Palermo - und was danach

Ein EAGT-Kongress (eventuell) in der Schweiz
Ueberlegungen zu Parrhesie, Innovation und Kongressdidaktik aus integrativer Sicht

Prof. Dr. Hilarion G. Petzold, DüsseldorfAmsterdam


1. Konnektivierende Feldentwicklung


Dieser Text ist eine Einladung zur Ko-respondenz. Ich hoffe damit viele Kolleginnen und Kollegen anzuregen, über die Entwicklung des psychotherapeutischen Feldes nachzudenken, zu dieser Entwicklung beizutragen, ihre Gedanken und Konzepte einzubringen, zu schreiben, so dass Impulse entstehen, die vielleicht zu einem Europäischen Gestalt- bzw. Psychotherapie- Kongress in der Schweiz führen können. Einen Anlauf hierzu hatte es ja vor einigen Jahren schon gegeben, selbst eine Arbeitsgruppe, die ein Konzept vorbereitet hatte.. Man sollte diese Initiativen wieder aufnehmen und auf breiter Basis, unter Einbeziehung vieler Meinungen, Ideen, Konzepte wieder etwas in Gang bringen.
In meinem letzten grösseren Beitrag in dieser Zeitschrift (Gestalt 33, Petzold 1998f, 26-64) habe ich mich mit den Themen Pluralität im psychotherapeutischen Feld, Konnektivierung und Integration u.a. am Beispiel von Gestalttherapie und Integrativer Therapie befasst. Eine zentrale These war, dass die Unüberschaubarkeit moderner Lebenswelt, ihre Pluralität und Transversalität auch das psychotherapeutische Feld beeinflusst und formt, und dass dieses Feld auf die Herausforderungen der Moderne bzw. Postmoderne reagieren müsse (und zwar nicht mit den leider oft zu beobachtenden eskapistischen Exkursionen in die "spirituellen" Gefilde der transpersonalen Szene oder in New Age Verfahren, deren Risiken nicht unerheblich (Goldner 1997) und deren Beiträge zur Lösung der anstehenden Probleme eher verhindernd als weiterführend sind).
In der Tat bedarf die Psychotherapie der "Feldentwicklung" - ein Konzept, das bei aller Rede gerade in der neueren Gestalttherapie über den Begriff "Feld" (z.B. bei M.Parlett 1991, G.Wheeler 1993 oder in den Referaten von Palermo [Gestalt-Kongress anno 1998, die Red.]) kaum beachtet wurde (Petzold 1998a, 8ff, 112 - 117). Dies hat u.a. mit der Ausblendung der Zeitperspektive (Frank, Lewin) im Feldkonzept vieler der neueren gestalttherapeutischen Wiederentdecker der Feldmetapher (mehr ist es meist nicht, weil Bezüge zur Feldtheorie nicht ausgearbeitet werden) zu tun. Es liegt aber auch in der Vernachlässigung der historischen Dimensionen in Lewins Ansatz selbst, der zwar durchaus mit dem Bezug auf K.L. Franks »time perspective«, d.h. der »Spannweite des subjektiven zeitlichen Erlebens« als temporalisiert anzusehen ist, die transsubjektive Dimension der G e s c h i c h t e dabei aber zu verfehlen droht (vgl. dagegen die historischen Arbeiten von G.Dumézil, P.Nora, I.Berlin, M.Foucault).

Geschichtsbewusste Reflexionen machen eine hermeneutische, ja metahermeneutische Überschreitung des letztlich physikalistischen Feldbegriffes bei Lewin (Feld als Ergebnis von Kräften, die dem sie umgebenden Raum eine dynamische Beschaffenheit verleihen) notwendig oder der biologistischen Feldmetapher bei Perls vom organism in the field; denn Geschichte ist keine physikalische oder biologische Realität, sondern eine auf Sinnhaftigheit und Bedeutungszusammenhänge persönlich und kollektiv reflektierte und interpretierte, vielfach determinierte und doch letzlich kontingente Geschehensfolge in übergreifenden zeitlichen Kontinua, ein Geschehen, dem man sich aus der Sicht einer jeweils gegebenen Gegenwart mehrperspektivisch und mit vielfältigen Optiken und Interpretationsfolien nähert, um es ko-respondierend auszulegen, so dass Konsens- und Dissensgemeinschaften entstehen mit ihrer jeweiligen Sicht des Geschehenen, der Geschichte. Der zum Kontext/Kontinuum-Konzept erweiterte und überschrittene "komplexe Feldbegriff" der "Integrativen Therapie und Supervision" (Petzold 1974j, 316; 1998a, 368, vgl. zur Definition Petzold, Lemke, Rodriguez-Petzold 1994b) ermöglicht eine "Diagnose" der aktualen Situation von Feldern und auch Wege, an einer systematischen "Feldentwicklung" zu arbeiten, und das geschieht durch Forschung, Modellentwicklung, theoretische Diskurse, Arbeitsgruppen, Berufspolitik usw. .
Zur Situation des psychotherapeutischen Feldes sind in neuerer Zeit verschiedene Publikationen mit unterschiedlichen Blickwinkeln erschienen - glücklicherweise auch kritische (Giese, Kleiber 1989; Goldner 1997; Grawe, Donati, Bernauer 1994, Grawe 1998; Köthke, Rückert, Sinram 1999; Petzold, Orth 1999, Petzold, Märtens 1999) -, die auf die doch nicht unerheblichen Gefahren von Psychotherapie und auf den oftmals deplorablen "state of the arts" des psychotherapeutischen Feldes und der Mehrzahl der in ihm wirkenden psychotherapeutischen "Schulen" mit ihren unterschiedlichen »Wahrheitsspielen« (Foucault 1998, 499f) und Ideologemen hinweisen, die zugleich aber damit Impulse zur kritischen Beobachtungen und Selbstbeobachtungen dieses Feldes setzen, aus denen "incentives" für eine gezielte "Feldentwicklung" hervorgehen können.
Für Gestalttherapie und Integrative Therapie sind selbstkritische Analysen, das Beachten von kritischen und anregenden Impulsen aus dem Aussen- und Binnenfeld wesentlich und Initiativen, etwas für die eigene Feldentwicklung zu tun. Kongresse, Tagungen, Symposien, Studientage, Studiengruppen sind hierfür ausgezeichnete Möglichkeiten. Sie lassen dabei auch jeweils vieles über den Stand bzw. Zustand eines Feldes und seiner Teilareale erkennen. Insofern ist es wesentlich, stattgehabte Veranstaltungen sorgfältig zu reflektieren, und es ist noch wichtiger, künftige Tagungen, Symposien, fachliche Treffen theoretisch-inhaltlich und methodisch-didaktisch vorzubereiten, will man sie mit der Zielsetzung organisieren, einen Beitrag zur Entwicklung des eigenen Areals im Felde der Psychotherapie oder gar des Feldes insgesamt zu leisten, mit einer spezifischen Zielsetzung (z.B. einer besonderen klinischen Orientierung, wie der PTSD-Kongress 1998 in Köln) oder einer allgemeinen Zielorientierung etwa zur Förderung der Kommunikation zwischen den Schulen im Felde (wie z.B. der AGPF-Kongress 1996 in München, vgl. Dudler, Sieper, Zimmermann 1997).

Ich möchte den Europäischen Kongress für Gestalttherapie in Palermo 1998 zum Anlass nehmen, über einige Aspekte von Feldentwicklung, z. B. für die Planung eines künftigen europäischen Kongresses (oder anderer Veranstaltungen) nachzudenken, einer Veranstaltung, die nicht zum Typus des Spektakels der "Psychotherapie-Weltkongresse" von Wien oder der Gestalt-Events von Cambridge oder Palermo geraten sollte.

2. Tendenzen europäischer Gestalttherapie

Ein "Europäischer Kongress" für Gestalttherapie sollte in der "Gestalt-Community" Beachtung finden. In ihm und auf ihm artikuliert sich der "state of the arts" eines Verfahrens, zeigen sich die Bewegungen einer Bewegung. Ich hatte mich im Vorfeld mit Fragen dieses Kongresses befasst (Anhang 1), hatte, weil ich selbst nicht teilnehmen konnte, Kolleginnen und Kollegen um ausführliche Berichte gebeten und sie auch erhalten, und hatte dann dafür Sorge getragen, möglichst viele Materialien von diesem Kongress für mein Archiv zu bekommen (die "Ausbeute" war schmaler als ich erwartet hatte). Die Mehrzahl solcher Kongresse sind "social events"– und warum auch nicht. Sie verpuffen! Ihr Erkenntnisgewinn ist begrenzt. Nur von wenigen liest man "auf der bahnbrechenden xy-Konferenz 19.. in Seattle, Paris, Zürich oder Bad Soden wurden die Weichen für ein neues Paradigma, für einen Paradigmenwechsel, für eine neue Sicht der Therapie etc. etc. gestellt.
Nun muss es ja auch nicht immer ein "Jahrhundertereignis" sein.
Oft aber hat man sich am Ende eines Zentenariums, ja Millenniums gleichsam vor dem Schritt in eine nächste Epoche so etwas wie einen visionären, richtungsweisenden Ausblick erwartet oder doch eine bilanzierende Zusammenfassung, ein "highlight" der Entwicklungen. Nun, der Kongress in Palermo hat dies nicht auf den Weg gebracht, trotz der engagierten Vorbereitung und Organisation der jetzigen Präsidentin Margherita Spagnuolo Lobb, die auch weiterhin den Vorsitz behält. Dieses macht mich indes etwas besorgt, nämlich dass es nicht zu dem sonst üblichen Wechsel in der Präsidentschaft kam. Dies war immer ein Anliegen im Sinne des europäischen Gedankens, und deshalb hatte ich seinerzeit meine Funktion als Gründungspräsident der EAGT möglichst bald weitergegeben. Glücklicherweise standen Kolleginnen und Kollegen auch aus den anderen europäischen Ländern zur Verfügung, die diese arbeitsreiche Aufgabe jeweils für eine Periode übernommen haben. Margherita ist dafür zu danken, dass sie jetzt noch einmal eingesprungen ist.
Die Bewegung aber muss sich befragen lassen– jede nationale Gesellschaft–, warum es nicht zu einem "Stafettenwechsel" gekommen ist. Insofern finde ich den Tagungsbericht und die Nachreflexion von Markus Frauchiger zum Kongress in Palermo in dieser Zeit wichtig, zumal im Vorfeld ja schon einmal eine Schweizer Präsidentschaft ins Auge gefasst war und die Schweiz auch schon als Ort eines europäischen Kongresses mehrfach im Gespräch war.
Zunächst aber einige Hinweise zum Bericht von Frauchiger :
Als auf meine Initiative 1985 die "Europäische Gesellschaft für Gestalttherapie" gegründet wurde und ich als ihr erster Präsident ihren "1. Europäischen Kongress" in Mainz ausrichtete, schwebte mir eine Verbindung der bis dahin unverbundenen einzelnen nationalen Gestaltinitiativen in Europa vor. Immerhin konnten 11 Länder als Mitbegründer fungieren. Leider nicht die Schweiz, die, getreu den Prinzipien, die dieses Land auch im politischen Raum vertrat und vertritt, trotz der über viele Jahre hin immer wieder erfolgten Einladungen der EAGT nicht beigetreten war. Nun, das hat sich ja inzwischen erfreulicherweise verändert, und es wäre sehr zu begrüssen, wenn für die nächste oder übernächste Tagung die Schweiz in Frage käme. Ich war massgeblich bei der Organisation der 2. und 3. Tagung in Veldhofen, Niederlande, und Paris beteiligt.
Ein immenser Arbeitsaufwand!
Bei all diesen Kongressen das gleiche Bild: Recht lebendige Praxis mit wenig klinischer Ausrichtung und überwiegend mässiger, oft auch schlechter Qualität, was klinische Fragen betraf, einige sehr gute Vorträge, im Ganzen aber ein schwaches theoretisches Niveau. Vom Kongress in Cambridge hörte ich Ähnliches, und das Bild, das von Palermo gezeichnet wurde, lässt ähnliche Konturen erkennen. Die Mehrzahl der FPI-Leute, die auf den ersten drei Kongressen sehr präsent waren, hatte sich nach dem "event" in Paris entschlossen, nicht mehr zu den Kongressen zu gehen. Ob sich das ändern lässt, vermag ich nicht zu sagen.
Inzwischen haben sich ja auch die "Szenen" verändert. Ken Evans hat vor einigen Jahren die "European Society for Integrative Therapy" gegründet, die regelmässig Tagungen für eine bestimmte in-group abhält. Ob das ein Anziehungspunkt für die "Integrativen" wird, weiss ich nicht.
Wichtiger, weil von internationaler Bedeutung, ist die SEPI, "Society for the Exploration of Psychotherapy Integration", in der führende Köpfe wie Norcross, Goldfried, Wachtel, Garfield usw. in einem internationalen Netzwerk sich mit Fragen der Psychotherapie-Integration auf der Grundlage systematischer klinischer Arbeit und empirischer Forschung auseinandersetzen.
Wir (Prof. M. Märtens und ich) haben die Vertretung der SEPI im deutschsprachigen Raum und koordinieren die Initiativen. Wir haben auch schon zwei Symposien organisiert. Die SEPI-Tagungen sind natürlich keine "events", sondern kleine, themenspezifische und arbeitsintensive Fachtagungen von Klinikern und Forschern, die sich mit Psychotherapieintegration befassen. Diese Leute haben ein anderes Interesse als die Event-Tagungen.
Die Felder differenzieren sich also und die Interessen der verschiedenen Gruppen verlagern sich. Die "Münchener Gestalttage" hatten über viele Jahre Event-Charakter, wie auch die Tagungen des Schweizer Gestaltvereins oder die EAGT-Tagungen, DVG-Tagungen etc. Events haben wichtige soziale Funktionen. Sie dienen dem "community feeling" und sind in diesem Sinne auch identitätsbestätigend, im Sinne von »konsistenzorientierten Identitätskonzeptionen« (sensu E. H. Erikson).
Für »balancierende Identitätskonzeptionen« (sensu J. Habermas, L. Krappmann, H. Petzold vgl. Petzold, Matthias 1993) bieten sie zu wenig »Heterotopien« (Foucault 1998), d. h. verschiedenartige, ja durchaus dissonante gedankliche Räume (topos = Ort, Raum), d.h. kollektive Kognitionen (Moscovici 1984, Strauss 1978, Petzold 1992a, 114f).
Das erklärt, warum in Palermo »die Integrativen... aber so gut wie nicht vertreten« waren (Frauchiger 1999, 23). Sie gehen zu den Kongressen der EAI oder zu den Symposien der SEPI, wo sie mit den anderen integrativen Richtungen im Kontakt sind, oder sie gehen an die anderen nationalen, europäischen und internationalen allgemeinen Psychologie- und Psychotherapiekongresse.
Da die skandinavische Gestaltszene theoretisch relativ amerika-orientiert ist, ist auch beim Kongress in Stockholm 2001 eher wenig weiterführender Dialog zu erwarten. Das könnte dann bei einem nächsten, hoffentlich in der Schweiz stattfindenden Kongress anders werden.
Deshalb hierzu einige Überlegungen:

2.1. Transversale Identität, Heterotype und parrhesiastischer Diskurs

Durch die Präsenz von Gestalttherapeuten u n d Integrativen Therapeuten im Schweizer Verein sind zwei heterotope Räume entstanden, die fruchtbar werden können, wenn sie sich auseinander-setzen, um sich wieder zusammen-zusetzen, allerdings nicht im Stile der Westküsten-/Ostküstendispute. Das sind Grabenkriege. Sie führen zu nichts, genauso wenig wie Vereinnahmungen.
In Palermo wurde an Hand der mir vorliegenden Papers versucht, die Hermeneutik für die Gestalttherapie zu vereinnahmen. Das geht nicht und das bringt nichts. Die Gestalttherapie würde dabei ihr Proprium, die Organismustheorie, verlieren und die darin liegende Chance verspielen, sich in Richtung einer modernen Systemtheorie zu entwickeln. Unterschiedliches unterschiedlich, "heterotop" sein zu lassen, das ist der Weg einer nicht-vereinnahmenden Integration, die ein wesentliches Ziel in der Konnektivierung sieht und auf eine differentielle, postmoderne Weltvielfalt vernetzende Konzeption ausgerichtet ist. Sie bewegt sich in der Komplexität einer "transversalen Moderne", die vielfältige Identitätsmöglichkeiten eröffnet (Petzold, Orth, Sieper 1999; Petzold, Steffan 1999).
Das "balancierende Identitätsmodell" (Petzold, Matthias 1983) wird damit durch das "transversale Identitätsmodell" (Petzold 1998h; Müller, Petzold 1998; Petzold, Sieper 1998) ergänzt und überschritten, und es wird einer vielfacettigen, prozesshaften Identitätsarbeit (Petzold,. 1991o) Raum gegeben.
Genau dies muss geschehen, auch und gerade im Bereich der Psychotherapie. Verschiedenheit muss Platz haben und Kritik, bei der es nicht um "Recht haben" geht, sondern um vielfältige, qualitätsvolle Positionen, um ein "Kämpfen mit" (agon), nicht aber um ein "Kämpfen gegen" (polemos) und auch nicht um Nivellierungen, unbillige Harmonisierungen oder gar Hagiographie.
Die Rede von Margherita Spagnuolo Lobb auf dem Kongress in Palermo– man sollte sie in GESTALT veröffentlichen– schwor die "Gestalt Community" auf das Festhalten an der Tradition ein, und überschritt diese Tradition zugleich mit dem vereinnahmenden Ausgriff auf die Hermeneutik. Mögliche Gedankenvielfalt, die das eigene, das differenzierte Denken des Anderen will, wird so nicht möglich. Weniger Event, mehr profundierende Gedankenarbeit wäre hier mehr gewesen.
Wir brauchen keine Hagiographien, weder für Freud, Jung, Perls, Goodman oder auch für unbekanntere Leute. Wir brauchen auch keine Verunglimpfung, weder von Freud, noch von Perls, noch von unbekannteren Leuten. Was in der psychotherapeutischen Kultur notwendig wäre, wäre Freimütigkeit und Aufrichtigkeit, das, was in bestimmten philosophischen Diskursen der Antike Parrhesie genannt wurde: die wahre, freie, aufrichtige Rede (vgl. Demokrit Fragmente 226, 255, 215) als soziale Praxis, ein Wahrreden, das sich wagt, auch bereit ist, sein Reden zu verantworten, ja sich Unbilden auszusetzen.
Wahrsprechen war ein Privileg des vollwertigen Athener Bürgers, der damit auch die Freiheit hatte, seinen Lebensstil zu wählen und zu vertreten (vgl. Plato, Politeia, lib. VII) und damit ist natürlich ein Konfliktfeld aufgetan zwischen den Parrhesiasten selbst, aber auch zwischen dem staatlichen Gesetz, den sozialen Konventionen (nomos und ethos) und dem persönlichen Lebensstil (bios), der persönlichen Wahrheit (logos), und das verlangte eine persönliche Standortbestimmung, die Entwicklung einer klaren persönlichen Position und einer »Sorge um sich Selbst« (vgl. Foucault 1986a) in den Kernbereichen des Lebens: der Ökonomie, der Erotik und der Diätetik (der gesunden Lebensführung), die immer mit den Anderen konfrontiert ist und deshalb für einige Denker, in Sonderheit Demokrit, eine »Sorge um den Anderen« impliziert, was in unserem Konzept zu einer aktiven Sorge für und um die »Integrität des Anderen« vertieft wurde (Lévinas 1983; Petzold 1996k; Petzold, Orth, Sieper 1999).
Sokrates hat in seiner Lebenspraxis, seiner Aufrichtigkeit den Bürgern und Richtern Athens gegenüber ein einzigartiges, über die Jahrhunderte wirkendes Beispiel parrhesiastischer Haltung gegeben.
Parrhesie heisst auch, seine Wahrheit dem Anderen zumuten in der Bereitschaft, auch seine Wahrheit aufzunehmen und zu ertragen. Das, was Lévinas (1983) als »Heimsuchung« durch den Anderen bezeichnete, hat eine derartige Qualität.
Solche Freiheit ist strittig, streitbar, zuweilen ein Kampf (agon), nicht ein Krieg (polemos).
Parrhesiastische Auseinandersetzung ist eines der Grundelemente des Ko-respondenzprozesses - er wurde als »Begegnung und Auseinandersetzung« (Petzold 1978c) gekennzeichnet mit den Strategien der Stütze (support vgl. Petzold 1980g, 280), des Förderns (facilitating, ibid. 279), der Konfrontation (ibid. 282) - ein äusserst flexibles Modell also. Parrhesiastisches Ko-respondieren ermöglicht das "Stehenlassen" der Position des Anderen, auch wenn man ihr nicht zustimmt, und bietet die Chance, zu »respektvollem Dissens« (Petzold 1991e, 1998a, 244, 347), mit dem man sich auch wieder zusammensetzen kann.
Im parrhesiastischen Dagegen-stellen (confrontatio) der eigenen Position als Person Aug" in Auge Stirn (frons) gegen Stirn, dem Anderen als Person "die Stirn bietend", geht es nicht darum, die andere Position zu bezwingen, zu zerstören, zu vernichten gar, sondern einen anderen Existenzstil aufzuzeigen.
Goodman hatte etwas von dieser parrhesiastischen Haltung, auch Perls zuweilen.
Der späte Foucault (1996) hat in seinen letzten Vorlesungen die Themen der Wahrheit, der Parrhesie, der Aufrichtigkeit/Freimütigkeit und der Moral zusammengebunden mit den Themen vielfältiger Existenzstile, der persönlichen Sorge um sich, des Selbstgewinns in einer Vielfalt von Welterfahrung (Foucault 1998, vgl. Petzold, Orth, Sieper 1999). Er bietet damit einen Rahmen der Auseinandersetzung mit sich selbst (agon) und mit anderen, zwischen Gedankenwelten und Heterotopien, der an die Tradition der griechischen Antike anknüpft, an den parrhesiastischen Diskurs der Kyniker (z.B. die aufrichtig-konfrontative Rede des Diogenes von Sinope und einiger Sophisten), aber auch an den mäeutischen Diskurs (das fördernde Gespräch der sokratischen Tradition), die dabei doch "höchst modern" erscheinen und z.T. auch sind, wenn sie auf moderne Kontexte adaptiert werden.
Sie bieten auf jeden Fall für die Psychotherapie und die Auseinandersetzungen im psychotherapeutischen Feld nützliche Anstösse: Foucault affirmiert, dass ein Mensch, der in den Mühlen des »agon mit sich selbst« zu sich selbst vorgestossen ist, für sich »ein Gegenstand der Freude« wird.
Wir heben hervor, dass Kritik, die zum Anderen (Lévinas) vorstösst, sein Anderssein, seine spezifische Form der Existenz mit Freude sehen kann, es ermöglicht, dass der Andere für uns »eine Freude wird« (Petzold, Orth 1999).
»ch kann nicht umhin, an eine Kritik zu denken, die nicht versuchte zu richten, sondern die einem Werk, einem Buch, einem Satz, einer Idee zur Wirklichkeit verhilft; sie würde Fackeln anzünden, das Gras wachsen sehen, dem Winde zuhören und den Schaum im Fluge auffangen und wirbeln lassen. Sie häuft nicht Urteil auf Urteil, sondern sie sammelt möglichst viele Existenzzeichen « (Foucault 1980, in: Mazumdar 1998, 88)
Hier wird eine Qualität angesprochen, die sowohl im engeren Raum des therapeutischen Geschehens (z.B. in dyadischen Therapien, Lehranalysen, Gruppentherapien) angestrebt werden sollte, die aber auch für den Diskurs (Habermas 1971) der Gruppierungen, Schulen, Orientierungen im psychotherapeutischen Feld, in und zwischen "professional communities" anzustreben wäre. Foucault lässt sich hier mit den Überlegungen von Lévinas (1983) zur radikalen Wertschätzung der »Andersheit des Anderen« (Petzold 1996k) verbinden, und auch dieser wohl bedeutendste Philosoph des Zwischenmenschlichen fokussiert auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung »von Angesicht zu Angesicht«, in der Erkenntnissuche und Wahrhaftigkeit das Geschehen bestimmen (Wahrhaftigkeit verstanden als existentielle Qualität der Begegnung, nicht als moralisierende Kategorie in der Verpflichtung, immer die Wahrheit zu sagen, sondern als ethische Kategorie, die eigene Existenz und die des Anderen sichtbar werden zu lassen und zur Geltung zu bringen).

