Psychotherapie, Psychologische Beratung, Coaching

Psychotherapie, Psychologische, Beratung, Bern, Paartherapie, Ehetherapie, Paarberatung, Depression, Angst, Panik, Burnout, Phobie, Probleme, Beziehung

Markus Frauchiger - Falkenweg 8 - CH-3012 Bern
Telefon 031 302 00 30 oder 079 745 47 39 - e-mail: markus.frauchiger@bluewin.ch




Gruppenprozeßanalyse - ein heuristisches Modell für Integrative Arbeit in und mit Gruppen

Ilse Orth, Hilarion Petzold, Düsseldorf

Web-Bearbeitung: Markus Frauchiger, lic.phil. Fachpsychologe für Psychotherapie FSP, CH-3012 Bern

Tschuschke - GruppenpsychotherapieVolker Tschuschke et al (2001) - Praxis der Gruppenpsychotherapie
Endlich ein richtiges Lehrbuch (nebst Yalom s.o.) für Praxis und Uni
Klaus Antons - GruppendynamikKlaus Antons - Praxis der Gruppendynamik
Klaus Antons "Gruppendynamik" in neuster Auflage: Uebungen und Techniken
Antons et al. - Gruppenprozesse verstehenKlaus Antons et al. (2004) - Gruppenprozesse verstehen
Endlich ein neues Buch von Klaus "Gruppendynamik" Antons !
Rahm - Integrative Gruppentherapie mit KindernDorothea Rahm (2004) - Integrative Gruppentherapie mit Kindern
Integrative Therapie nach Petzold mit Kindern
Bamberger - Lösungsorientierte BeratungGünter G. Bamberger - Lösungsorientierte Beratung
Modelle, Konzepte und Ansätze in der lösungsorientierten Beratung
Petzold, Schay, Ebert - Integrative SuchttherapieHilarion G. Petzold, Peter Schay, Wolfgang Ebert (2004, Erstauflage !) - Integrative Suchttherapie
Das brandneue Grundlagenwerk zur Drogentherapie


IT - Bookshop und diverse Artikel
zur Literatur "Integrative Therapie"


Es ist ein Charakteristikum des Integrativen Ansatzes, daß er neben der Einzeltherapie auch mit verschiedenen Formen der Gruppentherapie arbeitet und dabei "prozeßorientiert" ausgerichtet ist.
TherapeutInnen und GruppenteilnehmerInnen arbeiten "aus dem Prozeß", Uebungen werden "im Prozeß" eingesetzt und entwickelt (Petzold, Berger 1986), im Unterschied zur Perlsschen Gestalttherapie, die eine "Einzeltherapie in einem Gruppensetting" war (Perls 1969) und mit Gruppenspielen und Uebungen (Chorus-Technik, making the rounds etc.) die Gruppe einbezog (Perls, Levitzky 1970).
Der Gestaltansatz der Arbeit mit Gruppen wurde allmählich interaktionaler (Polster, Polster 1975; Feder, Ronall 1989), ohne daß eine ausgearbeitete Gruppentheorie vorgelegt werden konnte. In jüngster Zeit wurde dann von Wheeler (1993) unter Rückgriff auf Lewin und die NTL-Gruppendynamik ein Versuch zu einer gestalttherapeutischen Gruppentheorie erarbeitet, der allerdings nicht für Prozesse in klinischen oder spezifisch therapeutischen Gruppen ausgelegt ist und eher eine schmale (und z.T. mißverstandene) Rezeption des Lewinschen Ansatzes darstellt. Dennoch muß dieses Buch als ein guter Schritt in eine richtige Richtung gesehen werden.

In der Integrativen Therapie wurde dem Phänomen "Gruppe" von Anfang an große Bedeutung beigemessen. Die Erfahrungen von Petzold und Sieper mit der Morenoschen Triade "Soziometrie, Gruppentherapie und Psychodrama" (Petzold, Sieper 1970), ihre Ausbildung in gruppenanalytischen Ansätzen und gruppendynamischen Verfahren (Tavistock-Modell, NTL-Gruppendynamik) sowohl im Kontext Erwachsenenbildung (Petzold 1971l, 1973c) als auch im therapeutischen Rahmen, führte schon in den Anfängen der Integrativen Therapie dazu, daß "prozeßorientiert" in Therapie und Ausbildung gearbeitet wurde mit den Stilen "gruppenzentriert, gruppenorientiert, personenzentriert, themenzentriert" (Petzold 1970c, 1973a).
In dieser Schwerpunktsetzung auf die Gruppe wurde seinerzeit ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal der "Integrativen Therapie" gegenüber der klassischen Gestalttherapie gesehen (Petzold 1974k). Die Praxis der Ausbildung am FPI war deshalb stets auf das Berücksichtigen gruppendynamischer Prozesse orientiert gewesen. Das wird im Seminar "Gruppenprozeßanalyse" im Rahmen der Ausbildung unterstrichen.
Dennoch wurde erst relativ spät die im praktischen Vollzug und in den "Köpfen" des engeren Kreises der Begründer (Heinl, Petzold, Sieper u.a.) vorhandene Gruppentheorie bzw. Gruppenprozeßtheorie in schriftlicher Form vorgestellt (Petzold, Berger 1978a; Petzold, Schneewind 1986; Frühmann 1986).
Das hatte zur Folge, daß sich unterschiedliche Traditionen entwickelten. Viele der Lehrtherapeuten hatten eine "gruppendynamische Vergangenheit" - was auch immer darunter zu verstehen war. Die ö sterreiclüsche Gruppendynamik, die am Modell von R. Schindler ausgerichtet war, hatte eine andere Richtung als die deutsche Gruppendynamik, die in loser Anbindung an das NTL-Modell durch Alf Däumling und seinen Kreis verbreitet wurde.
Was Gruppendynamik denn eigentlich in theoretischer und methodischer Hinsicht sei, darüber bestand wenig Einigkeit, und so ist es bis heute geblieben. Insofern ist ein Versuch, zu einer übersichtlichen Darstellung zu kommen, wie er von Rechtien (1995) unternommen wurde, sehr zu begrüßen.
Eine einheitliche Theorie konnte allerdings auch hier nicht vorgelegt werden. Bis heute ist die Situation, wie sie der Sammelband "Modelle der Gruppe" (Petzold, Frühmann 1986) aufzeigt, die gleiche geblieben: Es findet sich eine große Heterogenität theoretisch wenig konsistenter und ideologieträchtiger (Pontalis 1986) Modelle, wie die Uebersicht von Fengler (1986) deutlich macht.

