Füßen" (Nietzsche) zu betreiben, Qualitätsüberprüfungen auf unterschiedlichen Ebenen, in spezifischen Formen, mit klar formulierten (bei Forschungsvorhaben operationalisierten) Zielen zu betreiben. Bei einer komplexen Disziplin und Praxeologie wie der Supervision, verankert in Berufs- und Fachverbänden, Universitäten und Hochschulen, Ausbildungs- und Dienstleistungsinstituten im Non-Profit- und Profit-Bereich, in Sozietäten und freien Praxen etc., sind Qualitätsbehauptungen nicht einfach zu fundieren und nachzuweisen, greifen sie doch in die Bereiche der Theorienbildung, der Praxiskompetenz und -performanz, der Aus- und Weiterbildung usw. Aber gerade deshalb sind solche Nachweise einzufordern und aus einer qualitätsbewußten und auf Qualitätsentwicklung gerichteten Haltung besonders sorgfältig zu führen.

    Die Bestimmung eines gegenstandsangemessenen Konzeptes von "Qualität", von aussagefähigen Parametern für die Qualitätssicherung und -entwicklungdurch Supervision, in der und für dieSupervision und ihre Teilbereiche ist bislang gerade in eine breitere Diskussion gelangt (vgl. Auckenthaler 1998; Batistich 1997; Berker 1998, 1999; Weigand 1999b). Der Entwicklungs- und Forschungsstand in der Supervision ist u.E. vielleicht dem in der Drogentherapie vor zehn bis fünfzehn Jahren vergleichbar und erfordert wohl eine ähnliche Programmatik für Theorieentwicklung und Forschung (vgl. Petzold 1994h), um zu einer qualitätsvollen Entwicklung der Disziplin, der Forschung, der Praxis, der "professionellen Funktion", des Feldes zu kommen, wie sich dies im Bereich der Drogentherapie gezeigt hat (Petzold, Scheiblich, Thomas 1999).

    Ohne an dieser Stelle die angesprochenen Probleme und Fragen vertiefen zu können, sei für die Qualitätsbestimmung in der Supervision als "angewandter Sozialwissenschaft", d.h. als theoretischer Disziplin, Praxeologie, Methodik und Intervention folgendes aufgelistet:

    Die Qualität komplexer Gegenstände, verstanden als Bündel von Eigenschaften bzw. bewertbaren und meßbaren Merkmalen, die diesem Gegenstand oder Produkt - hier Supervision - zugeschrieben oder für es reklamiert werden, erfordert:

    - I.Konsistenz der spezifischen supervisorischen Theorienbildung - systemische, psychoanalytische, integrative etc. - aufgrund (a) internaler und externaler Validierung, (b) durch Absicherung vermittels wissenschaftlich gut gegründeter ("well accepted") Referenztheorien aus Psychologie, Sozialpsychologie, Soziologie (vgl. z.B. Ebert 1999; Schreyögg 1991; Petzold 1998a). Bei metatheoretischen Aussagen sind sie aus der Philosophie (Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie, Ethik, vgl. idem 1994a) zu nehmen. Weiterhin sind (c) supervisionsspezifische (quantitative und qualitative) Forschungsergebnisse (vgl. Holloway 1995) und (d) Beiziehung relevanter Referenzforschung (aus Sozialpsychologie, Erziehungs-, Organisationswissenschaften, Psychotherapieforschung, Bildungsforschung, vgl. Petzold 1998a) notwendig;

    - II. Konsistenz, Praktikabilität, Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit der spezifischen supervisorischen Praxeologie, d.h. Interventionsmethodik, Interventionsstrategien und -techniken in verschiedenen Praxisfeldern (Kühl, Pastäniger-Behnken 1998), Settings (Einzel-, Gruppen-, Teamsupervision etc.) und mit unterschiedlichen Klientensystemen (Filsinger et al. 1993) bzw. Zielgruppen (z.B. Patienten, Familien, Migranten) sind erforderlich, weiterhin mit Supervisandensystemen (Berater, Psycho- und Soziotherapeuten, Lehrer, Führungskräfte usw.), mit Supervisorensystemen (AusbildungskandidatInnen der Supervision, praktizierende Supervisoren, Lehrsupervisoren, Beer 1998; Schigl, Petzold 1997) und mit Auftraggebersystemen (Behörden, Verbände, Unternehmen, Institutionen und den sie repräsentierenden Personen) durch elaborierte praxeologische Modell- und Konzeptentwicklung und die Beforschung ihrer Umsetzung (abgesichert wie I, a,b,c,d);

    III. Konsistenz und Wirksamkeit supervisionsspezifischer Aus- und Weiterbildungskonzepte in

    ihrer didaktischen Theorienbildung, methodischen und organisationalen Umsetzung (abgesichert wie voranstehend unter I, a,b,c,d). Ausbildungs- bzw. Curriculumsforschung und -evaluation sind erforderlich (vgl. Schreyögg 1994; Schigl, Petzold 1997), um Qualitätsverbesserungen auf den Weg zu bringen - nicht etwa, wie bei den Supervisionsverbänden, die obsessionelle Überprüfung von "Standards", die theoretisch nicht begründet und durch Forschung nicht evaluiert wurden. Evaluation von Ausbildungsinstituten und ihrer DozentInnen und LehrsupervisorInnen sind unerläßlich, um die Bonität und Effizienz des Lehrens nachzuweisen (vgl. Petzold et al. 1995; Oeltze, Petzold, Ebert , in Vorber.). Beforschung der Praxis der so Ausgebildeten ist notwendig, um die Qualität ihrer Arbeit auch als Nachweis der Qualität von I., II. und III. heranzuziehen. Erst dann wäre ein umfassendes Qualitätssicherungs- und -entwicklungssystem, ein übergreifender Qualitätszirkel geschaffen, in dem Qualität in einer sehr weitreichenden Form dokumentiert werden kann, um Grundlagen für seriöse Curriculumserstellung bzw. fundierte Curriculumsrevisionen zu haben. Für den Bereich der Supervision fehlen diese Grundlagen weitgehend. Im Bereich der Psychotherapie bestehen solche Modelle schon (Laireiter, Vogel 1998)bzw. wurden sie umgesetzt (so z.B. an der "Europäischen Akademie für psychosoziale Gesundheit", vgl. die Studien von Petzold,Hass, Märtens 1998 [Ausbildungsevaluation]; Petzold, Hass, Märtens, Steffan 1999 [Psychotherapieevaluation]; Petzold, Steffan 1999 [Institutions- und Curriculumsevaluation]. Für die Integrative Supervision sind solche Forschungen im Gange und Schritt für Schritt auch schon interessante [und positive] Ergebnisse zugänglich, Petzold, Schigl 1996; Oeltze et al., in Vorber.).

    1.3.1 Qualitätsbehauptungen

    Vor diesem Hintergrund der noch nicht sehr weit vorangeschrittenen Elaboration der Fachlichkeit im Feld sind Aussagen zur Qualität - wir müssen es nochmals betonen - u.E. nur sehr vorsichtig zu formulieren. Weil das aber im Bereich der Supervision nicht Konsens zu sein scheint, seien weitere exemplarische Beispiele für ungesicherte oder zumindest hinterfragbare Qualitätsbehauptungen im supervisorischen Feld aufgeführt und zum Ausgangspunkt für kritische Überlegungen gemacht. Um einen "repräsentativen" Text auszuwählen kann man einige in den neuesten Informationsbroschüren der "Deutschen Gesellschaft für Supervision" (DGSv) - z.B. Intro (Jan. 1999) - vorgetragene, u.a. an Veröffentlichungen des DGSv-Vorsitzenden Wolfgang Weigand (1995) orientierte Positionen herausgreifen.

    "SUPERVISION IST

    ... eine Beratungsmethode zur Sicherung und Verbesserung der Qualität beruflicher Arbeit [ ... ]

    ... ein Instrument zur Weiterentwicklung von Personal und Organisation [ ... ]

    ... eine Beratungsdienstleistung mit 100-jähriger Tradtion, fundierter Theorienbildung und praxisbezogener

    Evaluationsforschung

    ... eine eigenständige Profession."

    Das wird affirmativ dem informationsinteressierten Leser vorgestellt, aber man kann all diese Aussagen auch ganz anders sehen:

    1.3.1.1 Eigenständige Profession

    Ob Supervision eine "eigenständige Profession" ist oder doch eher "eine Funktionserweiterung von Grundberufen", wie die ÖVS-Vorsitzenden Angelika Gotthardt-Lorenz und Wolfgang Schüers (1997, 24f) wiederum in einem "repräsentativen" Text meinen, darüber wird im Feld der Supervision seit langem heftig diskutiert. "Ob Supervision wirklich sich zu einem eigenen, staatlich anzuerkennenden Beruf entwickeln wird oder nicht, ist noch weitgehend unklar" (ibid.) und es ist "noch nicht ganz abschätzbar, ob es sinnvoll und notwendig ist, Supervision [ ... ] als eigene, berufsrechtlich abgesicherte Profession zu forcieren" (S. 25). Die Diplomstudiengänge an Universitäten und Fachhochschulen (FU Amsterdam, GH Kassel, FH Hannover) sind ganz klar Aufbau- bzw. Ergänzungsstudiengänge zu einem vorliegenden Erststudium bzw. Beruf. Dennoch behauptet die DGSv-Broschüre in berufs- bzw. standespolitischer und marktstrategischer Absicht die "eigenständigeProfession" und greift der Konsensbildung im Feld, ja im eigenen Verband vor. Sicher kann man für die Supervision derzeit nur behaupten, sie sei eine spezifische professionelle Funktion. Und hier sind kritische Fagen und kontroverse, freie Diskussionen im Feld erforderlich.

    War sozial orientierte Supervision ursprünglich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Kontrolle der ehrenamtlichen "friendly visitors" in der Armenhilfe und mit der einsetzenden Professionalisierung der amerikanischen Sozialarbeit bis in die jüngste Zeit zunächst Beratung und Unterstützung von Berufsanfängern durch langjährig berufserfahrene und erfolgreich in ihrer Profession tätige Fachleute (Belardi 1992) - in Deutschland war es kaum anders (Kersting 1997) -, so muß man sich natürlich fragen, warum heute eine neue Welle der "Professionalisierung" einsetzen soll, ein Verband wie die DGSv in seinem "Profil" jetzt als "Professionalisierungsagentur, Normen- und Kontrollinstanz, Dienstleistungsorganisation, Kommunikations- und Begegnungsforum" gestylt wird (Weigand 1999c, 4)? Welche Architekten sind da am Werk und wer hat den Bauplan beschlossen? Wo wurde eine solche Entwicklung auf die Bedingungen und die Qualität des angestrebten und kraftvoll betriebenen "Institutionalisierungsprozesses" (welcher institutionstheoretischen Ausrichtung?) und das "Professionalisierungskonzept" (welches Professionalisierungsniveau?) auf breiter Basis, wie das für einen demokratischen Fachverband, einem supervisorischen zumal selbstverständlich sein sollte, fachlich und metakritisch diskutiert? Die von Fritz (1997,1998a, b) in diesem Zusammenhang unermüdlich vorgetragenen Bedenken aus der Sicht des Vereinsrechtes und des damit verbundenen Demokratieverständnisses fanden keine Resonanz, und da muß man sich wiederum fragen: Warum ist der Gedanke einer "verbandseigenen Kapitalgesellschaft" als Dienstleistungsagentur "am Markt" (Fellermann 1999) so "appealing", daß er - nicht unumstritten zwar - die Mitgliederversammlung passiert? Bei den "aktuellen Aufgaben" des Verbandes steht derzeit an erster Stelle "Der Beschäftigungsmarkt" (Weigand 1999c, 4).

    1.3.1.2 Evaluierte Qualität oder bloßes Güteversprechen?

    Der Markt und nicht die wissenschaftliche "Disziplin" scheint die Entwicklung der "Profession" zu dominieren, nicht etwa - wie wir schon ausführten - eine "Qualität", die inhaltlich-konzeptuell, methodisch-interventiv, praktisch-effizient den Proprien sozialarbeiterischer und sozialpädagogischer Supervision als einstmals (so schien es) sozial engagierter, emanzipatorischer und politisch reflexiver Praxis verpflichtet ist. Es ist nur noch von der "Qualität der Dienstleistung" (ibid.) der Rede, für die "Wissenschaft und Forschung" als letzter Punkt aufgeführt wird, genauso wie bei der "Präsentation am Beschäftigungsmarkt" die "Evaluation" nach "Marketing" und "Akquisition" als letzte Position aufscheint (ibid. 5). Qualität wird - nennen wir es offen - monetär und marktstrategisch funktionalisiert. "Der Ausbildungsmarkt muß sich stärker am Beratungsmarkt orientieren" (ibid. 4). Aber sollte nicht Supervision auch den Beratungsmarkt beinflussen, wo man sie doch als "Reflexionsinstrument für die Gesellschaft" (Weigand,s.o.), als "Interventionsinstrument für Suprasysteme" (Zbinden, s.o) angepriesen hatte? Jetzt aber soll geliefert werden, "was an Kompetenzen am Beratungsmarkt gefordert wird", (ibid. 4). Dem scheinen aber die Supervisoren - allen Qualitätsbehauptungen zum Trotz - nicht zu genügen, denn Weigand formuliert mit Blick auf Aufgabe Nummer 1:

    "Es fehlt an individuellen Voraussetzungen bei den Kolleginnen und Kollegen des Verbandes und an einer noch besseren Fach- und Berufspolitik [nennen wirs doch beim Namen: Marketing und Akquisition, s.c.] zur professionellen Erschließung des Beratungsmarktes" (ibid. 4).

    Ja aus welcher Evaluationsstudie nimmt man denn diese Behauptung: "Es fehlt an individuellen Voraussetzungen"? "Das ist eine harte Rede, wer kann sie hören?", mag der Bibelfeste da fragen, aber es kommt noch härter:

    Gütesiegel mit Garantie

    "Was wir als DGSv öffentlich versprechen, müssen die einzelnen Supervisorinnen und Supervisoren in ihrer Arbeit vor Ort fachlich und qualitätsmäßig einlösen. Wir können uns als Fachverband für berufsbezogene Beratung keine schlechten Beratungsleistungen und unqualifizierte Supervisoren leisten" (ibid. 5).