2.2. Konnektivierende Arbeit zwischen Feldern - Angrenzung statt Ausgrenzung

Es ist die Frage, ob solche Formen diskursiver Auseinandersetzung, oder präziser: der Ko-respondenz, im Rahmen von "Events", dem üblichen Kongressgebaren, dem "Jahrmarkt von Möglichkeiten", der ja auch seinen Charme hat, stattfinden und Platz haben kann. Es wäre ernsthaft darüber nachzudenken, ob man nicht für einen neuen, eventuell einen Schweizer Kongress der EAGT ein neues Modell versuchen sollte, das "Begegnung und Auseinandersetzung" zwischen heterotopen Positionen möglich macht, die nicht die Qualität von Grabenkämpfen, Rechthabereien haben oder Selbstinszenierungen, die das Andere, den Anderen nicht mehr sehen können oder wollen, eine Bühne geben, sondern ein Modell, das in kleinen Settings und in Plenarien Unterschiedlichkeiten "konnektiviert".
Auf dem ersten von mir organisierten Kongress der EAGT zum Thema "Psychotherapie und Ethik" wurde dies, zumindest vom Ansatz her, versucht, indem zu diesem zentralen Thema psychotherapeutischen Handelns in den Arbeitsgruppen, insbesondere aber auch in den Podien Vertreter aller wichtigen grossen Therapieströmungen und "Schulen" eingeladen waren und zu Wort kamen bzw. miteinander ins Gespräch eintraten.
Das war eine fruchtbare Auseinandersetzung.
In den folgenden Kongressen waren die Gestaltleute wieder unter sich. Die konnektivierende Öffnung, die die Chance verbindender, schulenübergreifender Ko-respondenzen birgt, wurde nicht weitergeführt. Das war vielleicht damals aus Gründen der Identitätsfindung im Sinne des konservativen Modells einer "kohärenzorientierten" Identität notwendig.
Der Kongress von Palermo hat das Moment solcher, auf abgrenzender Eigenheit zentrierter Identität wieder einmal besonders fokussiert. Stimuliert wurde diese Betonung monolither Eigenheit des "Gestaltischen", d.h. aber auch eine Bewegung der "Abgrenzung", statt der "Angrenzungen", der Kontaktflächen (und das ist die andere Qualität der Grenze) m.E. durch folgendes: durch das globalisierende Klima eines Zeitgeistes unüberschaubarer Pluralität, der viele Menschen und Gruppierungen verunsichert, weiterhin durch die Integrationsimpulse der Psychotherapieforschung und der schulenübergreifenden psychotherapeutischen Bewegungen.
Das alles bedroht kohärenzzentrierte Identität und favorisiert zugleich wieder Eingrenzung auf die eigene Welt-Anschauung. Diese Tendenz findet man derzeit bei vielen psychotherapeutischen Schulen und praktizierenden Psychotherapeuten bzw. Psychotherapeutinnen– und das führt auf Dauer in die Segregation und Verarmung.
Ein weiteres Moment sind die Gesetzgebungen im europäischen Raum, bei denen die Ausgrenzungssituation in Deutschland durch Festlegung auf ein "Zweikonfessionensystem" in der Psychotherapie (Psychoanalyse/Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie) berechtigte Ängste aufkommen lässt (man sollte dies allerdings keineswegs nur als ein deutsches Phänomen sehen, denn in den Niederlanden hat durch das neue Gesetz gleichfalls eine solche Ausgrenzung stattgefunden, nämlich eine Beschränkung der Zugangsberufe– Medizin, Psychologie, Orthopädagogik– und leider eine Eingrenzung auf drei Verfahren: Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, klientzentrierte Gesprächstherapie.
Die hegemonialen Ausgrenzungen in Deutschland und in den Niederlanden wurden– das sollte man nicht vergessen– von den genannten Psychotherapieschulen betrieben und nicht "vom Gesetzgeber". Er ist nur diesen Bestrebungen aufgesessen.
In Österreich haben Konsensbildungen der Schulenorientierungen vor dem Gesetz eine völlig andere Möglichkeit geschaffen (allerdings jetzt auch ausgrenzend etwa den Körpertherapien gegenüber). Hier waren im Vorfeld aber auch nicht ausgrenzende, sondern konnektivierende Persönlichkeiten in den Vorbereitungen aktiv (Strotzka, Schindler, Frühmann, ich selbst als Aussengutachter bei dem ersten grossen Hearing usw.).
Die Community in Palermo hat leider selbst mit einem Abgrenzungsimpuls reagiert: die Unterstützung der "armen" deutschen Gestaltler. Man hat sogar für sie gesammelt. Das verkennt die Situation! So wird nichts gewonnen werden.
In Deutschland geht es nicht darum, die Gestalttherapeuten zu unterstützen oder die Transaktionsanalytiker oder sonst irgend eine Gruppierung. Man verstärkt damit nur ein "falsches System".
Es müsste darum gehen, schulenübergreifende, "offene" Communities in ihren Initiativen zu unterstützen, wie die "Arbeitsgemeinschaft Psychotherapeutischer Fachverbände" (AGPF), in der Gestalttherapeuten, Psychodramatiker, Integrative Therapeuten, Transaktionsanalytiker, systemische Familientherapeuten, Bewegungstherapeuten u.a. zusammenarbeiten und die Mühen hat– auch finanzieller Art.
Oder es ginge darum, die schulenübergreifenden Klageinitiativen zu unterstützen, die auf rechtlichem Wege versuchen, Ungerechtigkeiten des neuen Gesetzes anzugehen. Es gibt also solche Initiativen, die integrierenden, konnektivierenden Charakter haben. Das wurde von der "geschlossenen Community" in Palermo nicht erkannt.
Von der Mehrzahl der "professional communities" im Bereich der Psychotherapie, die derzeit aufgrund von Verunsicherung eine Tendenz zur "Hermetisierung " aufweisen, wird nicht erkannt, dass ein diskursives psychotherapeutisches Feld mit einer ko-respondierenden Kultur die Zukunft der Psychotherapie bedeutet, weil diese Qualität dem Wesen einer emanzipatorischen Psychotherapie entspricht (Petzold, Orth, Sieper, 1999; Petzold, Steffan 1999), die den Diskurs der Seelsorge, der Pastoralmacht, des Konfessionendenkens überwindet.
Es gilt zu sehen, dass andere psychotherapeutische Diskurse ein Reichtum sind, den man nutzen kann.
Das erfordert eine hinlängliche Sicherheit in den eigenen Positionen, und das heisst immer auch ein klares Wissen um ihre Begrenztheit. Eine »persönliche Souveränität« (Petzold, Orth 1998), die Angrenzungen ermöglicht und das Sicheinlassen auf andere Bereiche, Erfahrungen und Positionen, Souveränität, die ihre Identität also konnektivierend gewinnt, kann vielfältiger werden und sich von inhärenten Begrenzungen ("Schere im Kopf") lösen, um sich als »Identität im Prozess zu verstehen, welche in transversaler Weltkomplexität navigiert« (Petzold, Sieper 1998). Wenn man die Situation einer »gobalisierenden Moderne« (Beck 1997, 198) zu verstehen beginnt, sich selbst in diesen Prozessen zu verstehen beginnt, dann könnte das die Grundlage dafür bieten, neue Formen zu finden und in Angriff zu nehmen.

3. Ein neuer EAGT-Kongress
- eventuell in der Schweiz– einmal ganz anders!

Erste Anregungen aus Integrativer Perspektive:
Ein Kongress der EAGT in der Schweiz - oder wo auch immer - sollte deshalb von langer Hand vorbereitet werden. Die Zeit ist vorhanden. Ein solcher Kongress könnte nicht nur eine organisatorische Aufgabe sein, sondern müsste, so denke ich, ein gedankliches Unternehmen werden, das neue Wege geht, neue Formen findet. Deshalb können und dürfen die Anregungen aus "Integrativen Perspektive" nicht mehr als ein Impetus sein. Andere Anstösse müssen folgen!
Man sollte im Vorfeld die "Event-Ideologie" kritisch reflektieren und die Frage aufwerfen, ob und wie "Stars" einbezogen werden (wie in Palermo "berühmte Amerikaner" oder wie auf den Schweizer Gestalttagen der seinerzeit thematisch sehr diskutierbare und hinterfragbare, - u.a. weil die Schweizer Geschichte ausblendende - Event mit Tilmann Moser).
Die Diskursivierung und Narrativierung eines Kongresses könnte ein Ziel sein.
Gesprächs- und Erzählgemeinschaften (Petzold 1991) könnten eine zentrale Qualität sein, die in Foren gebündelt werden.
Vernetzende Kommunikationsstrukturen mit "Web"-Qualitäten, in denen Kristallisationspunkte entstehen können, Spontaneität Raum hat und Emergenzphänomene ermöglicht werden: das fände ich eine spannende Sache!
Im Vorfeld wäre darüber nachzudenken, wie man das "Emergenzpotential" (Petzold 1998a, 312f) eines solchen Kongresses möglichst optimal gestalten kann, z.B. indem man bedeutende Persönlichkeiten als Referenzpunkte und nicht als Stars positioniert, sondern als Diskurspartner in offenen, alternierenden Gesprächsforen, indem man Zeloten und Dogmatiker - man kennt sie ja– im Vorfeld animiert, einmal einen anderen Diskurs zu wagen, indem man natürlich Repräsentanten der wichtigsten Kulturwissenschaften und aller psychotherapeutischen Schulen einlädt und einbezieht etc. etc., um inter- und transdisziplinäre Diskurse (Petzold 1998a, 26), Ko-respondenzen und einen Konflux (ebenda) der Ideen zu ermöglichen.
Mancher mag sich vielleicht wundern, warum ich mir den "Kopf zerbreche" über einen möglicherweise in der Schweiz stattfindenden EAGT-Kongress. Nun, einmal, weil ich der Begründer der EAGT bin und an ihr ein besonderes Interesse habe. Weil die Kongressvorbereitungen der ersten vier EAGT-Kongresse immer von einem multinationalen Team erfolgten, in das viel Aussen-Anregungen, -Stimulationen hineinkamen. Ich hatte auch auf Anfrage von Margherita ihr im Vorfeld meine Gedanken zum Kongress in Palermo gegeben (siehe Anhang 1).
Mir scheint auch, dass in der Schweiz aufgrund ihrer Traditionen das Anliegen vernetzender vielfältiger Diskurse besondere Chancen haben könnte. Die "Psychotherapie Charta" ist hierfür ein Beispiel, auch wenn der erste Kongress der Charta, der auf meine Initiative und meine Idee zurückgeht (ich hatte eine solche übergreifende Tagung angeregt und in einem Treffen mit Markus Fäh das erste Design konzipiert), weniger plural ausgerichtet war als ich mir das gewünscht hätte: eine Dominanz des tiefenpsychologischen Paradigmas, bei Fehlen des behavioralen und schwacher Repräsentierung des systemischen.
Man müsste sich schon bald zusammensetzen, könnte auch überlegen, ob man diesen Kongress zusammen mit der Charta plant (Bündelung der Kräfte). Die "Integrativen" würden sicher gerne kommen (nicht nur die vom FPI versteht sich, die Integrationsbewegung greift ja viel weiter).
Palermo und danach: ich meine, man muss hier wirklich Neues in Angriff nehmen, ANDERES DENKEN, ANDERS DENKEN! Dazu muss man sich auf den Weg machen anders zu denken, mit Anderen zu denken in einer Dialektik von Eigenheit und Vielfalt, Vertrautem und Fremdem, Kohärenz und Transversalität. Es könnten sich Vorbereitungskreise bilden, die sich auch gedanklich einstimmen. Empfehlen möchte ich dazu, in folgenden Büchern "herumzulesen":

Haraway, D. J.: Monströse Versprechen, 1995;
Mazumdar, P. (Hrsg.): Foucault, 1998;
Petzold, H. G. & Orth, I. (Hrsg.): Die Mythen der Psychotherapie. Ideologien, Macht, Wege kritischer Praxis, 1999;
Turkle, S.: Leben im Netz - Identität in Zeiten des Internet. 1998;
Welsch, W.: Vernunft, 1996.