Eine große Schwierigkeit für die gruppendynamische Betrachtung und Arbeit in therapeutischen Zusammenhängen liegt darin, daß gruppendynamische Modelle in der Regel nicht in klinischen Kontexten bei der Arbeit mit Patienten entwickelt wurden. Will man gruppenpsychotherapeutische Prozesse verstehen, wird man durch "gruppendynamische Uebungen" und Spiele wenig Gewinn haben.
Gruppenprozeßanalyse, Seminare für therapeutische Zusammenhänge müssen deshalb von therapeutischen Modellen, Fragestellungen und Praktiken ausgehen. Gruppen zu teilen, um dann über Gruppenfindungsprozesse zu einer Kohäsion zu kommen, lange initiale Schweigephasen, um die Selbstorganisationskräfte von Gruppen zu fördern etc. etc., sind für den Umgang mit Patientenpopulationen wenig hilfreich.
Renate Frühmann (1987) hat in ihrer Dissertation durch halbstrukturierte Interviews die Gruppenkonzepte von Gestalttherapie-Ausbildern untersucht. Die angetroffene Heterogenität der Konzepte war damals erstaunlich und - aus ausbildungsdidaktischer Sicht - vielleicht auch ein wenig besorgniserregend, denn das Ziel einer Ausbildung soll u.a. ja sein, einen kohärenten "body of knowledge" zu vermitteln. Dieser Vermittlungsprozeß erfolgt allerdings auf zwei Ebenen, der der Vermittlung von Kompetenz (Kenntnisse, Wissen, Theorien) und der Ebene der erfahrenen Performanz (Fertigkeiten, Können, Skills), dem Vollzug von Gruppenprozessen, der interventiven Gestaltung des Gruppengeschehens.

Kompetenz und Performanz (Petzold 1994a) sollten möglichst im Zusammenspiel weitergegeben werden, etwa dergestalt, daß Handlungsabläufe im "processing" mit einer Theorie expliziert werden, die das Geschehen in angemessener Weise zu erhellen vermag. Die Theorie, die dazu verwandt wird, muß überdies mit den Konzepten des Gesamtansatzes (hier der Integrativen Therapie) kompatibel sein. Die von Petzold und Schneewind vorgelegte "Szenentheorie der Gruppe" und das entwicklungsorientierte Prozeßmodell von Petzold, Berger (1986) sind mit der entwicklungsorientierten Ausrichtung der Integrativen Therapie, ihren klinischen Prozeßmodellen und ihrem Ansatz des "szenischen Verstehens" und "atmosphärischen Erfassens" (idem 1992a) gut kompatibel.
Dennoch wäre zu wünschen, daß im Bereich der integrativen Therapie dem Thema "Gruppe" und "Gruppenprozeßanalyse" noch weitere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Vielzahl von Gruppenmodellen (Fengler 1986) muß im Hinblick auf ihre klinische und therapeutische Brauchbarkeit durchgesehen werden, und eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Analyse von Gruppenprozessen ist erforderlich. Es geht ja hier keineswegs nur darum, daß Therapeuten besser verstehen, was in der Gruppe "abgelaufen" ist, sondern es ist wesentlich, daß Ausbildungskandidaten, aber auch Patienten wahrnehmen, erfassen, verstehen und sich erklären können (Petzold 1988a), was in der Gruppe vor sich geht.


Die phänomenal beobachtbaren Gruppenprozesse und ihr struktureller Untergrund, die bewußten Gruppenereignisse und die unbewußten sind für die Entwicklung gelingender sozialer Interaktion (Petzold et al. 1994a) und für Prozesse der persönlichen Gesundung (idem 1991i) sehr wesentlich. Wir vertreten daher dezidiert, daß Gruppenprozeßanalysen in jeder Form psychologischer Gruppenarbeit - auch in der Arbeit mit Patientengruppen - stattfinden müssen und daß auf ein solches "processing" großer Wert zu legen ist.

Natürlich ist eine Prozeßanalyse theoriegeleitet. Metatheoretische Annahmen (Koexistenzaxiom, Intersubjektivitätstheorie, vgl. Petzold 1991e) gehen in die Betrachtung ein, und realexplikative Theorien, etwa aus dem Bereich der Sozialpsychologie (Kompetenztheorien, Attributionstheorien, Kontrolltheorien, Interaktionstheorien, Kommunikationstheorien etc., vgl. Stroebe et al. 1992), oder klinische Theorien gilt es zu beachten (Uebertragung, Gegenübertragung, Widerstand, Abwehr, unbewußte Phantasien etc.).
Um also Prozeßanalysen zu machen, braucht es "Referenztheorien" und ein bestimmtes Raster, mit dem man auf dem Hintergrund theoretischer Vorannahmen Gruppenprozesse beachtet. Dies kann in unterschiedlicher Komplexität erfolgen und notwendig werden. Vor allen Dingen muß man sich klar sein, welches Verständnis von "Gruppe" man zugrunde legt.