    Wieso nicht? Bei über zweitausend Mitgliedern in der DGSv geschehen täglich auch schlechte Beratungsleistungen, allein schon, weil auch gute professionals mal "schlecht drauf sind"! Was ist das für ein absurder Anspruch? Kann der Hartmannbund eine Qualitätsgarantie für jedes seiner ärztlichen Mitglieder geben, die Anwaltskammer gute anwaltliche Leistungen garantieren? Wer war nicht schon bei mäßigen Ärzten, schlechten Anwälten, schwachen Supervisoren mit dem "Gütesiegel"? Mehr als eine "hinlängliche Qualitätsgewährleistung" ist gar nicht zu machen! Wir als Mitglieder und als Mitgliedsinstitut brauchen und wollen ein solches "Gütesiegel" auch gar nicht. Wir haben unsere eigene Qualität, stehen für sie und sind für sie bekannt. Wir wollen in keine fragwürdige Normqualität Würde nicht die Aussage genügen: "Der Verband und die in ihm zusammengeschlossenen Supervisorinnen und Ausbildungsinstitute bemühen sich beständig die Qualität von Supervision zu sichern und zu entwickeln!" Warum muß man sich so "super" darstellen - "Gütesiegel mir Garantie"? Zumal im Feld ja kaum Einigkeit darüber herrschen dürfte, was gute Supervision ist (z.B. engagierte oder abstinente?, vgl. die Auseinandersetzung zwischen G.Thomas und W.Schmidbauer, DGSv aktuell 2 und 3/1997, 19ff). "Excellence" ist selten! Wir gehen davon aus, daß die meisten unserer KollegInnen im Feld gute Arbeit machen, aber wir wissen auch anderes - wer im Feld, in der Szene weiß das nicht ? - und in die Güteklasse wollen wir z.B. nicht eingereiht werden. Wir, die Autoren, ganz persönlich "are striving for excellence" in Praxis und Theorie mit großem Einsatz. Sie gelingt uns "nicht immer, aber immer öfter"J! Die Gerüchteküche blüht auch in supervisorischen Kreisen. Wieviele Leute waren bei schlechten Supervisoren mit DGSv-anerkannter Ausbildung, bei schlechten Lehrsupervisoren oder in Supervisionen und Lehrsupervisionen von ordentlichen KollegInnen, guten gar, die schlecht liefen? Die DGSv könnte eine Dunkelfeldstudie zur Qualität der Supervision in der BRD in Auftrag geben, wenn sie an der Beantwortung dieser Frage wirklich interessiert wäre, eine Befragung zu den Vorsupervisionen und Lehrsupervisionen durchführen lassen, um zu seriösen Schwachstellenanalysen ihres Ausbildungssystems zu kommen - die Mittel unseres "wirtschaftlich gesunden" (Fellermann 1999) Verbandes wären ja vorhanden -, bevor man einen Präsentationsfilm macht und statt auf die für die faktische Qualität von Ausbildungen und Ausgebildeten irrelevanten "Standardüberprüfungen" abzustellen, auf deren Grundlage keine Gütegarantien abgegeben können (mehr als daß bestimme Formalstandards eingehalten wurden, kann dabei nicht herauskommen). Wir haben seit 1980, also in fast zwanzig Jahren, die an unserem Institut durchgeführten Ausbildungen mit Lehranalysen, Supervision und Lehrsupervisionen in mehreren Studien untersucht bzw. untersuchen lassen (insgesamtes N = 1498, Petzold, Steffan 1999b) und kennen damit die Qualität unserer LehrtherapeutInnen im Urteil der AusbildungskandidatInnen, können also hierzu differenzierte Aussagen machen, zumal jede Veranstaltung auch separat evaluiert wird (idem 1998l). Diese Qualität kann sich insgesamt sehen lassen ("gut" auf einer Schulnotenskala 1-5 in der Gesamtbewertung). In Detailergebnissen aber finden sich auch Schwachstellen, die eine beständige Arbeit an der Qualitätssicherung und -entwicklung erfordert, u.a. weil es beständig wissenschaftlichen und praxeologischen Fortschritt gibt, der in Ausbildungen integriert werden muß oder Veränderungen im Feld (z.B. die neuen Steuerungsmodelle, die Pflegeversicherung etc. etc.) neuen input erfordern, bewährte "alte Hasen" unter den DozentInnen ihr Qualitätsniveau nicht halten können oder wollen, veraltete Konzepte transportieren oder junge Nachwuchsdozenten ihre anfängliche "top quality performance" nicht weiter ausbauen. Bündel von konzertierten Maßnahmen werden erforderlich (Petzold, Orth Sieper 1995a): Qualitätszirkel, Evaluationen, Praxisforschung im Klientensystem, Curriculumsentwicklungen und -revisionen, Dozentenfortbildung, kollegiale Intervision, Ausbildungscoaching, Supervision der Supervisoren (ein nicht unproblematisches Konzept übrigens, denn es kann zu Petrifizierung "schulenspezifischer Dogmatik" und "institutsspezifischer Skotome" beitragen). Ein mühsames und aufwendiges Geschäft. Deshalb müssen wir als Sozialwissenschafler, Evaluationsspezialisten und fachlich ausgewiesene Supervisoren im Klartext (parrhsiastikoV ) sagen: die Basis, auf der die "DGSv-Gütegarantie" abgegeben wird, ist waghalsig, weil fachlich nicht fundiert, und kann nur Zweifel an solcher Gütebehauptung und ihrer Seriösität aufwerfen, zumal Beer (1997) in DGSv aktuell (S. 22ff) durch seine Untersuchung die Gütesiegel-Behauptung nicht bestätigen konnte. Wir wissen überdies nur sehr wenig über Wirkung und Qualität von Supervision in den verschiedenen Feldern ihrer Anwendung, besonders in ihrer Auswirkung für die Patienten und Klienten. Ein Bereich, in dem es offenbar nicht so gut steht, sei als Beispiel aufgeführt: der Krankenhaus-, Pflege und Gerontologiebereich. Wir haben in ihm umfängliche und langjährige Erfahrungen (Petzold 1965, 1985; Petzold, Bubolz 1976; Petzold, Petzold 1991, 1998) und haben in ihm Untersuchungen, Umfragen, Schadensforschung, Projekte der Weiterbildung, der Organisations-, ja der Feldentwicklung durchgeführt. In diesem Bereich wird von nicht feldkompetenten Supervisoren mit "anerkannter Ausbildung" immer wieder, ja gar nicht selten, problematische Supervision gemacht mit dem Resultat, daß viele Schwestern und Altenpflegerinnen mit Supervision nichts mehr zu tun haben wollen. Derartige Erfahrungen und Erhebungen waren einer der Gründe für unser großes Forschungsprojekt zur Entwicklung und Evaluation einer Supervisorenausbildung mit feldspezifischer Schwerpunktbildung für die erwähnten Bereiche im Auftrag des Österreichischen Wissenschaftsministeriums (Petzold, Schigl 1996). Wie mag es mit der Qualität der Supervision in anderen Bereichen aussehen, da Forschungen über die Wirkungen für das "Klientensystem" gänzlich fehlen? Warum finanzieren die großen Fachverbände keine Forschungen zu diesen Fragen, bevor sie Güteversprechungen machen? Man muß fragen: Warum wurden solche Qualitätsbehauptungen und Gütegarantien in die Welt gesetzt, ehe man sie durch Evaluation nachgewiesen hat? Hier wurde das Pferd vom Schwanz aufgezäumt - unprofessionell, meinen wir. Und deshalb soll jetzt zur "Ausbildung" noch "Fortbildung" kommen und "Controlling" (ibid. 5) - wie letzteres seriös erfolgen soll, bleibt offen. Die Konzepte zur sogenannten "Ausbildungsreform" (vgl. DGSv aktuell 2/1998, 5-6 und 3/1998,5-8) sind, wie an anderer Stelle detailliert aufgezeigt wurde (Petzold 1999i), voller theoretischer und methodischer Inkonsistenzien und Probleme, und sie soll - wieder einmal - vom grünen Tisch her konzipiert werden, ohne inhaltliche Ausarbeitung und vor allem, ohne daß man empirische Ausbildungsforschung und -evaluation betrieben hat oder vorliegende Ausbildungsevaluationen (Petzold, Schigl 1996; Gasteiger-Klicpera, Klicpera 1997) auswertet oder die vorhandene Supervisionsforschung (Übersichten Holloway 1995; Frank 1999) zur Kenntnis genommen hat - wie aus den Literaturverzeichnissen der einschlägigen Publikationen klar ersichtlich wird. Die programmatischen Papiere zur Ausbildungsreform und die darauf folgenden Diskussionsbeiträge (vgl. Freitag-Becker 1997; DGSv aktuell 2/1998, 6; Beumer, Möller 1998; Petzold 1999i) führen erst gar keine Literatur auf. Die Konferenz der Ausbildungsinstitute schlägt eine kurzfristige heuristische Strategie durch "eine synoptische Erfassung des Ist-Zustandes der Ausbildungskonzepte als Praxisanalyse" vor(vgl. Neumann-Wirsig et al. 1998, 7). "Dabei sollen die Mitgliedsinstitute vor allem die Punkte der derzeitigen Ausbildungen markieren, die sich als veränderungswürdig erweisen" (ibid.). Auf welcher Grundlage, fragen wir uns, da offenbar keine Evaluationen vorliegen? denn: "Langfristig ist es erforderlich, in Kontakt mit Hochschulinstituten Supervisionsausbildungen systematisch zu evaluieren. Durch diese systematische Evaluation würde ein Instrumentarium geschaffen werden, die Ausbildungen in ihrer Qualität zu untersuchen und die Konzepte und Reformbedürfnisse fundiert für die spätere Zukunft zu formulieren" (ibid.). Warum "langfristig"? Für die "spätere Zukunft" gar? Sieht so Qualität, Qualitätssicherung aus? Warum strebt man in einer solchen Situation weitreichende "Ausbildungsreformen" an? Warum macht man nicht, wie dies seriöserweise bei Curriculumsreformen üblich ist, ein Pilotprojekt, das man evaluiert, um es dann - mit eventuell erforderlichen Revisionen - zu implementieren? Stattdessen wird eine paradoxe Situation hergestellt: Einerseits werden von der DGSv u.E. überzogene und nicht substantiierte Qualitätsbehauptungen aufgestellt (siehe Intro 1999), dann wird in gleicher Machart - nämlich durch Evaluationsforschung nicht substantiiert - behauptet, daß es um die Qualitätsgewährleistung nicht so gut bestellt sei, man also dringend etwas tun müsse, Ausbildungsreform, Weiterbildung etc.:

    "Die qualitative Verbesserung der Beratungsleistungen, die nur über eine Weiterqualifizierung der Supervisorinnen und die Fortentwicklung der Ausbildungscurricula zu erreichen ist" (Weigand 1998b, 1). Sicher, aber das sind letzlich Leerformeln und Allgemeinplätze. Auf der Grundlage welcher Daten wurden die Aussagen gemacht? Über welche Curricula? (Über unseres sicher nicht!). Wichtig ist doch, auf welcher Basis und in welcher Form weiterqualifiziert wird und Curricula verbessert werden. Natürlich: "Das geht nicht von selbst, sondern verlangt fachliche und berufspolitische Maßnahmen" (ibid.). Aber was macht man? Man zieht sich ohne jede fachliche Grundlage - nämlich ohne veröffentlichte und damit diskursfähige supervisionstheoretische, didaktiktheoretische, curriculumstheoretische Arbeiten mit wissenschaftlichem Fundus und Anschluß an Ausbildungs- und Supervisionsforschung und ohne empirische Basis, all das fehlt in den publizierten Reformpapieren, und andere Materialien als diese wurden bislang nicht vorgelegt - eine "Ausbildungsreform" zur Qualitätssicherung bzw. -entwicklung aus der Tasche:

    "Die Aufgliederung der Ausbildung in eine erste Phase bis zum Erhalt des Ausbildungszertifikates, daran anschließend eine mindestens zweijährige Praxisphase bis zum Eintritt in die DGSv und - wenn man will - eine weitere fachliche Spezialisierung für bestimmte Beratungssettings wie z.B. Supervision in der Personal- oder Organisationsentwicklung" (ibid.).

    Es erscheint uns ziemlich absurd, daß man etwa mit dem akademischen Studienabschluß als "Diplomsupervisor" etwa der Gesamthochschule Kassel oder FU Amsterdam nicht in den entsprechenden Fachverband aufgenommen werden kann (man stelle sich analog vor: als Diplom-Psychologe könne man nicht dem Bund Deutscher Psychologen als Vollmitglied beitreten!). Dann denke man daran: die Supervisionsausbildung erfolgt nach langjähriger Berufserfahrung, 400 Stunden methodischer Weiterbildung berufsbegleitend - das sind doch hohe, von der DGSv festgelegte Qualitätskriterien. Wieso sind dann die ausgebildeten Supervisoren nicht kompetent genug? Eigentlich ist das ein Affront den Mitgliedern und den künftigen Mitgliedern gegenüber und eine Ohrfeige für die Ausbildungsinstitute und Lehrsupervisoren! Und dann kostet diese Praxisphase, die man nach Abschluß der Ausbildung über zwei Jahre den Kandidaten auferlegen will (15 - 20 Stunden zusätzlicher Kontrollsupervision und 40 - 80 Stunden Weiterbildung) mindestens zusätzliche 4000 - 5000 DM. Das alles für ein Modell, dessen Notwendigkeit durch keine Mängelerhebung belegt wurde, dessen Konzeption durch keine empirische Studie gestützt wird (die aufgeführten Analogien zum Refrendariat können doch nicht ernst gemeint sein, Beumer, Möller 1998, 6.9). Bei den gravierenden Ungereimtheiten des Reformvorschlags muß sein Erfolg durchaus bezweifelt werden, zumal man den Eindruck gewinnt, daß geäußerte Kritik (vgl. Petzold 1999i) nicht berücksichtigt werden wird, ist doch die Reform eine lukrative Sache für die Lehrsupervisoren und die approbierten Anbieter von Weiterbildungen (wir schreiben das, obgleich wir zu ihnen, den potentiellen Profiteuren gehören!). Aber wer hat deren wirkliche Kompetenz und Performanz tatsächlich - d.h.empirisch - überprüft? Wo wurde untersucht, ob Kontrollsupervision nach dem üblichen Modell der "reported supervision" (im Unterschied zur life supervision) wirklich eine nachhaltige Qualitätsverbesserung und nicht nur eine Ideologieverfestigung im Sinne der Ideologeme der jeweiligen Supervisionsschule (ähnlich wie bei den Therapieschulen, vgl. Petzold, Orth 1999) bewirkt. Eine Pilotstudie, in der wir Videos von Supervisionssitzungen, die AusbildungskandidatInnen durchführten, mit den (videoaufgezeichneten) Berichten über diese Sitzungen vergleichen konnten, zeigte beunruhigende Ungenauigkeiten (Petzold, Orth 1998), wen wunderts in Kenntnis der Gedächtnispsychologie (Engelkamp 1990), insbesondere der forensischen zur Frage der Korrektheit von Erinnerungen, Zeugenaussagen und Berichten (Farina, Arce 1997; Loftus 1975; Loftus, Loftus 1980; Yuille 1989) und der "fallacies", über die uns die sozialpsychologische Attributionsforschung informiert (Gilbert 1995).

    Die "Supervisorenausbildung der Zukunft" (DGSv aktuell 2/1998, 6) steht, so wie sie derzeit konzipiert wird, auf unsicherem Boden, was irgendwelche Qualitätsprognosen und -behauptungen anbetrifft, weil sie offenbar mehr auf die Ausschöpfung des Weiterbildungsmarktes gerichtet ist, als auf wissenschaftlich fundierte inhaltliche Konzeptualisierung. Es soll ein standardisiertes Modell für die Zukunft festgeschrieben werden, ehe man die schon vorhandenen, akribisch fixierten Ausbildungsstandards auf ihre Funktionalität, Effizienz und Qualität evaluiert hat, denn es ist allenfalls anzunehmen, nicht etwa nachgewiesen, daß sie tatsächlich die Ausbildung guter Supervisoren gewährleisten. Rigide Verpflichtung auf die minutiöse Einhaltung eines Standards verhindert, daß herausgefunden wird, ob es nicht bessere Qualifikationsmodelle gibt. Man hat ja keine Vergleichsmöglichkeiten. So besteht die Gefahr, daß sich die Fehler der "ersten Phase" in der geplanten "zweiten Phase" fortschreiben, zumal für das Stadium der Kompetenz - und Performanzentwicklung nach Abschluß der Grundausbildung, z.B. Projekthospitationen, Kosupervisionen bei interessanten Aufträgen kompetenter Supervisoren, Lehrsupervisoren, Organisationsentwickler, u.E. ein besserer Weg der Qualifizierung wären. Die erste Generation der Supervisoren an unserer Ausbildungsinstitution und die ersten Lehrsupervisoren wurden Anfang der siebziger Jahre ausgebildet, indem sie bei guten und kreativen Ausbildern wie H.Petzold, J.Sieper, K.Höhfeld u.a. in großen Supervisions- und OE-Aufträgen und -Projekten als Assistenten, später als Kosupervisoren über mehrere Jahre "life" in Beratungen, Team- und Abteilungssupervisionen beim Kunden mitarbeiteten und an den damit verbundenen Projekt- und Planungsgruppen beteiligt waren. Es wurden hervorragende Leute.

    Kosupervision war ein Kernmoment unseres ersten Ausbildungscurriculums in "Systemsupervision" (Petzold 1974), erfordert aber eine differenzierte Handhabung der Ko-Situation, ähnlich wie im Kotraining bzw. der Kotherapie (Kroner 1998).

    Nach Eintritt in die DGSv haben wir solche Möglichkeiten in den OE-Bereich ausgelagert, da die Standards der DGSv hierfür keinen Raum bieten und haben andere Wege der Ausbildung im Rahmen unserer Gestaltung dieser Standards gefunden - effiziente, wie Evaluationen zeigen (Schigl, Petzold 1997). Aufgrund dieser Erfahrung mit mehreren Ausbildungssystemen und Standards - nicht gerechnet mit dem zu den DGSv-Richtlinien sehr unterschiedlichen niederländischen Modell, das dazu noch wesentlich kürzer ist und in dem trotzdem sehr gute Supervisoren ausgebildet werden - muß man einfach ehrlicherweise feststellen: es führen offenbar, was die Qualitätsentwicklung durch Ausbildung und Weiterbildung anbelangt, mehrere Wege nach Rom. Man sollte nicht einen zur Grundlage von Qualitätsbehauptungen machen.

    1.3.1.3 Supervisorische Identität als Qualitätsmerkmal?

    Die Betonung der "eigenen Profession" und ihre professionstheoretische Fundierung wird an das Konzept "supervisorischer Identität" gebunden, aber man kann sehr identifiziert mit seiner supervisorischen Profession sein und mäßige Supervisionsarbeit leisten - wir kennen solche Leute. Wirklich gute Supervision macht man - das ist unsere Überzeugung - aufgrund einer hohen personalen und sozialen Kompetenz und Performanz (die viele der KandidatInnen schon mitbringen, und wo sie sie nicht mitbringen, sind die Nachsozialisationseffekte durch Ausbildung eher mäßig) und zumeist auf dem Boden einer breiten Berufserfahrung (aber manche Leute sind nur kurz im Beruf und haben ganz einfach "Talent", und das sind nicht wenige). Das müssten sich erfahrene Ausbilder und Supervisoren, das müßten sich auch die Verbandspolitiker, wenn sie sich gegenüber offen und ehrlich (parrhsiastikoV ) sind, eingestehen.

    Wir kennen Leute aus dem OE-Bereich, Betriebswirte, ehemalige Personalisten, Techniker, Ingenieure, die als Berater und Coachs tätig sind - z.T. self made men ohne eine Stunde supervisorischer oder ähnlicher Weiterbildung - und bestens "im Markt" ankommen, denn "dem Igeniör ist nichts zu schwör", er ist "bekannt dafür, daß er für jedes Problem eine Lösung hat" (Düsentrieb 1999, 54). Diese Berater machen "Teamcoachings" mit der Qualität exquisiter Teamsupervision (wir haben sie arbeiten sehen), von denen sich mancher DGSv- oder EAG-Supervisor einiges abschauen könnte, sie machen Einzelcoachings mit der Qualität ausgezeichneter Einzelsupervisionen, die mancher Lehrsupervisor nicht bringt (wir haben soche Leute in Supervison oder im Coaching). Wer kennt solche Leute nicht? Wir kennen Familientherapeuten, Gestaltsoziotherapeuten, die in DGSv-Supervisorenausbildungen erheblich kompetenter waren als ihre Ausbilder (sie haben die Seminare z.T. "abgesessen"). Top-Agenturen wie VW Coaching holen sich ihre Mitarbeiter primär nicht etwa nach Vorausbildung, sondern nach Referenzen und Reputation im Feld, lassen sie z.T. Assessments durchlaufen und sie behalten im System, wenn die Evaluationen durch ihre Kunden "stimmen". Keiner hat da eine DGSv-Supervisorenausbildung. DGSv-Mitglieder sind über Jahre zu Psychoanalytikern als Balintgruppenleitern gegangen, die nichts von einer supervisorische Vorausbildung hatten, vor allen Dingen hatten sie keine "supervisorische Identität". Die "Supervisoren der ersten Stunde" waren weitgehend Autodidakten, erfahrene Professionals, und sie waren die schlechtesten nicht, im Gegenteil, die interessantesten Köpfe, die profiliertesten Methodiker gehörten zu ihnen und sie hatten keineswegs eine standardgemäße "supervisorische Identitätsentwicklung" (DGSv aktuell 2/1999, 4) durchlaufen, wo auch? Pühl (1990) als profilierter Protagonist der Supervisionsszene thematisiert in seinem ersten Handbuch, das noch sehr an der Psychotherapie orientiert ist, die Situation mit Verweis auf das Groddeck-Diktum "ich bin einer wilder Analytiker" in seinem Text "Wilde oder professionelle Supervision" (ibid. 53-57). "Man braucht bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten, sowie ein ausreichendes Maß an Neugierde und Wissensdrang, um als professioneller Experte tätig sein zu können, ohne unbedingt eine formale Ausbildung zu haben" (ibid. 53). Er findet das - wie wir auch - "sympathisch, weil Raum für experimentelles und neugieriges Ausprobieren bleibt", und er beschreibt seinen Weg als "wilder Supervisor". Man vollziehe einfach einmal die Entwicklungen in den weiteren Ausgaben seiner Handbücher mit (Pühl 1994, 1999), um die zunehmenden Formalisierungstendenzen zu erfassen. Als wir (H. Petzold, J. Sieper) und unsere Kolleginnen und Kollegen Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre begannen, Supervision zu machen, hatten wir psychotherapeutische Ausbildungen, arbeiteten in Institutionen. "We were young and bright". Das war unsere Qualifikation! Und wir haben exzellente Arbeit gemacht, wie an den von uns über viele Jahre begleiteten Institutionen (Petzold, Vormann 1980) und an unserer beständigen "Innovationsarbeit aus Kokreativität und kritischerProblematisierung" (vgl. Foucault 1996, 176ff; Petzold, Orth, Sieper 1999) ersichtlich ist. Später haben wir uns noch manches dazugeholt, immer wenn wir bei uns Lücken entdeckten oder von neuen Entwicklungen fasziniert waren. Meistens haben wir aber selbst Neues entwickelt und erfunden. Auch das ist ein Weg, ein guter sogar!