Dies ist eine Auswahl von Texten, die transversales Denken stimulieren und genderübergreifende Perspektiven durch zwei besonders interessante feministische Autorinnen einbeziehen will.
Es wird damit die Chance eröffnet, Psychotherapie in ihrer ganzen Breite als sehr spezifische, elaborierte klinische Disziplin und als Form der Gesundheitsförderung, Selbstentwicklung und Kulturarbeit in einem solchen Kongress plastisch werden zu lassen.
In vorbereitenden Planungen sollte man sich darüber klar werden, welchen Verständnisformen von Psychotherapie man mit dem Kongress ein Forum geben will und ob das Verständnis der PlanerInnen nicht zu eng greift, denn es sollte möglichst breit sein, möglichst vielfältig, weil dann ein hohes "Emergenzpotential" besteht und eine grosse Chance, dass Reinterpretationen alter Positionen erfolgen, wirklich "Neues" entsteht, Innovation, von der in Palermo offenbar nicht so viel vorhanden war.

3.1 Theoriegeleitete Vorbereitungen

Erkenntnistheoretische und anthropologische Perspektiven und in ihrer Folge therapietheoretische sind in Prozesse permanenter kritischer Reflexion und Metareflexion zu stellen, denn sie sind von Kontextbedingungen abhängig und müssen auf Veränderungen dieser Kontexte hin reflektiert werden, vom einzelnen wie von der gesamten psychotherapeutischen "professional and scientific community", von der "community of researchers and practitioners" und vor allen Dingen von und mit der "community of clients and patients".
Es wird hier deutlich: Vorbereitungen eines auf transversale Diskurse und Feldentwicklung ausgerichteten Kongresses müssen theoriegeleitet sein - über die gesamte Vorbereitungszeit hin. Es wird wichtig, vielfältige Perspektiven wahrzunehmen, einzuladen, zu überdenken, auf ihre theoretische und klinische Vision zu befragen, anzuregen, dass diese Visionen explizit gemacht werden und nicht nur Aufguss von selbigem sind (damit ist nichts gegen das fundierte Vertreten und Begründen traditioneller Positionen ausgesagt, denn das muss Platz haben, sonst entstehen keine heterotopen Diskurse mit der Gruppe dieser TherapeutInnen).
Psychotherapieformen und die hinter ihnen stehenden Menschenbilder bewegen sich "in der Zeit", so dass sie die Chance haben, sich zu entwickeln, ihre eigenen Entwicklungen zu reflektieren, beständig aufs Neue zu interpretieren und ihren Fundus systematisch auszuarbeiten. Dabei kann ein enges, klinisches Verständnis von Psychotherapie fruchtbar sein zur Vertiefung ihrer Aufgaben des Heilens.
Es muss aber auch ein breites Verständnis eröffnet werden, das auf Psychotherapie als Kulturarbeit zielt.
Eine solch breite Sicht erfordert eine Reflexion auf die Formen der Generierung von Wissen, die erkenntnisleitenden Interessen, die Inszenierungen von Modellvorstellungen (sie wiederholen und wiederholen sich, wenn man im gleichen Diskurs bleibt), auch der Modellvorstellungen vom Menschen. Das bedeutet, dass man seine eigene Position explizieren muss, den status quo feststellen muss, um zu wissen, wohin man will, um eine bewusste "Vision" zu entwickeln. Das müsste für jedes Planungsteam gelten, für jedes Teammitglied.
Natürlich hat auch meine Anregung für eine vorbereitende Planung eines EAGT-Kongresses (eventuell) in der Schweiz "Visionen" im Hintergrund. Es sind die Theorien der Integrativen Therapie.
Sie sollen nicht als "hidden agenda" "hinter den Zeilen" verbleiben, deshalb die nachstehenden Kurztexte, die den aktuellen Stand unserer epistemologischen und anthropologischen Position umreissen und unser derzeitiges Verständnis von Psychotherapie darlegen, wie es auch in unseren neueren Veröffentlichungen (Petzold 1998a, 1998h, Petzold, Orth 1999, Petzold, Steffan 1999; Müller, Petzold 1998, Petzold, Orth, Sieper 1999) zum Ausdruck kommt.

3.2 Integrative Konzepte in elaborierter und reinterpretierter Form

Theorien und Praxelogien, die sich nicht weiterentwickeln, verkommen häufig zu schlechten Ideologien, die den Forderungen moderner Lebenswelten nicht entsprechen, und zu demodierten Praxen, welche Patienten nicht wirklich weiterhelfen. Hierzu einige Anregungen:

3.2.1. Klinische Konzepte und Anregungen

In den vergangenen Jahren habe ich wenig an klinischer Innovation in der Gestalttherapie gesehen (der Rückgriff auf die Objektbeziehungstheorie gewisser Kliniker ist sicher nicht als solche zu betrachten). Frank Staemmler zählt zu den erfreulichen Ausnahmen. In Palermo sah man im Programm höchst wenig an Neuem. Und wenn man selbst nichts Neues bringt, muss man eben "über den Zaun" schauen.
Dass es sich lohnt, zeigen z.B. die überzeugenden Ergebnisse der verhaltentherapeutischen Therapien von Angststörungen. Die mässigen bis schlechten Ergebnisse der anderen Therapieschulen bei diesen Störungsbildern unterstreichen das.
Auch die Ergebnisse der Integrativen Therapie in unserer neuen grossen Untersuchung (Petzold, Märtens, Hass, Steffan 1999) zeigen, dass wir bei Angststörungen passable, aber deutlich schlechtere Wirkungen haben als bei anderen Störungsbildern. Die Konsequenzen daraus haben wir längst gezogen, indem wir in unserem "klinischen Weiterbildungsprogramm" im FPI/EAG-Jahresprogramm seit zwei Jahren entsprechend zugepasste störungsbildspezifische Weiterbildungen mit renommierten Referenten anbieten, die u.a. Expositionsmethoden lehren.
Diese werden von uns in den übergeordneten Rahmen des Integrativen Ansatzes gestellt, in eine intersubjektive Beziehung eingebettet und in einer ko-respondierenden "Hermeneutik des Subjektes" über die Symptombearbeitung hinausgeführt, sofern dies der Patient/die Patientin will.
Auch das ist integrieren in der "Integrativen Therapie" und keineswegs ein blosses additives Hinzufügen. Theoretische, methodische und klinische Zupassungsarbeit (und ihre Beforschung) sind also von Nöten. Schnellschüsse sind indes unangebracht.
Die Forschung bestätigt die Notwendigkeit kritischer Revisionen traditioneller Gestaltkonzepte, wie wir sie z.B. mit den »vier Wegen der Heilung und Förderung« (Petzold 1988n), den »14 Heilfaktoren« (idem 1993p), der »differentiellen Ressourcentheorie« (idem 1997p) und dem Einsatz übungszentrierter Verfahren (z.B. der höchst erfolgreichen »running therapy« bei schweren Depressionen, vgl. van der Mei, Petzold, Bosscher 1997) sowie der Integrativen und Differentiellen Relaxation (IDR) bei Traumapatienten (Josic, Petzold 1995) auf den Weg gebracht haben und die wir aufgrund der guten klinischen Resultate jetzt auch als Formen der Weiterbildung anbieten (siehe FPI-Programm).
Diese eigenständigen Entwicklungen im Integrativen Ansatz sind Innovationen, die auf die Modalität des "übungszentrierten Vorgehens" zurückgehen - ich habe als erster mit "Lauftherapie" in der Behandlung von Abhängigen, Psychosomatikern und Psychoneurosen gearbeitet (Petzold 1974j, 351ff) und die empirischen Untersuchungen an meiner Abteilung der FU-Amsterdam zählen zu den ersten, was die »running therapy« anbetrifft, die zumindest in der Depressionsbehandlung herkömmlicher Psychotherapie überlegen ist. Auch unsere modernen Entspannungsverfahren, zurückgehend auf meine Arbeiten Anfang der siebziger Jahre (ibid. 418ff; Berger 1971), wurden auf der Basis der in der Arbeitsgruppe "Entspannungsphysiologie" an meiner Fakultät geleisteten Grundlagenforschung weiterentwickelt (van Ingen Schenau, Bobbert, de Haan 1997a und 1997b). Sie verdienen mehr Beachtung und gehören m.E. ins Basisrepertoire von PsychotherapeutInnen. Diese Ansätze sollten auf einem Kongress nicht fehlen.
Aber es darf keineswegs allein auf "klinische Pragmatik" abgestellt werden - so wichtig sie ist. Es müssen vielmehr Grundsatzüberlegungen zur Erkenntnistheorie, zum Menschenbild, zum Therapieverständnis angestellt werden. Deshalb:

3.2.2. Anregungen zur Epistemologie:
Auf der Grundlage einer neurowissenschaftlich und wahrnehmungspsychologisch fundierten und sozialwissenschaftlich ernüchterten Phänomenologie, die seminaivem "Phänomenologismus", wie er nach Tholey (1984, 1986) für die Gestalttherapie kennzeichnend ist, eine Absage erteilt, werden die in mehrperspektivischem Blick wahrgenommenen und cerebral erfassten (d.h. durch Abgleichung wiedererkannten und mit anderen Wissensbeständen konnektivierten) Informationen hermeneutisch verarbeitet zur persönlichen Konstitution und Konstruktion von Realität (durch subjektive Theorien) und zur gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit (durch kollektive Kognitionen, soziale Repräsentationen und Diskursivität). Hier wird ein sozialer Konstruktivismus (Berger, Luckmann 1970, Petzold 1998a, 51ff), der das Verständnis integrativer Hermeneutik (Petzold 1991a) zugrundegelegt, welches die cerebralen Verarbeitungsprozesse gedächtnispsychologisch, bewusstseinstheoretisch (Metzinger 1995), neuro- und kognitionswissenschaftlich unterfängt und weiterhin die kulturgeschichtlichen und aktualen Kontexteinflüsse als Bedingungsgefüge metareflektiert als Beobachtung der Beobachtung (Luhmann 1992) und Reflexion der Reflexion, d.h. als »Metahermeneutik« (Petzold 1998a, 101ff, 157). Hier haben sich unsere phänomenologischen Orientierungen der sechziger Jahren an Husserl, Marcel, Merleau-Ponty, Schmitz und unsere hermeneutischen Referenzen bei Ricoeur, Gadamer, Habermas entwickelt hin zu einer transtheoretischen und transkulturellen Betrachtungsweise, die folgende Strukturierung vornimmt:
a) Monodisziplinarität: Hier wird ein Problem, eine Fragestellung, ein Objekt von einer Disziplin - der Medizin, Philosophie, Mathematik etc. - mit ihren Erkenntnismöglichkeiten und -instrumenten untersucht.
b) Multidisziplinarität: Hier wird ein Gegenstand, ein Phänomen, ein Problem von unterschiedlichen Disziplinen bzw. Vertretern unterschiedlicher Disziplinen untersucht: Die Verhaltensstörung z.B. wird aus medizinischer, psychologischer, soziologischer Perspektive betrachtet, jede Disziplin bleibt in ihrem Rahmen und gibt ihre Sicht auf die Fragestellung wieder. Multidisziplinäre Forschung bereichert die Disziplin, deren Gegenstand von anderen Disziplinen betrachtet wird: »das pluridisziplinäre Vorgehen überschreitet die Disziplin, aber seine Finalität bleibt auf den Rahmen disziplin-spezifischer Untersuchungen beschränkt« (Nicolescu 1996, 63f).
c) Interdisziplinarität: Hier werden Methoden einer Disziplin in den Bereich einer anderen übertragen und zwar anwendungsbezogen (Ansätze aus der biologischen Systemtheorie werden in die Familientherapie übertragen) oder theoretisch, z.B. erkenntnistheoretisch (die Prinzipien philosophischer Erkenntnistheorie werden in die erkenntnistheoretischen Fragestellungen der Psychologie oder der Jurisprudenz eingebracht). Wie die Multidisziplinarität bleibt die Interdisziplinarität beschränkt auf die disziplinspezifische Sicht. Nur für die Fragen des Austausches zwischen den Disziplinen kommt eine Ko-respondenz in Gang, die sich als Austausch zu einem Partikularproblem zwischen den Disziplinen gestaltet und/oder zu einem Wissenstransfer von einer Disziplin in eine andere führt, wobei die Grundprinzipien der transferierenden Disziplin erhalten bleiben und Adaptierungen als "Einpassungen" erfolgen.
d) Transdisziplinarität: Sie ist auf das zentriert, was zwischen den Disziplinen geschieht, quer durch die Disziplinen hindurch zur Anwendung und Geltung kommt und die Disziplinen übersteigt. Es wird nach Prinzipien gesucht, die den Bereich des Fachwissens und der Fachsprache - man steht hier oft genug vor einer durchaus bedrohlichen babylonischen Sprachverwirrung (vgl.: babélisation; Nicolescu 1996, 63) zwischen den Disziplinen - überschreiten können. Indem erkannt wird, dass die einzelne Disziplinen bestimmte - bzw. verschiedene - Realitätsebenen und Wirklichkeitsbereiche "monodisziplinär" aufgreifen sowie verschiedene Fokussierungen auf die Wirklichkeit haben, wird durch "Transdisziplinarität" ein neuer Raum eröffnet, nämlich der der Relation zwischen den Disziplinen, in dem "Trans-Qualitäten" offenbar werden (Petzold, Rodriguez-Petzold, Sieper 1996), die in der Interaktion von Disziplinen entstehen und die verschiedene Disziplinen übergreifen. Damit werden die Disziplinen als solche genauso wichtig wie die Regeln der Bezeichnungen und die möglichen Vernetzungen zwischen den Realitätsebenen, die Qualität entstehender Komplexität, die Logik des »eingeschlossenen Dritten« (Nicolescu 1996, 68). »La disciplinarité, la pluridisciplinarité, l´interdisciplinarité et la transdisciplinarité sont les quatre flèches d`un seul et même arc: celui de la connaissance« (ebd.69) <aus: Petzold 1998, 26f>
Diese "transdisziplinäre" Sicht wurde von uns noch »kulturalistisch« (Janich 1996) erweitert mit einem komplexen Kulturbegriff (Petzold 1998a, 309ff), denn für Kulturen (Megakulturen von Völkern, Sprachräumen und Staaten, Mesokulturen von Bildungs-, Gesundheits-, Wirtschaftssystemen, Mikrokulturen von Abteilungen,Teams, Gruppen, Familien) gilt die gleiche Differenzierung. Multikulturelle Settings und interkultureller Austausch fruchten nicht, wenn nicht transkulturelle Qualitäten gefunden werden, die für alle Beteiligten so wichtig und wertvoll sind, dass sie auf dieser Basis zu einem tragfähigen Miteinander finden - das gilt für ein sich vereinigendes Europa genauso wie für Wissenschaftskulturen oder die unterschiedlichen Kulturen psychotherapeutischer Mesoparadigmen (Gestalt, VT, PSA usw.). Nur ... bislang geschah da noch sehr wenig. Hier könnten Perspektiven für eine innovative Kongressdidaktik gewonnen werden, die auf Pluralität, Interdisziplinarität, Transkulturalität, auf die Generierung von Transqualitäten abzielt.