Im integrativen Ansatz differenzieren wir "Agglomerationen", "Masse" und "Gruppe" (Petzold, Schneewind 1986a,131f). Zwei Gruppendefinitionen sind maßgeblich:
"Gruppe ist eine Anzahl von Menschen, die von sich selbst und von anderen als Gesamt und als unterschiedliche Individuen in einergegebenenSituation wahrgenommen werden können, durch gemeinsame Geschichte, Ziele und Interessen verbunden sind und sich durch spezifische Normen, Regeln und Interaktionsmuster organisieren; die Gruppe ist durch Verbundenheit und Unterschiedenheit zugleich (distinction and mutedness) gekennzeichnet« (ibid. 132).

Es ist ersichtlich: In dieser Definition sind verschiedene Theorielinien und sozialpsychologische Untersuchungsergebnisse zusammengeführt. In Zupassung auf sozialtherapeutische und supervisorische Fragestellungen wurde eine weitere Definition vorgeschlagen:
"Eine Gruppe von Menschen ist ein relativ zeitkonstantes (1) Interaktionssystem (2), mit einem spezifischen Status- und Rollengefüge (3), einem verbindenden Wertesystem (4) und Zielhorizont (5) sowie gemeinsamen Ressourcen (6), wodurch ein eigenes Gruppengefühl und Gruppenbewußtsein (7) möglich wird, aufgrund dessen im Verein mit Identitätsattributionen aus dem sozialen Umfeld (8) eine Gruppenidentität (9) aufgebaut werden kann.« (Petzold 1991l, 1327). Diese recht komplexe Definition bietet also neun Faktoren, die unter einem mehrperspektivischen Blickwinkel betrachtet werden müssen, wenn man einen Gruppenprozeß verstehen will. Für den klinischen Kontext, der hier unter sozialpsychologischer Perspektive angeschaut wird, kann man und muß man die Definition dann noch wie folgt ergänzen:
... sofern nicht diese Prozesse durch Gruppenkonflikte (10), die Reinszenierung individueller Pathologie (11) und durch Akkumulation solcher Einflüsse zu Phänomenen gruppaler Pathologie (12) gestört wird.«. Nimmt man nun diese 12 Punkte etwas näher in den Blick, so zeigt sich, daß zwischen ihnen sich weitere, z.T. sehr komplexe Fragestellungen verbergen, die bei Gruppenprozeßanalysen berücksichtigt werden müssen.
Derartige Analysen können einen eingegrenzten Ausschnitt einer einzelnen Sitzung, eine Gesamtsitzung, eine Sitzungssequenz oder sogar den Gesamtverlauf einer Gruppentherapie durch eine rückblickende Auswertung in der Schlußphase einer solchen Gruppe in den Blick nehmen.
Je weiter der Zeitrahmen gespannt ist, desto zeitaufwändiger und schwieriger wird eine Gruppenprozeßanalyse und desto spekulativer wird sie auch. Wichtig wird es sein, theoretische Mehrperspektivität zu erhalten (Petzold 1974k, 1994a), sich z.B. nicht nur auf die psychoanalytische Perspektive unbewußter Prozesse zu zentrieren oder nicht einseitig sozialökologische oder sozialpsychologische Phänomene zu akzentuieren. Wichtig wird es sein, immer auch die entstehende Komplexität zu reduzieren, Themen auf ihre Ideologieträchtigkeiten und ihre Voraussetzung zu untersuchen. In Ausbildungsgruppen werden deshalb "metahermeneutische Triplexreflexionen" (ibid.) unverzichtbar:
Die Beobachtung der Situation (I), die Beobachtung des Beobachtens (II) und die Befragung dieser beiden Schritte auf ihre impliziten Voraussetzungen (III), damit die versteckten "Metaerzählungen" (Lyotard 1982), d.h. die ideologischen Orientierungen (die gestaltische, humanistische, jungsche, Kernbergsche, Wilbersche etc. etc.) deutlich wird. Nur so können die "anonymen Diskurse" (Foucault 1974), makrogesellschaftliche unbewußte Dynamiken, die sich in Psychogruppen inszenieren, wie z.B. die "Tyrannei der Intimität" (Sennet 1987), erfaßt und gegebenenfalls aufgedeckt werden (Petzold 1994a).

Das Modell der Mehrperspektinität (ibid.), das mit variablen theoretischen Optiken arbeitet, verweist auf die Notwendigkeit, immer wieder verschiedene "Brillen" aufzusetzen: für unterschiedliche Vergangenheitsbereiche und unterschiedliche Wirklichkeitsareale (Petzold 1989d; Schreyögg 1994). Es hat für das "processing" eine zentrale Stellung.
Ueber die Praxis der Gruppenprozeßanalyse oder das processing kleinerer Prozeßsequenzen (etwa mit der Technik der Mikroanalyse) gäbe es viel zu sagen und viel zu schreiben. Wir wollen in diesem kleinen Beitrag nur auf die Wichtigkeit der Thematik und die Notwendigkeit vertiefender Arbeiten hinweisen. Wir wollen weiterhin nachstehend ein heuristisches Raster mitteilen, das wir für Gruppenprozeßanalysen entwickelt haben. Dieses Raster ist theoriegeleitet. Es knüpft an den theoretischen "body of knowledge" der Integrativen Therapie (Petzold 1988n, 1991a, 1992a, 1993a) an und bezieht sich auf wesentliche Referenztheorien des Integrativen Ansatzes. Die Fragestellungen sind also nur sinnvoll und damit auch sinnvoll einsetzbar, wenn dieser Theoriehintergrund und die auf ihm aufruhende Praxis mitvollzogen werden kann. Weiterhin wird es notwendig sein, die Fülle der Fragen zu selektieren und auf die jeweilige Situation zuzupassen, damit die Komplexität fruchtbar bleibt und nicht ausufert, sondern in strukturierte Erkenntnisschritte mündet.
Eins sollte im Blick bleiben: Gruppentherapeutische Prozesse sind Ko-respondenzprozesse. Die methodischen Fragestellungen des Ko-respondenzmodells (Petzold 1991e) müssen also auch für die Gruppenarbeit aufgeworfen werden.
Gruppenprozesse sind weiterhin Prozesse, die in einer gesellschaftlichen Realität stehen. Diskursanalytische Fragen im Sinne Foucaults müssen deshalb gleichfalls gestellt werden, denn ohne eine solche "Metaperspektive" kommt es zu klinischen wie sozialpsychologischen Verkürzungen. Gruppen sind stets ein "Mikrokosmos" (Slater 1970). Sie spiegeln soziale Makrodynamiken wider und reproduzieren zuweilen gesellschaftliche Entfremdungsphünomene. Hierfür sensibel zu sein, hierfür Bewußtheit und Exzentrizität zu entwickeln ist der wichtigste Hintergrund jeder Gruppenprozeßanalyse.