    Man kann das alles mit Gerede über "Pionierphasen" nicht wegwischen, das suggerien soll, dies seien außergewöhnliche Menschen (die gibt es immer, sie sind nicht ausgestorben!), es seien unwiederholbare, vergangene Ausnahmesituationen, an deren Stelle nun "kontrollierte", standardgesicherte Ausbildungen treten müßten, denn das sei der Königsweg zur "Qualität der Dienstleistung" Supervision: "Ausbildung, Fortbildung, Controlling ..." (DGSv aktuell 2/1999, 5). Pühl (1990, 55) kritisiert noch Supervision als Kontrollinstrument in der Psychoanalyse, fragt "Wer bewacht die Wächter?", problematisiert die "Supervisorenidentität": "Über allem steht die Frage, wie der Supervisor als Experte seine Identität finden kann, ohne durch formalisierte Ausbildung stumpf in seinen Empfindungen geworden zu sein" (ibid. 56). Qualitätssicherung im Felde der Supervision kann, wenn man diese Zusammenhänge ernst nimmt und nicht nur unter der Perspektive des "Ausbildungsgeschäftes" betrachtet, nicht allein oder gar überwiegend in Strategien der Formalisierung, Standardisierung und Institutionalisierung liegen. Durchlässigkeit und Flexibilität des Ausbildungssystems und des professionellen Feldes sind angesagt, Assessment faktischer Kompetenzen, Akkreditierung individualisiert zu betrachtender Vorleistungen. Innovation entspringt nicht kalibrierten "Identitätsprofilen" und "Subjektkompetenz" wird wohl zum geringsten Teil durch Ausbildungsstandards gesichert. "Mit Subjektkompetenz werden eine Reihe von Persönlichkeitsattributen und sozialen Fähigkeiten beschrieben, die nicht nur in ihrer naturwüchsigen Form als vohanden und ausreichend gelten können [warum eigentlich nicht, fragen wir?, s.c.], sondern professionell verfeinert, verbessert, und vor allem selbstreflexiv kontrollierbar sein müssen [können, würden wir sagen s.c.], z.B. die Selbst- und Fremdwahrnehmung (einschließlich der Übertragungs- und Gegenübertragungskontrolle), Empathie, Fähigkeit zur Identifikation und Distanz, Aushalten von Ambivalenz, Ambiguitätstoleranz, Konfliktstärke und Integrationsvermögen, Rollenflexibilität und Belastbarkeit, Spontaneität und Ausdrucksvermögen etc." (Weigand 1999b, 257). Das alles soll durch die Ausbildung gemäß der "Entwicklung eines beruflichen Identitätsprofils" (ibid.) geleistet werden? Nach dreißig Jahren als Ausbilder, umfänglicher Theoriearbeit im Bereich der Qualitätssicherung durch Ausbildung (Petzold, Orth, Sieper 1995) und etlichen umfangreichen Studien der Ausbildungsforschung (Petzold et al. 1995, 1998; Petzold, Schigl 1996; Petzold, Steffan 1999a), die wir seit 1980 bei unseren Ausbildungskandidaten in der Psychotherapie, Soziotherapie und der Supervision durchgeführt haben (fast 1500 Personen insgesamt Petzold, Steffan 1999b), können wir solche Zielkataloge nicht mehr so einfach stehen lassen. Das meiste müssen die Leute mitbringen, und ob Supervisionsausbildungen tatsächlich die geforderten "Verfeinerungen" leisten, müßte durch sorgfältige Forschung nachgewiesen werden - für jede methodische Richtung der Supervision, denn sie sind sehr heterogen, für jede Ausbildungsinstitution in der DGSv, denn sie haben sehr unterschiedliche Kulturen und wahrscheinlich auch unterscheidliche Kompetenz und Qualität, und schließlich - bei dem von den DGSv-Standards geforderten Kursleitersystem - für jeden Kurs, insbesondere weil die überwiegende Last einer 600- 700stündigen Ausbildung bei einem Kursleiterpaar festgeschrieben wird (vgl. die fragwürdige Argumentation bei Beumer, Möller 1998, 7, dagegen Petzold 1999i, 11), ohne daß Möglichkeiten korrektiver Einflüsse und akkumulativer Qualitätsaggregation durch erprobte multipel besetzte Ausbildungsteams genutzt werden können (das Kursleiterpaar als "Elternpaar", ein "gutes" Modell, die Dependenzen zu schaffen, die man so angelegentlich vermeiden will, vgl. Beumer, Möller 1998, 6f).

    Die zentrale, immer wieder - gleichsam legitimatorisch - auftauchende Argumentationsfigur für all diesen Reformeifer und für die Bemühungen um Qualitätssicherung ist die "Ausbildung der professionellen Identität" (ibid. 8). Schon 1982 schrieb einer der Autoren dieses Beitrages in seinem Buch "Rollenentwicklung und Identität": "In einer Zeit, in der über Identität so viel geschrieben wird ..., muß es um Identität nicht gut bestellt sein" (Petzold, Mathias 1982, 188). Dies scheint wohl auch für die "supervisorische Identität" (die brüchige sozialarbeiterische scheint vielleicht hier wieder einmal durch, vgl. Petzold 1997c) der Fall zu sein.

    "Die Identifikation mit der Profession und die professionelle Selbstsicherheit sind noch nicht stabil; entweder reagiert man aus einer Überidentifikation, die in Überempfindlichkeit kritischen Äußerungen zu große Bedeutung beimißt oder in mangelnder Identifikation ... Beide Reaktionen: Uberidentifikation wie mangelnde Identifikation signalisieren Unsicherheiten in der Identifikation mit einer Profession, die sich eben um dieses Attribut ‘professionell’ noch bemüht", wie Weigand (1997, 4) in seinem Resümee des 3. Deutschen Supervisorentages (in Celle, 19. - 20. 9. 1997) treffend schreibt.

    Welches Identitätsmodell steckt hinter diesem, in der Supervisionsszene so beliebten Term "supervisorische Identität"? Es wird nirgendwo eine nachvollziehbare Herleitung (Literaturverweise) gegeben. Offenbar handelt es sich um eine relativ konservative, konsistenzzentrierte Identitätskonzeption, wie sie sich in der psychoanalytischen Literatur in partiellem Rekurs auf die Arbeiten von E. H. Erikson (1946, 1950a,b, 1956) herausgebildet hat (Krappmann 1997), ein Identitätskonzept mit Zwangs- und Normierungsimplikaten, gegen die sich 1955 schon Adorno (1972, 65, 69)mit seiner Kritik des Identitätsbegriffes als gesellschaftlicher Zwangsapparatur gewandt hatte. " ... Erikson entgeht nicht der Gefahr, um der Stabilität der Identität willen deren balancierenden, d.h. in den konkreten Interaktionsprozessen stets neu zu bewährenden Charakter zugunsten einer vorgängigen Harmonisierung sozial zugeschriebener Identitäten mit den individuellen Bedürfnissen aufzugeben", so schon Wellendorf (1973, 34). Die ganze Problematik soziologisch und sozialpsychologisch (Dubar 1998; Baumeister 1995) sowie ideologiekritisch (Stross 1991) nicht reflektierter individualisierender psychoanalytischer Identitätskonzeptionen (Weigand 1987,1998d; Kamper-Jasper 1996) im Feld der Supervision kommt hier offenbar zum Tragen. Eine Aufnahme aktueller Diskussionen um den Identitätsbegriff (Collage-Identität [Pazzini 1986], Patchwork-Identität [Keupp 1988], Bastel-Identität [Hitzler, Hohner 1994], Gender-Identität [Gilligan 1983; Greber Bretscher et al. 1998; Petzold, Sieper 1998] findet sich nicht. Weder die entwicklungspsychologische Debatte wird aufgenommen (Lenzen 1991, 1985; Kegan 1986) noch die postmoderne Identitätsdiskussion (Gergen 1996; Stross 1991). Es wird noch nicht einmal das balancierende Moment des Aushandelns von Identität als "Akteur im Spiel der Szenen", wie es Wellendorf (1973, 41) mit Bezug auf Krappmann (1971), Lorenzer (1970) u.a. thematisiert, aufgenommen, obwohl es für ein Verständnis flexibler Identitätsprozesse in der Supervision durchaus fruchtbar wäre. Vielmehr wird "supervisorische Identität" als Endprodukt eines ritualisierten professionellen Sozialisationsprozesses gesehen.

    "Supervision soll als eine eigene professionelle Tätigkeit entwickelt werden. Aus diesem Grunde wird es für unabdingbar gehalten, im ersten Teil der Ausbildung (...) gleichsam eine ‘Sozialisation’ in die Kultur dieser beruflichen Tätigkeit zu gewährleisten. Eine Anerkennung von vorher erworbenen therapeutischen Kompetenzen bzw. Bausteinen als Ersatz für die Grundausbildung (...) schließt sich von daher aus, da ansonsten zu erwarten wäre, daß keine Identifikation mit den professionellen Aspekten der Supervisorentätigkeit erfolgt [wieso eigentlich nicht, woher weiß man das? s.c.], sondern lediglich eine Kompetenzerweiterung in einem anderen Beruf, der weiterhin als Grundlage für die berufliche Identität dominant bleibt." Es muß gewährleistet werden, daß "die Möglichkeit eines ritualisierten Hineinwachsens in die professionelle Identität und in den Berufsverband der Supervisorinnen ermöglicht wird". So Beumer, Möller (1998, 6) im Text der DGSv-Projektgruppe Ausbildungsreform. Absurde Konzeptionen! Werden Professoren wie Kersting und Weigand ihre berufliche Grundlage als Hochschullehrer der supervisorischen Berufsidentität, die eine genehmigungspflichtige Nebentätigkeit sein dürfte, nachordnen? Wir würden unsere beruflichen Grundlagen als promovierte Psychologen und Sozialwissenschafler, Disziplinen, ohne die Supervision handgestrickte Praxisberatung wäre, doch nicht einer Zusatzqualifikation "Supervision" - denn um mehr handelt es sich beim derzeitigen wissenschaftlichen und fachlichen Status und dem Grad der Professionalisierung doch nicht - unterordnen. Hier sind Ansprüche am Werk, die den Kontakt mit der Realität dieser "professionellen Funktion", selbst dieser "Profession", wenn man die Diplomsupervisoren mit dem akademischen Grad eines Aufbaustudiums so sehen will (und nur für sie könnte man das derzeit - vielleicht), verloren haben.

    Das Sozialisationskonzept dieses Textes wird nicht offengelegt, scheint aber an das konsistenzorientierte Modell identifikations- und ritualgegründeter "Ich-Identität" von Erikson (1968a,b) anzuschließen. Wellendorf (1973, 34)kommentierte dessen These:

    "Psychosocial identity thus depends on a complementarity of an inner (ego) synthesis in the individual and of role integration in his group" treffend: "Sind aber Ich-Synthese und soziale Integration a priori verläßlich aufeinander bezogen, so verliert ... der Begriff der Identität sein kritisches Potential" (ibid.). Genau das bringen die supervisorischen Ausbildungsreformer derzeit mit ihrem Projekt auf den Weg, indem sie "den prekären Charakter von Identität als Balance zugunsten eines Begriffes stabiler, weil durch kulturelle und soziale Inhalte [des Berufsverbandes s.c.] verläßlich festgelegter Identität ... vernachlässigen" (ibid.)

    Eine derart kenntnislose Konzeption wird beunruhigend, wenn in den auf sie folgenden Stellungnahmen (z.B. aus der Konferenz der Ausbildungsinstitute, vgl. Neumann-Wirsig 1999, vgl. aber Petzold 1999i) keine Zeile der Kritik an dieser konservativen, Kreativität und Emanzipation verhindernden Konzeption kommt. Stimmt man etwa mit einer ausschließlich konsistenzzentrierten Identitätskonzeption überein? Die sozialisations- und identitätstheoretischen Arbeiten der siebziger und achtziger Jahre (Krappmann 1969; Wellendorf 1973; Dubiel 1974; Petzold,Mathias 1982; Hurrelmann 1986) hatten da schon mehr zu bieten: "Sozialisation als produktive Verarbeitung der inneren und äußeren Realität" (Hurrelmann 1986/1995, 62), in Mit- und Rückwirkungsmöglichkeiten des Subjektes auf die Sozialisationsinstanzen (ibid. 64), was in dem DGSv-Modell entfällt, denn AusbildungskandidatInnen wurden in der Projektgruppe nicht beigezogen (siehe Beumer, Möller 1998, 5). Sie haben bislang bei der "Reform" keinen Platz und keine Mitwirkungsrechte und wurden nicht, wie es bei Qualitätssicherungssystemen üblich ist und bei Projekten eines Supervisionsverbandes selbstverständlich sein sollte, in Qualitätszirkel einbezogen. Soll so "supervisorische Identität" konstituiert werden?

    Identität in einem modernen Verständnis wird "nicht als ein für allemal gelungener, feststehender und verläßlicher Besitz eines Menschen verstanden, sondern als ein Zustand des Selbsterlebens, der ständig neuen Interpretations- und Aushandlungsprozessen mit der äußeren Umwelt und der eigenen inneren Natur unterliegt ...die Handlungskompetenzen müssen dabei nicht in ‘Übereinstimmung’ mit den jeweils institutionell und organisatorisch definierten [z.B: durch ein Ausbildungsinstitut oder die DGSv, s.c.] sozialen Erwartungen der Umwelt stehen ... das Spezifikum von Identität liegtgerade darin, die notwendigerweise bestehenden Spannungen auszuhalten, auszugleichen oder aktiv zu bearbeiten" (Hurrelmann 1995, 173). So entsteht durch Ko-respondenz, Begegnung und Auseinandersetzung in Prozessen beständiger Kreation und Transgression "emanzipierte Identität" (Petzold, Mathias 1982, 185f, Petzold 1992a, 532; Petzold, Sieper 1998).

    Wird supervisorische Identität, wie in dem Reformpapier in den persönlichen Identifikationsprozessen des Subjekts mit seiner "professional community" situiert, wären diese Prozesse damit der "Subjektkompetenz" (Weigand 1999b) zuzuordnen, wobei auch dieses Konstrukt und das dahinter stehende Menschenmodell (Herzog 1984) natürlich nicht expliziert wird, so daß die zugrundeliegende subjektheoretische Konzeption nur zu erahnen ist. Sie ist sicher keine historisch-kritisch bzw. dekonstruktivistisch reflektierte, die den Sozialisationsbedingungen der Subjektkonstitution - insbesondere mit Blick auf die Moderne - nachgeht, eine Perspektive die im supervisorischen Feld ohnehin sehr selten ist (Coenen 1999; Petzold 1998a; Petzold, Orth, Sieper 1999). "Supervisorische Identität" erscheint so mit Blick auf die beigezogenen Texte als ein diffuser - und manche Ideen nicht richtig erfaßt habender - Niederschlag des in den siebziger Jahren entstandenen, nicht uninteressanten "Verschnitts" von interaktionistischen und psychoanalytischen identitätsrelevanten Theoremen, insbesondere im pädagogischen Bereich (Wellendorf 1973; Mollenhauer 1968, 1972), damals schon mit einer schwachen bzw. selektiven Rezeption einiger Positionen von Habermas (ohne deren Probleme zu sehen oder zu thematisieren). Die Fruchtbarkeit dieser Konzepte wurde durch die indirekte Rezeption ("Terziärrezeption"), also eine fehlende gründliche Auseinandersetzung mit diesen Ideen in der und durch die Supervisionsszene nicht genutzt. So hat der Begriff "supervisorischer Identität", da er nicht wirklich ausgearbeitet ist, eher Schlagwortcharakter bzw. ist - wahrscheinlicher noch - Ausdruck moderner Identitätsproblematik, an der die Supervisoren natürlich teilhaben. Moderne Identitätspsychologie (Bilden 1997; Gergen 1996; Petzold 1998h; Petzold, Mathias 1982; Shotter, Gergen 1989; Swann 1987;), forschungsgestützte in Sonderheit (Haußer 1996), wird nicht herangezogen - man kennt sie offenbar nicht! Der historisch verdienstvolle, aber in vieler Hinsicht theoretisch und empirisch überholte Ansatz von Erikson wurde mit Mead und Goffman in den "balancierenden Identitätsmodellen" (Krappmann 1969; Habermas 1968, 1976; Petzold 1991o) überschritten, die in der Supervisionstheorie und Praxis nicht aufgegriffen und interventionsmethodisch umgesetzt und ausgeschöpft wurden. Inzwischen ist die Zeit und die Entwicklung weitergegangen und man müßte sich mit den kreativen, hochflexiblen Identitätsmodellen - patchwork identity (Keupp 1989; Keupp, Höfer 1997), multiple Identitäten (Turkle 1998), transversale Identität (Petzold 1998h) auseinandersetzen (vgl. 1.2.1), wie sie die in der Regel überdeterminierten supervisorischen Situationen in postmoderner Weltvielfalt verlangen würden. Stattdessen bleibt man in den falschen Sicherheiten konsistenzfixierter Identitätsvorstellungen, die für die klinische und sozialarbeiterische Realität - z.B. in der Arbeit mit Jugendlichen (Müller, Petzold 1998) - und in der Realität von Managern in global agierenden Unternehmen (Petzold 1998a, 215 ff, idem 1999j) keine Relevanz haben, sondern eher ein unvorteilhaftes Modell für persönliche Identitätsprozesse bieten, statt ein Modell diskursiver und reflexiver, emanzipatorischer und transversaler Identitätsarbeit (idem 1991o, 1998a, 370ff), die - über das Leben vielfältige Wandlungen durchlaufend (Sennett 1997; Dettling 1999) - Ressourcen nutzen und erschaffen kann.