3.3.3. Zur Anthropologie:
Auch in anthroplogischer Hinsicht hat die Integrative Therapie ihre Positionen weiterentwickelt, wie die nachstehende Ausarbeitung der Basiskonzepte zeigt.
»Der Mensch - als Mann und Frau - ist Leibsubjekt und Teil der Lebenswelt, ein Körper-Seele-Geist-Wesen, verschränkt mit dem sozialen und ökologischen Kontext/Kontinuum und fähig, darin und beeinflusst von ökonomischen Bedingungen, kollektiven Sinnmatrizen und den in ihnen wirkenden Diskursen durch Ko-respondenz mit relevanten Anderen ein personales Selbst mit emergierendem Ich und transversaler Identität auszubilden. Er steht über seine Lebensspanne hin in einem "herakliteischen" Prozess beständigen Wandels - verstanden als konnektivierende Differenzierung, Integration, Kreation, Überschreitung. Wenn dieser Prozess gut verläuft, hat der Mensch die Chance, die Welt, die Anderen und sich selbst, d.h. seine sozialen Beziehungen und seine ökologische Bezogenheit, sein eigenes Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Wollen, Handeln mit seinen bewussten und unbewussten Strebungen immer besser verstehen zu lernen, ohne für sich jemals ganz transparent zu werden. Er erhält durch zunehmende Exzentrizität und Sinnerfassungskapazität die Möglichkeit, sein Begehren und seine Interessen hinlänglich zu steuern, an Souveränität zu gewinnen und in den inter- und transkulturellen Strömungen im Meer realer und virtueller Weltkomplexität immer besser zu navigieren. Er vermag dadurch persönlichen und gemeinschaftlichen Lebenssinn und vielfältiges Wissen zu erlangen, das er teilen und aus dem heraus er in die Sorge für sich selbst und für Andere investieren kann, engagiert für die Gestaltung von freien, mit Anderen ausgehandelten vielfältigen Formen "guten Lebens" und für kokreative Zukunftsentwürfe. Er vermag dieses Wissen aber auch zur Verwirklichung dominierender Macht bis hin zu Gewaltausübung und Destruktion von Mitmenschen oder Devolution von Mitwelt einzusetzen. Denn Menschen sind nicht einfach "vom Wesen her" gut, sie können indes Gutes wollen und tun und sie vermögen - permanent Komplexität generierend und sich beständig selbst überschreitend - Schönes und Grossartiges hervorzubringen, ihre Hominität und Humanität zu entwickeln. Ob es ihnen gelingt, sich aus einer menschenfreundlichen Haltung und ökosophischem Bewusstsein heraus zu begrenzen, wird die Geschichte zeigen.«
Dies sind aktuelle anthropologische Positionen der "Integrativen Therapie", deren Sustanz auch in der Elaboration seit ihrer ersten Fassung in der sogenannten "Grundformel" (Petzold 1965) erhalten blieb:
z.B. die Leib-, Kontext/Kontinuum- und Lebensspannen-Perspektive, die aber über die Jahre beständig reinterpretiert und in Aspekten permanent differenzierend ausgearbeitet wurde (z.B. mit der Affirmation einer "desillusionierten Perspektive" auf die Unterstellung einer an sich "guten Natur" des Menschen [idem 1996j], der Betonung, dass Hominität, d.h. die Qualität des Menschseins, und Humanität eine Aufgabe sei, die jeder Mensch und die Menschheit als Kollektiv immer besser zu realisieren habe [idem 1991a], was auch ein sich aus der ökologischen Eingebundenheit ergebende Notwendigkeit zu »ökosophischem«, dem Biotop Erde entsprechendem Handeln erfordert [idem 1992a, 495ff]; zu nennen ist noch der explizite Verweis auf Genderspezifität [idem 1998h] und auf die Wirkmacht kollektiver Matrizen und Diskurse [idem 1998f], mit der Referenz zum vernetzenden, emergenten Konnektionismus [vgl. Petzold 1998a, 1998h, Petzold, van Beek, van der Hoek 1994a] oder zu Konzepten des "guten Lebens" [vgl. Petzold 1978c; Steinfath 1998] und die nachfolgenden Ausarbeitungen in der Persönlichkeits- und Identitätstheorie (Petzold, Sieper 1998, 265ff) , um einige Entwicklungen aufzuweisen.
All diese Perspektiven einer offenen, vielfacettigen, transversalen Anthropologie ohne universalistische Geltungsansprüche, vor denen Foucault (1998, 501) mit guten Gründen gewarnt hat, kommen in den Selbsterfahrungsprozessen der Ausbildung von "integrativen" TherapeutInnen (Petzold, Steffan 1999), in den theoretischen Ko-respondenzen von Theoriegruppen und in strukturierten Erlebniseinheiten und Erfahrungsangeboten (Hausmann, Neddermeier 1996) zum tragen und könnten auch in einem interkulturellen und transdisziplinären europäischen Kongress angestrebt werden, auf dem die Teilnehmer sich selbst, ihr Selbst und die Welt in komplexen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozessen (Perrig, Wippich, Perrig-Chiello 1993; Petzold 1991a, 153-332) und in eigenleiblichem Berührt- und Betroffensein (Schmitz 1989, 1990) im Rahmen gegebener sozialer und ökologischer Kontexte genderspezifisch und genderinteraktiv über die Kongresszeit hin erleben und erfahren und diese Erfahrungen als wirkliche Anregungen mitnehmen könnten.
All diese, bisher umrissenen Konzepte müssen in eine "Therapietheorie" eingebunden sein, um einen konsistenten Rahmen zu erhalten. Ein solcher sei kurz umrissen.

3.3.4. Zur Therapietheorie:
komplexes Therapiemodell, klinische Entwicklungspsychologie "in der Lebensspanne", integrative Stresstheorie, protektive Faktoren und Salutogenese
Eine offene und weitausgreifende Therapietheorie war schon immer für den Integrativen Ansatz charakteristisch und ihre Ausarbeitungen sind weitergegangen. Sie könnten für einen künftigen europäischen Kongress Anregungen geben - insbesondere, wenn die therapietheoretischen Konzeptionen anderer Orientierungen präsentiert würden und es zu Ko-respondenzen kommen könnte, die Erkenntnisfortschritte zu bringen vermöchten.
Unsere aktuellen Positionen sind wiederum eine Ausfaltung unserer schon in den sechziger und siebziger Jahren vorgestellten Konzepte:
Die Integrative Therapie hat seit ihren Anfängen einen engen Bezug zu den "klinisch relevanten" Sozial-, Bio- und Neurowissenschaften gehabt. Die frühen Arbeiten in der Überlastungs- bzw. Stressforschung (Petzold 1968a,b) machten das schon deutlich. Sie wurden zu einer "integrativen Stresstheorie" mit einem integrativen Modell des Burnout ausgebaut (Petzold 1993g; van der Mei, Petzold, Bosscher 1997) und dieses Modell der "zeitextendierten Belastung und Überlastung" oder des situativen Hyperstress (traumatic stress) zeigte seinen explikativen Wert mit allen Altersgruppen, für die wir entlastende, stressverarbeitende Therapiestrategien entwickelten, in der Kindertherapie- (ders. 1968c, 1972e, vgl. heute ders. 1995a, Müller, Petzold 1998), aber auch in der Gerontotherapie (ders. 1965, 1985a, vgl. heute Petzold, Müller 1997).
Die Arbeit mit den verschiedenen Altersgruppen hat uns in den Kontext einer Denk- und Forschungsrichtung gestellt, die wir aktiv mit vorantreiben konnten: die »Entwicklungspsychologie der Lebensspanne« (Baltes, Eckensberger 1979), die wir als mehrperspektivische »klinische Entwicklungspsychologie« (Petzold 1992d, 1999 vgl. jetzt Oerter et al. 1999) konzeptualisierten, gerichtet auf protektive und Risikofaktoren (ders. 1995a, ders., Goffin , Oudhof 1993), auf "soziale Netzwerke" als Weggeleit, "Konvois" (ders. 1979c, 1985a, Hass, Petzold 1999).
Viele dieser Konzepte transportierten wir als erste in das Feld der Psychotherapie, indem wir unseren Ansatz zu einer entwicklungszentrierten »Integrativen Therapie in der Lebensspanne« (Petzold 1990e) ausbauten und unter beständigem Bezug auf die Longitudinalforschung affirmierten, dass Psychotherapie - wie auch Psychotherapieausbildung (Petzold, Steffan 1999), ja Bildungsprozesse schlechthin (Petzold, Bubolz 1976; Petzold, Sieper 1977;, Sieper, Petzold 1993) - Prozesse lebenslanger, persönlicher und sozialer Entwicklung sind, der Sozialisation und Enkulturation, des Hineinwachsens in Sozialitäten und Kulturen, (Schmidt-Denter 1998; Hurrelmann 1995), die wir selbst aktiv, "kokreativ" mitgestalten (Petzold, Orth 1997). Vor einem solchen Hintergrund, in einem solchen Entwicklungsweg werden mehr und mehr Wissensbestände und Erfahrungen konnektiviert und es gewinnt das Verständnis von Therapie an Vielfalt und Prägnanz zugleich!
Das Psychotherapieverständnis der "Integrativen Therapie" war und ist denn auch mehrperspektivisch und ist als solches auf verschiedenen Ebenen des "Selbstverständnisses" dieses Verfahrens definiert worden, nämlich aus der Perspektive der TherapeutInnen und aus der der PatientInnen (Petzold 1990i, Petzold, Orth 1999 ), auf der Ebene eines »Metamodells der Humantherapie und Kulturarbeit« (ders. 1991a, 1992a), auf der Ebene der "klinischen Theorie" (ders. 1992a, 1993a) und auf der Ebene der klinischen, gesundheits- und entwicklungsfördernden "Praxeologie" (Petzold 1991a, 11f). In einer übergreifenden und zusammenfassenden Definition formulieren wir:

Psychotherapie ist:
1. eine klinische Behandlungsmethode,
2. Instrument der Gesundheitsförderung,
3. Weg der Persönlichkeitsentwicklung und in all diesen Funktionen als erkenntnisgerichtete Selbsterfahrung und veränderungsgerichtete Projektarbeit eine wesentliche Kulturtechnik: sie ist also
4. immer auch als "Kulturarbeit" zu verstehen.
Auf diese zentrale Funktionen, in welchen Psychotherapie sich wieder und wieder selbst überschreiten und hintersteigen muss und den Diskurs mit den anderen Kulturwissenschaften, Sozial- und Naturwissenschaften braucht, müssen sich Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten immer wieder besinnen, wenn sie eine »Hermeneutik des Subjekts« (Foucault 1989), eine »intersubjektive Hermeneutik« (Petzold 1991a, 187) bewusster und unbewusster Lebenswirklichkeit in Kontext und Kontinuum betreiben wollen, die über das Wahrnehmen, Erfassen und Verstehen individueller Schicksale hinaus in den gesellschaftlichen Raum und seine Geschichte vordringen will, ja in den kollektiven Untergrund unseres evolutionsbiologischen und sozialhistorischen Herkommens, um nach Erklärungen zu suchen, auf deren Grundlage besonnenes, aber auch sich einmischendes und Veränderungen wollendes Handeln möglich und wirksam wird.
Da das Psychische, d.h. das erlebende Subjekt, nicht von seiner leiblichen Grundlage und seinem kulturellen Boden getrennt und aus seinen individuellen und kollektiven Bezügen und sozialen Vernetzungen auf der Mikro-, Meso- und Makroebene herausgelöst werden kann, muss der Rahmen einer rein psychologischen Perspektive immer wieder überschritten werden. Deshalb hatten wir seinerzeit das Konzept der Psychotherapie zu einer integrativen "Humantherapie" erweitert.
Nach den in der oben gegebenen Definition aufgezeigten Perspektiven lassen sich für die Psychotherapie als Integrative Therapie also folgende Dimensionen herausstellen:

Psychotherapie hat
1. eine kurative Dimension. Sie heilt oder lindert seelische oder somatoforme (bzw. psychosomatische) Störungen und Leidenszustände mit Krankheitswert (Pathogenese-Perspektive) und hilft Patienten und Klienten bei schweren Belastungen, Konflikten und Lebensproblemen. Sie unterstützt also das Selbst in seiner "klinischen Selbsterfahrung", d.h. bei den erforderlichen Erkenntnis-, Einsichts- und Bewältigungsprozessen.
2. hat Psychotherapie eine gesundheitsfördernde Dimension. Sie trägt zu einer "gesundheitsbewussten Lebensführung" und zu einem "gesundheitsaktiven Lebensstil" von Patienten, Klienten und Kunden bei, und dies keineswegs nur aus Gründen der Prävention als Verhinderung möglicher Krankheit, sondern aus der Erkenntnis, dass Gesundheit ein kostbares Gut und eine Lebensmöglichkeit ist, die mit unterschiedlicher Intensität und Qualität entwickelt werden kann (Salutogenese-Perspektive), wobei psychotherapeutische Methoden der Selbstexploration und Selbststeuerung mit der Zielsetzung "salutogenetischer Selbsterfahrung" verwandt werden.
3. Psychotherapie hat eine persönlichkeitsentwickelnde Dimension - für Patienten wie für gesunde Klienten und Kunden -, in der Erkenntnisse und Methoden psychotherapeutischer Verfahren eingesetzt werden (z.T. unter Bezeichnungen wie Persönlichkeitstraining, Selbsterfahrungsanalyse, Coaching, Mentoring), um in "personaler Selbsterfahrung" die eigene Lebensführung aktiv zu planen, zu gestalten und voranzubringen: d.h. bespielsweise, seine »persönliche Souveränität« (Petzold, Orth 1997b) zu entwickleln, problematische Seiten zu meistern, für sich in angemessener Weise »Sorge zu tragen« (Foucault 1986), seine Potentiale zu entfalten, einen Lebensstil der A u f r i c h t i g k e i t gegenüber sich selbst und der F r e i m ü t i g k e i t Anderen gegenüber zu gewinnen (Parrhesie-Perspektive ).
4. Psychotherapie hat eine kultur- und gesellschaftskritische Dimension, indem sie aktiv »Kulturarbeit« (S. Freud) und kritisch und engagiert »Gesellschaftsarbeit« (Paul Goodman, Michel Foucault, Ruth Cohn) betreibt - spezifisch für und mit Patienten, aber auch mit Blick auf übergeordnete Problemstellungen. Sie will in "kultureller Selbsterfahrung", d.h. in multikulturellen, interkulturellen, transkulturellen und kulturkritischen Erfahrungen (Petzold 1998a, 26f, 309ff) dazu beitragen, dass nicht nur für individuelle Dynamiken Bewusstsein gewonnen wird, sondern durch Diskursanalysen und Metareflexionen (ibid.157) auch für kollektive, zumeist unbewusste bzw. nicht-bewusste Kräfte - positive wie destruktive -, die den Menschen, die Gesellschaft, die Kultur bestimmen. Ziel ist, die Bereitschaft wachsen zu lassen, dass man sich mit diesen Diskursen der Macht, der Wahrheit und des Wissens (Foucault 1998) - kritisch und metakritisch ko-respondierend - auseinandersetzt, aktiv wird und sich einzumischen wagt, wenn Unrecht geschieht, um Situationen der Destruktivität und Entfremdung zu überschreiten (Transgressions-Perspektive). Nur so können Kultur und Gesellschaft in gemeinsamer Arbeit besonnen, verantwortlich und konstruktiv gestaltet werden. Psychotherapie hat hierzu ihren Beitrag, wie bescheiden er auch immer ausfallen mag, zu leisten. Ein Europäischer Kongress böte hierfür eine ausgezeichnete Perspektive.
Die vier Grundfunktionen von Psychotherapie sind also rückgebunden an eine breite klinische, aber nicht einseitig medizinalisierte, Salutogeneseperspektiven einbeziehende Konzeption von Therapie als "Humantherapie", die über eine differenzierte Metatheorie (Epistemologie, Anthropologie, Ethiktheorie), klinische Theorie (Persönlichkeits-, Entwicklungs-, Gesundheits-/Krankheitstheorie etc.) und Praxeologie (Prozess-, Interventions-, Methodentheorie etc., vgl. Petzold 1992a, 457ff und 1998a, 96f) verfügt.
Eine solche Konzeption, soll sie durch ausübende Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen als Vision angestrebt und immer wieder in Teilaspekten - weiter geht der Anspruch nicht - verwirklicht werden, muss theoretisch verstanden, ethisch bejaht, persönlich erlebt worden sein.
Und auch Formen praktischer Intervention in adäquater, situations- und indikationsgerechter Umsetzung müssen erfahren worden sein, soll eine differenzierte und effiziente "interventive Performanz" erworben werden.
Die vier genannten "Dimensionen" der Selbsterfahrung (Petzold, Steffan 1999),
1. die klinische,
2. die salutogenetische,
3. die personale und
4. die kulturelle sind demnach unlösbar mit dem Verständnis von Psychotherapie in Theorie und Praxis (einschliesslich der Ausbildungs- und klinisch-therapeutischen Selbsterfahrung) im Integrativen Ansatz verbunden: I. Instrument der Krankenbehandlung und Problembewältigung zu sein, II. Methode der Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden zu sein, III. Instrument des Selbstgewinns und der Persönlichkeitsentwicklung, sowie IV. Instrument der Gesellschaftskritik und Kulturarbeit zu sein.
Mit einem solch breiten Therapiekonzept hätte man einen Rahmen, für die "Feldentwicklung" und auch für eine Kongressdidaktik.

