EAGT-Konferenz 1998 in Palermo - ein Stimmungsbericht von Markus Frauchiger

Web-Bearbeitung und Autor: Markus Frauchiger, lic.phil. Psychologe FSP, CH-3012 Bern

European Conference of Gestalt Therapy - 1998

Unter diesem Titel fand die diesjährige europäische Gestaltkonferenz im sizilianischen Palermo statt. Es fanden sich in einem riesigen Hotel direkt am Meer über 300 „Gestaltisten“ (mdl. Zitat) aus Europa und „special guests“ aus den USA ein.

In dieser wunderschönen und luxuriösen Umgebung liess es sich wunderbar kommunizieren und die Zusammengehörigkeit zelebrieren.
Dieses Bild der Kommunikation und Harmonie gegen innen sowie Abgrenzung gegen aussen traf leider auch auf den Kongress selber zu, der 77 Workshops bzw. Mini-Lectures, 19 sog. Panel-Diskussionen und ein reichhaltiges Freizeitangebot umfasste.
Ich stellte eine sehr unterschiedliche Qualität der Darbietungen (Vorträge und Workshops, vgl. Kasten) fest. So chaotisch bis gehässig viele theoretischen Diskussionen geführt wurden, so fröhlich und lehrreich gestalteten sich die meisten der zahlreichen Workshops.
Dieses wohlbekannte Phänomen zeigte wieder einmal auf, dass die Gestalttherapie ihre Stärken im Herstellen von Kontakt-Situationen hat, überhaupt in der praktischen Arbeit mit Menschen, in der Theorie aber (in ihrer klassischen Ausprägung, wie sie grossmehrheitlich am Kongress vertreten wurde) noch sehr unterentwickelt scheint.
Die Kleingruppen und Workshops wurden denn auch vom Publikum, welches fast ausschliesslich aus praktizierenden Gestalt-Leuten bestand, viel besser aufgenommen als die teilweise überdimensionierten Vorträge und Podiums-Diskussionen, die leider allzuoft in Allgemeinplätzen und alten Grabenkämpfen (z.B. Ost- vs. Westküstenstil) stecken blieben.
Gerade hier zeigte sich, dass die mit viel Getöse angekündigten Auftritte der amerikanischen „Stars“ Richard Kitzler, Norman Friedman, Norman Shub und Elinor Greenberg (u.a.) ihren selbst gesetzten Ansprüchen oft nicht gerecht werden konnten. Statt den versprochenen neuen theoretischen Würfen wurde viel Archäologie betrieben (Fritz Perls hätte sich bestimmt geärgert) und u.a. tatsächlich zum wiederholten Male darüber gestritten, ob nun das New Yorker, das Cleveland-Institut oder ein anderes das erste Gestaltinstitut der Geschichte war...

Aehnlich der Situation in den achtziger Jahren bei den (deutschen) Grünen zwischen „Realos“ und „Fundis“ wurden Gräben sichtbar zwischen den „traditionellen Gestaltlern“ und den m.E. innovativeren, meist integrativ orientierten GestaltpsychotherapeutInnen.
Oft war die Rede von der Gefahr der „Verwässerung“ und drohendem Verlust der „wahren Lehre“ durch Mischung mit fremden Theorie-Elementen.
Die Integrativen waren aber so gut wie nicht vertreten und so konnte kein echter Dialog entstehen. Es wäre wichtig, dass in Stockholm im 2001 wieder mehr FPI- und andere Leute kommen könnten. Ich fühlte mich ziemlich alleine mit meinen vergleichsweise modernen Ansichten über das therapeutische Geschehen. Ich erhielt den Eindruck, dass ausserhalb der deutschsprachigen Länder nur die Perls-Goodman-Hefferline'sche Gestalttherapie zur Verbreitung geriet und integrative Ansätze nahezu unbekannt sind.
Wohltuend hebte sich da für mich eine kleine Gruppe von sog. Gestalttheoretischen Psychotherapeuten ab: diese GTA-Leute (s.u.) wirkten dem erwähnten Theorie-Vakuum wohltuend entgegen mit sehr differenzierten Beiträgen zur theoretischen Fundierung der Gestalttherapie (namentlich die Gestaltpsychologie der zwanziger Jahre, welche sich v.a. mit Wahrnehmungs- und Erkenntnistheorie befasst, kann gut als eine wissenschaftlich anerkannte Quelle in die aktuelle Diskussion eingebracht werden).
Fazit: Es reicht heute m.E. nicht mehr, einfach das „Hohelied“ auf die Gestalttherapie der 50-er Jahre anzustimmen und sich konspirativ zusammenzuraufen und gegenseitig Mut zu machen, sondern es braucht die aktive Auseinandersetzung mit Behörden und Politikern, aber auch mehr Oeffentlichkeitsarbeit – in dieser Hinsicht ist unser Schweizer Verband SVG um einiges weiter als die europäische Dachorganisation EAGT.


Die Konferenz war, nebst dem babylonischen Sprachgewirr (das mir persönlich als Sprachen-Fan sehr gefiel), gespickt mit Namen und Abkürzungen von Verbänden und Ausbildungsinstituten. Ich hatte selber Mühe, etwas Licht in den Verbands-Dschungel zu bekommen. Unten habe ich deshalb ein paar Erläuterungen und Hinweise angefügt.
Es macht mir Spass, nun (meist per Internet) mit BerufskollegInnen aus der halben Welt zu kommunizieren und in Kontakt zu bleiben.
Dieses von unserer Zunft oft argwöhnisch beäugte Medium Internet wird sich m.E. auch in unserer Szene durchsetzen; einfach weil es etwas vom Praktischsten, Unbürokratischsten und Schnellsten ist, gerade für die wichtige internationale Vernetzung.