    Nur vor solchem Hintergrund demodierter Identitätstheorie (und hegemonialer Feldkontrolle) sind "Standards" zu verstehen, nach denen im Umgang mit Menschen jahrelang erfahrene Wirtschaftswissenschaftler oder Ingenieure, Personalmanager, Wirtschaftsjournalisten oder Juristen nur über Ausnahmeregelungen in DGSv-akkreditierte Supervisorenausbildungen kommen können oder daß man, um Lehrsupervisor in der DGSv zu werden, mindestens fünf Jahre nach Abschluß seiner Supervisorenausbildung supervisorische Identität gelebt haben muß , ganz gleich ob man vor der Supervisorenausbildung schon zwanzig Jahre als Familientherapeut oder Soziotherapeut gearbeitet hat und mittlerweile fünfundfünzig Jahre alt ist: fünf Jahre muß man im Regelfall warten, bis man nach weiterer Fortbildung von einem Institut als Lehrsupervisor eingesetzt werden darf. Das sind Beispiele für u.E. dysfunktionale praktische Konsequenzen von dysfunktionalen theoretischen Konzeptualisierungen und fragwürdigen politischen Maßnahmen.

    Identitätssicherung und Qualitätssicherung durch Hermetik und Selektion, die die Talente "außen vor läßt" oder sie - findig wie sie sind - andere Wege zu ähnlichen Zielen gehen läßt, ist das der richtige Weg? Die Selektionskriterien der Vorauswahl (Zulassungskriterien genannt) sind hoch und die Undurchlässigkeit des "Weiterbildungssystem DGSv-Supervision" ist derart massiv (etwa verglichen mit der Praxis anderer moderner, "durchlässiger" Berufsbildungs- und Hochschulsysteme), daß man sich fragt, was sind die Hintergründe für eine solche Entwicklung und wie ist eine solche Praxis zu legitimieren durch eine "Profession", die beansprucht, ein besonders fortschrittliches Instrument professioneller Weiterbildung anzubieten? Sicher, man ist aus der "Pionierphase" heraus, es gilt formalisiertes Wissen weiterzugeben, es ist ein hoher Bedarf an Supervisoren da, der nur mit standardisierten Ausbildungen seriös "bedient" werden kann (das aber können u.E. nur konservativ an den Bahnen veralteteter Schul- und Bildungssysteme orientierte, offenbar in der Expertenmacht [Ilich 1979] befangene oder die Konkurenz der Kreativen fürchtende Leute meinen). Wir sind als Ausbilder, Lehrsupervisoren, Hochschullehrer keineswegs gegen konzentrierte Wissens- und Methodenübermittlung in Form curricularer Ausbildungen. Das ist sicher eine gute Sache, aber sie dürfen nicht modernen Wegen durchlässiger Bildungsstrukturen entgegenstehen. Weiterhin liegt über die didaktischen und curricularen Formen von Supervisorenausbildungen bislang noch kaum gesichertes Wissen vor, das muß man doch selbstkritisch und offen sagen. Das Strickmuster der Standards folgt Konzepten der sechziger und siebziger Jahre, die schon die Forschungen von Huppertz (1975) infrage stellten, ohne daß Revisionen oder Entwicklungen (forschungsgestützte, versteht sich) erfolgt sind. Insofern wäre eine hohe Durchlässigkeit, die sich an den "faktischen Kompetenzen und Performanzen" ausrichtet, eine durchaus angemessene Strategie. Sollten nämlich die Dinge so liegen wie in der Psychotherapie (und es spricht nichts dagegen), daß nämlich LaientherapeutInnen nicht schlechter arbeiten als FachtherapeutInnen (Durlak 1979), Selbsthilfeleute keine schlechteren Ergebnisse haben als Fachleute der Therapie (Gunzelmann et al. 1987), "einfache" (zumindest kostengünstigere) "soziale Netzwerkinterventionen" genauso und besser wirken als professionelle Psychotherapie (Röhrle, Sommer 1998), wie umfangreiche Metaanalysen zeigen, wohl aufgrund allgemeiner "unspezifischer Wirkfaktoren" (Märtens, Petzold 1998) und der hohen "sozialen und lebenspraktischen Kompetenz" der tätigen LaientherapeutInnen, muß man sich auch in der Supervision mit den Fragen "Was macht einen ‘guten Supervisor’ aus und wie wird man zu einem solchen?" ernsthafter auseinandersetzen als das bisher geschieht. Es ist ziemlich sicher anzunehmen, daß institutionserfahrene, sozial kompetente und intelligente Praktiker mit unterschiedlichen Berufshintergründen ganz ordentliche supervisorische Arbeit leisten können, genauso wie LaientherapeutInnen effektive therapeutische Hilfen zu geben vermögen, aber man kann natürlich einen ständig wachsenden Beratungsbedarf in unterschiedlichsten Feldern und Märkten nicht nur mit "Naturtalenten" und "self made men" abdecken, zumal viele LaientherapeutInnen und LaienberaterInnen diese Aufgaben nur okkasionell wahrnehmen und in der Regel daraus keine berufliche Tätigkeit entwickeln (einige tun das natürlich sogar mit fortune und ohne Zertifikate, aber werden durch Erfahrung dann wirkliche "professionals" und als solche geschätzt). Will man deshalb Professionalität durch standardisierte Ausbildungen entwickeln, verlangt das wirklich seriöse Ausbildungsforschung, wie man sie in der Psychotherapie auch erst seit kurzem, nachdem man sich aus der Ideologie der "Schulen" befreit hatte, betreibt - mit nachdenkenswerten Ergebnissen (Laireiter 1999;Ambühl, Orlinsky 1997; Willutzki 1999; Petzold, Steffan 1999b). Forschung und theoriegeleitete Konzeptualisierung braucht man, um mit den "Naturtalenten" und den "erfahrenen Praktikern" (eigentlich müßte man die Lernstrategien beider Gruppierungen untersuchen) gleichzuziehen und die langen und investitionsreichen Wege des "learning by doing" bzw. "by trial and error" abzukürzen. Dabei wird man durchaus neue Wege gehen müssen. Nach unserer Übersicht über diese Forschungen, aus andragogischen Theoriepositionen, aus emanzipationstheoretischen Überlegungen und aus langjährigen Erfahrungen als Lehrsupervisoren würden wir es fachlich gesehen für sinnvoll halten, Supervisionsausbildungen mit halboffenen Curricula und sehr individualisierter Kompetenz- und Performanzförderung und Lernorganisation mit life assement der faktischen Kompetenz durchzuführen, wie wir dies in den Anfängen unserer Arbeit mit Erfolg praktiziert haben. Dies ist heute durch die Art der Professionalisierung im Feld nicht mehr möglich u.a. durch die strukturellen Pressionen, die entstehen, wenn große Berufs- und Fachverbände Standards setzen. Wir halten hinlänglich begründete und vereinbarte Regelungen prinzipiell auch für sinnvoll, insofern schließen wir uns dem Konsens unserer "professional community", zu Regelungen zu kommen, durchaus an und wir respektieren z.B. die beschlossenen Standards der DGSv - nicht etwa, weil wir sie für besonders gut, gar optimal oder auch agogisch für funktional halten, sondern weil dahinter ein verbandlicher Konsensprozess steht, der aus vereinsrechtlichen Erwägungen - und dahinterstehend und wichtiger - aus unserem Demokratieverständnis akzeptiert werden muß, solange die Abwägung der Güter das vertretbar sein läßt. Aber genau hier setzt auch die politischeVerpflichtung von Mitgliedern ein, auch wenn sie in einer Minderheitsposition sein sollten, durch Argumentation, fachlichen Diskurs und Protest (Petzold 1999i) auf funktionale, fachlich fundierte und ethisch legitimierte Modelle zu drängen und sich gegen problematische Konzepte und Entwicklungen zu wenden. Für die Supervisorenausbildung heißt das beim Stand des Feldes, forschungsgestützte Reformen einzufordern, und sich gegen die Zementierung von "Standards" und voreilige, fachlich dürftige Reformvorhaben durch einen großen Supervisorenverband (bei fehlender Abstimmung mit den europäischen Schwesterverbänden) zu wenden, die den Fortschritt der Disziplin genauso behindern werden, wie dies gegenwärtig durch die Festschreibung der Psychotherapieausbildung mit den völlig veralteten Ausbildungsvorstellungen der Richtlinienverfahren in der Ausbildungsverordnung des Psychotherapeutengesetzes vom 22. Dezember 1998 geschehen ist (trotz der Proteste von vielen Seiten, u.a. auch unserer, vgl. Petzold 1991i, k).

    Was ist "gute" Supervision, was sind ihre Wirkfaktoren? Das sind zentrale und noch weitgehend offene Fragen, die auch für die Fragen nach Ausbildungsreformen, Qualität und Qualitätssicherung beantwortet werden müssen. Was braucht ein guter Supervisor, eine gute Supervisorin? - Eine hohe Wahrnehmungs- und kognitive Konnektivierungsfähigkeit, Exzentrizität, Mehrperspektivität, soziale Kompetenz und Performanz, empathische Resonanzfähigkeit und "soziales Sinnverstehen", persönliche Souveränität, Parrhesie, breite transdisziplinäre theoretische Wissensbestände und eine methodenplurale, flexible praktische Performanz, das Potential schließlich, all dieses integer, kontextbezogen und in guten Synergien interventiv umzusetzen? Das meinen wir. Aber wie sind diese Qualitäten zu erreichen? In welcher Kombination und Verschränkung von Theorie, Methodik, Praxis, Selbsterfahrung, Supervision? Wir haben zu dieser Frage viel experimentiert und geforscht und Modelle erarbeitet und evaluiert, die in bestimmte Richtungen weisen, z.B. unsere Forschungen zu Teilaspekten wie der Förderung von Deutungskompetenz (Schreyögg 1994) und zur Gesamtwirkung unserer spezifischen Ausbildung in "Integrativer Supervision" (Petzold, Schigl 1996). Aber es ist noch viel zu untersuchen, und so haben wir neue Projekte auf den Weg gebracht (Oeltze, Petzold, Ebert 1999, in Vorber.). Wir wissen nicht viel darüber, ob und wie andere Ausbildungen wirken (vgl. aber Gasteiger-Klicpera, Klicpera 1997). Aus fünfundzwanzig Jahren der Erfahrung im psychosozialen und klinischen Feld wissen wir - und wir möchten das nochmals betonen: es gibt viele ausgezeichnet arbeitende Supervisoren ohne Supervisorenausbildung nach DGSv-Standarts (ihre Vorsupervisionen werden denn auch nicht oder nur mit Problemen anerkannt), ja ohne jede Supervisionsausbildung, und wir kennen etliche "ExpertInnen" mit "Standardausbildungen" der "Gütesiegelklasse", die ausgesprochen schlechte Supervisonsarbeit machen - da sind die Sorgen von Weigand (1999c) schon berechtigt. Nur lassen sich die Probleme nicht durch ein Dutzend Kontrollsupervisionsstunden mehr beheben. Jeder der parrhesiastisch, d.h. freimütig, kritisch und ehrlich auf die Situation im "Feld" schaut, wird dies bestätigen. Die Konsequenz ist nicht, Supervisionsausbildungen abzuschaffen, sondern ihre Qualität zur Förderung kokreativer, mehrperspektivisch schauender, transdisziplinär denkender, engagierter und souveräner Persönlichkeiten zu verbessern, und das kann nur sehr marginal durch Formalstandards geschehen, wie jeder mit Bildungspraxis und -forschung bei Erwachsenen Vertraute weiß. Formalstandards dienen allenfalls berufspolitischen Zielsetzungen und standespolitischer Privilegiensicherung. Qualität von Supervision indes könnte und sollte sich durch den Erweis der besseren Kompetenz und Performanz im "Feld", auf dem "Markt", durch das "Kundenurteil", wenn´s beliebt, hinlänglich sichern lassen. Die gute Ausbildung und die Mitgliedschaft in einem seriösen Fachverband sind zwei nützliche Voraussetzungen für solide Qualität, für "excellence" sind sie es nicht.

    1.3.1.4 Instrument der Personal- und Organisationsentwicklung

    Zu der Angabe der Informationsbroschüre: Supervision sei ein " Instrument zur Weiterentwicklung von Personal und Organisation" ist uns keine systematische theoretische Ausarbeitung von "Supervision als Instrument der Personalentwicklung" bekannt und die Diskussionen, ob und inwieweit Supervision ein Instrument der "Organisationsentwicklung" sei, steht in den Anfängen und wird recht strittig geführt.

    Empirische Nachweise für diese Behauptung fehlen überdies gänzlich. Verwundert ist man dann allerdings, wenn man nach der - offenbar voreiligen - Kompetenzbehauptung der Info-Broschüre jetzt im Bericht des Vorsitzenden liest:

    "Wir sagen nicht, daß Supervisoren und Supervisorinnen nichts mehr lernen brauchen, wenn sie im Bereich der Organisationsentwicklung tätig werden wollen. Wir sagen allerdings, daß Supervisoren und Supervisorinnen aufgrund ihrer Kompetenz geeignet sind, sich in Organisationsentwicklung weiterzubilden und zu qualifizieren" (Weigand 1999c).

    So kommt man in die Bredouille, wenn man zuviel vorgibt. Andererseits kann man ja dann auch OE-Ausbildungen verkaufen. Entsprechende Weiterbildungen sind offenbar schon in der Mache und Experten werden sich dann auch sicher finden. Who is assessing their competence?

    1.3.1.5 Instrument der Qualitätsverbesserung beruflicher Arbeit

    Auch für diesen überall vorfindlichen Anspruch der "Sicherung und Verbesserung der Qualität der beruflichen Arbeit" durch Supervision (so u.a.auch Luif 1997; Brandau 1991) fehlt ein Nachweis durch Evaluationsforschung für das Klientensystem (Patienten und Hilfesuchende, vgl. Frank 1998). Einige Detailergebnisse von Studien (eine Übersicht bei Frank 1999) zeigen Effekte für das Supervisandensystem (z.B. Entlastung der Supervidierten, Therapeuten, Berater, Holloway 1995) bei bestimmten Aufgabenfeldern (z.B. Psychotherapiesupervision) und durch bestimmte Formen von Supervision (Fallsupervision, Auckenthaler 1995). Nicht daß wir nicht auch von positiven Effekten unserer Supervisionsarbeit für das Klienten-, das Supervisandensystem und das Supervisorensystem ü b e r z e u g t wären, ja solche Effizienz auch für bestimmte Formen der Supervision insgesamt a n n e h m e n, aber Annahmen und Überzeugungen reichen nicht aus für affirmative Qualitätsbehauptungen, denn es gibt auch Qualitätsbeeinträchtigungen und Störungen beruflicher Arbeit durch Supervision (Auckenthaler, Kleiber 1992; Petzold, Rodriguez-Petzold 1997). Wir investieren deshalb in Forschung (Schreyögg 1994; Petzold, Schigl 1996; Schigl, Petzold 1997; Oeltze, Petzold, Ebert, in Vorber.), ja, das gesamte Feld muß in Forschung investieren, um die seit fünfundzwanzig Jahren bekannte Situation der fehlenden Fundierung von Qualitätsbehauptungen zu verändern. In der einzigen deutschsprachigen Sammelpublikation zur Supervisionsforschung (Berker, Buer 1998) findet sich - wohl aufgrund der mageren Forschungssituation hierzulande und der Rezeptionslücke zur angloamerikanischen Supervisionsforschungsliteratur hin - kein "state of the arts" Artikel, der eine Übersicht über den Forschungsstand gibt. Es bleibt weitgehend bei der Situation, die Blinkert und Huppertz (1974) aus ihrer Pionierarbeit, dem ersten großen deutschsprachigen Supervisionsforschungsprojekt, konstatieren: Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander, es bestehe ein "Mythos Supervision" (vgl. auch Huppertz 1975, 1979). Die Supervisionsforscherin Anna Auckenthaler (1998, 183) faßt zutreffend zusammen: "Nach wie vor ist weit mehr darüber bekannt, was man sich von Supervision verspricht, als darüber, was in der realen Supervisionspraxis geschieht und was in Supervisionen tatsächlich erreicht wird." Solange immer noch nur eine "mythische Dignität" (Huppertz 1975, 146) vorliegt, sollte man erst einmal Forschung betreiben und differentielle Ergebnisse abwarten, um differenzierte Aussagen zu machen, oder als Berufsverband als "Markenzeichen und Garant für die Qualität von Supervision" (Weigand 1995, 91) aufzutreten: Supervision verbunden mit dem "Gütesiegel DGSv ... ist zur bewährten und fundierten Dienstleistung für die erfolgreiche Bewältigung beruflicher Anforderungen und Probleme für Professionelle und ihre Organisationen geworden" (DGSv Info-Broschüre 1999), schreibt der Verband, der kurz zuvor den Reader von Berker & Buer herausgibt, wo in den Ergebnissen der schon in Teilen (DGSv aktuell 3/1997, 22ff) publizierten Untersuchung [n = 126] von Thomas Beer (1998, 116) zu lesen ist:

    Es "konnte im Rahmen der untersuchten Stichprobe die von der DGSv angestrebte Positionierung eines ‘Gütesiegels’ ‘Supervisor (DGSv)’ nicht wie erwartet nachgewiesen werden, da dieses Kriterium für die Auswahl eines Supervisors nur bei etwa 20% der Supervisanden eine Rolle spielte."

    Wir fänden es als Supervisoren, Wissenschaftler und Verbandsmitglieder beruhigend, wenn solche für einen Fachverband recht marktstrategisch vorgetragene Ansprüche bzw. Qualitätsbehauptungen durch Forschung bzw. Evaluation "fundiert" abgesichert wären, sonst werden sie marktschreierisch. Wir machen uns mit dieser unserer Kritik - wie schon mit vorgängiger (Petzold 1997l,v, 1998i), Will (1997, 46) sprach gar von "Supervisorenschelte" - sicher keine Freunde, aber das gehört zu einer parrhesiastischen Praxis (Foucault 1996, 10-19), die Dinge klar zu benennen, um Veränderungen anzustoßen, selbst wenn manche das als "anstößig", den eigenen Verband, die eigene "Profession" schädigend, betrachten mögen. Wir meinen: Nicht-Benennung von Mängeln ist für eine auf Qualitätssicherung orientierte Disziplin schädlich!