4. Schlussbemerkungen und Ideen zu eventuellen Zielen und Formen einer Tagungsdidaktik:
Wenn man, wie ich, so viele Kongresse, Symposien, Fachtagungen, Studientage auf nationaler und internationaler Ebene - mit Orten von Norwegen bis in die Türkei, Portugal bis Jugoslawien waren es weit über 60 (Sieper, Schmiedel 1993) - initiiert, vorbereitet, organisiert oder mitorganisiert hat, zumeist erfolgreiche, wenige ohne Fortune, Event-Tagungen, berufs- und verbandspolitische Tagungen, wissenschaftliche Symposien und Arbeitstagungen im Sinne des Begriffs, beginnt man über das Tagungsgeschehen mit einer gewissen Exzentrizität nachzudenken.
Unter "meinen" Tagungen waren viele Pionier-, Innovationstagungen, die meinen Interessen und meiner Kreativität entsprangen, darunter zahlreiche Initialtagungen, die Tagungstraditionen begründen konnten.
Vor solchem Hintergrund, wie ihn nur wenige haben, denn meistens war ich Ideengeber und Hauptorganisator, unterstützt durch meine KollegInnen und MitarbeiterInnen - vor allem Johanna Sieper, Hildegund Heinl, Ilse Orth, Ingrid Daniel -, habe ich meine eigene Sicht zu Symposien, Fachtagungen und Kongressen entwickelt.
Als Erfahrungsfeld kommen ja noch hinzu die vielen Tagungen, an denen ich als Vortragender, mit Seminaren, mit Hauptreferaten, bei Podiumsdiskussionen mitgewirkt habe - und das waren über die von mir selbst organisierten hinaus mehr als 200.
Die meisten waren Ausdruck kurzlebiger Aktualitäten, in der Regel organisational gut durchdacht, zumeist aber ohne wirkliches Nachsinnen vorbereitet, mit einer informationszentrierten, oft auch erlebniszentrierten, kaum aber einmal mit einer vertieften erkenntniszentrierten Ausrichtung.
Darunter verstehe ich u.a., dass man den Ereignischarakter der Tagung und der in ihr stattfinden Diskurse (Habermas 1971) und Ko-respondenzen (Petzold 1978c, 1991e) ernst nimmt und Ereignismöglichkeiten bereitstellt, keine flachen "events". In Ereignisräumen, die heterotop sind, entsteht ein "zwischen" - nicht im Sinne Bubers sondern im Sinne Foucaults - in dem alles in der Schwebe sein darf. »Die Heterotopien signalisieren das Unmögliche eines Denkens und die Möglichkeit des Ereignisses. Sie gebären die Blitze des Werdens. ... Schrecken, Staunen, Lachen, Tanzen, Sprechen, Denken, Schreiben - das alles Intensitäten und Witterungsverhältnisse der Existenz«, wie Mazumdar (1998, 26) die Ereigniskonzeption von Foucault zusammenfasst, in der jeder das »Kunstwerk seiner Existenz« gestalten darf - ein »Agent des Heraklit« (ibid. 27).
Es wird damit auch jedem parrhesiastische Freiheit zugestanden, die ihn zum Akteur, zum Schöpfer werden lässt, nicht zum Konsumenten von Kongressinformationen, sondern ihm Räume der Kokreation zur Verfügung stellt, in denen das herkaliteische Fliessen zu einem "Konflux", einem wirbelnden, schöpferischen "Geschehen miteinander" wird (Petzold, Orth in: Petzold 1998a, 255 ff).
Manche unserer kunsttherapeutischen Tagungen hatten eine solche Qualität, nicht nur, weil wir auf dem Hintergrund von Foucault (1998) die oft als plakativ missverstandene These von Joseph Beuys umsetzen konnten - »jeder Mensch ist ein Künstler« (siehe den Originaltext und seinen Kontext in Petzold, Orth 1990a, 33-40).
Derartige Tagungen waren selten. Sie bedürfen der intensiven inneren Vorbereitung, der Auseinandersetzung mit der Idee der Kokreation, aber auch mit den Bedingungen von Kontext/Kontinuum, und natürlich mit den Referenten - lange im Vorfeld. Man muss sie für die Ideen der Teilnehmerbeteiligung, für eine kokreative Kongressdidaktik gewinnen, begeistern, so dass sie der Kongressidee dienen und nicht nur die eigene Selbstprofilierung im Sinne haben auf der Bühne des kongressualen Theaters (Goffman 1959).
Mit dem Blick auf die Fachlichkeit, die Wissenschaftlichkeit, sollte eine Tagung der Ereignisse - und es geht ja keinenfalls um blossen Aktionismus - die stattfinden Diskurse in den Blick nehmen, besonders ihre eigenen.
Es geht darum, die Aussagen der Sprechenden in der »Enge und Besonderheit ihres Ereignisses zu erfassen, die Bedingungen ihrer Existenz zu bestimmen ..., zu zeigen, welche anderen Formen der Äusserung sie ausschliesst.
Man sucht unterhalb dessen, was manifest ist, nicht das halb verschwiegene Geschwätz eines anderen Diskurses; man muss zeigen, warum er nicht anders sein konnte als er war, worin er gegenüber jedem anderen exklusiv ist, wie er inmitten der anderen und in Beziehung zu ihnen einen Platz einnimmt, den kein anderer besetzen könnte« (Foucault 1998, 300).
Es geht also um Diskurse der Macht und der Freiheit (Petzold, Orth, Sieper 1999), und das könnte eine Kernqualität eines Kongresses für Psychotherapie sein, einen differentiellen und integrativen Erkenntnisgewinn zu entwickeln, einen "Willen zum Wissen", der sowohl den Erkenntnisweg des souveränen Subjekts (Petzold 1998a, 275) zu beschreiten und zu nutzen weiss als auch - solche Souveränität dekonstruierend - in die abgründigen Reiche der Kultur und Unkultur vorzudringen bereit ist (idem 1986h, 1996k), um die von Foucault herausgearbeiteten "drei grossen Problemtypen" auszuloten: das Problem der "Wahrheit" , das der "Macht" und das der "individuellen Lebensführung" (und wir würden noch einfügen: "und kollektiven Lebensführung".)
Diese drei Erfahrungsbereiche können nur »in ihrer wechselseitigen Beziehung und nicht unabhängig voneinander verstanden werden« (so Foucault am 29. Mai 1984 in seinem letzten Interview, in: Mazumdar 1998, 485, unsere Hervorhebung. Dies sei allen Philosophen und Psychotherapeuten als Leitprinzip emfohlen, ein Prinzip, das selbst wiederum dekonstruierend hinterfragt werden muss, denn es geht ja nicht nur um das Erfassen der »Prozesse und Ergebnisse des wissenschaftlichen Bewusstseins« sondern auch darum, zu erfassen, »was diesem Bewusstsein entging: die Einflüsse die an ihm hafteten, die impliziten Philosophien, die ihm zugrunde lagen, unartikulierte Thematik, die unsichtbaren Hindernisse [..] das Unbewusste der Wissenschaft« (Foucault 1998, 247).
Durch vielfältige, multidisziplinäre Beobachter (keineswegs nur durch "Gruppendynamiker" oder "Analytiker", die mit ihren langweiligen immer wiederkehrenden Interpretationsschablonen selbst in "anonymen Diskursen" gefangen sind, und durch interdisziplinäre Diskurse über das Beobachtete, für die es Ko-responzenräume geben muss, könnten die "Wahrheitsspiele" (ibid. 499) eines Psychotherapiekongresses mit der "Geschichte der Irrtümer" (ibid. 498), der Psychotherapie und auch ihren Einsichten über Wahrheiten in transdisziplinären Ereignissen Transqualitäten emergieren (Petzold 1998a, 240). Das könnte neue, spezifische Wahrheiten der »Anderen« (Lévinas 1983) zugänglich machen, aber auch neue, übergreifende Erkenntnisse hervorbringen. Lévinas" radikale Wertschätzung des Anderen, Foucaults Konzepte der Archäologie, der Dispositive, Diskurse, Derridas Modell der Dekonstruktion, Deleuzes Leidenschaft für Pluralität - ein transversaler, transdisziplinärer Zugang also (Welsch 1996; Petzold 1998a) - könnten fruchtbare Leitlinien für eine Kongressidee und Kongressdidaktik bieten Nur wenige Kongresse habe ich in dieser oder in anderer Weise theoriegeleitet erlebt. Nur wenige generierten "Transqualitäten". Selbst konnte ich in einigen der kleineren Tagungen solche Qualitäten fördern. Bei den grossen gelang m.E. etwas davon auf dem ersten Europäischen Kongress für Gestalttherapie in Wiesbaden und dem ersten Europäischen Kongress für Tanztherapie an der FU Amsterdam. Am besten, finde ich, gelangen Tagungen, die ich beraten und im Team gestalten konnte, so z.B. die ersten "Österreichischen Kreativitätsforen" (1971/1972) mit Kathrin Martin , Tagungen bei "Pro Senectute Österrreich" mit Dipl.Sup. Magdalena Stöckler und Dr. Isabella Kernbichler oder, seit mehr als zehn Jahren, die Tagungen und Studientage in der Bildungsakadamie "Maria Trost" bei Graz zu Themen der Thanatologie, Krankenhauskultur, Altenarbeit und Pflege im Team mit Paul Benedek und Prof. Dr. Erika Horn.
Eine besondere Qualität generiert intensive Teamarbeit in multidisziplinären (bei internationalen Tagungen multinationalen) Teams, in der es nicht um Tagungseffekte geht, sondern darum, Erkenntnisprozesse aus dem Engagement für und in der Zusammenarbeit mit den Zielgruppen (z.B. Schwesternverbänden, Patienteninitiativen, Krankenschwester- und Altenpflegeschulen, Krankenhäusern, Hospizverbänden) zu ermöglichen. Sie waren für mich die fruchtbarsten, weil es zu Synergien, Konfluxprozessen (Petzold, Orth, in Petzold 1998a, 255-302), kokreativer Zusammenarbeit mit den Zielgruppen und Betroffenen kam - besonders beeindruckend mit den "aktiven Senioren" in Wien (Petzold, Stöckler 1988) oder in unseren Tagungen mit SelbsthelferInnen von der Selbsthilfeberatungsstelle des FPI in Düsseldorf (Petzold, Schobert 1991), bei der wir über mehrere Jahre in der Kooperation von Selbsthelfern und Professionellen in »doppelter Expertenschaft« (Petzold 1990i) Tagungen gestalten konnten.
Deshalb halte ich es für einen künftigen Therapiekongress für ein absolut zentrales Moment, dass in breitem Masse "Patienten als Partner" in die Planung und Durchführung einbezogen werden und man diese wichtigste Gruppe des psychotherapeutischen Feldes - in welchem man die Begriffe "Partnerschaft", "Intersubjektivität", "Dialog", "Emanzipation" so leicht auf der Zunge trägt -, wirklich anspricht und mitwirken lässt, ohne sie als "zu gefährdet" zu stigmatisieren oder anderweitig zu klientelisieren. Diese sehr häufig bei PsychotherapeutInnen anzutreffende Haltung der Entmündigungen ist nach meinen Erfahrungen als Supervisor und Kontrollanalytiker oft geradezu ursächlich für schleppende Behandlungsverläufe und ausbleibende Therapiefortschritte anzusehen.
Dahinter steht die Angst der Therapeuten, den Diskurs der Patienten zu hören und sich ihm auszusetzen, ihre Meinungen über Therapie, ihre Therapie, ernst zu nehmen.
Auf dem grossen AGPF-Kongress in München zum zwanzigjährigen Bestehen dieses von mir 1977 initiierten Zuammenschlusses von Verbänden psychotherapeutischer Schulen, bei dem ich ein erstes "Patientenforum", unterstützt von Angela Steffan und der Hamburger Verbraucherschutzzentrale, organisieren konnte (Dudler et al. 1997), mussten wir die professionellen Kongressteilnehmer geradezu zu der Veranstaltung treiben, von den Gängen holen, sonst wäre das Forum nicht zustande gekommen. Was in dem dann doch vollen Saal von Patientenseite und aus den Dokumentationen der Mitarbeiterin der Verbraucherzentrale zu hören war, war bedrückend.
Eine nicht mehr abreissende Ko-respondenz zwischen den Gruppen mit ihrer dysfunktionalen Trennung im psychotherapeutische Feld, zwischen TherapeutInnen und PatientInnen bzw. KlientInnen sollte auf einem wirklich zukunftsweisenden Kongress initiiert werden, zur Annäherung, Angrenzung zwischen den Schulen, zwischen den Geschlechtern, zwischen den Professionen, zwischen den Statusebenen Therapeut/Patient.
Das ist nicht das "zwischen" Bubers, welches dyadisch zentriert ist und seinem Verschmelzungsversuch von Chassidismus und Nietzscheanismus zu einer jüdischen Lebenstheologie entsprang (Mendes-Flohr 1998) und mit dem er den modernen Individualismus in einer religiös gegründeten Gemeinschaftserfahrung "aus der Begegnung" (und im Kontext der Assimilation) überwinden wollte (Robertson 1998). Obgleich Foucault gleichfalls in starker Referenz zu Nietzsche steht, entbehrt sein "zwischen" der theologisierenden Beimischungen. Es ist nicht imprägniert von Bubers jüdisch-nationalistischen Anliegen einer religiös-charismatischen Volksbewegung, von seiner romantisierenden Alltagsmystik des Tuns "in Heiligkeit" (Buber 1963), zu der er den Chassidismus stilisiert hat (vgl. die Kritik von Leibowitz 1992) und von der "Sakralisierung" des Zwischenmenschlichen in einer heiligenden Ich-Du-Beziehung. Das sind Hintergründe von zentralen Konzepten bei Buber mit ihren oftmals moralisierenden Implikaten (man könnte bei ihm vom Diskurs einer subtil kollektivierten, weil von der Gemeinschaft selbst ausgeübten "Pastoralmacht" [Foucault 1982] sprechen). Bubers Denken als "Leitideologie" für die Psychotherapie oder gar als Referenztheorie für eine psychotherapeutische Ethik zu reklamieren, wie es Portele, Yontef, Hyncer (in Doubrawa, Staemmler 1999) und viele Praktiker humanistischer Psychologie tun (Friedman 1987) erscheint mir bei diesen Hintergründen schwierig, gerade auch bei den Motiven für diese Wahl: das Fehlen eigener therapiespezifischer Grundpositionen in der Therapietheorie, die Sehnsucht nach Freiheit, liebevollem Miteinander, eine Auflehnung gegen Fremdbestimmtheit (aber eben nicht aus einer konsequent anarchistischen Haltung - die sozialistischen Anarchisten Buber [1985a] und Landauer [1911] riskierten ihr Leben, Landauer verlor es!) - all das findet sich im Werk des jüdischen Philosophen in grosser Konzentration. Aber ist es übertragbar auf unsere Situation, stimmen die Hintergründe und Kontexte (Buber 1978, 1985b, vgl. Wolf 1992), die Implikate (Buber 1953, 1993, vgl. Wehr 1996), stimmt der utopische Entwurf, der mit all diesem verbunden ist (Buber1985) für unsere Zeit und für eine fundierte, patientenzentrierte klinische Psychotherapie (Helg 1992)?