Gruppenprozeßanalyse - Ziele, Perspektiven und Fragen

Gruppenprozeßanalyse geschieht natürlich vor dem Hintergrund globaler Zielsetzung, die man "psychologischer Gruppenarbeit" (Petzold 1971i) und psychotherapeutischer Gruppenarbeit bzw. Gruppenpsychotherapie zugrunde legt. Derartige Zielsetzungen variieren mit den Zielgruppen, mit dem Setting und den Möglichkeiten des Gruppenleiters bzw. der Gruppentherapeutin, und auch die "Intensität" der Zielvorgaben kann variieren.
Ziele haben durchaus eine qualitative Dimension, etwa im Hinblick auf die Nachdrücklichkeit, mit der sie verfolgt werden. Stehen im therapeutischen Kontext kurative Ziele im Vordergrund, so sind es in Lerngruppen - etwa im Rahmen der Erwachsenenbildung - edukative Ziele, dennoch sind auch in agogischen Zusammenhängen von Gruppenarbeit gesundheitsfördernde Ziele impliziert, wenngleich sie auch nur schwach ausgeprägt aufscheinen (z.B. durch Förderung von sozialer Kommunikation und Interaktion oder Bekräftigung von Identitätserleben und Selbstwertgefühl), ja, es finden sich sogar heilende Einflüsse - Konfliktlösungund Lebenshilfe sind traditionelle Ziele der Erwachsenenbildung (Petzold, Sieper 1970; Petzold 1973c).
In therapeutischen Gruppen wiederum sind edukative Zielsetzungen, wie die Förderung von Lernprozessen und Interessen, von Kreativität und kommunikativer Kompetenz impliziert (vgl. die 14 therapiewirksamen Faktoren, Petzold 1994g).
In Selbsterfahrungsgruppen oder Gruppen im Rahmen von psychotherapeutischen Ausbildungen oszillieren oder alternieren edukative und therapeutische Zielsetzung. Zuweilen laufen sie parallel, wobei in der Gleichzeitigkeit durchaus unterschiedliche Intensitäten vorhanden sein können, etwa im Sinne eines momentan dominanten Ziels und weiterer, nachgeordneter Zielsetzungen.

In Gruppenprozeßanalysen wird deshalb die Reflexion von Zielwirkungen wichtig, weil es auch eine teleologische Bestimmtheit des Gruppengeschehens gibt. Die entworfenen Ziele "ziehen" Aktionen nach sich, und derartige zielbestimmte Attraktoren - wir sprechen auch von Teleomotivationen (Petzold et al. 1994a) - können eine mächtige, mit Kausalmotivationen (z.B. lebensbestimmende Geschehnisse der Vergangenheit) und Aktualmotivationen (Einflüsse aus der gegenwärtigen Situation) durchaus vergleichbare Wirkung haben, was die Bewältigung von Aufgaben anbelangt (ibid.), aber auch, was die Möglichkeiten der Blockierung anbetrifft, wenn es widersprüchliche Zielsetzungen gibt, die Prozesse einbremsen oder gar Konfliktpotentiale aufbauen. Bei Konflikten stehen die Möglichkeiten der Destruktivität proportional zu denen konstruktiver, kreativer Entfaltungsspielräume, und es kommt auf die richtige "Polung" der Potentiale an (Petzold 1973a).

Gruppengeschehen ist vom situativen Aufforderungscharakter, den gegebenen Handlungsmöglichkeiten des Kontextes (social and physical affordances) nachhaltig bestimmt (Gibson 1979, 1979,1988; Petzold et al. 1994a). Deshalb ist die Beeinflussung von Kontexten wesentlich (idem 1995a).
Bei Gruppen im edukativen Kontext wird häufig das Moment des exchange learning/exchange helping (Petzold et a1. 1979), die social affordances zur Kooperation und damit das heilende Moment gelingender Gruppenarbeit unterschätzt. Bei Gruppen im therapeutischen Kontext werden die kurativen Möglichkeiten und Ziele oft zu Lasten der gesundheitsfördernden, persönlichkeitsentwickelnden und edukativen überbewertet. Bei psychotherapeutischen Ausbildungsgruppen müssen beide Dimensionen ausgewogen zum Tragen kommen. Gruppen, in denen gelingende Prozesse der Kooperation sich realisieren, haben insgesamt ein gesundheitsförderndes, identitätsstiftendes und selbstwertbekräftigendes Potential, das sich gleichsam "natürlich" aktualisiert - die Wirksamkeit von Selbsthilfegruppen (Möller 1986; Petzold, Schobert 1991) gründet zu einem Teil in diesem Phänomen "unspezifischer" Wirkfaktoren (Gunzelmann et al. 1987, Frauchiger 1997a). Setzt man aber bei der Entwicklung von Gruppenprozessen bewußt entsprechende Akzente, so kann man von gezielten, "spezifischen" Wirkungen ausgehen und muß nicht nur auf unspezifische Wirkfaktoren vertrauen.