Abkürzungen und Internet-Adressen:
EAGT: European Association of Gestalt Therapy www.madeinsicily.it/gestalt
EAP: European Association of Psychotherapy www.psychother.com
GTA: Internationale Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen: www.geocities.com/HotSprings/8609
Gestaltkritik - Zeitschrift für Gestalttherapie (Kölner Institut) www.gestalt.de
Gestalt! An Ejournal of Applied Gestalt Therapy http://rdz.stjohns.edu/gestalt!
SPV: Schweizer Psychotherapeuten-Verband www.psychotherapie.ch
Deutsches Psychotherapeuten Forum (gutes Diskussions-Forum): www.psychotherapie.org

Diese und viele weitere Adressen und Infos sind vorgesehen für die geplante SVG-Homepage, welche eine direkte Verbindung zu den interessantesten Gestalt-Websites ermöglichen wird. Wer sich für mehr Inhalte, Photos und die Teilnehmerliste interessiert, möge die offizielle EAGT- Homepage auf dem „www“ besuchen: www.madeinsicily.it/gestalt.




Wie an der anschliessend stattfindenden Konferenz wurde auch an der Mitgliederversammlung der EAGT deutlich, dass die Phase des „freien Philosophierens“ vorbei ist und nebst den verbindlichen theoretischen „Würfen“ (siehe Haupttext) institutionalisierte Zusammenschlüsse wie eben die EAGT dringend Not tun in Europa. Dazu gehören die bereits verabschiedeten „training standards“ ebenso wie z.B. die Kooperation mit der EAP (Europ. Ass. of Psychotherapy), in welcher die EAGT Vollmitglied ist.
Unsere (des SVG) Einsprache zur Statutenänderung bezüglich Einzelmitgliedern wurde vehement zurückgewiesen, mit dem Hinweis, dass auch Einzelne aus kleinen Ländern ohne Landesverband in der EAGT willkommen seien. Die Gefahr der Verzerrung durch Einzelmitglieder (mit gleichem Stimmrecht wie ganze Nationen!) bei Abstimmungen (welche unseren Erachtens sehr gross ist und zu „Vetternwirtschaft“ führt), wurde leider nicht gesehen.

Es wurde ein grosses Bemühen um Theoriebildung und Wissenschaftlichkeit spürbar, und zu (Vergleichs-) Studien mit Gestalttherapie und geeigneten Vergleichsgruppen aufgerufen. Diese Appelle wurden aber angesichts weitgehend fehlenden Uni-Anschlusses leider wenig konkret.
Die neue gesetzliche Situation in der Bundesrepublik Deutschland (seit 1.1.1999) führte zunächst zu depressiver bis hoffnungsloser Stimmung. Diese wich dann aber während der Konferenz immer mehr einem „we shall overcome“ (von allen gesungen beim Abschluss-Treffen, siehe Abbildung S...) und zu einer Aufbruchstimmung, v.a. bei den südeuropäischen EAGT-Mitgliedern.
Konkret äusserte sich dies in der Gründung eines Fonds, um juristisch in Brüssel gegen das neue deutsche Psychotherapeuten-Gesetz vorzugehen.
In einer eindrucksvollen Podiumsdiskussion (Panel „17 Nations in Dialogue“) stellten die einzelnen LändervertreterInnen ihre spezifische berufspolitische Situation dar. Dabei wurde deutlich, dass die Sitation nirgends so schlimm ist wie in Deutschland. Bei den Osteuropäern herrscht noch weitgehend Wildwuchs im Psychotherapiebereich, ohne gesetzliche Einschränkungen, aber auch ohne Geld... Am konfortabelsten scheint die Situation für Gestalttherapeuten in Skan-dinavien, England, Italien und Oesterreich zu sein.
Es wurde ersichtlich, dass die EAGT jetzt vermehrt dazu dient, gestalttherepeutisch Tätigen, welche in ihrem Land keine Arbeitsbewilligung erhalten, auf europäischer Ebene mittels Strassburger Abkommen der EAP, diese strengeren nationalen Ausbildungs-bedingungen zu umgehen.
Die Präsidentschaft und Konferenz-Veranstaltung (alle drei Jahre) wurde getrennt, weil niemand beides tun wollte. Somit bleibt Marguerita Spagnolo-Lobb (Italien) Präsidentin, während die nächste Konferenz 2001 nach Stockholm vergeben wurde. Der SVG hat sich wiederholt gegen die Durchführung ausgesprochen, der Druck auf unseren Verband wird jedoch weiter steigen, um im Jahre 2004 gastgebendes Land zu sein.
Das Bild der reichen aber sich abgrenzenden Schweiz zeigt sich also auch in der EAGT. Ich persönlich finde, dass es momentan für uns mehr Sinn macht, im eigenen Land zu „kämpfen“, als auf europäischer Ebene sich auf unsicheres Terrain zu begeben, zumal unser EU-Beitritt noch nicht gesichert ist.
Nichts desto trotz ist es wichtig, die (berufspolitischen) Bewegungen in den anderen Ländern zu beobachten und in gutem Kontakt zu bleiben. In diesem Sinne freue ich mich schon heute auf die nächste Konferenz, wenn es dann statt in den heissen Süden in den kalten Norden, nach Stockholm, gehen wird.

Markus Frauchiger, lic.phil., Vorstandsmitglied im Schweizer Verein für Gestalttherapie SVG

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