    1.3.1.6 Hundert Jahre Dienstleistung und fundierte Theorienbildung

    Über die behaupteten "hundert Jahre Dienstleistung" kann man streiten. Zunächst war Supervision ja ehrenamtliche oder kollegiale Praxisberatung (Belardi 1991). In einem modernen Verständnis entwickelt Supervision sich frühestens seit den dreißiger und vierziger Jahren. Greift man weiter in die Vergangenheit, muß man auch die "disziplinierenden" Vorläuferformen der "supervisors and ouerseers" in Industriebetrieben, in Strafvollzug und Fronarbeit mitbetrachten (s.u.). Das geschieht in der Supervisionsliteratur natürlich nicht. Was die "fundierte Theoriebildung" anbelangt, muß man selbst bei "gemäßigt" kritischem Blick frei heraus (parrhsiastikoV ) sagen: die Theorienbildung ist von "fragmentation and chaotic diversity" gekennzeichnet - um diese Formulierung von AlvinMahrer (1989) auszuborgen. Eine genauere Betrachtung der Fundiertheitsbehauptung für Theorie und Evaluationsforschung (Fundiertheit steht allenfalls in den Anfängen) läßt weiterhin viele Fragen aufkommen: Supervision wird, wie in der Intro-Broschüre, ja häufig als "Beratungsform" charakterisiert, die in der "Fachöffentlichkeit auch in Abgrenzung zu anderen Beratungsformen zu vertreten" sei (Weigand 1995, 89, unsere Hervorhebung, so auch die Info-Broschüre der DGSv). Ähnlich: "Wir grenzen uns dabei ab von Begriffsbestimmungen in der ‘Beratungsszene’, die weniger Ausdruck von inhaltlichen Auseinandersetzungen und Theoriebildung sind, sondern vielmehr marktbezogene Positionierung" (Gotthard-Lorenz, Schürs 1997, 13f, unsere Hervorhebung). Warum hat man plötzlich etwas gegen Marktpositionierung, oder sind die österreichischen Supervisoren hier anders orientiert, oder argumentiert man beliebig? Derartige Aussagen von den Vorsitzenden der DGSv und des ÖVS, der führenden deutschen und österreichischen Supervisorenverbände also, muß man kontextualisiert beobachten (Luhmann 1992; Tomm 1994), auf mehreren Ebenen reflektieren (Petzold 1998a, 157) und kritisch diskutieren (idem 1997l), denn sie sind über die mit Vorstandsämtern verbundene Definitions- und Informationsmacht potentiell formgebende - und damit auch potentiell deformierende - Einflüsse für die Disziplin und "professionelle Funktion" bzw. "Profession" Supervision.

    Der Seniorautor dieses Beitrages ist in beiden Verbänden Mitglied und tritt deshalb bei öffentlichen Aussagen immer wieder auch in den öffentlichen Diskurs ein - freimütig und das heißt auch zuweilen durchaus strittig [z.B. Petzold 1996g, o, n. 1997e, 1998i] -, denn die "freedom of speech" [Bonner 1933] ist nicht nur seit ältesten Zeiten eine demokratische Möglichkeit der Meinungsäußerung, sondern freimütige Rede, d.h. Parrhesie, ist eine Chance und Verpflichtung, Machtdiskurse offenzulegen und ihre Gestaltungskraft konstruktiv zu nutzen, den "locus of control" nicht zu verlieren und Definitionsmacht im Feld partizipativ zu gestalten und zu verwalten, eine Möglichkeit auch, die eigene Souveränität, Selbstwirksamkeit und Kokreativität zu kultivieren [Flammer 1992; Petzold, Orth 1998; Petzold 1998a, 264ff] und die Protagonisten der Macht - z.B. Vorstände, von Mitgliedern gewählt (und natürlich auch von einigen nicht gewählt, aber im Mehrheitsbeschluß legitim an die Macht gekommen) - in Ko-respondenz [idem 1991e] einzubinden, d.h. in freimütige (parrhsiastikoV ) "Begegnungen und Auseinandersetzungen" [ibid. 55] um Fragen des Umgangs mit Macht und Entscheidugen zu involvieren. Es geht dabei um einen Beitrag zur Ausbildung und Pflege einer persönlichen und kollektiven "supervisorischen Kultur" [ibid.40].

    1.3.1.7 Supervision als Beratungsform

    Die Aussage, die Supervision als Beratungsform festlegt, ist zumindest sehr einschränkend oder fokussiert einseitig auf einen methodischen Aspekt von Supervision. Mit der Strategie der Abgrenzung sind wir überhaupt nicht einverstanden! Wo wurde eine "Abgrenzung von anderen Beratungsformen" verbandlich (durch Mitgliederbeschluß) explizit legitimiert und wo - sagen wir´s offen - ist das fachlich legitimierbar? Abgrenzung würde voraussetzen, daß Supervision sich als eigenständigeBeratungsform prägnant in Theorie und Methodik bestimmen ließe. Das ist aber, wie der vorliegende Beitrag zeigt, nicht der Fall. Eine ausgearbeitete, autochtone supervisorische Beratungsform ist uns für den deutschsprachigen Raum nicht bekannt (es gibt allenfalls hier und dort Ansätze dazu [Schreyögg 1991], am prägnantesten wohl im amerikanischen Raum [Holloway 1995] und in den Niederlanden [Siegers,Haan 1988; van Kessel 1988, 1996], den Coachingbereich nicht in Betracht ziehend). Supervisionsformen sind hierzulande in der Mehrzahl an therapeutische Richtungen und an die aus diesen abgeleiteten Beratungsmethodologien (z.B. Rahm 1995; von Schlippe, Schweitzer 1996) gebunden. Die deutschprachige Supervision hat darüberhinaus, und das macht die geforderte Abgrenzungsposition u. E. fatal und geradezu unseriös, keinerlei Verbindung zur wissenschaftlichen Beratungspsychologie und Beratungsforschung (Counseling Psychology, vgl. Brown, Lent 1992; Dietrich 1983, 1987;Gelso, Fretz 1992; Nelson-Jones 1995;Shertzer, Stone 1980; Whitley, Fretz 1980, Woolfe, Dryden 1996). Dabei hätte sie eine solche Verbindung zur Entwicklung konsistenter, forschungsgestützter Supervison dringend nötig; denn wo Supervision Beratungsform ist (wir meinen, sie ist mehr als das) bzw. Beratungsmethodologien verwendet, ist die Beratungspsychologie und -forschung für sie die relevante Referenzwissenschaft, zumal durchaus auch historische Verbindungen bestehen (Whiteley 1980, 1984) und in Grundkonzepten keine wesentlichen Unterschiede vorhanden sind. Beispielhaft sei ein modernes Konzept von Beratung aufgeführt:

    "Beratung ist ...

    - professionelle Verständigung

    - zwischen (mindestens) zwei Personen,

    - von denen (wenigstens) eine - die "Ratsuchende" - ein Problem hat,

    - das mit Hilfe der Beratung gelöst werden soll,

    - und (mind.) eine andere - "beratende" - Person den expliziten Auftrag hat,

    - zur Problemlösung in kommunikativer Weise beizutragen;

    - d.h. durch strukturierte Gesprächsführung dafür sorgt, daß die Beteiligten

    1. einander ihr inneres Erleben (authentisch) zum Ausdruck bringen,

    2. (akzeptable) Beziehungsregeln miteinander aushandeln,

    3. sich gegenseitig über empirische Sachverhalte (wahr) informieren und

    4. (effiziente) Maßnahmen gemeinsam planen" (Redlich 1997, 159).

    Faßt man unter "empirische Sachverhalte" auch organisationale bzw. institutionelle Zusammenhänge, was naheliegt, und stellt man das banale Faktum in Rechnung, daß Handeln nur in Rollen erfolgen kann und die Beratungsanlässe auch den professionellen Bereich umfassen, so sind die Verschiedenheiten zur supervisorischen Beratung minim. In keiner der neueren Veröffentlichungen der deutschsprachigen Supervisionsszene (Pühl 1990, 1994, 1999; Luif 1997; Berker, Buer 1998; Schreyögg 1991) indes finden wir irgendeinen der relevanten Autoren aus der Beratungspsychologie (z.B. die voranstehend aufgeführten) oder eine der wesentlichen Forschungsarbeiten aus der Counseling Psychology zitiert, noch findet sich irgendein Anschluß an moderne psychologische oder sozialwissenschaftliche Beratungstheorien und -modelle des englischsprachigen, aber auch deutschsprachigen Raumes, weder an die "Entwicklungsberatung" (Brandtstädter, Gräser 1985), noch an das "Community Counseling" (Hershenson et al. 1996), an die "Netzwerkberatung" (Hass, Petzold 1999), "Ressourcenberatung" (Petzold 1997p; Nestmann 1997b), an die "psychosoziale Beratung" (Beck et al. 1991; Rahm 1995; Schrödter 1997) oder an die aktuellen Diskussionen im Beratungssektor (z.B. Nestmann 1997a, Chur 1997, Vogt 1997, Scheller, Greve 1999).

    Es ist aber nicht nur der hegemoniale berufspolitische Territorialanspruch der Supervisorenverbände, der solche "Hermetik durch Abgrenzung" produziert, es liegt offenbar auch eine "Hermetik durch Uninformiertheit" vor, die man bei Untersuchung der beanspruchten theoretischen "Fundiertheit" findet. Exemplarisch sei auf die so beliebte Verwendung systemtheoretischer Referenztheorien in weiten Kreisen der Supervisionsszene verwiesen, wie sie Ebert (1999) untersucht hat, und die eine erschreckende Unbedarftheit und konzeptuelle Unschärfe bzw. Beliebigkeit (vgl. Kersting, Neumann-Wirsing 1996; Brandau 1991) enthüllt. Kleibel-Arbeithuber (1997) z.B. situiert Bertalanffy ins Jahr 1772 (!) und erläutert dann in einem bunten Coctail von Allgemeinplätzen und Versatzstücken von Watzlawick bis Willke, was "systemisch" ist. Die Diskussion um die epistemologischen Probleme des philosophisch "naiven" radikalen Konstruktivismus (zur Kritik vgl. Bischof 1996; Nüse 1995; Schulte 1993; Janich 1996) wird in den Publikationen der "systemischen" Supervisoren nicht zur Kenntnis genommen, und ihre Konsequenzen für die interventive Umsetzung werden noch nicht einmal erahnt. "Eulenspiegels Narreteien" (Neumann-Wiersing, Kersting 1992), fürwahr! Man kann Kleibel-Arbeithuber in ihrer wohl unbeabsichtigten Kritik am lösungsorientierten systemischen Ansatz, den sie vertritt, zustimmen: "Manche Lösung könnte in ihren unbeabsichtigten Nebenwirkungen schlimmer sein als das Problem in seinen Hauptwirkungen" (ibid. 148).

    1.3.1.8 Durch Evaluationsforschung fundiert

    Deshalb braucht es Forschung, Evaluationsforschung zumal, doch diese ist trotz behaupteter "100-jähriger Tradition der Supervision", was die Zahl und die methodische Qualität der meisten Studien anbelangt (Frank 1999; Märtens, Möller 1998), noch recht mager - der maßgebliche Artikel von Batistisch (1997) im repräsentativen Übersichtsband zur Supervision in Österreich (Luif 1997) ist alles andere als erhellend, nämlich weitgehend uninformiert über den Stand der Evaluationsforschung (vgl. hierzu Wottawa, Thierau 1990; Laireiter, Vogel 1998). Batistisch referiert Heiner (1988, dessen Nachfolgepublikationen z.B. 1994, 1996 ihm offenbar entgangen sind) und ähnliches sowie eine einzige supervisionsspezifische Evaluationsstudie (die von Schreyögg 1994). Der Sammelband von Berker und Buer (1998) indes, entstanden aus einem ersten deutschen Forschungssymposion zur Supervision (31.1. - 2.2.97), das in dankenswerter Weise von der DGSv in Münster organisiert wurde, zeigt da schon einige Bewegungen und Entwicklungen, macht aber auch die Anfangssituation deutschsprachiger Supervisionsforschung deutlich und die nicht ausdiskutierte Diversität des Forschungsverständnisses und der Positionen: Supervision sei "selbst eine Forschungsmethode", hebt Weigand (1998, 6) mit Verweis auf Freuds (ja nicht unproblematische) Affirmation eines "Junktims zwischen Heilen und Forschen" hervor, womit qualitative, hermeneutische Ansätze betont werden; aber es wird in diesem Band auch das Bemühen um quantitative Wirkungsforschung deutlich, für die erste Instrumente entwickelt und Untersuchungen durchgeführt werden (Schneider, Müller 1998, Beer 1998, Kühl, Pastäniger-Behnken 1998).

    Obwohl wir selbst und unser Mitabeiterkreis mit Engagement in Forschung (Petzold, Schigl 1996; Schreyögg 1993), Theorie- und Methodenentwicklung (Petzold 1998a; Petzold, Thomas 1997; Schreyögg 1991, 1995) und durch die Gründung einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift (OSC: Organisationsentwicklung, Supervision & Clinical Management) bemüht waren und sind, zur fachlichen Entwicklung einer sozialwissenschaftlichen Disziplin "Supervision", unserer Disziplin, beizutragen, müssen wir redlicherweise sagen (parrhsiazomai ): legt man Kuhnsche Kriterien an (Kuhn 1970), so befindet sich die Supervision in einer vorwissenschaftlichen Phase (Petzold 1996n, 1998a), oder großzügiger formuliert: Supervision als anwendungsbezogene sozialwissenschaftliche Disziplin, Methodologie oder Interventionsstrategie ist eine junge "Praxeologiein der Entwicklung". Am besten vorangekommen ist Supervision noch als Dienstleistung, eventuell als "Profession", durch die tüchtig vorangetriebene, expansive berufs- und verbandspolitische Arbeit der nationalen Fachverbände, insbesondere der DGSv. Der "Markt", der "Zeitgeist" (Petzold 1989f) und spezifische handlungsleitende Interessen der Lehrsupervisoren und Supervisoren - vornehmlich monetäre, die bewegen was! - machte das möglich. Weigand (1998, 5) als engagierter und erfolgreicher Verbands- und Berufspolitiker bzw. Standespolitiker klagt indes:

    "...Berufspolitik [wird] nicht besonders hoch geschätzt, da das Image des Fachmanns und Spezialisten, der sich wissenschaftlich legitimiert, höher ist als das des Politikers, der gezwungen ist, einen Ausgleich der unterschiedlichsten Interessen zu finden. Hier machen es sich die Fachleute zu einfach; denn man kann nicht losgelöst von berufspolitischen Interessen Fachlichkeit etablieren."

    Natürlich müssen sich Fachwissenschaftler auch mit der Situation von Berufspolitikern befassen, und die Frage des "research for policy making" ist ja in der "community of researchers" nicht unbeachtet. Wir schätzen das Engagement von Wolfgang Weigand und seinen Einsatz für Interessensausgleich in einem sehr heterogenen Feld. Aber solcher Einsatz braucht auch Kritik, und die hier vorgetragene Position sehen wir nun doch als eine steile These. Sollte sie ein Allgemeinplatz sein, wundert es dann auch nicht, daß im Feld der Supervision und in den "aktuellen Aufgaben" der DGSv (idem 1999c, 4) die inhaltliche Arbeit, Theorientwicklung und Forschung dem standespolitischen "marketing" der "Profession" und der berufspolitischen Qualitätssicherung hinterherhinken, obwohl doch "Professionalität" - hier stimmen wir Weigand (1998) vollauf zu - "auf hohem spezialisierten Können und einer nachgewiesenen Qualifikation" beruht (ibid. 5).

    Es geht - das sein nochmals unterstrichen - um die Reihenfolge: erst der Qualitätsnachweis und dann die Qualitätsbehauptungen, dann, so meinen wir, eine differentielle Vermarktung (wir werden z.B., auch wenn der Markt das fordert, keine Supervision in der Rüstungsindustrie machen). Wir vertreten eine solche Position aus supervisorischer Exzentrizität und aus einem supervisionstheoretischen Legitimierungsanspruch, weil in einer wissenschaftlichen Disziplin, wie sie u.a. durch die Hochschulstudiengänge im wachsen ist, und in einer "professionellen Funktion", einer Profession gar, die (Selbst)reflexivität als Markenzeichen beansprucht, nicht alles durch den gerade amtierenden Vorstand eines sich hegemonial gerierenden Fachverbandes (von mehreren) bestimmt werden darf - selbst bei den ärztlichen Fachverbänden ist das so -, ein Fachverband, der seine vornehmliche bzw. vermeintliche Aufgabe darin sieht, die "Profilierung des Beratungsangebots [Supervision, sc.] am Markt" zu betreiben (so Weigand schon1995, 91). Der "Markt" - wir möchten das wiederholen - sollte nicht zur alles determinierenden Größe werden. (Wir haben nichts gegen "Märkte". Sie eröffnen Wahlmöglichkeiten. Diese erfordern aber klare Positionen).

    An die vielbeschworene Selbstreflexivität müssen überdies Fragezeichen gemacht werden, sieht man, wir heben das nochmals hervor, auf die progredierende Infiltration, ja Intrusion, von Begriffen wie "Markt", "Kunden", "Akquisition" usw. in das Feld einer sich einstmals "sozial engagiert" oder "emanzipatorisch" verstehenden Disziplin. Und ein breiter und fundierter Diskurs wird in eben diesem Feld über diesen Sprach-, Werte- und Perspektivenwandel leider nicht erkennbar.

    Es gibt in der Supervision fürwahr noch keine gut gegründete, diskursive, fachliche und wissenschaftliche Tradition. Supervision hat "nicht den Status der Wissenschaft", wie Gotthardt-Lorenz und Schüers (1997, 13) in ihrem maßgeblichen Übersichtsartikel "Das Supervisionsverständnis in der Community der SupervisorInnen" lapidar (und vielleicht voreilig) feststellen. In der Tat ist Supervision durch Praxis attraktiv geworden, wie Weigand (1998) meint, um dann fortzufahren:

    "Dennoch: Die Wissenschaft wird gebraucht, um die Fachlichkeit der Supervision nicht durch marktökonomische, ideologische und politische Interessen verkommen zu lassen", aber sie wird seiner Aussage nach auch gebraucht, um "ideologische ökonomische und politische Positionen zu festigen" (ibid. 7).