Gruppen in der Prozeßanalyse für die Wirkung zum Zielen zu sensibilisieren, das Herausarbeiten von offenen und verdeckten Zielen (hidden agendas), die Förderung einer bewußten Festlegung von Zielen und auch die Evaluation des "goal attainments" ist eine wichtige Aufgabe prozeßanalytischer Arbeit. Dabei ist erforderlich, daß Therapeuten ihre Ziele der Gruppe gegenüber transparent machen. Voraussetzung hierfür ist, daß sie sich ihrer Ziele bewußt sind. Beispielhaft seien einige wesentliche Zieldimensionen der Arbeit in therapeutischen und selbsterfahrungsorientierten Gruppen genannt:

  • Kurative Zielsetzungen (curing): Erste Aufgabe jeder Therapie ist es, zur Gesundung der Patienten beizutragen, d.h. zur Beseitigung von Symptomen und Leidenszuständen (Pritz, Petzold 1992).
  • Bewältigung (coping): Nicht alle Symptome können beseitigt werden. Leidenszustände können manchmal nur gelindert werden (palliatives Moment), oder es können Hilfen geboten werden, mit Leiden umzugehen, oder Daseinstechniken gefunden werden, Problerne zu bewältigen (Lazarus, Launier 1978; Thomae 1988).
  • Stützung (support): Social Support research zeigt, Patienten erhalten durch soziale Unterstützung wesentliche Hilfen und Möglichkeiten der Gesundung und Lebensbewältigung (Röhrle 1994).
  • Kompetenz- und Performanzverbesserung (enlargement of competence and performance): Eine Verbreiterung des persönlichen Kompetenzrahmens und Handlungsspektrums muß Aufgabe jeder Therapie werden, wenn es nicht zu "Drehtüreffekten" kommen soll. Der Patient soll seine Lebenssituation nicht nur "mit Mühen bewältigen", er sollte auch in die Lage versetzt werden, einen breiteren Stand, einen gesicherteren Boden, Situationskontrolle, Selbstwirksamkeit (Flammer 1990) zu gewinnen.
  • Förderung von Potentialen und kreativen Gestaltungsmöglichkeiten (enrichment): Eine Verbesserung der Lebensqualität im Sinne der vorgenannten Zielsetzungen kann durch den Enrichment-Aspekt noch vertieft werden. Die Möglichkeit der persönlichen Selbstverwirklichung in der Gemeinschaft mit anderen, die in einer Gruppe gegeben ist, muß als ein wesentliches präventives, ja, gesundheitsförderndes Moment betrachtet werden (Zinker 1983).
  • Förderung von Autonomie und Selbstbestimmtheit (empowerment): In jeder therapeutischen Gruppe ist es wesentlich, die Mündigkeit der Teilnehmer, ihre Autonomie und Selbstbestimmtheit zu unterstützen.
    Einer solchen Zielsetzung, die von Anfang an die Gruppenarbeit bestimmen muß, steht regressiver Arbeit, wie sie für die Bearbeitung bestimmter biographischer Probleme oder für Aufgaben des "Nachnährens" erforderlich ist, nicht entgegen (Kasl 1991).


  • Beide Ziele -"progredierendes empowerment" und "regredierendes reparenting" - lassen sich bei richtiger methodischer Handhabung des Gruppengeschehens durchaus verbinden, ohne daß es zu wechselseitigen Hemmungen kommen muß. Wenn eine Gruppe von Anfang an vermittelt bekommt, daß sie als g a n z e Wächterin über die Integrität eines jeden einzelnen und des Gruppenklimas insgesamt ist, daß es keineswegs darum geht, die Deutungs- und Handlungsmacht (Pohlen 1995) gänzlich an den Therapeuten zu delegieren, sondern vielmehr darum, mit "vereinten Kräften" unter Bündelung aller Kompetenzen und Performanzen (Joint competence and performance, vgl. Petzold et al. 1994b) an der Realisierung von Zielen als "Joint venture" zu arbeiten. So wird die Zieldimension des "empowerment" verwirklicht. In psychotherapeutischen Ausbildungsgruppen bedeutet dies, daß Lehrtherapeuten Ausbildungskandidaten ermutigen, Kritik zu äußern, ihre Wünsche zu artikulieren, eigene Sichtweisen und Meinungen offen auszusprechen.
    Solche Verhaltensweisen müssen dann auch aufgenommen und wertgeschätzt werden, selbst wenn es manchmal unbequem ist. Auf einem solchen Hintergrund wächst "joint responsibility", und damit wird die Möglichkeit von Grenzverletzungen eingeschränkt, und das weitaus wirksamer als durch Reglementierungen, die die Kontrollmacht (Flammer 1990) alleinig auf die Therapeuten bündeln, was zu einer "Parentifizierung" der Patienten, Klienten, Ausbildungskandidaten führt, die diese z.T. noch durch unbewußte Strategien der Selbstentmündigung und Selbstdepotenzierung unterschreiten (z.B. durch die unhinterfragte Annahme der psychoanalytischen Grundregel, vorbehaltlos dem Therapeuten alles mitzuteilen und keine lebensbestimmende Entscheidung zu treffen, ohne diese zuvor in der Analyse besprochen zu haben; oder die folgsame Uebernahme gestalttherapeutischer Regeln, immer in Gegenwartsbezügen, per "ich" und nicht per "man" zu sprechen etc., vgl. Perls, Lemitzky 1980).
    Nach unseren Erfahrungen führt das Konzept des "empowerment" (Kasl 1991; v. Mayer 1994; Theunissen, Plaute 1995) und seine Umsetzung in Gruppen keineswegs dazu, daß ein Klima der Situationskontrolle entsteht, welches ein Sich-Einlassen beeinträchtigt oder verhindert. Das Gegenteil ist der Fall. Wird bei den Gruppenprozeßanalysen diesen Dimensionen regelmäßig Aufmerksamkeit geschenkt, kann man davon ausgehen, daß die persönlichen und gruppalen Entwicklungsprozesse einen fruchtbaren und positiven Verlauf nehmen.