Stimmt die Vision und sind humanistisch orientierte TherapeutInnen bereit und in der Lage - wenn sie schon eine Bubersche Lebensphilosophie für ihre therapeutische Grundhaltung und ihr Leben wählen - diese auch in ihrem Leben umzusetzen, und das kostet Einsatz?
Das sind parrhesiastische Fragen, die man in Aufrichtigkeit gegen sich selbst und Freimut gegen Andere in Begegnung und Auseinandersetzung "über Visionen" unter Therapeuten und Patienten, bei Treffen, Tagungen, Symposien stellen und diskutieren müsste. Das beindruckende Denken und die beeindruckenden Lebensleistungen von Martin Buber, aber auch von Emmanuel Lévinas oder Michel Foucault (und man sollte es nicht unterlassen zugleich auf Simone de Beauvoir, Judith Butler, Julia Kristeva, Donna Haraway u.a. zu schauen) bedürfen der transformativen Auseinandersetzung, wenn man sie für die eigene Lebenspraxis und für das eigene pädagogische und therapeutische Handeln nutzen will (was blieb von Bubers Pädagogik?): sie müssen heruntertransformiert werden auf die eigene Lage, die eigenen Situationen, ansonsten hängt man "hehren Visionen" nach und stilisiert Vorbilder zu enthobenen Ikonen und verbleibt in Wunschdenken und Gerede, weil man die hohen Massstäbe nicht umsetzen und erreichen kann, oder man geht gar nicht erst zu diesen Höhen, geschweige denn, dass man bereit ist in die damit zumeist verbundenen oder aufgerissenenTiefen und Abgründe zu schauen oder auf die Banalität der Realität - was blieb von Bubers und Landauers Visionen, was wurde überhaupt je realisiert, was ist Israel heute (trotz des Engagements von Buber [1983] oder Leibowitz [1992] für ein Zusammenleben mit den Arabern).
Was hat die Verwirklichung von Utopien oder weiterführenden Visionen verhindert?
Das wird zu einer zentralen, notwendigen und vielleicht weiterführenden Frage, wenn man den Mut hat sie zu stellen. Heruntertransformiert könnte sie lauten: Was wurde aus der enthusiastischen Gestalttherapie der sechziger und beginnenden siebziger Jahre in den USA und hierzulande?
In der flachen und idealisierenden Buber-Rezeption in Kreisen humanistischer Psychotherapie, besonders in der Gestaltszene, wurden solche Fragen bislang nicht gestellt (bei manchen Leuten ist es geradezu ein Sakrileg, Bubersche Positionen kritisch in Frage zu stellen).
Durch die selektive und unkritische (vielleicht auch einfach kenntnislose) Uebernahme bestimmter ansprechender Ideologeme und zumeist dekontextualisierter "Kernideen" Bubers wurden Hintergrundsprobleme (Robertson 1998) nicht zur Kenntnis genommen oder unterblieb die transformative Zupassung.
Das zeigen neuerlich die Mehrzahl der Arbeiten in einem anregenden Sammelband von Doubrawa, Staemmler (1999) zu einer Buberorientierten "dialogischen Gestalttherapie", in denen keine einzige kritische Publikation zu Bubers Positionen oder zur Dialogtheorie (Waldenfels 1970) verarbeitet wurde, die Diskussion und die (bei jüdischen und christlichen Autoren sehr divergierende) Bewertung des Werkes, die Rezeptionsgeschichte also, ausgeblendet ist und die "Genealogie" (Nietzsche/Foucault) und die Implikate des Buberschen Dialogbegriffes nicht zur Sprache kommen. Das gäbe Material für diskursive Auseinandersetzungen - nicht in Artikelserien, sondern life in Ko-respondenzgruppen, Werkstätten auf einem Symposion, auf einem Kongress. Hier könnte das Hingezogensein von TherapeutInnen zu Bubers Konzepten zur Sprache kommen, das, was sie für Therapie bringen - es könnte bedeutsam sein-, aber es könnten auch die humanistisch-psychologischen Tendenzen zur vereinnahmenden Brüderlichkeit durch wohlmeinende Verschwisterung aufgegriffen, offengelegt, problematisiert werden - ein Humanismuskonzept, gegen das sich Foucault (vgl. Dauk 1989; Miller 1998) prononciert ausgesprochen hat, indem er seine "Dispositive der Macht" (Foucault 1978a) und seine implizierten "Wahrheitsspiele" (Mazumdar 1998; für die Psychotherapie vgl.Petzold, Sieper, Orth 1999) denunzierte. (Es ist im übrigen interessant, wie Buber in diesem neuen Buch von Doubrawa/Staemmler seinerseits von einigen AutorInnen für die Gestalttherapie vereinnahmt wird - und er hatte sich schon von dem seinem Denken durchaus näherstehenden Ansatz von Rogers seinerzeit nicht eingemeinden lassen, vgl. Buber, Rogers 1992). Man muss im Transfer auf die Psychotherapie genau hinschauen. So spricht Buber z.B. - besonders mit Blick auf das pädagogische und therapeutische Beziehungsgeschehen - in subtiler Top-down-Qualität von "Umfassung" (u.a. durch empathische Bemächtigung: »Ich kann in ihm [dem Patienten s.c.] den Menschen mehr oder weniger erkennen, der zu werden er geschaffen wurde«, Buber 1993, 258).
Gegen solche unterschwellige Vereinnahmung hat sich das Denken von Lévinas radikal abgrenzt. Es wird hier ein Thema deutlich, das von höchster Aktualität und Brisanz ist, weil sich mit verändernden Zeiten auch Konzepte wie Begegnung und Beziehung, Beziehungsmöglichkeiten und -qualitäten verändern, sie können nicht (wie bei Buber, vielleicht auch bei Lévinas, man kann ihn so interperetieren) transhistorisch festgelegt werden. Kann man sie ontologisieren und wenn ja, wie sind zwischenmenschliche Grundverfasstheiten zu kontextualisieren und zu interpretieren?
Solche Basisthemen müssen im therapeutischen Feld durch institutionalisierte Diskurse, Ko-respondenzen (Petzold 1991e) mit parrhesiastischer Qualität immer wieder aufgeriffen werden - auf jedem Treffen, jedem Kongress, nur dann wird aus Diskursivität, Koreflexivität, mehrperspektivischen Metareflexionen (ders. 1998a) vielfältige Praxis möglich und kann produktive Feldentwicklung (Petzold 1998a, 8f, 85, 175) erfolgen.
Die Frage: Wie wird menschliche Relationalität - Konfluenz, Kontakt, Begegnung, Beziehung, Abhängigkeit, Hörigkeit (Petzold 1991b) - hier und heute und in unterschiedlichen Kontexten bestimmt? muss immer wieder neu gestellt werden und damit sind andere Fragen verbunden: Was bedeutet "Ich" bei Buber, was bei F.S.Perls (1969), der meinte: »We have to debunk the ego and all that crap«.
Kann man, wie es Lore Perls und viele GestalttherapeutInnen tun, die Begriffe Kontakt und Beziehung (oder Begegnung) gleich setzen?
Was meint Beziehung und Begegnung in der Feinstruktur therapeutischen Handelns, in der Arbeit mit spezifischen Störungsbildern, z.B. Borderline -Persönlichkeitsstörungen?
Welche Diskurse artikulieren sich im Gebrauch dieser Begriffe, in therapeutischen Kontexten zumal?
Wo muss Ko-respondenz welche Form und Qualität haben und wo kommt sie an ihre Grenzen, scheitert sogar?
Da Kongresse Orte des Zusammentreffens von Menschen sind, gilt es zu überlegen: Welcher Begegnungs- und Beziehungskultur oder besser wohl, welchen Kulturen der Relationalität will man Raum geben oder welche gar fördern? Ein Klima der Vereinnahmung - nicht zuletzt der harmonistischen -, ein flach verbrüderndes "zwischen", sollte wohl auf einem kommenden Kongress vermieden werden, denn es hält nicht vor, trägt nicht über den Abend, an dem der "Kongress tanzt", hinaus.
Was blieb von Palermo, der verheissenen Unterstützung, dem beschworenen Zusammenhalt?
Aber vielleicht sind diese Überlegungen schon zu zensierend, ausgrenzend, Angrenzungen und Überschreitungen verhindernd!
Was könnte nämlich geschehen, wenn Adepten des Buberschen oder Lévinastischen Beziehungskonzeptes aufeinandertreffen, zusammentreffen in einem Foucaultschen "zwischen"? Was könnte da emergieren (Petzold 1998a, 41, 71f. 240?
Wo würden also durch Einschränkung, Vorzensur "Kokreativität" und das "Emergenzpotential"(ibid. 236ff, 312) aus dem Zusammenfliessen aller Ressourcen und Potentialitäten, aus ihrem Konflux (Petzold, Orth 1997) behindert?
Das "zwischen" Foucaults machte seinerzeit in seinen Gefängnis- und Psychiatrieaktionen und -projekten "Blitze des Werdens" in Ereignissen (sensu Foucault) möglich, weil aus heterotopen Räumen und der Differenz gesprochen werden konnte, die am Ort der G r e n z e manifest wird (die für die Gestaltherapie so zentrale Konzeption der Grenze, theoretisch bislang kaum ausgearbeitet, wäre mit Lévinas und Foucault wahrscheinlich besser zu fundieren als mit Buber).
Aber greift dieser Ansatz auch heute, greift er bei TherapeutInnen, die es mit der Parrhesie nicht immer einfach haben - untereinander und zu den PatientInnen hin?
Das muss experimentiert werden, vielleicht auch mit einigen Mühen erarbeitet, erstritten werden als Bemühen um eine parrhesiastische Begegnungskultur, Beziehungskultur, Feldkultur (verstanden im Sinne eines komplexen Kuturkonzeptes, wie wir es in Projekten zur Entwicklung von Organisationkultur erarbeitet haben, vgl. ibid. 42ff, 244, 312, 316 et passim).
Und welche Kulturen gibt es noch, lohnt es auszuprobieren, zu entwickeln? Ich halte hier monolithe Konzepte, Konzepthegemonien für unfruchtbar.»Die Grenze, das ist der Brunnen des Werdens, der nur zwischen Räumen, jenseits und abseits der Ökonomien der Identität, Eindeutigkeit und Verlässlichkeit, ungehindert fliessen kann. Deshalb hat der Aufenthalt an den Grenzen [...] den Charakter der Überschreitung. An den Grenzen geraten diese Ökonomien in ein Überborden; die Spannkraft der Andersheit der Räume entlädt sich im Exzess des Ereignisses«, wie Mazumdar (1998, 57) Foucaults Position zusammenfasst.
Das mag beunruhigend sein, weil man sich dem Fremden, dem Neuen aussetzen muss, und sei es dem Neuen in sich selbst. »Die Heterotopien beunruhigen, wahrscheinlich, weil sie heimlich die Sprache unterminieren, weil sie verhindern, dass dies und das benannt wird, weil sie die gemeinsamen Namen zerbrechen oder sie verzahnen [...]. Sie lösen die Mythen auf und schlagen den Lyrismus der Sätze mit Unfruchtbarkeit« (Foucault 1998, 143).
Und genau dadurch werden die vielfältigen Stimmen der Anderen hörbar - es sei daran erinnert: Vernunft ist vielstimmig (Derrida 1979; Welsch 1996).
Wird dies beherzigt, kann es möglich werden, dass jede Stimme Gehör zu finden vermag und für niemanden gesprochen werden muss, der sprechen kann, insbesondere nicht für PatientInnen, denn es ist mit Deleuze und Foucault (1978; repr. in Petzold, Orth 1998a) zu betonen, dass es beschämend ist, für andere zu sprechen.
Es ist vielmehr unsere Verpflichtung als TherapeutInnen, offene, von der Hermetik der therapeutischen Dyade nicht beschränkte Gesprächsräume, Foren für die Ko-respondenz, der freien, parrhesiastischen Rede, bereitzustellen, in denen Diskurse der Freiheit und ein Zueinanderfinden im Respekt vor der Andersheit des Anderen (Lévinas, vgl. Petzold 1996k) möglich sind. Dies scheinen mir bedenkenswerte Leitideen für die Entwicklung des Feldes der Psychotherapie und für einen "anderen" Kongress, als eines Instrumentes solcher Feldentwicklung.
Ich bin gespannt auf die Konzepte, die Ideen der Anderen, insbesondere der anderen Gestaltinstitute des Vereins (von deren zentralen Ideen, deren theoretischen Arbeit ich leider kaum etwas weiss), auf die Ideen der Vereinsmitglieder, auf feministische Perspektiven, auf politische Positionen, auf europäische Perspektiven .... für die Entwicklung von Visionen.

Brief an Margherita Spagnuolo Lobb

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