    Die der Wissenschaft hier zugewiesene Rolle und Funktion sehen wir nur sehr peripher (wie übrigens im Schaubild des "Professionalisierungskonzeptes" DGSv aktuell 2/1999, 5 - in dem des "Dienstleistungsunternehmens" fehlt sie ganz DGSv aktuell 2/1998, 5f), ja wir halten eine solche Positionierung für recht problematisch, denn Wissenschaft kann eine "professional community" (Petzold 1973, 1998a, 113f) nicht von den Diskursen und Entscheidungen über Fragen des gesellschaftspolitischen Standortes (ibid. 36), der professionellen Ethik und der Legitimierung (ibid. 38ff, 186ff, 1993f) entbinden, von dem, was wir "Legitimationsdiskurs" genannt haben (ibid. 54). Die von Weigand propagierte, in klassische Ziel-Ziel-Konflikte führende Doppelfunktion, die Wissenschaft gewährleisten soll, sollte dringend metareflektiert und im supervisorischen Feld diskutiert werden. Das müßte allerdings vor dem Hintergrund eines hinlänglichen Konsenses darüber geschehen, was Supervision ist, was Supervision w i l l (die Fragen der Metaziele und Ziele und ihrer normativen Legitimation dürfen in der Tat nicht vernachläßigt werden), welche Supervisionsformen wie wirken und wo (feldabhängig) welche normativen Regeln aufzustellen sind. Schließlich ist zu sehen, wie "jeweils bezogen auf eine für den konkreten beruflichen Kontext relevante und vereinbarte Zielstellung - Supervisionen zu legitimieren wären" (Gotthardt-Lorenz, Schüers 1997, 27). Natürlich muß man auch fragen, aus welchem Forschungsverständnis man Wirkungsnachweise als Qualitäts- u n d Schadensnachweise betreiben will. Supervision hat ja keineswegs nur positive Effekte (Steppe 1984, Auckenthaler, Kleiber 1994, Petzold, Rodriguez-Petzold 1997), und "riskante Supervision" oder schädliche gar, ist keineswegs nur über Ausbildungsstandards oder -curricula zu verhindern, besonders wenn diese Probleme und Themen in Supervisionsausbildungen, wie Analysen von Ausschreibungen und Curricula zeigen (Herrenbrück 1997), "kein Thema" sind und "Schadensforschung" (Märtens, Petzold 1999) nicht betrieben wird.

    Für die Bearbeitung all dieser Fragen braucht man Ansätze (plur.) für Metastrukturen der Disziplin - nicht im Sinne eines "geschlossenen Theoriegebäudes", das kann heute nicht mehr das Ziel sein. Solche Fragen müssen vielmehr zum Metakonzept einer differentiellen und transversalen Supervision (Petzold 1998a) führen, zu theoretisch anspruchsvollen Pluralitätskonzeptionen (Engel 1997) und Ko-respondenzpraxen in Supervision und Beratung, die keinesfalls mit einer Beliebigkeit als mißverstandenem "postmodernen" Habitus gleichzusetzen sind: "Nichts ist unmöglich - Super-vision!", selbst bei Toyota ist das nicht zu schaffen. Es ist eine diskursiveKultur von Theorie-Praxis-Forschungs-Zyklen (vgl. das Modell in Petzold 1998a, 119) im supervisorischen Feld erforderlich, um solche Strukturen zu erarbeiten und beständig metakritisch zu elaborieren - Modelle und Ansätze finden sich u.a. bei Buer (1998), Petzold (1998a), Schreyögg (1991), und Foren dafür werden erfreulicherweise sowohl von den großen Supervisionsverbänden als auch von Ausbildungsinstitutionen auf nationaler und neuerlich auf europäischer Ebene bereitgestellt.

     

    1.4 Supervision, "extendierte Transdisziplinarität" und "Parrhesie"

     

    Von den Autoren stehen Petzold und Sieper seit Ende der sechziger Jahre, Ebert als Supervisand, Ausbildungskandidat, Supervisor und Dozent seit fünfzehn Jahren in diesen Entwicklungen. Wir haben deshalb unsere Geschichte mit Supervision, spezifische Informationsstände, Befangenheiten, blinde Flecke vielleicht, ein besonderes Engagement und eine prägnante Position, denn wir befassen uns mit dieser Disziplin und ihrer Praxeologie als praktizierende Supervisoren, Entwickler von Methoden und auch als Forscher und Wissenschaftler (Ebert 1999, Petzold, Sieper 1970, Petzold, Rodriguez-Petzold,Sieper 1997, Petzold, Schigl 1996; Oeltze, Petzold, Ebert, in Vorber.). Uns ist diese Disziplin, Funktion, "Profession" und ihre Entwicklung wichtig. Deshalb setzen wir uns mit ihr und den Phänomenen im Feld auseinander, zuweilen durchaus kritisch (Petzold 1998a), immer wieder auch um metareflexive Exzentrizität (ibid. 157) bemüht, um "Super - vision" also, die wir hier mit den Bedeutungen "Überschau" und kritischer bzw. metakritischer Betrachtung (a controling view) der Bewegungen im psychosozialen Feld (und das ist auch das Feld der Supervision) und seiner Feldentwicklung konnotieren. Eine solche Sicht, mag man sie nun auf eine "Beobachtungzweiter Ordnung" (Luhmann 1992, Tomm 1994) oder wie in unserem transversalen Ansatz auf eine "mehrperspektivische Beobachtung und metahermeneutische Mehrebenenreflexion" (Petzold 1998a, 24ff, 101ff) gründen, verlangt eine supervisorische Haltung und eine supervisorische Kultur, Konzepte die nicht eindimensional umrissen werden können, sondern mehrperspektivisch und inter- bzw. transdisziplinär betrachtet und entwickelt werden müssen und damit auch zu unterschiedlichen Umschreibungen und Bestimmungen von Supervision führen, selbst innerhalb ein und desselben Ansatzes, wie in der Entwicklung der "Integrativen Supervision" und ihrer verschiedenen Definitionen von Supervision (s.u.) ersichtlich ist. Wir haben uns zu diesen Fragen, insbesondere zu einer transversalen und ko-respondierenden (d.h. diskursiven) supervisorischen Kultur (Petzold, Rodriguez-Petzold, Sieper 1996), in der Exzentrizität, Engagement und Transgression (d.h. problemlösende Handlungsorientierung, wo erforderlich, eine "Kultur der Einmischung",vgl. idem 1989i, 1998a) zentral stehen, und zu Fragen des inter- und transdisziplinären Zugangs (ibid 26f, 215f) verschiedentlichgeäußert.

    Im Bereich unserer frühen sozialgerontologischen Arbeiten haben wir das Modell einer "angewandten Gerontologie" bzw. "Interventionsgerontologie" als interdisziplinären, disziplinüberschreitenden Ansatz (approche transdisciplinaire) konzipiert (Petzold 1965), ein Modell, das wir später für die "Integrative Therapie" (idem 1974j, 304) und die "Integrative Supervision" (idem 1974) übernehmen konnten, weil Supervision eine "angewandte Humanwissenschaft" ist (ähnlich wie Psycho-, Soziotherapie) und die menschliche Natur eine transdisziplinäre - biologische, psychologische, soziokulturelle, ökologische - Betrachtung erfordert (idem 1974k, 293, 1988n, 183; Lalive d’Epinay 1997, 43), schließlich weil sie wesentlich auf Referenzwissenschaften - z.B. Psychologie, Soziologie, Neurowissenschaften - rekurrieren muß (was nicht immer ohne Probleme ist, wie etwa die Psychotherapie und Gerontologie zeigen, vgl. Wahl 1997; Schneider 1997, Grawe1998).

    Transdisziplinarität in einer modernen Ausarbeitung (Petzold 1988n, 74, 175; idem et al.1997; Nicolescu 1996; Häfliger 1997, 3; Defila et al. 1997, 15; Morin 1997) kann wie folgt umrissen werden: Sie includiert und übersteigt zugleich

    - Monodisziplinarität, in der die Disziplinen voneinander isoliert ein Problem bearbeiten; überschreitet

    - Multidisziplinarität, in welcher die Disziplinen bzw. ihre Vertreter in einfacher Juxtaposition an einem Thema arbeiten und Ergebnisse austauschen; sie geht auch über

    - Interdisziplinarität hinaus, wo die Disziplinen aus ihrem spezifischen Fundus heraus sich im Bezug auf ein Thema koordinieren (round table model), d.h. ihre Möglichkeiten differentiell einsetzen und miteinander kooperieren (vgl. Abb. 1).

    - Transdisziplinarität indes ermöglicht einen Grad der Ko-respondenz der Beteiligten, eine Dichte der Konnektivierung (Petzold 1998f, 1998a, 131, 176) disziplinspezifischer Erfahrungen, Wissensbestände und Praxen, eine Bereitschaft aufeinander zu hören, eigene Positionen zu hinterfragen oder zurückzustellen und voneinander zu lernen, daß neue, die vorgängigen Eigenheiten der Disziplinen und Positionen der Fachvertreter transgredierende Erkenntnisse und Methodologien emergieren, denn E m e r g e n z wird bei der Vernetzung komplexer Systeme (ibid. 41, 240) durch den Zusammenfluß von Informationen, Kompetenzen und Performanzen, im K o n f l u x kokreativer Zusammenarbeit als "Synergieeffekt" möglich (ibid.132, 267f, 318; Kohn, Küppers 1991);

    - extendierte Transdisziplinarität kann noch eine Intensivierung bringen, wenn in die transdisziplinär ausgerichtete Arbeit weitere Systeme einbezogen werden: die

    - infradisziplinäre Ebene des Klientensystems und die

    - supradisziplinäre Ebene des Auftraggebersystems.

    Durch die infradisziplinäre Einbeziehung der Beobachteten, Untersuchten, Beforschten, Supervidierten (z.B. PatientInnen, KlientInnen, MitarbeiterInnen) werden diese damit coresearcher, coscientists, coactors, wie es Moreno (1940) in seinen frühen, heute noch höchst aktuellen Arbeiten zur Aktionsforschung (Petzold 1980j) vor dem Hintergrund seiner anarchistischen Sozialtheorie (Buer 1999, 190 ff) schon ausführte, eine Konzeption, die wir in der Integrativen Therapie mit dem Konzept "Patienten als Partner" (Petzold, Gröbelbaur, Geschwend 1998) übernommen haben und in der Supervision, insbesondere der live supervision mit dem Konzept "Klienten als Kosupervisoren" praktizieren (Petzold 1974), denn die Klientenperspektive ist eine wesentliche Ressource des Problemverständnisses und müßte - auch im Sinne von emanzipatorischen Zielsetzungen und Empowermentstrategien (Petzold, Orth 1999, 156, 293) - wo immer möglich vom Supervisandensystem (Berater, Therapeuten, Forscher)und Supervisorensystem (Supervisoren, Lehrsupervisoren, Projektleiter) einbezogen werden. Dies gilt auch für die supradisziplinäre Ebene des Auftraggebersystems, d.h. der für die Vergabe von Forschungsvorhaben, Supervisionen, OE-Projekten Verantwortlichen (Politiker, Führungskräfte in Behörden, Verbänden, Unternehmen, Institutionen), da ihre Sicht, ihre Intentionen und Interessen (ihre vielleicht dann zu Tage tretenden "hidden agendas") für das Verstehen und die Bearbeitung des Themas, die Arbeit am Projekt oder Auftrag oftmals wesentlich sind, und sie deshalb, wo möglich, in Diskurse einbezogen werden sollten. Damit stellt sich auch die Aufgabe und ist die Chance gegeben, unterschiedliche "Kulturen" zusammenzubringen und ihre Ressourcen und Potentiale (Petzold 1997p) in inter- und transkulturellen Diskursen zu nutzen (vgl. idem 1998a, 27, 244, 312). La transdisciplinarité "se situe dans le prolongementde l’approche interdisciplinaire, dans le sens de la participation comprise comme travail commune entre scientifiques, des personnes concernées et les usagers", wie es Umweltforscher für ihre komplexe Problematik formuliert haben.Wir sprechen deshalb hier von einer "extendierten Transdisziplinarität", die den fachwissenschaftlichen Diskurs noch überschreitet und alle Ressourcen, Wissensbestände/Kompetenzen, Fertigkeiten/Performanzen, Motivationen/Interessen durch die Einbeziehung aller Beteiligten konnektiviert. Dies ist eine Arbeitsform, wie sie sich in ähnlicher Qualität bei Projekten der "Systemsupervision" (Petzold 1974), der inter- und transkulturellen Bildungsarbeit, in der Organisationsentwicklung und der Feldentwicklung (z.B. des "supervisorischen Feldes", vgl. idem 1998a, 8f, 85) unter dem Prinzip der "Mehrperspektivität" (idem 1994a) realisieren läßt.

    In einer Zeit "reflexiver Modernisierung" (Beck 1986, Beck, Giddens, Lash 1996, Giddens 1995), in einer "transversalen Moderne" (Petzold 1998a,f), zu der sich der postmoderne Diskurs erweitert hat (Welsch 1995; 1995; Bertens 1995; Bauman 1995 a,b,c), haben Projekte und Strategien, die nach dem Prinzip "extendierter Transdisziplinarität" - ggfls. auch in "transkultureller" Ausrichtung - arbeiten, große Chancen, adäquate und innovative Problemlösungen und Entwicklungen voranzubringen. Zeitgemäße Supervision, wie schon vermerkt selbst ein Produkt von Modernisierungsprozessen, kann in Berücksichtigung dieses Hintergrundes als Methodologie "extendierter Transdisziplinarität" eine erhebliche Bedeutung für die differenzierende, konnektivierende und integrierende Bearbeitung von Problemen im sozialen Leben (nicht nur im beruflichen!) erlangen, wobei Probleme differentiell jeweils als Schwierigkeiten, Aufgaben und/oder Chancen verstanden werden können! Eine solche Sicht von Supervision ist in nachstehender Definition umrissen:

    "Integrative Supervision kann als diskursive und reflexive, ‘inter- und transdisziplinäre Methodologie’ (Petzold 1994a, idem et al. 1996) für innovations- und problemorientierte Interventionen in vielfältigen Bereichen betrachtet werden - in der Bildungsarbeit (Supervision ist selbst ein komplexer Bildungsprozeß), in der psychosozialenHilfeleistung, der kulturellen und interkulturellen Projektarbeit, in der Beratung des Managements und der Entwicklung von Organisationen des Profit- und Non-Profitbereichs etc. Sie hat auf dem Boden eines fundamentalen demokratischen Selbstverständnisses [Legitimationsaspekt] und durch systematische, theorie- und methodenplurale Arbeit das Ziel, Kontingenz und Komplexität moderner Lebenswelten mit ihren Problemen, Ressourcen und Potentialen in möglichst breiter Weise wahrnehmbar und erfaßbar zu machen und Wissensbestände und Praxeologien so als Ressourcen zu konnektivieren [Epistemologieaspekt], daß durch Ko-respondenzprozesse der in Problemsituationen Stehenden (Klienten-, Supervisanden-, Supervisoren-, Auftraggebersystem) exzentrische und mehrperspektivische Sicht auf Probleme und Areale des Nicht-Wissens und ihre reflexive/emotive Bewertung und Interpretation möglich werden. So können Entscheidungen darüber gefällt werden, was zu wissen angestrebt werden soll (Ivanier, Lenglet 1996) und welche Aktionen unternommen werden sollen, und es können Problemformulierungen "ohne abschließendes Vokabular" (Rorty 1992, 127f) und kokreative Problemlösungs- und Handlungsstrategien mit "größtmöglicher Flexibilität" gefunden werden nebst den erforderlichen Kompetenzen/Performanzen und effektiven Methoden zur Beeinflussung und zur Transgression von Situationen [Interventionsaspekt] und zur Generierung neuer Erkenntnisse und Praxen.

    Integrative Supervision will Individuen, Gruppen und Organisationen Wege und Chancen zur Stärkung der eigenen Identität und Souveränität, zur Entwicklung einer reflexiven, ko-respondierenden Kultur [Emanzipationsaspekt] und zu einer optimalen Leistungsperformanz eröffnen [Optimierungsaspekt], mit ihnen Möglichkeiten erschließen, durch welche sie in der realen und virtuellen Informationsfülle, in der Vielfalt und Unüberschaubarkeit der fortlaufenden Modernisierungsdynamik hinlänglich sicher navigieren und erfolgreich und nachhaltig prosperieren können unter permanenter empirischer und ideologie- bzw. kulturkritischer Auswertung dieser Prozesse und ihrer Qualität [Evaluationsaspekt] in multidisziplinären und feldübergreifenden Diskursen" (Petzold 1999) Definition I G, S, M

    Mit solchen Positionen ist unser Supervisionsverständnis postmodernen Betrachtungsweisen (Lyotard 1978) durchaus nahe, wenn auch nicht gleichzuordnen. Es hebt die situationsdiagnostische Dimension, den Assessmentaspekt von Supervision hervor, die Bedeutung von kognitiver und emotionaler Bewertung (appraisal, valuation) von "Problemen, Ressourcen und Potentialen" (Petzold 1997p) und die interpretative Bearbeitung der situativen Begebenheiten, den Analyseaspekt von Supervision, der die Grundlagen von Planungen und Handlungsstrategien und gezielten, methodisch optimal vorbereiteten und ausgeführten Maßnahmen, dem Interventionsaspekt von Supervision bietet. Die Resultate des gesamten Prozesses und der erreichten Leistungen und Ergebnisse sowie der kontextuellen Voraussetzungen (Ergebnis-, Produkt-, Kontext-, Prozess-, Strukturqualität, vgl. Petzold 1998a, 448) müssen beständig kritisch (diskursiv, metareflexiv und durch empirische Forschung) ausgewertet werden, womit der Evaluationsaspekt von Supervision unterstrichen wird. Das ist ein komplexes, transdisziplinäres, transversales Modell, für das eine differenzierte und integrative offene Theorie und - was wesentlich ist - eine elaborierte Praxeologie mit einem reichen Inventar an Methoden, Techniken und Medien der Intervention zur Verfügung steht (ibid. , Teil II, S. 223 ff). Es enstpricht damit durchaus der postmodernen Situation bzw. den Erfordernissen akzelerierter Modernisierungsprozesse, für die die Mehrzahl konventioneller Supervisionskonzepte, die oftmals mehr den Status von Praxisberatung haben, nicht bzw. noch nicht ausgelegt sind. Die Pluralisierungsdynamik und die Progredienz, die sich in allen Bereichen der Wissenschaft und des gesellschaftlichen Lebens finden mit den damit verbundenen Strategien des Komplexitätsmanagements, der Informationsdiffusion, Metakonzeptualisierung, Vulgarisation etc. (Granger 1993; Jeanneret 1994; Jaques, Raichvarg 1991; Waldrop 1992), überschreiten sich beständig (Smith, Wechsler 1995; Mingers, Gill 1997). - Welches post kommt nach dem post? - So ist unser Supervisionskonzept und auch Lyotards"postmoderne" Position nicht auf eine historische Lage in einer Chronologie festzulegen (so Gergen 1996), sondern als ein prozessuales Konzept der "Überschreitung" (Petzold, Lemke 1979, Petzold 1991a, 83, vgl. zur TransgressionFoucault 1963) aufzufassen, wie es sich als "herakliteisches" Moment auch bei Foucault, Deleuze, Derrida, Rorty u.a. oder neueren feministischen Autorinnen Haraway, Turkle, Benhabib, Nagl-Docekal findet, insbesondere in der feministischen Epistemologie (Bleier 1986; Harding, Hintikka 1983). Für Bildungsprozesse, und zu diesen ist Supervision zu rechnen, gilt dann:

    "Wenn Ausbildung nicht nur die Reproduktion von Kompetenzen, sondern auch ihren Fortschritt sichern muß, so müßte demzufolge die Übermittlung des Wissens nicht auf jene von Information beschränkt sein, sondern die Lehre aller Verfahren in sich enthalten, die geeignet sind, die Fähigkeit des Verbindens von Feldern zu verbessern, die die traditionelle Organisation der Wissensarten eifersüchtig isoliert" (Lyotard 1994, 153).