    Die nachstehenden 14 Perspektiven bzw. Fragenkomplexe (römische Zahlen) sollte ein Gruppentherapeut "im Kopf" haben. Für die Detailfragen kann er diese Zusammenstellung benutzen. Prozeßanalysen sollten immer gemeinsam mit der Gruppe nach dem Prinzip der "Joint competence" (Petzold et al. 1994b) durchgeführt werden, die damit zu einer "Kompetenzgruppe" wird und in ihrem Kompetenzerleben und an "mastery motivation" (Harter 1978) wächst. Wichtig ist es, erlebnisaktivierendes und reflexives Vorgehen zu verbinden, über Imagination und szenische bzw. atmosphärische Evokationen vergangene Gruppensituationen gegenwärtigzusetzen, um mit "lebensvollem Material" zu arbeiten.

    I. Perspektive Gruppenstabilität, Gruppenidentität und Kohäsion:

    1. Wie tragfähig und supportiv ist die Gruppe als "social network"?

    2. Wie dicht ist die Gruppenkohäsion und wie groß die Bereitschaft zu Engagement und Solidarität?

    3. Was sind destabilisierende Einflüsse:
    a) von innen (Störungen durch Einzelpersonen, Subgruppen, Belastungen durch Themen etc.),
    b) durch Einflüsse von außen (Räumlichkeiten, Institutions- und Feldeinflüsse)?

    4. Welche Einflüsse kommen aus Veränderungen der Gruppenformation (Anwesenheiten, Neuzugänge und Verbindungen)?

    5. Was sind die externalen Identitätsattributionen an die Gruppe?

    6. Wie ist es um die Selbstattributionen der Gruppe und damit um die Gruppenidentität bestellt:
    a) Wir-Gefühl, b) Identifikation mit der Methode, c) Identifikation mit den Aufgaben und mit dem Ablauf der Arbeitsprozesse? Gibt es externale Stigmatisierungen oder Selbstigmatisierungstendenzen?

    II. Perspektive Kontinuität:

    1. Wo befindet sich die Gruppe in ihrem zeitlichen Gesamtrahmen?

    2. In welcher übergcYrrdneten Kontinuität stehen die atmosphärischen und thematischen Entwicklungen?

    3. Handelt es sich um Kontinuiläten der Gesamtgruppe, von Subgruppen, Dyaden oder Einzelpersonen?

    4. Wie schließen sie an vorausgehende Klimata oder Themen an?

    5. Wo nehmen sie antizipierbareThemen und Klimata auf (z.B. Trennungen, Abschiede, Urlaubsperioden)?

    6. Wie geschichtsbewußl, zielorientiert, d.it. zukunftsorientiert und hier-und-jetzt-gerichtet ist die Gruppe?

    7. Handelt es sich um Kontinuitäten "im guten" oder "im bösen"? um Fortschreibungen von konstruktiven oder destruktiven Strebungen?

    III. Perspektive Diskursivität, kommunikative Kompetenz und Performanz:

    1. Wie ko-respondierend ist der Diskursstil der Gruppe?

    2. Wie effektiv ist das Herstellen von Konsens und das Feststellen von Dissens in gruppalen Ko-respondenzprozessen?

    3. Wie wird mit Dissens umgegangen?

    4. Wie ist die metareflexive und interpretative Kompetenz der Gruppe, und wie wird sie genutzt?

    5. Wie hat sich die kommunikative Kompetenz und Performanz der Gruppe entwickelt?

    6. Wie gestaltet die Gruppe ihre Lernprozesse und nutzt ihre Kompetenzen und Ressourcen?

    7. Wie gelingt es der Gruppe, Selbstwirksamkeit, Kompetenz, enlargement, empowerment und mastery motimtion zu fördern?

    IV. Perspektive Thema/Themenentwicklung:

    1. Gab es ein dominantes Thema oder mehrere?

    2. Gab es konkurrierende Themen oder divergierende?

    3. Wie war die Themenentwicklung?

    4. Welche inhaltlichen Bezüge lassen sich feststellen:
    a) auf der Ebene offensichtlicher (bewußter) Verbindungen,
    b) auf der Ebene verdeckter (unbewußter) Verbindungen, wie sie durch Deutungen des Therapeuten, Deutungen aus der Gruppe oder durch dieses processing zugänglich wurden?

    5. Welche Diskurse (Foucault) artikulieren sich in den Theorien, welche Therapie- und Gruppenideologien?

    6. Wie kooperativ ist die Gruppe untereinander und zu den Therapeuten hin?

    V. Perspektive Gruppenklima, Gruppenbewußtsein, Exzentrizität:

    1. Wie war das Gruppenklima insgesamt aus der Rückschau?

    2. Welche klimatischen/atmosphärischen Entwicklungen/Veränderungen hat es im Gruppenverlauf gegeben?

    3. Was waren dominante Atmosphären und Stimmungen?

    4. Welches Gruppengefühl hat sich wann entwickelt?

    5. Welches Maß an Exzentrizität ist dem einzelnen Teilnehmer und dem Gesamt der Teilnehmer gegenüber der Gruppe möglich?

    VI. Perspektive Social World, Werte und Normen:

    1. Welche Wert- und Nonnensysteme finden sich als "geteilte Perspektive" auf die Wirklichkeit der Gruppe?

    2. Was sind dominante Normen, und wie zeigen sie sich?

    3. Wieviel Exzentrizität ist gegenüber den Gruppennormen möglich?

    4. Gibt es divergente oder in Konflikt stehende "social worlds" in der Gruppe?

    5. Wie hoch ist die Synchronisation der individuellen oder subgruppalen "social worlds" in der Gruppe, und welchen Einfloß hat dies auf den Gruppenprozeß?

    VII. Perspektive Rolle, Position, Rollenkonflikt:

    1. Welche Rollen finden sich in der Gruppe, und wie wirken sie in das Gruppengeschehen:

    b) Gruppenrollen/Mitgliedsrollen, c) Berufsrollen, d) Geschlechterrollen?