    Eine solche Konzeption paßt zu unserem transdisziplinären Supervisionsverständnis, in dem es nicht nur um Wissensinhalte, sondern um Methodologien zur Generierung von Wissen und zur Be- und Verarbeitung von Wissensbeständen und Praxen u.a. durch unseren Ansatz der Konnektivierung geht (Petzold 1974k, 1998a, 1998f), und dieser Ansatz ist nicht "postmodern" im Sinne eines "Topos mit Such- und Verweisungscharakter" (Marotzki 1992, 193), sondern er ist eine Methodologie des Suchens, Konnektivierens, Reformulierens, Veränderns, einem Hypertext ähnlich, wo es die Software ermöglicht, Verknüpfungen zwischen Materialien: Texten, Bildern, Melodien, Videos herzustellen, die Konnektivierungen zu durchlaufen, die von anderen gemacht wurden (Landow 1992; Landow, Delany 1991). Ein solcher konnektivierender Prozess lädt den Anderen ein, "anzudocken", mitzugehen, weiterzuführen in neue Überschreitungen, immer neue Sinnkonstitutionen und Bedeutungsschöpfungen.

    Supervision ist für uns seit jeher eine auf Transgression gerichtete Interventionsdisziplin gewesen, für die wir mit dem Modell der Mehrperspektivität ein Instrument der Beobachtung mit verschiedenen theoretischen Optiken und disziplinpluralen Folien (Petzold 1998a, 29, 135) erarbeitet haben und mit dem Theorie-Praxis-Zyklus ein systematisches Modell permanenter Transgression (idem 1973, 1998a, 122) entwickeln konnten.

    In der interdisziplinären Arbeit, besonders wenn sie auf "extendierte Transdisziplinarität" ausgerichtet ist, wie zum Beispiel bei einem Systemsupervisions- und Organisationsentwicklungsprojekt in einem Therapieverbundsystem (Petzold, Scheiblich, Thomas 1999), wie wir es mit dem von uns im Bereich der Drogenarbeit entwickelten Modell der "Therapiekette" verschiedentlich implementieren konnten, geht es um die Konnektivierung verschiedenster Wissensbestände: epidemiologisches, psychopathologisches, pharmakologisches, psychophysiologisches, internistisches Wissen, in der Regel repräsentiert durch Mediziner. Es geht um Psychodiagnostik, Entwicklungs-, Persönlichkeits-, Krankheitsmodelle, vertreten durch Psychologen, und weiterhin um soziale Situationen, Kostenfragen, Rechtsprobleme, Soziotherapie, Wiedereingliederung, wo Sozialarbeiter die Experten sind. "Ehemalige" arbeiten mit, Angehörige werden einbezogen, die Abhängigen haben eine zentrale Position im Therapie- und Rehabilitationsprozess. Ohne Modelle, die nach dem Prinzip "extendierter Transdisziplinarität" konzipiert sind und vorgehen (Petzold 1980c), kann ein solches Verbundsystem nicht optimal arbeiten. Seine supervisorische Betreuung erfordert Systemsupervision (idem 1974), der es gelingt, die verschiedenen professionellen und weltlichen Wissensbestände (Janich 1992,1996; Stich 1996;Thiersch 1986, 1992) zukonnektivieren, die als "social worlds", d.h. von Personengruppen geteilte "kollektive Kognitionen und Emotionen" betrachtet werden müssen (Strauss 1978; Hass, Petzold 1999, idem 1992a, 877ff), als "représentations sociales" (Moscovici 1984), kollektive Regelwerke sozialer Systeme. Supervisionspraktisch bedeutet das, daß SupervisorInnen zwischen unterschiedlichen "Kulturen" vermitteln müssen, unterschiedliche Wertsetzungen, Usancen, Sprachregelungen als solche bewußt zu machen haben. Sie müssen ein K l i m a schaffen, in der die "Andersheit des Anderen" (Lévinas 1983; Petzold 1996j) Wertschätzung erfährt und als Ressource begriffen wird, in dem Vorurteile (Mitscherlich 1965, Petzold, Sieper 1970) angesprochen und überwunden werden. Sie müssen A t m o s p h ä r e n der Freiheit, Offenheit, Kokreativität (Iljine, Petzold, Sieper 1990; Petzold, Orth 1997) ermöglichen, wo durch freimütige, wahre Rede (parrhsia ) - und die kann und muß zuweilen auch strittig sein (in fairer Weise versteht sich) - Probleme ko-respondierend angegangen, Aufgaben ko-operierend gelöst, Innovationen ko-kreativ realisiert werden. Supervision hat eine "diskursive Kultur" (Habermas 1971, 1981), eine "Kultur" der "direkten Kommunikation", der "freimütigen Ko-respondenz und Kooperation" (Petzold 1978c, 1991e) aufzubauen, in der "Begegnung und Auseinander-setzung", dazu führt, daß man sich im Konsens oder im "respektvollen Dissens", wieder zusammen-setzen kann. Die "direkte Kommunikation", die wir schon früh (Petzold 1973f) in der Familientherapie, Netzwerktherapie, Gremienarbeit und Supervision praktiziert haben, führt nicht in flache Übereinstimmung, die das Weiterdenken, weitere Auseinandersetzung verhindert, den parrhesiastischen Diskurs versanden läßt, weil bei wesentlichen Problemen immer die Fragen der Abwendung von Schaden, der Gewährleistung eines "guten Lebens" (Steinfath 1998??), der Freiheit und der Gerechtigkeit im Raum stehen und der Konsens, daß es eine Fülle dissenter Problematiken gibt. Diese bieten - so kann man das auch sehen -, die Grundlagen, Lösungen zu suchen, zu finden und anzugehen, die nicht eindimensional ausfallen und in vorschnelle Harmonisierungen führen müssen - ohnehin eine Gefahr supervisorischer Praxis.

    Dissens, Heteromorphien, Paralogien, d.h. die Affirmation von Verschiedenheiten und Pluralität (Lyotard 1994, 191), einer nicht einholbaren "différance" (Derrida 1972) sind wesentlich, weil sie den Diskurs in Gang halten, weil sie die Realität unterschiedlicher Wirklichkeitswahrnehmungen, Wirklichkeitsinterpretationen und "Wahrheitsspiele" (Foucault 1998) akzeptieren. Sie wissen darum, daß an den Grenzen unterschiedlicher Diskurs- und Handlungsräume, den "Angrenzungen" von Heterotopien, ihrem Aufeinanderstoßen "Blitze des Werdens"(ibid. 26, 143) aufflammen (Petzold, Orth, Sieper 1999). Dieses Wissen muß sowohl in die Praxis supervisorischer, psychotherapeutischer, soziotherapeutischer und agogischer Arbeit durchtragen als auch sich in den Formen der Ausbildung von SupervisorInnen und TherapeutiInnen wiederfinden und feststellen lassen (vgl. für den Bereich "Selbsterfahrung" die Evaluationsstudie von Petzold, Steffan 1999b).

    Von einem Supervisionsverständnis, das eine solche Praxis des sorgsamen Umgangs mit Dissens, der Wertschätzung von Alterität (Lévinas 1983, Petzold 1996j) vertritt, kann man sagen: es ist darum bemüht und dafür entschieden, in der Tradition der parrhesiastischen Freiheitsdiskurse zu stehen, die in der griechischen "Kulturarbeit" (für unseren Kulturkreis) ihren Ausgangspunkt hatten. Eine solche Position hat nichts mit humanistischer Bildungsborniertheit oder nostalgischer Rückschau auf "die alten Griechen" zu tun, sondern mit dem bewußten Anschluß an eine Kulturleistung, die hier ihren Anfang genommen hat, über die Jahrhunderte immer wieder verdunkelt wurde, bedroht war, z.T. zerstört wurde und immer wieder durch das Engagement mutiger Menschen zum Tragen kommen konnte, ihr Fundament und ihre Geltungsbereiche verbreitern und ihre Umsetzungsformen (z.B. Gewaltenteilung, partizipative, "synarchistische" Verwaltung von Macht, vgl. Petzold 1992a, 497ff,1998a, 327ff) verfeinern konnte. Demokratie, wie sie sich in den modernen Verfassungen neuzeitlicher Staaten und internationaler Gremien idealtypisch widerspiegelt, ist natürlich nicht gleichzusetzen mit der Demokratie der antiken Polis. Parrhesie als Moment moderner diskursiver Praxis, als Element der Ko-respondenz (idem 1978c, 1991e), ist nicht gleichzustellen mit den Reden der Parrhesiastes auf der Agora. Beide Begriffe werden von uns als moderne Begriffe gebraucht, für die es bedeutsame, similäre (aber keineswegs homologe) Vorläuferformen gab, und die natürlich über die Zeit hin immer wieder überarbeitet wurden. Demokratie in einem modernen Sinne ist demnach einerseits als Sozialisationsauftrag heutiger Gemeinwesen und ihrer Bürger jetzt zu sehen und andererseits als zu realisierende Praxis, als staatsbürgerlicher Arbeitsauftrag für jeden Einzelnen, für jede Gruppe, für jede Organisation, für Formen gesellschaftlicher Arbeit wie z.B. im Bildungswesen, in der Psychotherapie, in der Supervision - eine permanente Aufgabe. Die freie, freimütige Rede, ist dabei eines der vornehmsten Instrumente der Umsetzung in Form von parrhesiastischer Einmischung und praktischem Engagement (Brühlmann-Jäcklin 1997 in IT 96/97). Die "Integrative Supervision" hat deshalb in einer ihrer zentralen Definitionen sich als "philosophisch fundierte und politisch engagierte Interventionsdisziplin" deklariert und explizit den Demokratiebezug in ihr Zentrum gestellt (Petzold 1998a, 3ff).

    SupervisorInnen haben in Diskursen "extendierter Transdisziplinarität", wie sie zum Alltag ihrer professionellen Funktion, ihrer Arbeit zu "reflektierten Entwicklungen" und "kritischer Nachhaltigkeit" mit unterschiedlichen Organisations-, Institutions-, ja Feldkulturen (ibid. 305-351) gehören, die Aufgabe, Beispiele für parrhesiastische Praxis zu geben, für eine aufrichtige, freimütige, gradlinige Haltung sich selbst und anderen gegenüber, für "persönliche Souveränität" und die "Wertschätzung von Andersartigkeit" in komplexen Situationen. Eine solche Haltung ist in einem Modell, das Prozessualität, permanenten Wandel so nachdrücklich affirmiert wie die "Integrativen Supervision", eine handlungsleitende Maxime für die Praxis, in der nur solche übergeordnete Leitlinien zum Tragen kommen können, die nicht festschreibend und fixierend sind. Sie sind dem herakliteisch-prozessualen Moment verpflichtet, und dennoch richtungsweisend und ermöglichen deshalb, daß in einer diskursiven Ethik (Apel 1980; Petzold 1992, 500ff) normative Eckwerte ko-respondierend legitimiert und kontextualisiert, in "intersubjektiver Hermeneutik" ausgelegt werden können - z.B: Sorge um Integrität von Menschen, Gruppen Lebensräumen, Achtung der Verschiedenheit und Würde des Anderen etc. (vgl. Petzold 19978c, 1991a, 187ff, 1992a, 500ff). Es steigt damit die Chance, daß sie auch gemeinschaftlich umgesetzt werden. Einige der prozessorientierten Merkmale supervisorischer Haltung im Integrativen Ansatz seien noch einmal aufgeführt:

    - Exzentrizität

    - Mehrperspektivität

    - Reflexivität/Metareflexivität

    - Diskursivität/Ko-respondenz

    - Konsens- und Dissensorientierung

    - Inter- undTransdisziplinarität

    - Integrität/ Engagement

    - Parrhesie

    - Handlungs-/Veränderungsorientierung (reflektierend-entwicklungsgerichtet, kritisch-nachhaltig)

    - in Richtung einer ko-respondierenden Bestimmung von

    übereinstimmenden Interessen, Interessengegensätzen, Gerechtigkeit und Eubios.

    Im Folgenden soll auf das Konzept und die Praxis der Parrhesie (parrhsia ) kurz eingegangen werden, weil es im ko-respondierenden Aushandeln von normativen Positionen und in ihrer konkreten Umsetzung eine Schlüsselstellung hat, gleichsam eine Gelenk- bzw. Scharnierfunktion -jointure, charnière, um diese Begrifflichkeiten von Merleau-Ponty (1964, 291) für diesen Zusammenhang aufzunehmen -, durch die theoretisch-konzeptuelle Arbeit und praktische Realisierung verbunden sind. Überdies ist der Begriff "Parrhesie" im Bereich von Therapie, Beratung und Supervision noch nicht sehr verbreitet, obwohl er der Sache nach in manchen Ansätzen schon seit langer Zeit praktiziert wird: In der Themenzentrierten Interaktion von Ruth Cohn (1975) finden sich im Chairmanprinzip Elemente, bei Carl Rogers im Authentizitätsprinzip, in der Integrativen Therapie im Ko-respondenzmodell, im Souveränitätskonzept, in der Praxis "direkter Kommunikation" (Petzold 1973f, 1978c). Aktualität hat das Parrhesiekonzept durch die theoretische und praktische Arbeit von Foucault (1996, 1998) zur Genealogie der "kritischen Tradition" im abendländischen Denken (ibid. 179) gefunden, die für therapeutische, pädagogische und supervisorische Arbeit wichtige Anstöße gibt (Petzold, Orth, Sieper 1999; Coenen 1999).

    Seit Euripides (ca. 484 - 407 v.Chr., vgl. vor allem Ion und Orestes) verstanden die Griechen unter P a r r h e s i e eine Aufrichtigkeit und Klarheit in der Bestimmung der eigenen Position und eine Freimütigkeit der Rede/des Schreibens in der Öffentlichkeit gegenüber anderen, unterschiedlich Denkenden und Argumentierenden (Höherstehenden aber auch Gleichrangigen - Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen würde man heute sagen), ein Wahrsprechen gegenüber denen, die einen anderen Diskurs reden. Die parrhesiastische Haltung, besonders in der Form, wie sie Foucault (1986 a, b, c, 1996, 1998) in seinen späteren Schriften in einem (allerdings diskussionsbedürftigen) Bezug auf antike Quellen (Detel 1998, Vegetti 1986) herausgearbeitet und in diesem Lebensabschnitt gelebt hat (Miller 1997; Eribon 1993), hat zwei der Autoren (Petzold\Sieper) dieses Textes, die Foucault in ihren Pariser Studien- und Arbeitsjahren hören und erleben konnten, beeindruckt - u.a. wegen der Möglichkeiten, hier die Wege zu einer neuen Analytik des Verhältnisses von Macht- und Freiheitsdiskursen zu finden und zu neuen Formen politischer Praxis (vgl. Foucaults Gefängnisprojekte, in denen es darum ging, den Gefangenen Möglichkeiten zu eröffnen, für sich zu sprechen, vgl. Miller 1997). Parrhesie, diese klassische, in Bereichen des griechisch-römischen Kulturraums und bis in die christliche Tradition hinein entwickelte und gepflegte Praxis offener Rede (Schlier 1967; Peterson1929; Miquel 1984), die in der "Sorge um sich selbst" (Foucault 1986) und in der "Verantwortung für das Gemeinwohl" gründet, verlangtwahrhaftige Selbstkonfrontation - "Ich schaue mich an, blicke in den Spiegel" -, und ist zugleich eine Praxis des "Wahrredens" (Foucault 1996; Petzold, Sieper, Orth 1999), der freimütigen Sprache anderen gegenüber - "Ich schaue Dir ins Gesicht und sage die Dinge gerade heraus!" Die Verbreitung dieser Praxis im griechisch-römischen Altertum ist dabei nicht wesentlich, bedeutend auch nicht, daß es wohl überwiegend Eliten waren, die in der Antike parrhesiastisch handelten und handeln konnten, und das durchaus nicht im Sinne eines modernen Demokratieverständnisses, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Sklaven und die Frauen keinen Zugang zur Parrhesie hatten; wichtig ist vielmehr, daß man parrhesiastisches Tun über die gesamte abendländische Kultur- und Geistesgeschichte (und nicht nur in dieser) an vielfältigen Orten findet - in der Regel bei herausragenden Einzelpersonen: Marc Aurels selbstkritische Reflexionen, Hildegard von Bingens streitbare Reden und Briefe, die provokante Lebenspraxis des Poverello von Assisi, Luthers "Hier stehe ich ...!", Galileis Umsturz eines Weltbildes, Schillers revolutionäre Dramen, Reichs antifaschistische Analysen und Aktivitäten (das psychoanalytische Establishment schwieg mutlos und grenzte diesen Parrhesiasten aus, ja verfolgte ihn, vgl. Nagler 1998). Diese heterogene Reihung verweist über die Jahrhunderte hin auf Menschen, die sich in verbalen Aktionen und der Narration ihrer Lebenspraxis freimütig zeigten, die uns beeindrucken durch ihr "wahres Reden" als Ergebnis ihrer Arbeit an sich, ihrer Selbstprüfung, die in Souveränität gründet und Souveränität zugleich begründet und bestärkt, so daß diese persönliche Freimütigkeit und Unabhängigkeit Ausdruck finden und sich durch Engagement im Gemeinwesen zeigen kann (es geht hier nicht um anarchistische Positionen, die zu diskutieren in diesem Zusammenhang durchaus interessant wäre). - Das Aufweisen solcher transhistorischen Möglichkeiten der Parrhesie ist wohl Foucaults zentrales persönliches und politisches Anliegen einer Philosophie, die sich nicht auf eine Kaste von Fachphilosophen eingrenzt, sondern die Diagnosen für ihre Zeit stellt und praktisch wird, Handeln anstößt: in der und für die Lebenspraxis der Philosophin, des Therapeuten, der Supervisorin, des wachen Menschen. Deshalb ließt Foucault die antiken Texte "exemplarisch" mit den Augen eines Menschen der Gegenwart, nicht mit dem Ziel einer altphilologisch und historisch exakten Rekonstruktion, sondern als Argument für das Potential einer Praxis der Freiheit, die sich heute, vorbereitet über Jahrhunderte in immer neuen Anläufen und in höchst divergierenden Kontexten - vielleicht zum ersten mal in der Geschichte - generalisieren läßt, weil immer mehr Menschen die Chance haben, freimütig zu sprechen, nicht aus Naivität, sondern aus einer Möglichkeit der Problematisierung. Diese gründet u.a. in der enormen Steigerung unserer Potentiale zu Exzentrizität und Mehrperspektivität auf einer Breitenebene in den durch demokratische Staatsformen zumindest prinzipiell gesicherten Räumen der freien Rede für alle und nicht zuletzt durch emanzipatorisch angelegte Bildungssyteme und durch die sich mehr und mehr verbreitenden, ja institutionalisierenden Reflexions- und Diskurshilfen (Selbsterfahrung, Therapie, Supervision, Moderation, Coaching, Mediation, Mentoring, Team- und Gremienarbeit etc.). Foucaults (1996, 25) programmatische Frage: "Wer hat das Recht, die Pflicht und den Mut, die Wahrheit zu sagen?" richtet sich analle, an alle, die diese Frage beantworten können, weil sie ihre vielfältigen persönlichen Wahrheiten und die pluriformen gesellschaftlichen Wirklichkeiten wahrnehmen und mit einer transversalen Qualität (Welsch 1996; Petzold 1998a) reflektieren und metareflektieren können, mehrperspektivisch, in hinlänglicher Exzentrizität: und das sind viele Menschen.