    2. Welche Rollenkonfigurationen (role/corresponding role) finden sich und kommen zur Wirkung?

    3. Welche Rollenkonflikte sind für einzelne Teilnehmer (intra- und interrole conflicts), zwischen den Teilnehmern und für die Therapeuten zum Tragen gekommen?

    4. Welche Positionen kommen in der Gruppe zum tragen?

    5. Gibt es Statushierarchien bzw. -gefälle, und welchen Einfluß hat dies auf das Gruppengeschehen?

    6. Wie werden Rolle und Status/Position der Therapeutinnen wahrgenommen, bewertet, und wie wirken sie im Gruppenprozeß?

    7. Wie wird mit den Themen Macht, Kontrolle und Konkurrenz umgegangen?

    8. Wie wirkten Geschlechterverhältnis, Altersstreuung und soziale Schichten in der Gruppe auf den Prozeß?

    VIII. Perspektive Kontext, social affordances:
    1. Wie haben Einflüsse aus dem sozio&ozml;kologischen Kontext gewirkt:
    a) Räumlichkeiten und ihre Ausstattung (physical affordances),
    b) andere Personen, Gruppen, Organisationen etc. (social affordances)?

    2. Welche Einflüsse aus dem kulturellen Kontext kommen für die Gruppe zum Tragen?

    3. Welche Muster zur Ermöglichung sozialer Interaktion (socinl affordances) waren dominant, und mit welchen Handlungsmustern (effectivities) wurde reagiert?

    4. Wie konnten Wahrnehmungsmöglichkeiten und Handlungsspielräume erweitert bzw. verändert werden?

    IX. Perspektive und Uebertragungsdynamiken, empathische Resonanz und Beziehungsrealität:

    1. Welche Uebertragungen bzw. Uebertragungslinien und -qualitäten finden sich in der Gruppe:
    a) zur Lehrtherapeutin,
    b) zum Ko-Therapeuten,
    c) zum Therapeutenpaar,
    d) zur Gruppe als Ganzes,
    e) zur Institution,
    f) zwischen den Therapeuten?

    2. Welche Gegenübertragungssituation liegt von Seiten der Lehrtherapeuten vor:
    a) zur Gruppe als Ganzes,
    b) zu Subgruppen,
    c) zu Einzelpersonen,
    d) zur Institution?
    3. Welche lateralen Übertragungen finden sich, und welche Qualität haben sie?

    4. Welche prädominanten Übertragungen finden sich auf die Gruppe als ganze (z.B. große Mutter, ordnende Vaterinstanz, normierende, kontrollierende Größe):
    a) von seiten einzelner,
    b) von Subgruppen?

    5. Welche Modalitäten der Bezogenheit herrschen vor: Konfluenz, Kontakt, Begegnung, Beziehung, Bindung, Abhängigkeit?

    6. Wie ist das Maß an wechselseitiger, empathischer Resonanz zwischen den Teilnehmern?

    7. Verschiedene psychopathologische Phänomene:
    1. In welcher Form kommen individuelle und subgruppale psychopathologische Einflüsse für die Gruppe und ihren Prozeß zum Tragen (depressive Stimmungen, Angstatmosphären etc.)?
    2. Welche Widerstands- und Abwehrphänomene auf der individuellen und gruppalen Ebene finden sich gehäuft (Verdrängung, Projektion, Spaltung etc.)?
    3. Wie reagieren einzelne, Subgruppen oder die Gruppe insgesamt auf Deutungen (Interpretationen und Klarifikationen) oder Angebote an Methoden, Techniken und Medien von Seiten der TherapeutInnen?
    4. In welchem Regressionsmilieu befindet sich die Gruppe, und wo bestehen individuelle und gruppale Fixierungen?
    5. Welche Themen dominieren oder werden verhindert (Sexualität, Aggression, Konkurrenz, Macht, Schuld, Tod, Religiosität etc.)?
    6. Wie pathologiezentriert oder wie gesundheitszentriert sind einzelne Gruppenmitglieder und die Gruppe als Ganzes?
    7. Welche familiären oder andere lebensgeschichtlichen Muster inszenieren sich gehäuft in der Gruppe?
    8. Welche Phänomene "multipler Entfremdung" kamen in der Gruppe zum Tragen:
    a) Entfremdung von der Leiblichkeit,
    b) vom Mitmenschen,
    c) von der Arbeit,
    d) von der Zeit,
    e) von der Lebenswelt?

    XI. Perspektive Probleme, Ressourcen, Potential, Ziele:

    1. Was sind die Ressourcen der Gruppe, und wie werden sie genutzt?

    2. Welche Potentiale finden sich bei einzelnen und in der Gesamtgruppe, und wie werden sie genutzt?

    3. Wie geht die Gruppe mit Risikofaktoren um, und wie nutzt sie proteklive Faktoren?

    4. Was sind dominante Probleme in der Gruppe, und wie bestimmen sie Gruppenthema und Kohäsion?

    5. Wie ist das Problemlösungsverhalten, und was sind die dominanten Coping-Strategien der Gruppe?

    6. Welche Ziele (langfristige, mittelfristige, kurzfristige; Global-, Grob- und Feinziele) wurden von der Gruppe erarbeitet?

    7. Wie werden sie angegangen, umgesetzt und realisiert?

    8. Welchen gesellschaftlichen Interessen sind diese Ziele verpflichtet?

    XII. Perspektive Ausgangslage und Rahmenbedingungen:

    1. Wie wirkten formale Zielvorgaben (Therapiegruppe, Ausbildungsgruppe, Selbsterfahrungsgruppe etc.?

    2. Wie wirkte die Motivations- und Erwartungsstruktur:
    a) einzelner Teilnehmer,
    b) von Subgruppen,
    c) der Therapeuten,
    und wie abgestimmt oder disparat waren Motivation und Erwartungen?

    Wie wirkte der zeitliche Rahmen (Sitzungsdauer, Sitzungsfrequenz, Sitzungszahl etc.) auf den Verlauf des Gruppengeschehens?

    4. Wie wirkten die materiellen Rahmenbedingungen (Kosten, Zahlungsmodalitäten, Kassenerstattung)?

    5. Wie wirkte die Gruppenform (geschlossen, slow open)?

    XIII. Perspektive Methoden, Techniken, Medien, Modalitäten:
    1. Welchen Einfluß hatten die methodischen Zugangsweisen auf den Gruppenprozeß (psychodramatisches Rollenspiel, Bewegungsarbeit, Gestaltmethoden etc.)?

    2. Welchen Einfluß hatten die vorherrschenden Modalitäten (konfliktzentriert-aufdeckend, übungszentriert-funktional, erlebniszentriert-stimulierend)?

    3. Wie beeinflußten Medien und Techniken den Gruppenprozeß (Arbeit mit Ton, Fingerfarben, Puppen etc., der Einsatz von Rollentausch, Doppel-Ich-Technik usw.)?

    4. Welchen Einfluß hatten vorherrschende Interventionsstile und -strategien (direktiv, nondirektiv, supportiv, konfrontierend usw.)?

    XIV. Metaperspektive: Richtziele, Prinzipien, Grundannahmen:

    1. WelchenEinfluß hatten die anthropologischen Grundannahmen des Verfahrens auf den Gruppenverlauf, und wie wäre er unter der Optik eines anderen Paradigmas zu betrachten?

    2. Wie bestimmend waren die Metaziele des Ansatzes (z.B. Intersubjektivität, soziales Engagement, Selbstverwirklichung in Ko-respondenz etc.)?

    3. Welchen persönlichen Metazielen fühlen sich die TherapeutInnen verpflichtet, und wie kommen sie im Gruppenprozeß zum Tragen?

    4. Welche vorherrschenden Metaziele finden sich bei den Teilnehmern, und wie kommen sie im Gruppenprozeß zum Tragen?

    5. Welche übergeordneten Ereignisse im Weltgeschehen politischer, ökonomischer, ökologischer Art haben auf das Gruppengeschehen Einfluß genommen?

    6. Welche gesellschaftlichen "Aufträge" an Psychotherapie haben das Gruppengeschehen beeinflußt?

    Wir hoffen, daß die Reflexion von Gruppenprozessen unter diesen 14 Perspektiven für Therapeuten und Gruppenmitglieder zur Erhellung von Entwicklungsprozessen beitragen kann, nicht zuletzt zum Erkennen von Dynamiken, die Entwicklungen behindern.



    Zusammenfassung Es wird ein heuristisches Modelt der "Gruppenprozeßanalyse", wie es von den Autoren im Rahmen der "Integrativen Therapie" entwickelt wurde, vorgelegt. Unter 14 Perspektiven wird "therapeutische Gruppendynamik" - sie unterscheidet sich von der in pädagogischen Kontexten - betrachtet. Ziel eines solchen "processings" ist es, den Teilnehmern einer therapeutischen Gruppe ihre Entwicklungsprozesse oder die Behinderung von Entwicklungen einsichtig zu machen.

    Summary: Group process analysis - a heuristic model of Integrative Therapy in and with groups
    A heuristic model of , group process analysis" as it has been developed by the authors in the context of ,Integrative Therapy" is presented. "Therapeutic group dynamics" - it is different from group dynamics in educational contexts - is reflected under 14 perspectives. The aim of such "processing" is to help the participants of a therapeutic group to understand their development or the hindrance to the group development.

    Key words: Group process; process analysis; group psychotherapy; group dynamics; integrative therapy.



    Angebote:

    Psychotherapie

    Psychologische Beratung

    Praxis - Theorie

    Integrative Therapie

    Lebenslauf

    Bücher

    .

    Texte:

    Wirkfaktoren

    Sozialverhalten

    Metatheorien

    Emotionsregulation

    Forschung

    Soziale Netzwerke

    Krisenintervention

    Gruppentherapie

    Literatur

    .

    Freizeit:

    DJ Markus F

    Musik

    Filme

    .

    Links, Verweise

    Home
    Tschuschke - GruppenpsychotherapieVolker Tschuschke et al (2001) - Praxis der Gruppenpsychotherapie
    Endlich ein richtiges Lehrbuch (nebst Yalom s.o.) für Praxis und Uni
    Klaus Antons - GruppendynamikKlaus Antons - Praxis der Gruppendynamik
    Klaus Antons "Gruppendynamik" in neuster Auflage: Uebungen und Techniken
    Antons et al. - Gruppenprozesse verstehenKlaus Antons et al. (2004) - Gruppenprozesse verstehen
    Endlich ein neues Buch von Klaus "Gruppendynamik" Antons !
    Rahm - Integrative Gruppentherapie mit KindernDorothea Rahm (2004) - Integrative Gruppentherapie mit Kindern
    Integrative Therapie nach Petzold mit Kindern
    Bamberger - Lösungsorientierte BeratungGünter G. Bamberger - Lösungsorientierte Beratung
    Modelle, Konzepte und Ansätze in der lösungsorientierten Beratung
    Petzold, Schay, Ebert - Integrative SuchttherapieHilarion G. Petzold, Peter Schay, Wolfgang Ebert (2004, Erstauflage !) - Integrative Suchttherapie
    Das brandneue Grundlagenwerk zur Drogentherapie


    FPI-Bookshop und diverse Online-Artikel
    zur Literatur "Integrative Therapie"



    weitere Bücher und Artikel:

  • Einführung in die Integrative Therapie. Grundlagen und Praxis
  • "Bewegt sein". IT in der Praxis
  • Integration und Kreation
  • Mythen der Psychotherapie
  • Handbuch Gestalttherapie



    Suchen Sie ein bestimmtes Buch oder eine/n AutorIn ?
    Schnellsuche deutsche Titel US-Titel



    Dieser Text wurde veröffentlicht durch Markus Frauchiger, lic.phil. Fachpsychologe für Psychotherapie FSP, CH-3012 Bern