    Die Arbeiten zur Diskurs- und Machtanalytik Foucaults, unseres Erachtens zentral für ein modernes Verständnis von Supervision und Psychotherapie, müssen bei allen kritischen Ausfaltungen der gegenwärtigen Diskussionen um seine Diskurs- und Machtkonzeption (z.B. Detel 1998; Gutting 1994; Hoeneth 1986, 1994; Rouse 1994; Schäfer 1995; Taylor 1986, 1992) an dieser Stelle "eines Ortes und einer Praxis von FREIHEIT" ansetzen: bei der Prozeßanalyse "lokaler Kräfteverhältnisse" (Foucault 1983, 114), die immer "lokal instabil" sind, sich ständig verschieben und deshalb die freimütige Rede verlangen als das Aussprechen einer (nicht der) Wahrheit, welche "Wahrheitsspiele" offenlegt, eine Analytik der Macht ermöglicht. Diese Praxis eröffnet Freiräume der Selbstgestaltung, gemeinsamer Aktion, ja der Gestaltung der lokalen Kräfteverhältnisse, durchaus mit Eingriffen in gesellschaftliche Räume. Die angerissenen Themen supervisions- und therapiespezifisch in Theorie-Praxis-Verschränkung zu vertiefen, muß an anderer Stelle erfolgen. Soviel sei festgehalten:

    Parrhsia verlangt "Begegnung und Auseinandersetzung in der Ko-respondenz" (idem 1991e) auf der Grundlage der Wahrnehmung und Analyse von Kontexten im Kontinuum mit den vorfindlichen Machtdiskursen/-strukturen. Als souverän Sprechender und Handelnder redet dabei der moderne wie der antike Parrhesiast den Leuten nicht "nach dem Mund", paßt sich nicht einfach und unhinterfragt ein in die Mehrheiten, die Konventionen, das Opportune, die Manuskriptrichtlinien, die Standards (der DGSv, der Richtlinienpsychotherapie usw.), sondern problematisiert die Realitäten (plur.) aus kritischem Bewußtsein, um, wo erforderlich, besonnen und engagiert abweichend oder sich einmischend zu handeln, denn:

    "Wahre Rede (parrhsia ) ist das Kennzeichen der Freiheit, sie birgt ein Risiko, über das die Wahl des rechten Zeitpunkts bestimmt", (Demokrit, Fragmente 226, Diels 1951, Bd. II, 190).

    "Parrhesia ist daher [damals wie heute, sc.] mit Mut angesichts einer Gefahr verbunden. Sie erfordert den Mut, trotz einer gewissen Gefahr die Wahrheit zu sprechen" (Foucault 1996,15), Unbequemes aus- oder anzusprechen, Kritik zu üben. Sie kann deshalb nicht nur die Sache eines Einzelnen sein. Sie wurde als "demokratische parrhesia" (ibid. 17) über einige Zeiten hin geübte Praxis der Athener Demokratie, in der die öffentliche Rede auf der agora zentral stand (Radin 1927). Parrhesie wurde hier vorübergehend zu einer persönlich gelebten und politisch praktizierten Ethik und zu einer Kultur (zum Kulturbegriff vgl. Petzold 1998a, 40f, 313ff), in der der Einzelne seine "persönliche Souveränität" - ein Kernbegriff der Integrativen Supervision (Petzold, Orth 1998) - praktizieren, üben und gewinnen konnte. Der parrhesiastische Mensch kann von unserem kulturellen und zeitgeschichtlichen Hintergrund her als ein Idealbild gesehen werden, das wir ersehnen und dessen wir dann in irgendeiner Weise wohl auch bedürfen, aber es ist sorgfältig auf dem Hintergrund dieses Ideals zu sehen, denn es kann bei ihm auch die Gefahr der Reproduktion oder Fortschreibung des individualisierenden Diskurses der Romantik (Berlin 1998) vorliegen, im Geiste eines Heroen- und\oder Künstlertums, das jeden Gemeinsinn der Verwirklichung des eigenen Genies nachordnet. Wir können deshalb über derartige frühe Formen der Selbsttechniken (Foucault 1998) zur Ausbildung von Souveränität und eines Engagements für das Gemeinwohl nicht unbefangen lesen, sondern müssen uns in metahermeneutischer Reflexion (Petzold 1994a) vergewissern, mit welcher "Brille" wir lesen (idem 1989d; Schreyögg 1994), welche Diskurse als verborgene Traditionslinien unsere Lektüre bestimmen, welche Bedeutungen wir den Protagonisten in antiken Texten zuweisen und woher unsere Interpretationsfolien stammen. Foucault hat keine explizite Dekonstruktion (sensu Derrida) seiner Lektüre vorgenommen und auch keine Diskursanalyse (sensu Foucault), aber er läßt keinen Zweifel daran, daß er die antiken Texte aus dem Gesamtkontext seines späten Arbeitsprogrammes analysiert (idem 1996, 175ff). Deshalb muß man seine Lektüre nicht zurechtrücken - Detel (1998) hätte hier noch zurückhaltender sein können. Foucault (1996)las aus dem Bewußtsein seiner Zeit und mit der Optik seines Interesses, sammelte Materialien, Illustrationen, Metaphern für sein Arbeitsprogramm, in dem er "eine Analyse einer spezifischen Problematisierung als die Geschichte einer Antwort" vornimmt (ibid. 180), die er wiederum seiner Narration einfügt. Wir können Begriffe, die Foucault aufgreift, wie z.B. parrhsia oder euJumia , als Metaphern in seiner Geschichte, Folien in seiner Hermeneutik verwenden - und diese müssen dann stets für den Gebrauch in unseren Kontexten noch "gereinigt" und für den Rahmen unserer Hermeneutik "zugepaßt" werden. Der "autourgos" (autourgoV ) etwa, den Foucault erwähnt (ibid. 70), der freie Hofherr, der "sein Feld bestellt" (Euripides, Orestes Z. 920; Xenophon, Oikonomikos, c.V), kann in einem modernen, politischen Diskurs zu einer Metapher für das Subjekt werden, das seine Techniken des Selbstgewinns, seine Wahrheitsspiele (Foucault 1998) so durchschaut, anlegt und einsetzt, daß er seinen eigenen Souveränitätsraum nicht durch Demarkationen und harte Abgrenzungen aufbaut, sondern so, daß Andere angrenzen können (Petzold, Orth 1998) und eine Solidargemeinschaft entsteht. Er kann dann diesen Souveränitätsraum auch wahren und verteidigen, allerdings nicht mehr als einsamer Kämpe oder auf dem Schlachtfeld gemeinsam mit den anderen Erz- und Waffentragenden Bürgern, sondern in der politischen Arbeit mit Gleichgesinnten, mit denen er sich durch seine Parrhesie, durch freie, besonnene u n d kämpferische Rede und Aktionen, für sich selbst Sorge tragend u n d für das Gemeinwohl engagiert, einsetzt (Xenophon. c. XXI, Foucault 1996, 71f). Foucault hat das mit seinem Kreis, seinen Netzwerken, in seinen Psychiatrie- und Gefängnisprojekten, seinem Einsatz für die vietnamesischen Boatpeople usw., aber auch durch die Form seines Lehrens in seinen letzten Lebensjahren praktiziert in diskursiven, persönliche Erkenntnis, persönliches Wachstum anstoßenden und engagiertes Handeln für sich selbst und für Menschen herausfordernden Gesprächsgruppen (Miller 1995) - auf eine moderne Weise, ein moderner parrhesiastischer Philosoph in antiker Tradition. Man hat diese Seite Foucaults - kritisch gegenüber all den falschen Humanismen, Humanitätsgerede parrhesiastisch denunzierend und dabei zutiefst human in seinem Engagement - noch zu wenig beachtet und gewürdigt. Die antike Praxis wird damit über ihren historischen Gehalt hinaustransformiert. Sie wird zu einem prototypischen Narrativ stilisiert, zu einer Folie für engagiertes Handeln (Petzold 1991e, 48ff), das der Legitimierung einer modernen Praxis des Engagements (idem 1989i)dienen soll.

    Eine solche Praxis ist unser Anliegen. In anderer Form als Foucault und doch in ähnlicher Absicht, durchaus auch auf Randgruppen zentriert und doch in die Breite wirkend, haben wir eine engagierte Praxisfür Menschen in der konkreten psychotherapeutischen, soziotherapeutischen, supervisorischen, agogischen Arbeit und Selbsthilfe (Petzold, Schobert 1991) umgesetzt: mit Suchtkranken, Alten, Migranten, Folteropfern, mit Kindern in dissozialen Milieus, drogenabhängigen Jugendlichen, beschädigten Menschen - und wir versuchen solche Praxis zu lehren: als Lehrende der Therapie und der Supervision, als engagierte Weiterbildner in einem von uns 1972 gegründeten (Petzold,Sieper 1993) Institut, heute eine große private, aber staatlich anerkannten Weiterbildungsakademie, mit vielen klinisch-therapeutischen und gesundheitsagogischen Weiterbildungsprogrammen, die bewußt in all ihren Curricula das "soziale Engagement" als Richtziel verankert hat (Petzold, Sieper 1976; Petzold Orth, Sieper 1999b) und mit "transkulturellem Engagement"in vielen europäischen Ländern tätig ist - auch in Krisengebieten und mit Krisenopfern (idem1985d, 1986d, Josic, Petzold 1995). Wir versuchen seit bald dreißig Jahren gemeinsam mit unseren Mitarbeitern, Ausgebildeten, Ausbildungskandidaten, und mit "Klienten als Partnern" (Petzold, Gröbelbauer, Geschwend 1998), unsere Ausbildungsphilosophie der "Ko-respondenz" zu realisieren (Sieper 1985; Petzold, Orth, Sieper 1995,1999), unseren Stil des Lehrens und Lernens, der Therapie und Supervision, der Weiterbildung und Projektarbeit durch lebendigeErfahrungen des eigenen Selbst in der Begegnung mit dem Anderen, im Aushandeln von Grenzen und Freiräumen, in der engagierten Kooperation mit Anderen zu verwirklichen (Sieper, Petzold 1993; Petzold, Steffan 1999b).

    Es gibt viel Wege und Möglichkeiten der Umsetzung eines modernen Parrhesiekonzeptes, denn durch parrhesiastische Praxis kann ein Mensch Überblick und Kontrolle über seinen Souveränitätsraum gewinnen, als Person Souveränität ausbilden (Integrität, Mut, Offenheit, Selbstsicherheit, Selbstvertrauen, Gemeinsinn, Engagement usw.). Er wird ein Steuermann seiner selbst - wieder kommt ein antiker Prototyp als Folie für unsere Situation ins Spiel -, um auf dem Meer der Weltkomplexität navigieren (Müller, Petzold 1999) zu können (vgl. Foucaults Seneca-Kapitel 1996, 158ff, 168). Der Parrhesiast entwickelt gleichsam einen "inneren Supervisor" (Petzold 1973), der sich und sein Handeln aus "exzentrischer Position" (ibid. 2) betrachtet, prüft, reflektiert, problematisiert, bewertet(Seneca spricht in de ira; 338ffvom "speculator sui"), um dann entsprechend zu handeln, selbst wenn er sich dabei verändern muß und selbst auf die Gefahr hin, sich der Kritik auszusetzen und Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.

    Das erfordert natürlich auch eine gesellschaftliche Kultur der Kritik und Problematisierung, wie sie sich erst allmählich und nach schweren Auseiandersetzungen in der Entwicklung demokratischer Gemeinwesen herausgebildet hat und immer noch und immer wieder erkämpft werden muß. Foucault (1996) hat mit guten Gründen die "Genealogie der kritischen Haltung in der westlichen Philosophie" (ibid. 178) - und man kann sagen in der westlichen Kultur -, die Genealogie einer Praxis der Problematisierung, in der Analyse des Parrhesiebegriffes fokussiert, bei dem es nicht um ein "die Wahrheit sagen" als moralische Verpflichtung zur Ehrlichkeit geht, sondern um eine Kultivierung seiner selbst, seiner Beziehung zur Wahrheit, seines Tuns im Gemeinwesens. Und hier lassen sich die antiken Folien durchaus in unsere Gegenwart, für unser Handeln transponieren, da Parrhesie "einen sittlichen Rahmen für öffentliche Tätigkeit" (ibid. 158) eröffnet, denn "die Wahrheit des Selbst enthält einerseits eine Reihe von vernüntigen Grundsätzen über die Welt, menschliches Leben, Notwendigkeit [ ... ] und andererseits praktische Verhaltensregeln" (ibid. 174). Damit wird das "Wahrsprechen als eine spezifische Tätigkeit oder Rolle angesehen" (ibid. 176), eine Tätigkeit für sich selbst, für ein Gegenüber, für soziale Gruppen mit dem Ziel auch Andere zur einer parrhesiastischen Praxis anzuregen und damit eine "Kultur der Parrhesie", der realitätsbezogenen Wahrheit und der offenen, kritischen, selbstkritischen, problembewußten und problemlösenden Gestaltung des Lebens zu entwickeln. "Eine Problematisierung ist immer etwas Schöpferisches" (ibid.180), sie fragt "wie und warum bestimmte Dinge (Verhalten, Erscheinungen, Prozesse) zum Problem wurden", ist damit auch "eine ‘Antwort’ auf eine konkrete Situation, die durchaus real ist" (ibid. 178, 179) und bietet damit Möglichkeiten, Probleme (d.h. einerseits Schwierigkeiten, andererseits Herausforderungen und Chancen) anzugehen und zu lösen. Foucault, wenn er Texte der Antike liest, betreibt keine Rekonstruktion einer "repräsentativen" Kultur der "alten Griechen". Romantizistischer Humanismus lag ihm fern. Er suchte Spuren, Strömungen, Fragmente parrhesiastischer Kultur als reflexiven Bezug für zu schaffende kulturelle, subkulturelle Räume der Gegenwart, mit sozialen Gruppen, die bereit sind, sich zu engagieren, sich konfrontieren zu lassen, sich selbst kritisch zu hinterfragen, in ihrer Praxis offenzulegen und einzugestehen, wo noch nicht alles zum Besten steht, oder daß noch vieles brüchig ist, daß die eigenen Ansprüche und Geltungsbehauptungen noch nicht eingelöst werden können, wo noch viel getan werden muß und eben keineswegs alles Gold ist (Fraser 1996), was so glänzend dargestellt wird (vgl. 1.2), wo auch die eigene Praxis immer wieder kritisch befragt werden muß (Petzold, Orth 1999) mit einem "Mut zur Bescheidenheit" (idem 1994b) und der Bereitschaft, viel Arbeit und Engagement zu investieren - denn das alles ist nicht einfach.

    Eine parrhesiastische Kultur setzt sich mit solchen Themen, Fragen und Problemen aktiv auseinander und ist unserer Auffassung nach ein sehr gutes Modell für eine emanzipatorische Kultur der Weiterbildung für eine supervisorische Kultur der Einmischung (für eine therapeutische zumal, Petzold, Sieper, Orth 1999), für die Haltung eines einzelnen Beraters, Weiterbildners, Supervisors, Therapeuten und für die Grundausrichtung ihrer "professionalcommunities" (Petzold 1999e; Coenen 1999). Einer solchen parrhesiastischen Kultur fühlen wir uns verpflichtet im Blick auf unsere Disziplinen, die Supervision, die Psychotherapie, Soziotherapie, Bildungs- und Kulturarbeit, mit dem Blick auf die Entwicklung des supervisorischen Feldes, mit Blick auf unsere Praxis in unseren vielfältigen Praxisbereichen und schließlich mit Blick auf diesen Text.


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